Von Frauke Hinrichsen

Alt und neu

Die Sonnenallee ist kulinarisch eine wahre orientalische Prachtmeile. Hier haben sich Menschen aus verschiedenen arabischen Ländern eine neue Existenz aufgebaut.

Alt und neu von Frauke Hinrichsen

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„Es fühlt sich an wie in Syrien“, sagt eine Kundin und schaut sich staunend um. Der junge Mann hinter dem Tresen lächelt. Genau das war es, was er erreichen wollte. Ein handgemaltes dreifarbiges Muster verziert einen Teil der Wand, überall hängen Fotos aus Syrien. Von der Decke hängen kleine Laternen und spenden warmes Licht. Ihab Sahary zeigt auf den Boden: „Die Fliesen aus Syrien waren richtig teuer.“

Vor zwei Jahren hat der heute 24-Jährige seine syrische Bäckerei in der Sonnenallee eröffnet. Sie heißt Edlib nach der syrischen Stadt, in der Sahary aufgewachsen ist. Aus Edlib kommt auch seine Spezialität: Schuaibiyat, ein süßes Blätterteiggebäck, das mit Ricotta oder Sahne gefüllt wird.

Sahary hat in Syrien BWL studiert, bevor er vor dem Krieg nach Deutschland floh. Hier angekommen, wollte er selbst sein Geld verdienen, eine Aufgabe haben. Ein Bekannter brachte ihn auf die Idee, eine Bäckerei zu eröffnen. Er engagierte seinen Schwager, der gelernter Bäcker ist und schon in Deutschland lebte. Mittlerweile arbeiten bei „Edlib“ zwei syrische und ein türkischer Bäcker. Denn bevor Sahary den Laden übernahm, war hier in der Sonnenallee 16 zwanzig Jahre lang die türkische Bäckerei „Toprak“ ansässig. Familiäre Gründe sollen die Vorbesitzer zur Aufgabe des Ladens bewegt zu haben. Um die türkische Stammkundschaft zu halten, bietet Sahary auch weiterhin türkisches Baklava an. Auch den alten Namen hat Sahary nicht einfach gestrichen, sondern mit eingebunden. Sein Geschäft heißt jetzt Toprak Edlib Bäckerei.

Siebzig Prozent seiner Kunden sind Araber – viele davon Syrer – und dreißig Prozent Türken und Deutsche. Er muss schmunzeln. „Die Deutschen essen kaum etwas, sie teilen sich zu viert ein Gebäckstück, die Araber essen gleich jeder zwei.“

Syrer haben die neueste Dynamik auf die Sonnenallee gebracht, haben in den vergangenen zwei Jahren Geschäfte, Bäckereien und Restaurants eröffnet. „Ich bin stolz auf meine Landsleute, dass sie in Deutschland nicht einfach rumsitzen“, sagt Sahary.

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Ihab Sahary bringt mit seiner Bäckerei Edlib ein Stück Syrien auf die Sonnenallee.

Tanja Schnitzler

Die arabische Straße

Vor zwanzig Jahren begannen Libanesen und Palästinenser, die Sonnenallee in die so genannte „arabische Straße“ zu verwandeln. Sie eröffneten erste Läden und Restaurants. Fast 90 Prozent der Läden auf der Sonnenallee seien inzwischen „in arabischer Hand“, schätzt Bürgermeisterin Franziska Giffey.

An den Schaufenstern, an den Ständen und in den Läden überall sind die Schilder auch auf Arabisch. Das kann für deutsche Kunden beim Blick auf die zweisprachige Menütafel verwirrend sein – denn wer denkt, dass doch zumindest die Zahlen gleich sein müssten, hat sich getäuscht. Sie sehen anders aus als unsere.

Arabische Supermärkte, Frisier-Salons, Handy-Shops, Restaurants, Cafés und Shisha-Bars reihen sich aneinander, die meisten Läden sind gut besucht. Fliegende Händler bieten vor den Geschäften Uhren und Schuhe an. Am Wochenende ist es so voll, dass sich nur mit Mühe ein Fahrrad auf dem Bürgersteig schieben lässt.

Schawarma, Falafel, Makali, Halloumi

„Das war wirklich anders, als wir hier anfingen“, erinnert sich Youssef El-Ahmad, „es gab kaum Läden, und es war kaum jemand auf der Straße unterwegs.“ 1988 kamen seine Eltern aus dem Libanon, zogen nach Neukölln und eröffneten 1999 das Restaurant „Al Safa“ an der Sonnenallee Ecke Fuldastraße als eines der ersten arabischen in der Straße. Hier gibt es Schawarma, Falafel, Makali, Halloumi – Spezialitäten aus der Heimat von El-Ahmads Eltern.

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1999 wurde das Restaurant „Al Safa“ an der Sonnenallee Ecke Fuldastraße eröffnet.

Tanja Schnitzler

Er selbst ist in Berlin geboren, arbeitete schon als Schüler im Restaurant mit und übernahm mit 19 die Leitung. Heute ist er 26 und könnte sich durchaus vorstellen, neben der Niederlassung hier und der zweiten in Prenzlauer Berg noch ein weiteres Restaurant in Neukölln aufzumachen. „Aber es gibt hier gar keine bezahlbaren Räume mehr dafür“, sagt er. „Die Bäckerei gegenüber will 450.000 Euro dafür haben, dass sie rausgeht.“

Voll und laut sei die Sonnenallee geworden, früher habe sie ihm besser gefallen. „Alle kannten sich untereinander, und es war gemütlicher.“ Viel Kontakt zu denen, die erst in den vergangenen Jahren nach Deutschland geflohen sind, hat er nicht. Er hat auch Vorbehalte: „Es sind viele dabei, die sich nicht benehmen können. Man muss einfach sagen, dass es eine andere Sozialisation ist, wenn man in Deutschland aufgewachsen ist.“

Die Sonnenallee, eine Hassliebe

Heute sei die Sonnenallee eine Hassliebe für ihn, die vielen Leute wiederum auch gut für das Geschäft. Zu viel Konkurrenz sei es für die alteingesessenen etablierten Restaurants nicht, einfach mehr Arbeit.

Ajjawe Hussein dagegen findet den Konkurrenzdruck hart. 1988 kam der Palästinenser aus dem Libanon nach Berlin und arbeitete hier in Bäckereien. 2008 eröffnete er seine eigene Bäckerei „Al Jazeera“ in der Hobrechtstraße, 2010 zog er um auf die Sonnenallee. Zehn Angestellte hat er heute und bietet sechzehn Sorten Süßigkeiten an. „Anderswo in Berlin könnte ich siebzehn Euro für ein Kilogramm Baklava nehmen, hier verkaufe ich es für dreizehn Euro.“ Das reichhaltige Angebot auf der Sonnenallee bedeutet für den 46-jährigen fünffachen Vater harte Arbeit.

Die große Auswahl ist es jedoch, die das internationale Publikum in die Sonnenallee zieht. Es gibt alles in den Lebensmittelläden, Restaurants und Bäckereien, was das Herz begehrt und das zu unschlagbar günstigen Preisen. 144 Restaurants und Imbisse, 18 Cafés, 14 Bäckereien und Konditoreien, 20 Lebensmittelgeschäfte und unzählbare Nationalitäten auf fünf Kilometern – die Sonnenallee ist kulinarisch eine wahre orientalische Prachtmeile.

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Autoren
Dominik Mai
Felix Firme
Frauke Hinrichsen
Klara Niederbacher
Robert John
Silvia Perdoni

Fotograf
Tanja Schnitzler

Video
Frauke Hinrichsen
Tom Schildberg

Konzeption
Dominik Mai

Entwicklung
Stefan Bozkurt

Schlussredaktion
Dominik Mai
Maike Schultz