Von Silvia Perdoni, Stefan Strauß

24 Stunden Berlin

Von der Morgenmoderatorin bis zum Straßenkehrer: 24 Stunden lang waren zwei Reporter und vier Fotografen an 24 Orten unterwegs. Entstanden ist ein buntes Mosaik einer turbulenten Metropole.

24 Stunden Berlin von Silvia Perdoni, Stefan Strauß

Eine Stadt, das bedeutet immer: viele, viele Menschen. Eine Großstadt, das bedeutet: sehr viele Menschen. Und Berlin? Das bedeutet: Millionen Menschen, in nicht so ferner Zukunft werden es vier Millionen sein. Unglaublich.

Das sind die Zahlen, die kennen wir, die haben wir parat. Aber kennen wir auch die Gesichter der Menschen, die diese Stadt ausmachen, ihre Geschichten, ihr Leben und ihre Arbeit? Wir haben uns aufgemacht, sie zu finden: 24 Stunden lang, einmal rund um die Uhr, von fünf Uhr morgens bis zum nächsten Morgen.

Ein einzigartiges Experiment. Keine Stunde fehlt. Alle Geschichten zählen. Wir treffen Menschen in der Schule, auf dem Baukran und im Radiostudio, im Altenheim, im Club und in der Nacht auf der Warschauer Brücke. Bis die Sonne wieder aufgeht.

5 bis 6 Uhr: „Guten Morgen, Berlin!“

Die Stadt schläft, erst vor ein paar Minuten ist die Sonne aufgegangen, im Radio läuft Summer in the City, ein Oldie von Joe Cocker. Simone Panteleit ist hellwach, lange schon, sie sitzt in ihrem Studio und macht das, was sie jeden Morgen macht: Sie weckt die Stadt. Guten Morgen Berlin.19 Grad Celsius zeigt das Thermometer im Studio. Berlin erwartet ein heißer Tag mit Temperaturen über 30 Grad. Die 41-jährige Moderatorin ist bemerkenswert gut gelaunt, trotz der Uhrzeit, aber sie kennt es nicht anders. Sie ist Hauptmoderatorin des Berliner Rundfunks 91,4. Fünfmal in der Woche begleitet sie die Hörer durch den Morgen. Ein routinierter Ablauf.

Ihr eigener Wecker klingelt um drei Uhr, um vier Uhr bespricht sie die Sendung mit ihren Kollegen im Sender an der Schlossstraße in Steglitz. Die Morgenredaktion schaut in die Tageszeitungen, liest im Internet und in den Agenturen, was in der Nacht passiert ist, sie telefoniert mit Polizei und Feuerwehr. Die Musikredaktion hat die Songs des Tages bereits vorab ausgewählt, das Repertoire reicht vier Jahrzehnte zurück. In dieser Woche haben die Musikredakteure 20 Sommerhits hinzugefügt. Wegen der Hitze.

Ab 5 Uhr leuchtet der rote Schriftzug über ihrer Studiotür. On Air. Fünf Stunden liegen vor Simone Panteleit und ihrem Co-Moderatoren und Programmchef Ron Perduss. Zum Team der Morgensendung gehören ein Produzent, Nachrichtenredakteure, ein Verkehrsexperte und ein Berlin-Reporter. „Wir sind aktuell, haben relevante Themen und es soll Spaß machen, uns zu hören“, sagt Simone Panteleit.

Im Schnitt hören 76.000 Berliner pro Stunde den Berliner Rundfunk, was ihn derzeit zum beliebtesten Radiosender der Stadt macht. Und Simone Panteleit ist so etwas wie das Aushängeschild des Senders. Sie ist gelernte Nachrichtenredakteurin, seit 20 Jahren Moderation, sie hat das Sat1-Frühstücksfernsehen moderiert und die Morningshow bei rs 2. Im Jahr 2016 verlieh ihr die Grimme-Jury den Deutschen Radiopreis, sie wurde beste Radio-Moderatorin Deutschlands.

Für das frühe Aufstehen hat sie ein Ritual. „Morgens brauche ich einen Kaffee und eine heiße Dusche“, sagt sie. Und: Sie denkt an nichts Negatives. „Ich bin ein fröhlicher und optimistischer Mensch.“ Ihr Mann kümmert sich morgens um die vier Kinder, nach einem Mittagschlaf übernimmt sie dann die Betreuung.

Um 21 Uhr ist ihr Tag vorbei. Schlafenszeit, sechs Stunden müssen reichen. „Ich komme mit wenig Schlaf aus“, sagt sie. Und ohnehin sei das frühe Aufstehen nichts Besonderes, auch in anderen Berufen sei das üblich. „Wir sind um diese zeit Leidensgenossen“, sagt sie und schaut zu ihren Kollegen. „Das schweißt zusammen.“

Im Radio laufen The Beatles. She’s got a ticket to ride. Simone Panteleit notiert sich ein paar Sätze für ihre nächste Moderation. Sie wippt mit den Füßen den Takt. An ihren Sandalen hängen kleine Glöckchen.

6 bis 7 Uhr: Am Tempelhofer Feld

Manchmal, ganz selten, hätte Gert Köppe Lust zu rasen. Einfach aufs Gas treten. Aus Spaß, weil die leeren Betonpisten die Fantasie beflügeln. Zwei Kilometer lang, 43 Meter breit. Genug Platz für Spieltrieb, wäre Köppe nicht so umsichtig. Dabei würde es wahrscheinlich nicht einmal jemand merken, denn um sechs Uhr morgens hat der Parkaufseher das Tempelhofer Feld noch für sich. Dann dreht er den Schlüssel um und öffnet Besuchern das Tor zu Berlins größter Spielwiese. In ein paar Stunden werden hier rund 20 000 Menschen sein. Sie kommen zum Hundeausführen, Sonnen und Joggen, zum Grillen, Spazieren und Skaten. Und, um in die Weite zu gucken. Den Blick schweifen zu lassen über die 303 Hektar Wiese, die den Städtern eine kleine Utopie von Freiheit eröffnen.

Heute steht schon jemand vor dem Tor, eine Frau mit Bollerwagen. Sie will die erste sein, die die liegengebliebenen Flaschen vom Vorabend findet. „Guten Morgen.“ Gert Köppe nickt ihr zu.
Der 51-Jährige leitet die Parkaufsicht, und die beginnt mit der morgendlichen Aufschlussrunde. Noch hat die Sommersonne kaum Kraft und bricht sich in den Tautropfen an den Fenstern seines Dienstwagens, mit dem er nun am Eingang Columbiadamm stehengeblieben ist.

„Wenn ich selbst frei habe, würde ich niemals herkommen“, sagt Gert Köppe lachend. Zu verknüpft ist der Park mit seinem Job, mit dem vielen Mahnen und Erklären. „Bestimmt 50 Mal am Tag erinnere ich Hundebesitzer daran, ihr Tier anzuleinen“, erzählt er. Auch Nudisten, Zaunkletterer, Rüpeldrachenflieger und Griller, die mit ihren Aufbauten das Gras wegschmoren, gehören zu seinen Gesprächspartnern. Immer wieder. „Einmal haben hier sogar Männer Golfabschläge geübt, einfach die schweren Bälle zwischen den Leuten hindurchgefeuert.“ Die große Leere, sie regt eben auch zu großen Dummheiten an.

Hinter Gert Köppe erheben sich die Flughafenhangars, in denen Pioniere Ende der 20er-Jahre die Lufthansa gründeten und deren Bilder während des Kalten Kriegs als Symbol für die Verteidigung der Freiheit um die Welt gingen. Davor reihen sich Hunderte weiße Wohncontainer aneinander. Ein Dorf mit Straßenschildern, indem aktuell über 900 Flüchtlinge leben.

Hinter einem Zaun. Der einzige Zaun, den Gert Köppe hier nicht aufschließen kann. „Komisch ist das aber eigentlich nicht. Der Zaun steht ja zum Schutz der Menschen dort“, sagt der Parkaufseher. „Nicht, um sie einzusperren.“ Dass sein Arbeitsplatz wie kaum ein anderer Ort für die Geschichte der Stadt, aber auch für ihre politischen Verwerfungen steht, nimmt Gert Köppe nach tausenden morgendlichen Runden kaum mehr wahr.

Gleich wird er zu einer weiteren Tour aufbrechen, Toilettenhäuschen kontrollieren: Sind Schmierereien hinzugekommen? Sind die Waschbecken, Seifenspender, Türklingen intakt? Später, am Nachmittag, wird er in seinen Kleingarten nach Friedrichshagen fahren und Rasen mähen. Das ist sein Stückchen Freiheit. „Kleiner, aber wirklich ganz für mich allein.“ Und einen Zaun gibt es hier auch.

7 bis 8 Uhr: Die erste Lieferung Obst und Gemüse

Der Gehweg vollgestellt mit Paletten, überall Obst und Gemüse, Männer schleppen Kisten mit Erdbeeren, Auberginen und Granatäpfeln. Sie rufen sich etwas zu, laut und auf türkisch. Die ersten Kunden kommen. Der Tag im türkischen Supermarkt Eurogida in der Moabiter Turmstraße beginnt turbulent.Önder Irgi ist der Chef, er schaut sich die gelieferte Ware an. Eigentlich wollte der 37-Jährige nach dem Abitur Germanistik studieren. Nun gehört er zur Geschäftsführung von Eurogida, und Schuld ist sein Vater. Celal Irgi hat die Lebensmittelkette vor 17 Jahren gegründet. Heute gibt es 13 Filialen in Berlin.

Önder Irgi zeigt auf die Schilder mit den Herkunftsländern. Die Äpfel kommen aus Südtirol und Chile, die Orangen aus Ägypten und die Tomaten aus Holland. Spanien liefert Bergpfirsiche. Aus der Türkei kommt kaum noch etwas. „Die Produktion dort reicht nicht mehr für den Export“, sagt Önder Irgi.

Selbst in den viel gelobten Fleischtheken türkischer Läden liegt heute keine Ware mehr aus der Türkei. Das Halal zubereitete Rindfleisch wird aus Belgien geliefert, Lamm und Huhn von Brandenburger Höfen. Weißbrot und Sesamkringel werden in Berlin produziert.

Önder Irgis Familie kam 1979 aus der Türkei nach Deutschland. Celal Irgi leitete einst die Küche der US-amerikanischen Truppen in Zehlendorf. 2001 eröffnete er das erste Eurogida-Geschäft in Rudow. Der Name passte gut zur damaligen Zeit. Der Euro war die neue Währung und Gida heißt auf türkisch Lebensmittel. Der Handel mit türkischen Produkten florierte, die frischen Waren kamen auf direktem Wege aus der Türkei nach Deutschland. In vielen Betrieben arbeiteten Großfamilien, meist zu geringen Löhnen.

Nach Einschätzung des Zentrums für Türkeistudien sind mehr als 40 Prozent aller türkischen Unternehmen in Deutschland im Lebensmittelsektor tätig. Neuen Zulauf bekommen sie wegen der muslimischen Neubürger. In Berlin erwirtschaften etwa 4 000 türkischen Geschäfte ein Jahresvolumen von mehr als einer Milliarde Euro. Auch Eurogida wuchs von Jahr zu Jahr. Mehr als 500 Mitarbeiter sind heute dort angestellt. Sie bekommen den Mindestlohn, Frühstück und Mittag essen. Jede Filiale hat eine Küche.

Zu Eurogida kommen heute Türken wie auch auch Deutsche. „Die Türken kommen, weil sie ein Stück Heimat finden“, sagt Önder Irgi. „Die Deutschen kommen, weil sie die bunte Vielfalt wie in einem moderner Tante-Emma-Laden mögen.“

Die Verkäufer preisen ihre Waren auf der Straße an, Kunden können probieren. Manche Preise sind niedriger als im Supermarkt. Erdbeeren etwa werden zurzeit ohne Gewinn verkauft. Das locke Kundschaft, sagt Önder Irgi. In der Turmstraße sind alle Kisten ausgepackt, Orangen, Granatäpfel und Auberginen liegen ordentlich sortiert auf schrägen Verkaufstischen vor dem Geschäft. Ein paar Männer stehen davor und zerteilen große Wassermelonen. Zum Probieren.

8 bis 9 Uhr: Erst Yoga, dann Grammatik-Unterricht

Es ist ganz still. Gerade wurde noch durcheinander gerufen. Mädchen haben sich umarmt, geschwatzt, „hast du schon gehört…“. Ranzen klatschten auf den Fußboden, Stühle wurden gerückt, jetzt aber haben fast alle 30 Siebtklässler ihren Kopf in die Arme auf den Tisch gelegt. „Nimm tiefe Atemzüge, dein Körper füllt sich mit Energie“, haucht die Stimme aus einem Video, das auf dem Whiteboard an der Wand läuft. Atemübungen.

Eine Meditation, bevor der Unterricht losgeht. Es scheint, als habe Stefanie Knizka, die Lehrerin, damit an diesem Morgen in der Klasse 7c des Kreuzberger Leibniz-Gymnasiums ein kleines Wunder vollbracht.Die 44-Jährige beginnt ihre Schulstunden mit Yoga. Oder mit einer Fantasiereise, wenn sie merkt, dass die Kinder mit den Gedanken noch nicht in der Schule angekommen sind. Seit ein paar Jahren hat sie das Gefühl, dass die Schüler immer unruhiger werden.

„Ihre Aufmerksamkeitsspanne ist kurz“, sagt sie. Vielleicht liege das an den Smartphones oder daran, dass manche Kinder aufgrund von Früheinschulung noch recht jung sind.Auch der Leistungsdruck ist hoch. Schon an den Grundschulen wetteifern Schüler um die besten Noten, um später einen Platz an ihrer gewünschten Oberschule zu ergattern. Für das Leibniz-Gymnasium haben gerade erst in der vergangenen Woche nur 128 Kinder einen positiven Bescheid erhalten, obwohl 172 per Erstwunsch an die Schule wollten. Nur ein Einserschnitt dient hier als sichere Eintrittskarte.

Zehn Minuten runterkommen, bevor der Ernst des Schullebens losgeht: Stefanie Knizka macht mit ihrer siebten Klasse Entspannungsübungen.

Nach etwa fünf Minuten endet die Atemübung. „Meine Lieblingsfehler…“, steht nun am Whiteboard. Es geht ans Eingemachte. Grammatik. Ein Mädchen tritt an die Wand und beginnt, einen Lückentext auszufüllen: „Da_ ich dich hier sehe, da_ macht mich glücklich“, lautet der erste Satz. S oder ss? Es ist Stoff, den Schüler eigentlich schon im Deutschunterricht in der Grundschule behandelt haben sollten. „Doch ich bin immer wieder erstaunt, wie schlecht die Kinder schreiben“, sagt Stefanie Knizka. „Sie haben Spaß an der Sprache, am Geschichtenerzählen – aber lernen eben erst bei uns am Gymnasium, was ein Verb ist.

Ihnen fehlt die Reflexionsebene von Sprache.“Eigentlich hat sie keine Zeit für Wiederholungen, muss die Schüler aufs Analysieren, Interpretieren und Erörtern vorbereiten, auf die Aufgabenformen der kommenden Jahre. Sie versucht, allen gerecht zu werden, dem Lehrplan, den Schülern, den Eltern, der Schulleitung und sich selbst. Manchmal ist das eine Zerreißprobe. „Als Lehrer braucht man Idealismus, man arbeitet viel, ohne entlohnt zu werden“, sagt sie.

Konferenzen, Gremien, Elterngespräche, Dienstbesprechungen: Stefanie Knizkas Tag endet nur selten mit dem Schulschluss.„Der Job ist prädestiniert für ein Burn-out, weil er nie aufhört. Auch abends könnte man immer noch etwas mehr vorbereiten, für noch etwas besseren Unterricht.“

Einige ihre Kollegen an anderen Schulen, besonders in Problemkiezen, lebten zudem mit der Anspannung, von Schülern beleidigt oder gar körperlich attackiert zu werden. „Das ist psychisch sehr belastend“, sagt Knizka. Sie selbst würde sich aber nie beschweren. „Mein Beruf ist genauso schön und schwierig, wie ich ihn erwartet habe.“Am Whiteboard hat das Mädchen mittlerweile alle sieben Lücken im Text ausgefüllt. Zwei Fehler. „Das ist schon ein ganz gute Trefferquote“, sagt Stefanie Knizka. „Aber damit geben wir uns noch nicht zufrieden.“

9 bis 10 Uhr: Im Altenheim

Jutta Albrecht hat gerade gefrühstückt, zwei Toast mit Käse und Schinken, wie immer. Ihr Zimmer hat sie aufgeräumt, das Bett abgedeckt, ein paar Seiten gelesen. Heiße Nächte in Mexiko heißt das Buch, ein Krimi, es geht um Rauschgift, sagt sie. Gleich kommt die Ergotherapeutin und wird mit der 79-Jährigen Treppen steigen. Sieben Stockwerke, einmal runter, einmal hoch, ganz in Ruhe. Jutta Albrecht freut sich darauf. „Das gibt mir Antrieb, weiterzumachen“, sagt sie. Vor drei Jahren hatte sie nicht mehr daran geglaubt, dass noch einmal so weit kommt. Denn „das Leben hatte sich für mich erledigt“.

Jutta Albrecht war damals schwer krank. Schlaganfall und Lungenkrebs. Dann stürzte sie zu Hause und musste ins Krankenhaus. Die Ärzte sagten, sie könne sich nicht mehr alleine versorgen. Jutta Albrecht kam ins Pflegeheim am Plänterwald. Dort wollte sie nicht bleiben. Bloß nicht ins Altenheim, hat sie doch immer gesagt. Doch was sie dann erlebte, überraschte sie.

„Ich wurde so liebevoll umsorgt.“ Heute geht es ihr deutlich besser. Das Gehen fällt ihr zwar noch schwer, doch im Rollstuhl kommt sie gut voran. Von ihrem Zimmer im siebenten Stock schaut sie in die Wipfel der Bäume vom Plänterwald. Neben dem Sessel stehen Orchideen. Ein schöner Anblick. Doch meist sitzt sie im Garten und unterhält sich mit anderen Bewohnern.

Jutta Albrecht ist die Vorsitzende des Bewohnerbeirats. Sie hatte Sprechzeiten eingerichtet. Doch niemand kam. Darüber ärgert sie sich. Über andere Dinge längst nicht mehr. „Je älter man wird, desto genügsamer wird man“, sagt sie. „Ein alter Mensch braucht nicht mehr viel.“

Jutta Albrecht wuchs bei den Großeltern in Steglitz auf. Mit 21 lernte sie einen Mann kennen, der war 37 und wohnte in Ost-Berlin. Sie zog zu ihm. „Aus Liebe“, sagt sie. Doch die Liebe verging, sie ließ sich scheiden, zog die drei Söhne allein groß und arbeitete in einer Maschinenfabrik. „Ich kann mich nicht beschweren über mein Leben“, sagt sie heute.

Jeden Tag hat Jutta Albrecht etwas vor. Montag macht sie Qigong. Der Kurs ist so beliebt, die Heimleitung hat einen zweiten organisiert. Mittwoch steht Atemtherapie auf dem Plan, freitags geht sie zur Kunststunde, dort zeichnet sie mit Kreide, Stiften und Händen. In der Kochgruppe haben sie neulich Bouletten gebraten haben, das ganze Haus roch danach. Im Fernsehen schaut sie sich den Weltspiegel an, Naturserien und den Tatort.

Die älteste der 170 Heimbewohner ist 104 Jahre alt. Früher kam der Bezirksbürgermeister zum Gratulieren, heute schafft er das nicht mehr. Die Zahl der Menschen über 65 Jahre ist in Berlin von 18,8 Prozent (2008) auf 19,3 Prozent (2015) gestiegen.

Jutta Albrecht freut sich auf das Sommerfest im Juli. Sie wird sich festlich kleiden, im Garten Kaffee trinken und Kuchen essen. Es klopft an der Tür. Die Ergotherapeutin ist da. Jutta Albrecht und hakt sich bei ihr unter. Die beiden gehen zur Treppe. „Mal sehen, wer eher unten ist.“

10 bis 11 Uhr: Unterwegs mit einer Influencerin

In Jenny Mustards Badezimmer steht ein halbes Dutzend Geschenkboxen mit Duschgel. Firmen überhäufen die 33-Jährige mit Präsenten, jeden Tag. Jenny Mustard ist Influencerin, verdient ihr Geld damit, sich zu filmen oder zu fotografieren und das Ergebnis in den sozialen Netzwerken zu veröffentlichen. Firmen zahlen üppig, damit sie ihre Produkte bewirbt. Oder sie umgarnen sie, indem sie ihr unaufgefordert Artikel schicken.

Das Apartment, in dem Jenny Mustard gerade ein Shooting vorbereitet, könnte in jeder Stadt der Welt liegen, so wenig verrät es über seine Bewohnerin und den Kiez. Ein paar Zweige in einer Vase, ein hellgraues Sofa, Glühbirnen mit Leuchtdrähten, eine Kleiderstange mit fast ausschließlich weißen Jacken und Blusen. Es riecht nach Weichspüler.

„Ich werde hier nicht für immer bleiben“, sagt Jenny Mustard auf Englisch. Sie stammt aus Schweden, verkaufte in London Mäntel und wohnt seit zweieinhalb Jahren mit Partner David in Berlin. „Aber ein Zuhause? So würde ich das nicht nennen.“ Jenny Mustard gehört zu jenen Nomaden, die Jens Spahn ins Visier nahm, als er monierte, in Berliner Cafés würde nur noch Englisch gesprochen.

Sie rückt den Korbstuhl ein paar Zentimeter nach rechts, kippt den Kopf nach unten. Das Foto soll keine Makel haben. Minimalismus, das ist ihr Ding, egal ob sie über vegane Ernährung, Inneneinrichtung oder Mode bloggt. Mehr als 300 000 Abonnenten auf Youtube und beinahe 100 000 Fans auf Instagram feiern sie dafür. Unternehmen zahlen bekannten Influencern schon mal mehrere Tausend Euro für einen Post.

„Der Job ist aber nicht nur glamourös. Er besteht viel aus Emails und Computerarbeit.“ Obwohl sie einmal pro Woche jemand um ein Autogramm bittet, versteht sich Mustard als Unternehmerin, nicht als Promi. Sie stellt Wochenpläne auf, schreibt Skripte, sucht Locations und begutachtet Outfits. „In einem Clip stecken bis zu vier Tage Arbeit“, sagt sie. Dann schaut sie in die Kameralinse. Klick.

11 bis 12 Uhr: Auf eine Currywurst  mit Michael Müller

Michael Müller ist immer noch schwer beeindruckt von seiner Privataudienz beim Papst in Rom. „Man kommt ja sonst nicht in diese Bereiche des Vatikans“, sagt der Regierende Bürgermeister. Vielleicht war Müller auch deswegen so begeistert von dieser Dienstreise, weil er sich mal nicht um seine Berliner Probleme kümmern musste. Um sinkende Umfragewerte, den Dauerstreit mit seinen parteiinternen Kritikern, die der Hauptstadt-SPD mit Müller an der Spitze den „Charme der Berliner Bürokratie“ bescheinigen.

Doch nun ist Müller zurück in Berlin.Er steht an einer Currywurstbude in der Stresemannstraße, nicht weit entfernt vom Abgeordnetenhaus. Müller hat diesen Ort als Treffpunkt vorgeschlagen. Er esse nun mal gern Currywurst, sagt er. „Das geht unkompliziert und schnell.“ Früher war er öfter an dieser Bude, da hatte er auch noch mehr Zeit für solche Pausen. Er bestellt gleich vier Currywürste, um auch seine Personenschützer zu versorgen. Die Verkäuferin erkennt Müller, „der war schon mal da“, sagt sie. Andere Politiker auch.

Es ist Müllers erste Pause an diesem Tag. In der Regel beginnt seine Arbeit gegen neun Uhr, manchmal auch eher. Alles ist durchgeplant, Termin folgt auf Termin. Der Regierende hatte an diesem Tag schon ein Treffen in der Arbeitsagentur, ein paar wichtige Telefonate im Büro, und auch die die Postmappe ist durchgeackert.

Nach der kurzen Pause an der Bude tagt der Wissenschafts- und Forschungsausschuss, Müller muss da hin, schließlich ist er zugleich Regierender und Wissenschaftssenator. Am Nachmittag trifft sich der SPD-Landesvorstand, es gibt viel zu besprechen. Gut möglich, dass er nicht pünktlich zum Abendtermin erscheinen wird, einem Spargelessen. Zu Hause ist meist erst gegen 22 Uhr, manchmal später. „Rückzugsmöglichkeiten gibt es tagsüber kaum“, sagt er.

Wenn er am Wochenende hingegen mal mit dem Rad über das Tempelhofer Feld fährt, findet er etwas Ruhe. Da vermutet ihn niemand. Müller isst seine Currywurst, der Fotograf dirigiert ihn in eine gute Position. „Sie sehen gut aus, aber Sie müssen auch was machen“, sagt ihm der Fotograf. Müller lacht, wiederholt den Satz, lacht wieder. Ein guter Witz, den muss er sich merken. Einen Moment lang wirkt er unbeschwert.

12 bis 13 Uhr: Mittagessen in Berlins größter Mensa

Die Fritteuse in der Küche von Mamata Michalski fasst mehr Fett als eine Badewanne Wasser. Heute hat sie das Gerät noch nicht benutzt, dafür hat sie Petersilie und Schnittlauch geschnitten. In Massen. Denn zum Rezept gehören drei Kilo Petersilie und eineinhalb Kilo Schnittlauch. Dazu neun Liter Sahne, eineinhalb Kilo Soßenbinder und 30 Kilo Champignons. Es gilt, etwa 5 500 Mägen zu füllen. Die Eierspätzle mit Champignons sind eines von sieben Gerichten, die heute in der Mensa der Freien Universität in Dahlem über den Tresen gehen.

Gerade steht Mamata Michalski hinter dem Aktionsstand im Ausgabebereich und überreicht hungrigen Studenten ihr Werk. Die 32-jährige Nepalesin macht eine Ausbildung zur Köchin beim Studierendenwerk. Ein Beruf, den immer weniger junge Leute lernen wollen. Aktuell suchen noch gut 200 Berliner Betriebe Nachwuchs für das kommende Ausbildungsjahr. „Ich liebe kochen“, sagt Mamata Michalski. „Deshalb habe ich bei der Bewerbung nie gezweifelt, ob der Job zu anstrengend ist.“

Bereut hat sie ihre Entscheidung nicht. Anders als in vielen Restaurants fallen in der Mensa keine Spätschichten an. Stressig geht es in der Großküche mit 92 Mitarbeitern zwar durchaus einmal zu. Gerannt, gebrüllt und hektisch mit Töpfen hantiert wird aber auch dann nicht. Die Küche ist geräumig, etwa so groß wie eine Turnhalle. Die Abläufe unterliegen einem strikten Zeitplan.
„Wir halten uns genau an die Rezepte, das ist wichtig wegen Allergien und der Ernährungsampel“, erklärt Mamata Michalski.

Die Ampel zeigt Studierenden auf dem Speiseplan an, wie gesund ein Essen ist. Die Gerichte stellt ein Arbeitskreis zusammen, ein Warenwirtschaftssystem spuckt jeden Morgen Mengen und Zutaten aus. Etwa 4000 Rezepte sind gespeichert. Auch verschickt das System Aufträge an Lebensmittellieferanten entsprechend des Bedarfs.

In drei Stunden hat Mamata Michalski Feierabend. Dann kocht sie zuhause noch einmal, für ihren Mann und den fünf Jahre alten Sohn. „Das macht mir nichts. In Nepal kochen die Menschen auch zwei Mittagessen: ein frühes und ein spätes.“

13 bis 14 Uhr: Ein Besuch in 68 Metern Höhe

Robin Schulte bekommt selten Besuch. Wer zu dem Kranführer will, muss 68 Meter hoch steigen. Auf wackligen Leitern, die im Kran zur Kanzel führen. Der Aufstieg ist anstrengend, der Kran schwankt. Unten werden die Bauarbeiter immer kleiner, Robin Schulte aber rückt näher. In Hauslatschen steht er da, die Arbeitsschuhe hat er ausgezogen.

Schulte ist 53 Jahre alt und seit 30 Jahren Kranführer. In Berlin hat er viele Hochhäuser errichtet, etwa am Potsdamer Platz. Seit drei Monaten steht Schultes Kran auf der Baustelle an der Ecke Bundesallee/Nachodstraße in Wilmersdorf. Früher gab es dort ein Arbeitsamt und die Bundesversicherungsanstalt für Angestellte. Der Bau wurde abgerissen. Seit 2016 entsteht ein neues Verwaltungsgebäude der Volksbank.

Quartier Bundesallee heißt das Projekt. Vier Kräne stehen auf der Baustelle. Schultes Kran ist der höchste. Von dort reicht der Blick weit über die Stadt: Fernsehturm, Funkturm, Teufelsberg. Für Schulte ist das ein alltägliches Bild, völlig unspektakulär. „Wenn man jeden Tag den gleichen Ausblick hat, ist das auch nicht mehr aufregend“, sagt er.

Die Kanzel ist klein, Schulte hat sie gemütlich eingerichtet: Ein Foto seiner Familie steht da. „Gegen das Heimweh“, sagt er. Auf einem Laptop schaut er in der Pause Dokumentarfilme, manchmal hört er Radio. Die Mittagspause verbringt er oben. Er kann allein sein, ihm fehlt nichts. Robin Schulte hat alles bei sich, was er den Tag über braucht. Kaffee in der Thermoskanne, Brötchen, Obst und Süßigkeiten. Der Kartoffelsalat steht in der Kühlbox. Schulte hat auch einen Behälter parat, wenn er mal pinkeln muss.

Ein kleiner Staubsauger liegt da und ein Pinsel. Damit reinigt Schulte die Scheiben am Boden. Per Funk weisen ihn die Kollegen an, wo er Bauteile aufnehmen und absetzen soll. Wenn er nicht genug sieht, nimmt er ein Fernglas. An die Seitenscheiben der Kanzel hat er Alufolie geklebt, sie schützt vor Sonne. Zurzeit errichten die Arbeiter die dritte Etage der Neubauten. Es werden Neungeschosser. Ende 2019 wird der Komplex bezugsfertig sein. Dann wechselt Robin Schulte zur nächsten Baustelle, steigt wieder jeden Tag auf den Kran. Morgens hoch, abends runter. „Wenn mir das nicht gefallen würde, würde ich es nicht machen.“

14 bis 15 Uhr: In der Elterngeldstelle von Pankow

Heute ist ein guter Tag für Maria Hidde. Ein Tag, an dem noch niemand sie angeschnauzt hat, an dem der Frust über das Versagen der Stadt noch nicht in ihrem Büro landete. Hidde ist Sachbearbeiterin in der Elterngeldstelle in Pankow. In Berlins am schnellsten wachsenden Bezirk warten Mütter und Väter im Schnitt zwei Monate auf ihr Geld. „Je nach Urlaub und Krankenstand kann es länger dauern“, sagt die 45-Jährige.

Zwar bekommen die meisten Frauen in den acht Wochen nach der Geburt noch Mutterschaftsgeld von der Krankenkasse, dennoch sorgen sich gerade Alleinerziehende schnell um ihre Existenz. „Natürlich motzen manche Leute“, sagt Maria Hidde. Sie verweist auf den Senat, versichert den Eltern, alles nach Poststempel abzuarbeiten. Und, dass gerade eine neue Stelle geschaffen wurde, um die Bearbeitungszeit zu verkürzen. Mehr als 2000 Anträge sind in den ersten vier Monaten des Jahres schon auf ihrem Schreibtisch gelandet.

So viele waren es im vorigen Jahr nicht. „Die Eltern sehen ja schon im Krankenhaus, wie viel Betrieb herrscht, weil immer mehr Kinder geboren werden“, sagt die 45-Jährige. Deswegen gibt es auch viel Verständnis für die Lage im Amt. An einem Blumentopf am Fenster lehnt eine Dankeskarte mit winzigen Füßchen.

Auf dem Schreibtisch stapeln sich rund 20 rosafarbene Zettelmappen. Alle Fälle, die heute per Post reinkamen. Daneben liegen die Akten der Hartnäckigen, die es während der zweistündigen Telefonsprechstunde am Vormittag in die Leitung schafften. „Viele Vorgänge habe ich mehr als einmal auf dem Tisch“, sagt Maria Hidde. Stolze 19 Seiten lang ist so ein Antrag, beinahe ein

Dutzend Nachweise müssen Eltern erbringen. „Seit der Staat 2015 das Elterngeld Plus eingeführt hat, ist die Arbeit komplizierter.“ Maria Hidde arbeitet seit 1996 für den Bezirk.
Noch etwa zwei Stunden wird sie nun Anträge nachrechnen, prüfen, abstempeln und einsortieren. Dann hat sie Feierabend, will ihre Mutter besuchen. Auch das Elternhaus von Maria Hidde steht in Pankow, ihr ganzes Leben hat sie hier verbracht. „Früher war es ruhiger. Heute finde ich bei meinen Eltern in der Straße kaum noch einen Parkplatz.“

15 bis 16 Uhr: Bei der Fütterung im Tierpark

Brutus und Uta wissen, wann es Futter gibt. Jeanne Falkenberg öffnete die Tür zum Außengehege und schon springen die Mohrenmakis auf die Schultern der Tierpflegerin. Sie klettern auf ihr herum, krallen sich an ihrem T-Shirt fest und grunzen wie kleine Schweinchen. Das klingt sehr lustig. Es ist die tägliche Fütterungszeit der Mohrenmakis im Tierpark. Jeanne Falkenberg hat für diese Hauptmahlzeit Obst und Gemüse geschnippelt: Möhren, Äpfel, Sellerie, Gurke, Auberginen, Petersilie. Salat.

Es sind 250 Gramm, am Morgen haben die Tiere 50 Gramm bekommen.Die Tagesration müssen sich die Tiere erarbeiten. Jeanne Falkenberg versteckt Obst und Gemüse in durchsichtige Boxen mit Löchern, die Tiere angeln es sich daraus. Es ist eine Fütterungsmethode, die an die ursprüngliche Lebensweise der Tiere erinnert und der artentypischen Haltung dient. „In der Natur müssen sich die Tiere ihr Futter auch suchen“, sagt Jeanne Falkenberg.

Mohrenmakis gehören zur Familie der Lemuren, ihre Heimat ist Madagaskar. Die Tiere sind vom Aussterben bedroht, denn immer mehr Wälder werden abgeholzt. Brutus und Uta sind ein Pärchen. Brutus hat schwarzes Fell, deswegen heißen die Tiere Mohrenmakis. Am Namen hat sich bisher offenbar niemand gestört, auch wenn Uta, das Weibchen, braun-graues Fell hat und der dominante Teil in der Beziehung ist. Die Tiere sind zutraulich, sie suchen schnell Körperkontakt. Betreten Menschen das Gehege, markieren die Affen die Gäste mit einem übelriechenden Duftstoff aus den Analdrüsen. Die Tiere putzen sich ausführlich ihr Fell. Mit einer lange Zehen am Hinterfuß, der Toilettenkralle, können sie überall herumfummeln, etwa in den Ohren.

Jeanne Falkenberg wollte schon als Kind Tierpflegerin werden. „Ich habe in der ersten Klasse Bilder gemalt, da stand ich neben einer Giraffe im Tierpark“, sagt die 27-Jährige. Nach dem Abitur ließ sie sich in der Schorfheide zur Tierpflegerin ausbilden. Seit 2013 arbeitet sie im Tierpark, dem größten Tiergehege Europas mit 8 859 Tiere aus 713 Arten. Jeanne Falkenberg ist für die Affen, Bären und kleinen Raubtiere zuständig. Mit dem Fahrrad fährt sie jeden Tag durch den Park. Von Tier zu Tier.

16 bis 17 Uhr: Beim Start-up-Meeting in Friedrichshain

Für Außenstehende hört es sich wie eine Fremdsprache an. Es geht um Requests, das Pricing, die Trip-Rate und die Conversion. „Wir sollten über eine Young Driver Fee nachdenken“, schlägt Josie Reichert ihrem Team vor. Die sechs jungen Leute sitzen in einem Büro im Boxhagener Kiez. Sie arbeiten für das Start-up Turo, das eine Autovermietungsplattform betreibt. Gerade findet das „Weekly Update“ statt, ein Treffen, in dem jeder Mitarbeiter die vergangenen Tage bilanziert und einen Ausblick in die kommende Woche gibt.

Josie Reichert ist gerade von einer Akquise-Reise zurückgekommen. Ihr Ziel: Kleine gewerbliche Autovermieter davon überzeugen, ihre Wagen auf der Plattform anzubieten. „Im Norden war ich erfolgreich“, sagt sie und deutet auf eine Ziffer auf dem Flatscreen an der Wand. Die Firma arbeitet viel mit solchen Zahlen. Genausten werten die Mitarbeiter jede Woche aus, wie viele Kunden die Website besuchen, wie viele Menschen Autos anbieten und wie die Anbieter ihre Preise gestalten.

„Wir steuern sofort gegen, wenn sich die Werte verschlechtern“, sagt die 23-Jährige. Fehler sind erlaubt: Wer nicht auf Risiko spielt, gewinnt nicht, so die Devise. „Das mag ich an der Arbeit im Start-up: Sie ist schnell, experimentierfreudig und man bewegt hier in Berlin etwas.“ Das spüren auch die Geldgeber: In keine andere Stadt fließt mehr Risikokapital, nirgendwo werden mehr Firmen gegründet. An der letzten Finanzierungsrunde von Turo, ursprünglich ein US-Start-up mit mittlerweile 180 Mitarbeitern in San Francisco, beteiligte sich Daimler. So entstand der deutsche Ableger Anfang des Jahres.

Josie Reichert machte da gerade ein Praktikum in Philadelphia. Zuvor studierte sie Wirtschaft und Spanisch in Bordeaux. Vor vier Wochen zog sie nach Berlin. Erstmal. Denn wie lange sie bleibt, weiß sie noch nicht. „Ich ein impulsiver Mensch, Sicherheit spielt für mich bei der Jobwahl kaum eine Rolle.“ Josie Reichert weiß, dass Start-ups mitunter schneller in die Knie gehen als Großkonzerne. Auch wenn es bei Turo aktuell nicht danach aussieht. „Aber vielleicht würde ich dann eben ein paar Jahre nach Shanghai gehen.“

17 bis 18 Uhr: Die Rush Hour aus Sicht der Verkehrsleitzentrale

Für viele Autofahrer ist es die stressigste Zeit des Tages: Der Feierabendverkehr mit seinen Staus, dem ganzen zähfließenden Verkehr. In der Verkehrsleitzentrale schauen die Mitarbeiter konzentriert auf ihre Monitore und Anzeigetafeln. „Der Verkehr muss rollen“, sagt Schichtleiter Volker Gleich. Aus dieser Zentrale wird der gesamte Autoverkehr der Stadt gesteuert. Der große Kontrollraum im Gebäude des früheren Flughafens Tempelhof ist für Fremde in der Regel gesperrt.

Doch es gibt Ausnahmen. Heute zum Beispiel.Auf einer riesigen Anzeigetafel sind alle 2 100 Kreuzungen mit Ampeln eingezeichnet, die es in Berlin gibt. Die meisten Anlagen leuchten grün, sie sind in Ordnung. An den Autobahnen sind etwa 300 Kameras installiert, sie senden aktuelle Bilder. Sehen Volker Gleich und seine drei Kollegen einen Unfall oder steht ein defektes Auto am Rand, informieren die Mitarbeiter die Autobahnpolizei. Sie können Spuren und Straßen sperren und informieren die Medien. Tag und Nacht ist die Zentrale besetzt.

In Berlin gibt es fast 1,2 Millionen Autos, mehr als 100 000 Motorräder und 89 000 Lastwagen. Die meisten sind morgens zwischen 7 und 9 Uhr unterwegs, sowie zwischen 14 und 19 Uhr. Es gibt Bereiche, etwa am Funkturm, da sind im Durchschnitt knapp 200 000 Autos am Tag unterwegs. Detektoren berechnen den Verkehrsfluss, legen Geschwindigkeitsbegrenzungen auf den Anzeigetafeln fest. Setzt in solchen Zeiten die Technik aus, kann das zu langen Staus und Unfällen führen. „Es geht um die Verkehrssicherheit und den Verkehrsfluss“, sagt Volker Gleich.

Seit 1996 arbeitet der 55-jährige Verwaltungsangestellte in der Verkehrslenkung, anfangs bei der Polizei, dann bei der Senatsverkehrsverwaltung. Die wichtigste Aufgabe besteht darin, Staus auf Autobahnen und in Tunneln zu vermeiden. Notfalls werden Zufahrten mit Schranken gesperrt, so wie es Volker Gleich am Siemensdamm soeben getan hat. Jetzt rollt dort weniger Verkehr, mit einem Klick am Rechner öffnet Volker Gleich die Schranke. Er blickt auf die Anzeigen. „Es läuft ganz gut, wenn auch nichts staufrei“, sagt er. Mit Technik lasse sich vieles im Verkehr regeln. „Aber der menschliche Blick ist immer noch notwendig.“

18 bis 19 Uhr: Beim Fußballtraining in Marzahn

Der Schuss trifft den Pfosten, springt nach außen. „Mist“, sagt sich Angelina Frenzel. Die Torfrau grinst. Angelina und ihre Mitspielerin, die gerade die Übung zusammen durchlaufen haben, lachen. Sie haken sich unter, ein Schubser, und laufen wieder zum Mittelkreis. Am Spielfeldrand sitzen Eltern, die ihre Töchter hergefahren haben. Training bei den C-Mädchen vom BSC Marzahn. Alltag für Hunderttausende Kinder, Mütter und Väter in Berlin.

Angelina Frenzel ist 14 Jahre alt, besucht die 8. Klasse – ein Alter, in dem sich Jugendliche manchmal von Kindheitshobbys verabschieden. „Aber nicht in unserem Team, wir sind wie eine Familie“, sagt die Mittelfeldspielerin. Auch ihr Trainer ist froh, dass die Mannschaft Schulhofzank meist in der Kabine lässt. Der Sport steht im Vordergrund, nicht die Markenklamotten, die Frisur oder der neue Freund.

Zum Fußball kam Angelina Frenzel dennoch über die Schule. „In der vierten Klasse, als ich neun war, gab es bei uns eine Fußball-AG für Mädchen“, erzählt sie.
Rund 200.000 Euro geben der Senat und der Berliner Fußballverband pro Jahr für dieses Aktivierungsprojekt aus, um Heranwachsende für den Sport zu begeistern. Etwa 20 000 Mädchen und Frauen kicken in den 389 Berliner Vereinen. Dagegen stehen mehr als 140 000 Jungen und Männer.

„Viele Jungs beim mir am Gymnasium spielen auch Fußball“, sagt Angelina Frenzel. „Dumme Sprüche höre ich aber nie, höchstens mal nette Witze.“ Obwohl das Damenteam des BSC Marzahn es bis in die Regionalliga geschafft hat, guckt die Schülerin lieber Männern beim Spielen zu. Einem Liebslingsverein in der Bundesliga hat sie aber nicht. „Aber bald ist WM, da spielt ja das ganze Land.“

19 bis 20 Uhr: Hinter den Kulissen des Deutschen Theaters

Milan Peschel übt noch mal eine Textpassage, Lisa Hrdina lässt sich in der Maske die Locken wickeln und Steffi Kühnert trägt schon ihr Kostüm. Hinter der Bühne des Deutschen Theaters (DT) haben um diese Zeit alle zu tun. In einer halben Stunde beginnt das Stück „Der Hauptmann von Köpenick“, eine zeitgemäße Inszenierung eines Berliner Klassikers mit Milan Peschel in der Hauptrolle.Für Lena Brasch ist die Zeit bis zum Vorstellungsbeginn die wichtigste des Tages. Als Regieassistentin ist die 25-Jährige verantwortlich, dass vorab alles funktioniert. Sie schaut in die Garderoben. Sind alle Schauspieler eingetroffen? Hängen ihre Kostüme in den Zimmern? Sind alle Requisiten am Platz?

Es ist die 16. Vorstellung. Das Stück ist der Renner, auch diese Vorstellung ist ausverkauft. Lena Brasch kennt das Stück auswendig. Sie war bei allen Proben dabei. „Als Regieassistentin muss ich umsetzen, was der Regisseur sich wünscht.“ Sie schreibt Probenpläne, koordiniert Licht-, Bühnentechnik und Requisiten. Jetzt ist sie die Ansprechpartnerin des Abends. Ohne Hektik geht Lena Brasch durch die Gänge, sie begrüßt die Kollegen.

Alles läuft nach Plan, der Ablauf ist Routine. Lena Brasch ist in einer Künstlerfamilie groß geworden. Ihre Mutter ist Hörfunkjournalistin und Schriftstellerin Marion Brasch, ihr Vater Moderator und Theaterregisseur Jürgen Kuttner. Schon in der Schule spielte Lena Brasch Theater, später verbrachte sie die Nachmittage als Hospitantin in der Volksbühne. Theater sei wie eine Manufaktur, sagt sie, alle beherrschen ihr Handwerk: Schauspieler, Bühnenbildner, Requisiteure, Maskenbildner. „Ein großartiges Zusammenspiel“, sagt sie.

20 bis 21 Uhr: Beim Abendessen in der Wohngemeinschaft

In der Reinickendorfer Straße kommen heute nicht etwa Nudeln mit Ketchup auf den Tisch. „Kann mir jemand das Zitronengras geben?“, fragt Till Hetzer. Seine Mitbewohner sitzen am Küchentisch, in Shorts, mit Bier in der Hand. Die vier jungen Männer kochen Süßkartoffel-Curry. Von Studentenfutter keine Spur.Seit zwei Jahren wohnen Leon Arntzen, Theo Schlosser, Anton Wohldorf und Till Hetzer zusammen. Alle vier studieren. Sie kicken in einer Spaßmannschaft, zocken auf der Konsole, nerven Freunde mit Witzen, die nur sie verstehen und tummeln sich in Kneipen. Sie führen dieses Studentenleben, gemeinschaftlich und aus dem Bauch heraus, das einst als typisch für die Unizeit galt.

Ein Leben, von dem viele Studierende in Berlin nur noch träumen. Die Wohnungsnot drängt sie an den Stadtrand, Kommilitonen und Treffpunkte sind dann weit weg. „Auf ein freies Zimmer bei uns haben sich in einer Woche 200 Bewerber gemeldet“, erzählt Leon Arntzen.

Die jungen Männer wissen um die Lage am Wohnungsmarkt. Sie gehen auch demonstrieren, zuletzt gegen die AfD. „Unserer Generation wird immer nachgesagt, sie sei unpolitisch“, sagt Theo Schlosser. „Das stimmt nicht.“ Toleranz ist ihnen wichtig. Sie essen kaum Fleisch und geben wenig auf Reichtümer. Sie reisen. Nach Argentinien, nach Neuseeland. „Dabei lernst du – auch wenn du mal Fehler machst“, sagt Till Hetzer.

Und die Zukunft? Sie schauen sich an. „Hoffentlich wohnen wir in 15 Jahren immer noch so zusammen“, sagt Anton Wohldorf. „Nur, dass sich dann die Dönerpreise verzehnfacht haben.“

21 bis 22 Uhr: Am Tresen von Simone’s Kleiner Kneipe

Eben gab es Streit vor einer Shisha Bar an der Sonnenallee. Ein Radfahrer hat sich mit einem SUV-Fahrer angelegt, der hat sein Auto in der zweiten Reihe geparkt. Nun kreist eine Gruppe junger Männer den Radfahrer ein, sie gestikulieren und brüllen. Gleich knallt’s, denkt man. Die Polizei kommt. Dann herrscht wieder Ruhe.

Die Gäste in „Simone’s kleiner Kneipe“ haben davon nichts mitbekommen. Dabei liegt die Eckkneipe gegenüber der Shisha-Bar. Doch der Wirt spielt laute Schlagermusik und die Fensterscheiben sind getönt. Ein paar Männer sitzen am Tresen. Ein Bier kostet 2,30 Euro, Schnaps gibt es für 1,60 Euro. An der Decke hängen Fahnen: Hertha, Berlin, Schwarz-Rot-Gold. Deutsche Gemütlichkeit. Schultheiß, Schnaps und Zigaretten. Namensgeberin Simone ist nicht da, heute steht Rüdiger Krause hinterm Tresen. Rudi nennen sie ihn hier. Er beginnt, wenn Simone Bannemann, die Inhaberin, ihre Tagschicht beendet hat.

Rüdiger Krause ist ein gesprächiger und humorvoller Wirt. „Ein halber Psychologe“ sei er, sagt der 66-Jährige, der seine eigene Kneipen-Philosophie entwickelt hat. „Die Gäste kommen nicht, weil sie Durst haben, sondern weil sie sich wohlfühlen wollen“, sagt er. Also kümmert er sich um ihr Wohl. Wenn er arbeitet, darf ihn niemand anrufen. Ein Handy gehöre nicht an den Tresen, sagt er.

Rüdiger Krause wuchs in Thüringen auf. Sein Großvater und seine Eltern führten eine Kneipe. Seit fast 50 Jahren arbeitet er in der Gastronomie, am Bodensee, in München, in Schleswig-Holstein. Dann zog er nach Berlin, Simone’s Kneipe gefiel ihm gut. „Eine Kiezkneipe, schön alt und nicht schiki-micki.“

Während sich das Viertel verändert, Gäste über steigende Mieten klagen, bleibt in Simone’s Kneipe alles beim Alten. „Die Kneipe wird es ewig geben“, sagt der Wirt. Doch er braucht Nachwuchs. Wenn junge Leute kommen, meist Studenten, spendiert er eine Runde Schnaps. „Man darf nicht an der falschen Stelle sparen“, sagt er. Die Gäste sollen wiederkommen.

22 bis 23 Uhr: Schichtende im Spandauer BMW-Motorradwerk

Es klingt nach Party, nicht nach Maschinen. Wo Besucher das Surren eines Bohrers oder das Klicken einer Zange erwarten, ist gerade ausschließlich 90er-Jahre-Sängerin Whigfield zu hören. Aus einem Radio tönt ihr bekanntes Lied „Saturday Night“ durch die ganze Halle: „Da ba da dan dee dee dee da nee na na na…“ Im BMW-Motorradwerk in Spandau bestimmen die Mitarbeiter den Soundtrack zur Arbeit, das soll langweiliger Fließbandroutine vorbeugen. Die Motormonteure sind heute offenbar in Feierlaune.

In anderen Bereichen der Halle haben sich die Mitarbeiter schon verabschiedet, denn das Schichtende um 23 Uhr naht. Auch das Team von Jerome Preuschaft muss gerade nicht ausrücken, alle Statusampeln an den Fließbandposten stehen auf Grün. Springt ein Licht auf Rot und zeigt so die Störung einer Maschine an, ruft das die Mannschaft der Instandhaltung auf den Plan. Preuschaft ist ihr Leiter.

Seit 18 Jahren, seitdem er als Teenager seine Ausbildung in dem Werk absolvierte, arbeitet Preuschaft bei BMW. „In den Jahren hat sich der Technisierungsgrad deutlich erhöht“, sagt der 34-Jährige. „Am Anfang wurden die Bikes an einer kettenangetriebenen Fördertechnik montiert. Heute passt sich ein Montagewagen individuell der Arbeitshöhe jedes Mitarbeiters an. Niemand muss sich mehr bücken.“ Das Werk mit mehr als 2 000 Mitarbeitern gilt als eines der modernstens weltweit.

Bis zu 800 Zweiräder entstehen pro Tag. BMW verkauft sie in die ganze Welt und hebt so den Fahrzeughandel auf Platz zwei der Berliner Exportbilanz, gleich hinter die Pharmaprodukte. In einer Dienstleistungsstadt, deren Industrie lange eine Nebenrolle spielte, macht das die Schmiede zu einem wichtigen Akteur.

„Da ba da dan dee dee dee da nee na na na…“, tönt es wieder aus dem Radio. Im Takt bauen die Monteure an mehr als 30 Stationen den Motor zusammen. Sie setzen Kurbelwellen in Gehäuse, justieren Zahnräder und vergewissern sich, dass Wasser- und Ölleitungen dicht sind. „Hat der Motor alle Fertigungsschritte passiert, läuft er unterirdisch in eine Halle zur Hochzeit“, erklärt Preuschaft. So nennt man den Schritt, in dem ein Monteur Motor und Rahmen verbindet. Wie der Hochzeitstanz klingt, entscheidet dann wohl der Zufall.

23 bis 24 Uhr: Nächtliche Hilfe in der Bahnhofsmission am Zoo

Die Schlange an der Tür zur Bahnhofsmission wird langsam kürzer. Manche der Bedürftigen bitten noch um ein belegtes Brot, um Tee und Wasser, um einen Schlafsack für die nächste Nacht im Freien. Die ehrenamtlichen Helfer gehen heim, doch für Simon Hauser beginnt die Arbeit. Der 35-Jährige leitet die Nachtschicht, drei Kollegen sind bei ihm. Niemand weiß, wie die Nacht verlaufen wird. Klar ist aber, dass für alle, die an der Tür klingeln, die Bahnhofsmission als der letzte Ort ihrer Rettung erscheint.

„Nachts kommen die Mühseligen und die Beladenen“, sagt Simon Hauser. Manche wissen nicht wohin mit ihrer Not, manche sind verwirrt, manche wollen ihr Leben beenden, andere suchen einen Menschen zum Reden. Zwar kommen nachts weniger Bedürftige als am Tag, da sind es etwa 600 Menschen, dafür sind nachts ihre Sorgen und ihre Hilflosigkeit größer als am Tag.

Am einfachsten ist es noch, wenn jemand einen Schlafplatz sucht. Fünf Betten gibt es in den Räumen der Bahnhofsmission. „Wenn sich ein Problem mit einer Übernachtung lösen lässt, dann geben wir diese Übernachtung“, sagt Simon Hauser, ein ruhiger und besonnen wirkenden Mann. Er hat Geschichte und Literatur studiert, er arbeitet als Coach und Moderator, bietet Kommunikationsworkshops an. Zurzeit schreibt er seine Dissertation über dominikanische Klosterliteratur.

Sein Engagement in der Bahnhofsmission begründet er mit christlicher Nächstenliebe. Die Armut, die er am Bahnhof Zoo erlebe, sei die Kehrseite unserer Wohlstandsgesellschaft, sagt er. Zuwendung und Seelentrost will er den Menschen geben. Doch Simon Hauser muss auch überlegen, ob er den Menschen zu sich holt, wie bedrohlich sein Zustand ist.

„Ich muss jedes Mal entscheiden, ob ich wirklich helfen kann.“ Manche, die klingeln, lässt er ein, bietet ihnen Tee an und ein Gespräch. Hauser fragt, wie er helfen kann. Er telefoniert mit dem Krisendienst und mit Krankenhäusern, er sucht einen Tierarzt für den kranken Hund eines Obdachlosen. „Wir sind auch nachts da für Menschen in Not.“

0 bis 1 Uhr: Mitternacht am Alex

Wir haben immer schon die Kripos abgefuckt“, textet ein Rapper gerade aus der Lautsprecherbox, die der junge Mann in der Hand hält. Er steht von der Bank auf, haut seinem Kumpel auf die Schulter, „Wallah“, flucht auf Arabisch, springt auf die Sitzfläche. Die Nacht ist warm, die Stimmung aufgeheizt.

Zu viert sitzen die Jungs auf der Bank hinter dem Neptunbrunnen. Ein paar solcher Grüppchen sind im Dunkeln zu erkennen. Einige treffen sich zum Abhängen: zusammensitzen, rauchen, trinken. Andere kommen, um Drogen zu kaufen, Deals abzuschließen oder eine Rechnung vom Vortag zu begleichen. Wer hier was im Schilde führt, ist für Unbeteiligte kaum ersichtlich. Sie spüren nur, dass die Lage nachts unter dem Fernsehturm diffus ist.

„Es ist aber schon viel besser geworden“, sagt einer der jungen Männer, der sich mit seinem Vornamen Yano vorstellt. Angesprochen, wechseln die Jungs sofort vom Arabischen ins Deutsche. Sie scherzen, freuen sich über das Interesse. Alle vier sind um die 20 und stammen aus Damaskus. Einer lebt noch in einer Flüchtlingsunterkunft in Hohenschönhausen, die anderen bereits in eigenen Wohnungen. „Vor ein paar Monaten war die Stimmung aggressiver. Kaum warst du hier, hat dich einer angemacht: ,Was guckst du’ und sowas. Und immer gleich mit Messer.“

Im vergangenen Jahr kam es am Alexanderplatz im Schnitt zu zwei Körperverletzungen am Tag – so viele wie nirgendwo sonst in der Stadt. Im Januar, kurz nach Eröffnung der Polizeiwache an der Weltzeituhr, vermeldete die Polizei rückläufige Zahlen.

Auch die jungen Männer merken, dass die Beamten präsenter sind. „Ständig wird man jetzt gefilzt, nach Drogen oder Waffen. Immer Ausweis zeigen, das nervt.“ An Kriminalitätshotspots wie dem Alex darf die Polizei Passanten auch ohne Verdacht kontrollieren. „Wir machen gar nichts“, beschwert sich der 19-jährige Salahnam. „Wir sehen nur aus, wie wir aussehen.“ Viele Bekannte würden sich jetzt woanders treffen, am Bahnhof Gesundbrunnen zum Beispiel.

Das weiß auch die Polizei. Denn auch die Straftäter weichen aus. „Am Humboldthain tauchen Namen auf, die wir vom Alex kennen“, sagt ein Polizist in der Wache. Dass die Kriminalität verschwindet, glaubt er nicht. Sie zieht bloß um.

1 bis 2 Uhr: Unterwegs mit einem Taxifahrer der alten Schule

Am Flughafen Tegel ist Rolf Feja abgestürzt. Das sagen Taxifahrer, wenn sie keine Fahrgäste finden, also umsonst an einen Halteplatz gefahren sind. Am Flughafen hat Feja eine Stunde lang gestanden. Umsonst gewartet.

Jetzt lehnt Rolf Feja am Haltepunkt Adenauer Platz an seinem Taxi. Gleich hat er Feierabend, er fährt nach Hause. Das Taxischild wird auch während der Heimfahrt leuchten. Winkt ein Fahrgast, bringt Rolf Feja ihn ans gewünschte Ziel. Taxifahrer-Ehre nennt Rolf Feja das. Eine Leerfahrt durch die Stadt, das geht nicht.

Rolf Feja ist ein Taxifahrer der alten Schule. Einer, der den Beruf des Taxifahrers noch als Berufung sieht, nicht nur als Job. Seit 40 Jahren kutschiert Feja seine Fahrgäste durch die Stadt. Er ist Vize-Vorsitzender der Berliner Taxi-Innung. Mit seinen Kollegen spricht er oft über alte Zeiten, vieles hat sich verändert, aber nicht zum Guten. „Der Zusammenhalt der Kollegen war früher größer“, sagt er. Da galt zum Beispiel die Regel, freie Taxis nicht zu überholen. „Daran hält sich heute niemand mehr.“

Manche Kollegen würden sich heute gar nicht mehr richtig auskennen in der Stadt, sie wüssten nicht, wo gebaut wird, wie man Staus umfährt. Feja fährt immer noch ohne Navi, er hört Verkehrsnachrichten, kennt Schleichweg und den Stadtplan. „Taxifahrer müssen nicht jede kleine Straße in der Stadt kennen,aber die nächst größere.“ Feja schaut zum Taxistand, kein Kunde ist in Sicht. Früher, sagt er, habe er die Nachtschwärmer durch die Stadt gefahren.

Zum Flughafen musste niemand, Stadtfahrten brachten genug Geld. „Heute stehen sich Taxifahrer die Reifen eckig.“ Die Konkurrenz wird größer, die Manieren schlechter, jeder kann Taxifahrer werden. 8155 Taxibetriebe sind in Berlin gemeldet. Feja schätzt, 6 500 würden reichen. Wer ein Auto braucht, mietet sich heute lieber Leihwagen und Mopeds. „Taxifahren ist ein Luxus geworden“, sagt er. Deswegen bleiben ihm fast nur noch Stammkunden, Geschäftsleute, die ihn schon lange kennen.

2 bis 3 Uhr:  Schlaflos in Mitte

Niemand boxt. Oder würgt eine imaginäre Person oder spielt Baseball. Das tun einige der sechs Patienten, die auf den Computerbildschirmen zu sehen sind, sonst durchaus im Schlaf. Deswegen sind sie hier, im Schlaflabor des St. Hedwig-Krankenhauses in Mitte. „Manche springen aus dem Bett. Dann muss ich ins Zimmer und eingreifen“, sagt Moritz von Haehling. Er ist der einzige, der hier zu später Stunde nicht schlafen darf: die Nachtwache.

Ein Standlüfter pustet kalte Luft in seinen Auswertungsraum, von der Decke leuchtet Licht, so hell wie in einem Operationssaal. „Das hält wach“, sagt von Haehling und lacht. Wenn die Augen dennoch zuzufallen drohen, hilft er sich mit Liegestütz. Der 40-jährige Psychologiestudent kann sich keine Aussetzer erlauben.

Neben dem Kamerabild laufen Linien über die Monitore, die die Aktivität der Gehirne und der Körperoberflächen zeigen. Dafür hat von Haehling die Patienten vor dem Zubettgehen mit Elektroden verkabelt, an den Haaren, den Augen, dem Kinn, hinter dem Ohr und an den Schienbeinen, dazu ein Brust- und ein Bauchgurt. Jede Regung erscheint auf dem Bildschirm. Dreht sich ein Patient um, schlagen die Linien aus wie bei einem Erdbeben.

Drei Nächte schlafen die Schlaflosen im Krankenhaus: zur Eingewöhnung, für die Diagnostik und für einen ersten Behandlungsversuch. Tagsüber dürfen sie die Klinik verlassen. Alle etwa 300 Patienten im Jahr leiden an einer neurologischen oder psychosomatischen Schlafstörung, das unterscheidet das Labor von den meisten anderen Zentren. Atemaussetzer oder Schnarchen behandeln die Mediziner nicht.

Von Studien, die den Berlinern stressbedingt einen immer schlechteren Schlaf bescheinigen, hält Moritz von Haehling wenig. „Nur das Bewusstsein für Schlafprobleme ist gewachsen.“ Auch Chefarzt Dieter Kunz sieht das so: Unter Insomnie litten konstant etwa 10 Prozent der Deutschen. Das könne jeden treffen, egal, ob in der Stadt oder auf dem Land. Als Kriterien für die Diagnose gelten Schlafstörungen öfter als dreimal in der Woche, schlechte Schlafqualität und Müdigkeit am Tag.

Ein Klingeln reißt Moritz von Haehling aus dem Erzählen. Ein Boxer, ein Baseballer? „Nein, einer der Patienten muss bloß zur Toilette.“

3 bis 4 Uhr: Tanzen im Kit Kat Club

Die Türsteher sind großzügig. Sie schauen nur flüchtig auf die Kleidung der Gäste. Die Chance, endlich mal in den berühmten Kit Kat Club in Mitte zu kommen, ist in dieser Nacht besonders groß. Beim Electric Monday scheitert niemand an falscher Kleidung, die Gäste tragen gewöhnliche Klamotten. Man sieht Männer in Jeans, Hemden und T-Shirts, Frauen tragen Röcke und Kleider. Muskulöse Männer zeigen ihre freien Oberkörper, ein paar Frauen tragen knapp sitzende BHs. Die DJs spielen Techno, Deephouse und Minimal. Etwa 300 Gäste sind im Kitty, wie Besucher den Club nennen. Alle Gäste müssen ihre Handys an der Garderobe abgeben, Fotos sind verboten.

Mohan Das gehört als Frankie Flowerz zu den DJs des Abends. Der 50-Jährige hat die Veranstaltungsreihe, die es schon in den 90er-Jahren gab, 2011 übernommen. Seit 2014 veranstaltet er sie mit DJ Ricardo Rodrigues in diesem Club. „Die Leute feiern friedlich und bunt“, sagt Mohan Das. Seit 32 Jahren macht er Musik. Er wurde in Malaysia geboren, lebte in der Schweiz und zog 1998 nach Berlin. Er ist Toningenieur, arbeitet als Produzent und bildet DJs aus.

Die Gäste wollen tanzen. Wer reinkommt, geht gleich auf die Tanzfläche. Am Tresen flippt ein Mann aus, er spielt auf einem imaginären Keyboard. Doch im Vergleich zu den Fetish-Partys in den anderen Nächten mit hemmungslosem Sex auf der Tanzfläche ist diese Nacht wirklich harmlos. Sonst tragen die Gäste Lack und Leder, Glitzer und Glamour. In Jeans und Shirt kommt dann niemand mehr rein, die Türsteher sind streng. Betrunkene, Machos und Spanner müssen draußen bleiben.

Von sexuellen Austauschmöglichkeiten sprechen die Betreiber, was heißt, im Club können alle Sex haben, hetero- und homosexuell. „Parties für zivilisierte Leute“ nennen die Betreiber diese Nächte mit ausgelebter Sexualität. Zur sexuellen Befreiung gehört auch sexuelle Befriedigung: In Gruppen, zu zweit und allein. Zwei junge Frauen küssen sich, ein Mann kommt hinzu, küsst innig erst die eine, dann die andere. Zwei Männer streicheln sich. Alles kann, nichts muss. Im Kit Kat Club gilt das jede Nacht.

4 bis 5 Uhr: Aufräumen, bevor der Tag neu beginnt

Heute schneidet Mehmet Sacli keine Grimassen auf seiner Kehrmaschine. Auf der Warschauer Brücke ist nichts los, niemand da zum Bespaßen. Nur ein einsamer Mann torkelt vor dem S-Bahnhof auf und ab und flucht auf russisch, während hinter den Gleisen die Sonne aufgeht. „An den Wochenenden ist um halb fünf noch die Hölle los“, sagt Sacli. Dann, wenn er merkt, dass junge Leute ihn neugierig beobachten, zieht er ihnen manchmal aus Spaß eine Fratze. Mehmet Sacli ist Straßenreiniger bei der BSR und säubert nachts die Warschauer Brücke.

Die gute Laune verliert der 38-Jährige selten, obwohl sein Job vielleicht einer der härtesten der Stadt ist. „Auf der Warschauer musst du dich besonders konzentrieren: Die Typen hier sind oft angetrunken oder auf Dope, einige springen dir plötzlich vor die Kehrmaschine.“ Andere rennen ihm hinterher, steigen auf das Gefährt und wollen mitfahren, erzählt Sacli. „Das ist gefährlich, denn als Fahrer kann ich sie wegen des Rauschens der Sauganlage nicht hören.“ Auf etwa 40 Stundenkilometer bringt es die Kehrmaschine.

Der Kehrtrupp ist an diesem Morgen zu sechst unterwegs. Vier Handreiniger begleiten Sacli mit Greifzangen zu Fuß, ein Kollege fährt einen Kehrichtsammelwagen. Etwa 1 200 Kilometer legt jeder Straßenreiniger pro Jahr zurück. Die Saubermänner leeren alle 23 000 Papierkörbe in der Stadt, fegen 1,4 Millionen Kilometer Fahrbahn und Gehwege und reinigen 230 000 Gullydeckel. Eine Nachtschicht hat die BSR nur auf der Warschauer Brücke und am Alexanderplatz etabliert – den Hotspots für nächtlichen Dreck und Müll.

„Es ist manchmal müßig: Du kehrst, und hinter dir schmeißen sie wieder eine Pulle runter“, sagt Sacli. „Vor ein paar Jahren habe ich sie noch ermahnt. Heute lasse ich das, denn manche werden aggressiv.“ Ärgern tut sich der gelernte Elektroinstallateur auch über illegal entsorgten Gewerbemüll, über Sofas, Matratzen und Bauschutt.

Für heute hat der Kehrtrupp seine Arbeit erstmal beendet. Kaum noch Kippen, Pappe oder Scherben liegen jetzt auf der Warschauer Brücke. Mehmet Sacli weiß, dass das in zwei Stunden wieder anders aussehen wird. „Aber für alle, die in genau diesem Moment zur Arbeit gehen, ist es schön sauber.“

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Autoren
Silvia Perdoni
Stefan Strauß

Fotograf
Benjamin Pritzkuleit
Markus Wächter
Paulus Ponizak
Volkmar Otto

Video
Frauke Hinrichsen


Grafik
Isabella Galanty