Von Kai Schlieter, Gabriela Keller

Die verkaufte Stadt

Teil I: Wie die Firmengruppe Berlin Aspire den Boom am Immobilienmarkt nutzt, um mit auffälligen Methoden Wohnungen ins Ausland zu veräußern – und die Mieter in der Stadt vor große Probleme stellt.

Die verkaufte Stadt von Kai Schlieter, Gabriela Keller

Es dauerte etwa drei Jahre, bis Bernd Müllers Vermieter bemerkte, dass er mit der Wohnungsmiete gerade einmal die laufenden Kosten decken konnte. Von Ertrag keine Spur. „Als er die real gezahlte Miete sah, wollte er schnell verkaufen“, erinnert sich Müller, der Mieter.

So habe es ihm sein Vermieter, ein Israeli, erzählt. Der sei gelockt worden von einem Versprechen über einen fünfprozentigen Ertrag, der drei Jahre auf sein Konto fließen sollte. Eine Vereinbarung, die in diesem und anderen der Berliner Zeitung vorliegenden Fällen wohl zu den fragwürdigsten Komponenten in einem ganzen Paket von Versprechungen und Dienstleistungen gehört.

Die Unternehmensgruppe Berlin Aspire lockt so vor allem Kleinanleger in Israel an, die ihr Geld in Eigentumswohnungen in Berlin investieren wollen. Wie diese Strategie funktioniert und was das für die Mieter bedeutet, rekonstruiert eine gemeinsame Recherche der Berliner Zeitung und des Rundfunks Berlin-Brandenburg.

Hier können Sie sich die komplette Story bequem anhören:

Bernd Müller, der Mieter, sitzt in einer der hippen Kneipen, die es jetzt auch in Moabit gibt, und erzählt von seinen Erfahrungen mit der Immobilienfirma. Er wohnt hier schon seit Jahrzehnten – zu Mietkosten, die nur einen Bruchteil der heute üblichen Höhe ausmachen. Müller will seine Situation nicht gefährden. Er möchte nicht, dass sein richtiger Name in der Zeitung steht. Er fürchtet, dass er seine Wohnung verliert.

Die Gruppe Berlin Aspire hat sich am Berliner Markt einen zweifelhaften Ruf erworben. Ihr Geschäftsmodell bringt einige Gewinner hervor – und viele Leidtragende, die sich nicht trauen, an die Öffentlichkeit zu gehen. Denn ein Vermieter kann seinem Mieter kündigen, wenn das Vertrauensverhältnis gestört ist.

Die Gruppe Berlin Aspire gehört zum größten Teil dem israelischen Geschäftsmann Adi Keizman, der in Israel Schlagzeilen machte mit einer inzwischen geschiedenen Ehe mit der Industriemagnatin Ofra Strauss.

Seit 2011 baute er ein Firmennetzwerk auf, das von seiner Holding in Tel Aviv über Wien und Zypern bis nach Berlin führt. Bis nach Moabit, in die Straße von Herrn Müller. Auch sein Haus steckt in einer eigens dafür gegründeten GmbH & Co. KG. Für jedes Haus eine Firma.

Die Unternehmensgruppe Berlin Aspire kauft gerne in Gegenden von Wedding, Moabit oder Neukölln, in denen die Preise stark steigen, während Kriminalität, sozialer Abstieg und Armut weiterhin unübersehbar sind. Das Unternehmen geht in vielen Fällen nach dem gleichen Muster vor: Es erwirbt die Mietshäuser, teilt sie auf und verkauft die Wohnungen dann zügig weiter an ihre Kunden.

Auf diese Weise kaufte sich die Gruppe mehr als 30 Häuser in Berlin, das sind zwischen 1400 bis 1600 Wohnungen. Die meisten davon verkaufte sie an Kleinanleger in Israel weiter. So wie auch Bernd Müllers Wohnung in Moabit.

Eine Übersicht aller Berliner Wohnhäuser, die nach unseren Recherchen zur Unternehmensgruppe Berlin Aspire gehören. Fahren Sie mit Ihrem Mauszeiger oder Ihrem Finger über die Häuser, um mehr zu erfahren.

aspire karte

10

Beusselstraße 8a und 8b

Stadtteil: Moabit
Unternehmen: Yam Residential GmbH & Co. KG

20

Biebricher Straße 1 und Hermannstraße 232

Stadtteil: Neukölln
Unternehmen: Hermannstraße 232 Residential Grundstücks GmbH & Co. KG

30

Blücherstraße 37

Stadtteil: Kreuzberg
Unternehmen: Blücherstaße 37 Residential Grundstücke GmbH & Co. KG

50

Donaustraße 10-11

Stadtteil: Neukölln
Unternehmen: Meron Residential GmbH & Co. KG

60

Emser Straße 102

Stadtteil: Neukölln
Unternehmen: Tavor Residential GmbH & Co. KG

11

Fürbringer Straße 27

Stadtteil: Kreuzberg
Unternehmen: Fürbringer Straße 27 Grundstücks GmbH & Co. KG

13

Glasgower Straße 6

Stadtteil: Wedding
Unternehmen: Sun Residential GmbH & Co. KG

14

Grunewaldstraße 89

Stadtteil: Schöneberg
Unternehmen: Hayush Residential GmbH & Co. KG

15

Guineastraße 35

Stadtteil: Wedding
Unternehmen: Olam Residential GmbH & Co. KG

16

Guineastraße 38

Stadtteil: Wedding
Unternehmen: Rishon Residential GmbH & Co. KG

17

Hauptstraße 101

Stadtteil: Schöneberg
Unternehmen: Sedemantis Wohnbau GmbH & Co. KG

18

Helmholtzstraße 1 und 1a

Stadtteil: Charlottenburg
Unternehmen: Star Residential GmbH & Co. KG

19

Helmholtzstraße 24

Stadtteil: Charlottenburg
Unternehmen: Helmholtzstraße 24 Grundstücks GmbH & Co. KG

20

Helmholtzstraße 40

Stadtteil: Charlottenburg
Unternehmen: Helmholtzstraße 24 Residential GmbH & Co. KG

21

Hobrechtstraße 40

Stadtteil: Neukölln
Unternehmen: Danielle Residential GmbH & Co. KG

22

Huttenstraße 71

Stadtteil: Moabit
Unternehmen: Hope Residential GmbH & Co. KG

23

Karl-Kunger-Straße 26

Stadtteil: Alt-Treptow
Unternehmen: Future Residential Grundstücks GmbH & Co. KG

24

Kaiserin-Augusta-Allee 29

Stadtteil: Moabit
Unternehmen: Dolev Residential GmbH & Co. KG

25

Koloniestraße 122

Stadtteil: Wedding
Unternehmen: Bros Residential GmbH & Co. KG

27

Mehringdamm 86

Stadtteil: Kreuzberg
Unternehmen: Samato Projekt Berlin GmbH

28

Mittenwalder Straße 47

Stadtteil: Kreuzberg
Unternehmen: Mittenwalder Straße 47 Grundstücks GmbH & Co. KG

30

Oldenburger Straße 28

Stadtteil: Moabit
Unternehmen: Oldenburger Straße 28 Grundstücks GmbH & Co. KG

31

Pettenkoferstraße 42

Stadtteil: Friedrichshain
Unternehmen: Sedemantis Wohnbau GmbH & Co KG

32

Residenzstraße 128 + 129

Stadtteil: Wedding
Unternehmen: Moav Residential GmbH & Co KG

33

Sonnenburger Straße 55

Stadtteil: Prenzlauer Berg
Unternehmen: Sonnenburgerstraße Residential Grundstücks GmbH & Co. KG

34

Sprengelstraße 23

Stadtteil: Wedding
Unternehmen: Quartier 1 Lebensraum GmbH & Co. KG

35

Stephanstraße 52

Stadtteil: Moabit
Unternehmen: River Residential GmbH & Co. KG

36

Tegeler Weg 97/98 und Bonhoeffer Ufer 18

Stadtteil: Charlottenburg
Unternehmen: Giluxo Beteiligungsverwaltungs GmbH (Wien)

37

Voigtstraße 42

Stadtteil: Friedrichshain
Unternehmen: Arava Residential Grundstücks GmbH & Co. KG

38

Weisestraße 21

Stadtteil: Neukölln
Unternehmen: Maor Residential Grundstücks GmbH & Co. KG

39

Wildenbruchstraße 6/Weserstraße 59

Stadtteil: Neukölln
Unternehmen: Wildenbruchstraße 6 Grundstücks GmbH & Co. KG

Vielen Investoren macht sie ein besonderes Versprechen: In mehreren Vereinbarungen, die der Berliner Zeitung und dem RBB vorliegen, wird dem Wohnungskäufer ein Ertrag von fünf Prozent auf den Kaufpreis garantiert. Die Gesellschaft dagegen spricht von einem Darlehen, das sie von den Käufern erhalte und auf das sie deswegen fünf Prozent Zinsen gewähre. Offiziell zitieren lassen will sich in dem Unternehmen aber niemand.

Dass die Käufer meist Israeli sind, ist in dieser Geschichte von Bedeutung, weil die Unterschiede zwischen den Wohnungsmärkten in Israel und Deutschland Teil des Geschäftsmodells sind. Die Möglichkeiten, in Israel Immobilien zu erwerben, sind in dem kleinen Land begrenzt; die enormen Preise machen Eigentum für die meisten unerschwinglich. Deutschland ist da noch anders. Vor allem die Hauptstadt. Die Unternehmensgruppe Berlin Aspire versteht es vor diesem Hintergrund, auf Emotionen zu setzen, und ist auf das Versprechen spezialisiert, aus Wohnungen einträgliche Anlageprodukte zu machen. Immobilien werden in Versprechen auf Profit verwandelt.

Angeheizt wurde diese Entwicklung ausgerechnet von den Folgen der Immobilienblase, die 2008 platzte. Dem Auslöser der Finanzkrise. Diese führte zu der bis heute anhaltenden Null-Zins-Politik und wurde so zum Quell von Kapital, das seither Anlageprodukte sucht. Mit Folgen für Mieter: „Wohnungsnot sorgt für hohe Renditen“, titelte das Handelsblatt. Weil die Mieten aber nicht ins Unermessliche steigen können, warnen Experten, dass sich eine neue Blase bildet. So etwa die Bundesbank, der IWF, selbst Banken wie die Schweizer UBS. Die Preisentwicklung ist zu einer Wette geworden, die schiefgehen könnte. Das könnte für Geschäftsmodelle wie jenes von Berlin Aspire zum Problem werden. Schnell veräußert diese Gruppe bewohnte Immobilien. Nach eigenen Angaben sollen es 250 bis 300 pro Jahr sein, mitunter sind die Häuser nicht einmal aufgeteilt, da hat die Gruppe schon israelische Käufer, die in Berlin investieren wollen.

Einfach erklärt: So funktioniert das Geschäftsmodell der Gruppe Berlin Aspire

Informationen von der Unternehmensgruppe Berlin Aspire zu bekommen, ist nicht einfach. Sie lehnt es ab, Fragen zu beantworten oder Stellungnahmen für eine Veröffentlichung abzugeben.

Die Berliner Zeitung aber sprach mit Dutzenden israelischen Anlegern und Mietern und sichtete Akten zu Hunderten von Aspire-Wohnungen. Daraus ließ sich ein „invasives Geschäftsmodell“ rekonstruieren, wie es einer der Mieter nennt. Eines, das auch erklärt, was an vielen Stellen der Stadt passiert: Erst der Verkauf und dann die Verödung von Kiezen.

Auch einige deutsche Notare arbeiten eng mit der Gruppe zusammen. Sie beurkundeten die Verträge. Einer der Notare residiert in einer Kanzlei am Kurfürstendamm. Die Adresse dieser Kanzlei ist auch die Geschäftsadresse einer wichtigen Firma, die zum Geflecht der Aspire-Gruppe gehört: der Beesands Management GmbH.

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Der Sitz des Unternehmens Berlin Aspire in der Friedrichstraße 81.

Markus Wächter

Keineswegs sind alle Anleger unzufrieden mit den Leistungen von Berlin Aspire. So manchem aber dämmert inzwischen, dass sein Investment nicht das ist, was er sich darunter vorgestellt hat. „Sie sind sehr nett, aber sie haben mir vieles nicht gesagt“, sagt einer der Käufer, ein Marketing-Manager, der in Moabit mehrere Wohnungen besitzt, „mir war zum Beispiel nicht klar, dass ich die Miete nicht anheben kann.“

Die frühste Spur führt zu einem Anwalt, dessen Kanzlei sich nur wenige Schritte vom Savignyplatz entfernt befindet. Ein Käufer einer der ersten Aspire-Wohnungen wandte sich an Philippe Koch. Der kultivierte Mann mit grauen Strähnen im dunklen Haar ist Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht. Er erinnert sich zurück an 2011, das Jahr, in dem Adi Keizman die Unternehmensgruppe gründete.

Kochs Klient hatte eine auf Hebräisch verfasste Vereinbarung in Tel Aviv geschlossen, bei der er bereits rund 11 000 Euro zahlen musste. „Das habe ich noch nie gesehen“, sagt Koch. In dem Schriftstück, das der Berliner Zeitung und dem RBB vorliegt, heißt es, „dass die Immobilie noch nicht rechtmäßig in Einheiten aufgeteilt wurde und noch kein getrenntes Rechtsverfahren für die Eintragung einer jeden Wohnung in der Immobilie im Grundbuchamt erfolgt ist“. Der Kaufgegenstand, auf den sich die Vereinbarung bezieht, existierte also noch gar nicht. Dennoch verpflichtete sich der Käufer, 50 Prozent des Preises innerhalb von 45 Tagen nach Unterzeichnung zu bezahlen.

„Das ist ein Hochrisikogeschäft“, sagt Philippe Koch, Fachanwalt für Handels- und Gesellschaftsrecht. „Mir ist so ein Vertrag noch nie untergekommen.“

Koch wendet sich an den israelischen Notar. Er schreibt: Es „bestehen Zweifel daran, ob der Kaufgegenstand überhaupt besteht. Denn mangels Teilungserklärung wurde offensichtlich das Eigentum an dem Grundstück noch gar nicht in Miteigentumsanteile aufgeteilt.“

Verkaufen, bevor die Teilung vorliegt: Die Bundesnotarkammer teilt mit, dass dies kein unübliches Verfahren sei. Anwalt Koch meint noch heute: „Das ist ein Hochrisikogeschäft.“ Denn hier gehe der Käufer in Vorleistung ohne die Sicherheit zu haben, Eigentümer zu werden. Der Käufer trage das volle Insolvenzrisiko. „Mir ist so ein Vertrag noch nie untergekommen.“

In einer E-Mail weist er den Notar darauf hin, dass der „in Tel Aviv geschlossene Vertrag nach Maßgabe des deutschen Rechts nicht wirksam sein dürfte“. Ungültig sei die Vereinbarung, weil ein Kaufvertrag einer Immobilie in Deutschland nur von einem Notar beurkundet werden könne. So will es das Bürgerliche Gesetzbuch, Paragraf 311 b. Tatsächlich steht das auch ausdrücklich in der auf Hebräisch verfassten Vereinbarung, die ja kein Kaufvertrag sein soll. Dort heißt es, dass „eine sich auf Immobilien beziehende Vereinbarung in Deutschland“ nur dann gültig und bindend sei, „wenn sie von einem deutschen Notar unterzeichnet wurde“.

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Viele Mieter haben Angst, ihre Wohnungen verlassen zu müssen.

Markus Wächter

Zurück zu Bernd Müller. Die Bewohner seien eingeschüchtert, sagt der Mieter: „Im Haus heißt es, die haben Top-Anwälte und warten nur darauf, dass jemand einen Fehler macht.“

Das Gebäude, in dem er wohnt, gehörte vorher einem Immobilienfonds. „Als ich gehört habe, dass die neuen Eigentümer Israelis sind, war mir das ja sympathisch.“ Nun weiß er, dass bei ihm die Uhr tickt. Die zehnjährige Sperrfrist, die ihn als Mieter schützt, läuft. Wenn sie endet, werde sein Vermieter ihn rauswerfen, meint er, fast die Hälfte ist schon rum. „Wir werden uns dann nicht mehr in Berlin halten können. Wir weigern uns aber, jetzt schon auszuziehen, und lassen uns dadurch nicht den Alltag versauen.“

Es ist ein gutes Geschäft, aber nicht für das Gemeinwesen. Mitunter nutzt die Unternehmensgruppe Gesetzeslücken, um Mieter aus ihren Verträgen zu klagen. Auch die Anleger in Israel kommen dabei nicht unbedingt gut weg. Sie müssen sich fast völlig auf das verlassen, was die Firma ihnen mitteilt.

Zur Unternehmensgruppe gehört auch die Firma, die sich um die Verwaltung kümmert: die Bearm GmbH. Die Gruppe bietet mit „In Berlin Homes“ auch einen Dienstleister für möbliertes Wohnen auf Zeit in den Wohnungen an, die von den ursprünglichen Mietern befreit wurden. Auf diese Weise lassen sich Einnahmen von rund 30 Euro pro Quadratmeter im Monat erzielen.

Gründer Adi Keizman denkt schon viel weiter: Mit dem Projekt „Dawn“, so stand es auf dessen Website, die während dieser Recherchen plötzlich nicht mehr erreichbar war, imaginierte er schließlich, auf Basis von Immobilien eine Kryptowährung aufzubauen. Abgebildet waren auf der Seite Häuser in Berlin: Mietwohnungen verwandelt in digitale Nullen und Einsen, in die Millionen Anleger weltweit investieren. Das Geschäftsmodell der Unternehmensgruppe ist komplex und fein austariert. Doch ein rechtlicher Knackpunkt sind die Ertragsgarantien, die in mehreren Vereinbarungen dokumentiert sind und die rund zwei Dutzend Anleger während dieser Recherche so bestätigen.

Der Aufbau der Unternehmensgruppe. Gelbe Punkte stehen für Unternehmen, blaue für Personen. Fahren Sie mit Ihrem Mauszeiger oder Ihrem Finger über die Punkte, um mehr über die Beziehungen der Firmen und Personen untereinander zu erfahren. Klicken oder drücken Sie auf die Punkte, um den Standort der jeweiligen Firma zu sehen.

Später, wenn die Transaktion in Deutschland juristisch gültig werden soll, wird ein deutscher notarieller Kaufvertrag verfasst. Bei Kochs Mandant fehlte darin das Fünf-Prozent-Versprechen. Das macht die Vereinbarung in hebräischer Sprache heikel. „Eigentlich darf es solche Nebenabreden nicht geben“, meint Koch. „Alle Vertragsbedingungen müssen auf den Tisch und notariell beurkundet werden.“ Sein Mandant sei wenig später aus der Vereinbarung ausgeschieden – das ganze Investment kam ihm nicht mehr geheuer vor.

Tatsächlich tauchen an diesem Punkt juristische Fragen auf, weil die Klausel das Vorkaufsrecht der Berliner Mieter berührt. Im Grunde bedeutet das Fünf-Prozent-Versprechen bei den Vereinbarungen in Israel für die Käufer einen Preisnachlass, der zum Teil mehrere Zehntausend Euro pro Wohnung beträgt. Dem Berliner Mieter der Wohnung müssten genau die gleichen Bedingungen offeriert werden. Im Endeffekt wären die Wohnungen ohne die fünf Prozent für vorkaufsberechtigte Mieter teurer.

Für die meisten der Menschen, die in den Berliner Aspire-Häusern wohnen, wäre der Kauf ihrer Wohnung vermutlich finanziell schwierig. Unter diesen ungleichen Bedingungen aber wird ihnen ihr Vorkaufsrecht noch einmal unattraktiver gemacht.

Wenn man Mieter wie Bernd Müller fragt, wie die Unternehmensgruppe aus seiner Sicht einen so hohen Ertrag erwirtschaften kann, dann mutmaßt er Folgendes: „Es ist zu spüren, dass Reparaturen und Erhaltung deutlich zurückgingen im Vergleich zu früher.“

Ein anderer Mieter zeigt später in seiner Wohnung einen riesigen Schimmelfleck an der Decke, der dort wächst. Auch Blogs wie „Wem gehört Moabit“ oder „Reichenberger114“ berichteten über Vernachlässigungen. Es kursieren Geschichten von Mietern, die zum Auszug überredet wurden.

Der Fall einer sozialen Einrichtung schaffte es bis ins Fernsehen: 2013 kaufte die zu dem Firmennetzwerk gehörige River Residential GmbH & Co. KG das Haus in der Stephanstraße 52. Im Mai 2014 kündigte die Gruppe vier Mietverträge über zwölf Wohnungen per anwaltlichem Schreiben. Gemietet hatte sie der Verein Projekt Wohnen (Prowo e.V.) für die Einrichtung „Die Zwiebel“. Darin lebten suchtkranke Frauen.

An einem grauen Wintertag sitzt Stefan Lutz, Sozialmanager von Prowo, in seinem Büro in Neukölln und erinnert sich an diese Zeit. Als rabiat empfand er das Vorgehen.

Er hat den Fall dokumentiert und legt eine Mappe auf den Tisch. „Das sind Frauen mit psychischen Erkrankungen, die dringend einen Schutzraum brauchen. Berufen hat sich der Vermieter bei der Kündigung auf die Gewerbemietverträge, die ohne besondere Begründung gekündigt werden können.“ Eine Gesetzeslücke, die bis vor kurzem viele soziale Einrichtungen bedrohte. Nachdem Prowo den Kündigungen widersprach, versuchte es die Aspire-Gruppe mit Räumungsklagen. In einem Schreiben des Anwalts der Firma heißt es: „Soweit die Beklagte also nicht die Namen der einzelnen Mieter und Untermieter benennt, könnte die Klägerin diese im Zuge der Räumungsvollstreckung in Erfahrung bringen.“ Danach würden „auch noch einzelne Verfahren gegen die einzelnen Untermieter durchgeführt werden“. Also gegen die psychisch labilen Frauen.

Eine Einigung zeichnete sich erst ab, so beschreibt es Lutz, als der Fall vor dem Bundesgerichtshof ein Aktenzeichen bekam und „Die Zwiebel“ durch Zufall Wohnungen in einem anderen Bezirk fand. Drei Jahre dauerte diese Belastungsprobe. Seit diesem Jahr gilt für Gewerbemietverträge von sozialen Einrichtungen besonderer Mietschutz. Prowo und die Plattform Welobby sorgten dafür.

„Mit vielen Bewohnern wurde gesprochen, ob sie nicht ausziehen möchten“, sagt Heidi Melcher*, eine langjährige Mieterin. „Wir alle hatten Angst, dass wir hier rausmüssen.“

Im November 2018 schickt Lutz eine E-Mail. Darin ist ein Link zu der Wohnung, in der einmal psychisch kranke Frauen betreut wurden. Er führt zum Angebot von „In Berlin Homes“ – der Firma für möbliertes Wohnen auf Zeit der Gruppe.

Auf dem Foto ist ein Wohnzimmer zu sehen. Hübsch hergerichtet. Auf dem Tisch stehen Sekt und Pralinen. „Dieses moderne Ein-Schlafzimmer-Apartment ist frisch renoviert und möbliert, ausgestattet mit einem neuen TV, voll ausgestattet mit Küche und einer einladenden Essecke“, heißt es dazu. Die 39 Quadratmeter kosten pro Monat für zwei Gäste rund 1100 Euro. Etwa 28 Euro pro Quadratmeter – fast sechsmal so viel wie die Gruppe mit Prowo verdiente.

Auch Bernd Müller berichtet von häufig wechselnden Mietern, vom Lärm der Rollkoffer und einem Müllproblem. „Die Mieterschaft ist völlig unübersichtlich geworden. Eine Hausgemeinschaft ist nicht denkbar. Eine Entsolidarisierung hat stattgefunden, die Missachtung des anderen, weil der ja bald wieder weg ist.“

Im Hinterhaus eines Aspire-Hauses im Süden von Berlin lebt eine zierliche Dame mit stahlgrauen Haaren, die noch weiß, wie es früher hier war, nennen wir sie Heidi Melcher. „Ich wohne seit 1974 hier“, sagt sie, „vom Keller bis zum Dachboden kenne ich hier jedes Fleckchen.“ Als die Gruppe das Haus kaufte, schlug die Stimmung um. „Mit vielen Bewohnern wurde gesprochen, ob sie nicht ausziehen möchten.“ Die Firma habe den Mietern auch angeboten, die Umzugskosten zu tragen, und einige nahmen die Angebote an, sagt sie: „Wir alle hatten Angst, dass wir hier rausmüssen.“

Im Flur schleppen Handwerker Gerät und Material hin und her, der Boden ist verschmiert von Dreck. Wenn einer der Mieter auszieht, rücken Arbeiter an und bereiten die Wohnung für die künftigen Mieter auf Zeit vor. An vielen Klingelschildern stehen keine Namen mehr, sondern nur Angaben: 1. Etage links, 3. Etage Mitte.

Im Vorderhaus sitzt eine Frau mit blondem Zopf in ihrem Wohnzimmer. Vor der Wand mit den Familienfotos öffnet sie den Ordner, der dokumentiert, wie sich ihr Leben verändert hat, seit die Firmengruppe das Haus gekauft hat. Anschreiben der Hausverwaltung sind darin, Ankündigungen von Mieterhöhungen. „Wir alle hier fragen uns, wie lange wir noch bleiben können“, sagt sie. Der neue Eigentümer ihrer Wohnung ist eine Firma mit Sitz in Israel, eine Limited. Kontakt gibt es nicht, zu tun hat sie mit der Bearm GmbH.

So ist das zumeist bei Aspire-Mietern: Die wenigsten kennen die Eigentümer in Israel persönlich. Das fällt während der Recherche auf: Israel ist weit weg, nicht nur die Sprache und die Schrift trennen die Anleger von ihrer Anlage. Solange Käufer und Mieter nicht miteinander sprechen, hat das Firmennetzwerk die Kontrolle über die Immobilien.

„Ich fühle mich verarscht. Ich will Gerechtigkeit.“ Josef Küster*, Mieter in einem Aspire-Haus.

In einem Haus an einer Straße irgendwo im Westen der Stadt öffnet ein Mann mit kurzen dunklen Haaren am Abend die Tür zu seiner kleinen Wohnung. Josef Küster lebt schon seit langem hier. Auch der Name dieses Mieters ist geändert. Seine Miete ist billig, es gefällt ihm – warum also wegziehen? In seiner Küche setzt er einen Tee auf, er ist etwas angespannt. Gleich wird der Eigentümer seiner Wohnung vorbeikommen. Es ist das erste Zusammentreffen. „Ich weiß nichts von ihnen, außer den Namen.“ Küster zahlt unter 300 Euro warm für eine Küche, ein Bad und ein Zimmer.

Vor einigen Tagen hat sich ein Mitarbeiter der Hausverwaltung bei ihm gemeldet, um den Termin abzustimmen. Es klingelt.

Vor der Tür stehen der Eigentümer aus Israel, ein Mann Mitte 50 im Mantel, und ein Mitarbeiter der Hausverwaltung. Der Käufer kommt herein, wirft ein Ende seines Schals über seine Schulter, der Mann von der Hausverwaltung huscht hinterher. Der Mieter fragt: „Was haben Sie denn vor mit der Wohnung?“ Der Käufer wirft die Hände abwehrend hoch: „Nichts“, sagt er. „Wenn Sie einmal ausziehen, dann baue ich hier um“, sagt er und deutet in die Mitte des Raumes: „Da würde ich noch eine Trennwand einziehen.“

Ein Mieter berichtet über die Veränderungen in seinem Haus, seitdem es zur Unternehmensgruppe Berlin Aspire gehört.

Der Käufer lächelt, die Wohnung gefällt ihm, aber jetzt will er weiter. Der Besuch endet nach wenigen Minuten. Auf dem Herd dampft der Tee, den niemand angerührt hat.

Als er wieder alleine in der Wohnung ist, gerät der Mieter ins Grübeln: Es ist ja nicht so, dass er sich gar nicht vorstellen kann auszuziehen. Aber die Art, wie die Aspire-Gruppe mit ihm umgegangen ist, die will er sich nicht bieten lassen. Er steht in Kontakt mit Leuten aus anderen Aspire-Häusern. Er weiß von den Vereinbarungen auf Hebräisch, davon, dass ihm unattraktivere Konditionen angeboten wurden als dem Mann, der gerade durch seine Wohnung stolziert ist. „Ich fühle mich verarscht. Ich will Gerechtigkeit.“ Nur weiß er nicht genau, was er tun kann. Er fragt sich, wie es weitergeht auf dem Berliner Wohnungsmarkt. Er hat in dem Haus viel miterlebt, Sanierungen, Mietsteigerungen, Eigentümerwechsel. „Wenn die Wohnungen vom einen Käufer an den nächsten verkauft werden, und der Preis jedes Mal steigt, bereiten wir hier die nächste Bankenkrise vor.“

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Autoren
Kai Schlieter
Gabriela Keller

Fotograf
Markus Wächter

Video
Thomas Schildberg

Illustration
Annette Tiedge

Grafik
Felix Firme
Isabella Galanty

Datenjournalist
Felix Firme

Projektleitung
Felix Firme
Gabriela Keller
Kai Schlieter