Von Gabriela Keller, Kai Schlieter

„Wir sehen uns in Berlin“

Die Gruppe Berlin Aspire verkauft Wohnungen als Geldanlage ins Ausland. Für die Mieter bedeutet das oft nichts Gutes, aber das ist nur die eine Seite. Wer die andere verstehen will, muss zu den Käufern nach Israel reisen, wo Immobilien extrem teuer sind – und das Konzept Mieterschutz nahezu unbekannt ist.

„Wir sehen uns in Berlin“ von Gabriela Keller, Kai Schlieter

Mit jeder Information wächst bei Eliav Cohn das Misstrauen. Mit jedem Monat, der vergeht, zerfällt seine Gewissheit, dass er seinen Pensionsbonus gut und sicher angelegt hat. „Wir sind ausgetrickst worden “, sagt er, „dieses Investment ist nicht, was man uns weisgemacht hat.“

Eliav Cohn ist ein Mann mit grauem, dichtem Haar und schwerem Oberkörper, seine Augen liegen in tiefen Lachfalten. Er sitzt rund 4000 Kilometer südöstlich der Wohnung, die er sich in Berlin gekauft hat, in einem Strandcafé irgendwo an der israelischen Küste, aber die geografische Distanz ist nicht das einzige, was zwischen ihm und seiner Immobilie liegt.

Er hat sich einen Platz in der Ecke des Cafés gesucht, es ist spät, außer ihm ist niemand hier. Wo er lebt, soll verschwiegen werden, Eliav Cohn ist auch nicht sein richtiger Name.

Hier können Sie sich die komplette Story bequem anhören:

Mehrere Hundert Menschen in Israel haben Wohnungen in Berlin von der Gruppe Berlin Aspire gekauft. Es ist nicht leicht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, nicht nur, weil die meisten ihre Geldgeschäfte lieber diskret behandeln. Sondern auch, weil sie fürchten, dass die Firmengruppe ihnen das Leben schwer machen könnte.

Schließlich hat die Gruppe Verwaltung, Vermietung und Instandhaltung ihrer Immobilien übernommen. Was auf den ersten Blick praktisch erschien, bedeutet für manche inzwischen auch Abhängigkeit. „Die Firma hält alle Zügel in der Hand“, sagt Eliav Cohn, „Ich habe nichts, nur den Namen meiner Mieterin.“

Berlin Aspire, das klingt nach Chancen, nach großen Erwartungen. Die Firma der Gruppe, die in Israel auftritt, nennt sich schlichter: Berlin Estate. Der Name taucht bei Google auf, sobald man in Israel „Wohnung“ und „Berlin“ eingibt. Die Angebote wirken überzeugend: Wohnungen in attraktiven Gegenden Berlins, günstige Preise, dazu ein umfassendes Servicepaket.

Hinzu kommt, dass die Firmengruppe Anlegern ansehnliche Erträge in Aussicht stellt: In den ersten drei Jahren sollen sie je fünf Prozent auf ihre Zahlungen oder den Kaufpreis erhalten – dieses Versprechen steht zumindest in mehreren Vereinbarungen zwischen Wohnungskäufern und der Firmengruppe, die der Berliner Zeitung vorliegen.

Dieser Prozentsatz, aufgeteilt auf monatliche Zahlungen, kann darüber hinwegtäuschen, wie niedrig die Erträge der Wohnungen zum Teil tatsächlich sind. Für so manchen Anleger kommt deshalb nach Ablauf der Garantiephase das böse Erwachen. In Berlin hat die Firmengruppe seit 2011 mehr als 30 Häuser gekauft. In einigen davon leben Mieter noch mit Kohleöfen und ohne Badezimmer; in einer Wohnung wuchert Schimmel, in einer anderen ziehen sich Risse durch die Decke. Dafür sind die Mieten billig – oder zumindest war das bisher so. Aber zu diesen Konditionen lässt sich kaum Rendite erwirtschaften.

Das ist ein Knackpunkt bei dem Geschäft. Die Folgen lassen sich in einigen der Häuser beobachten: Viele Altmieter sind inzwischen weggezogen. Stattdessen kommen Menschen, die monatsweise in möblierten Wohnungen leben – mit Quadratmeterpreisen von bis zu 30 Euro. (Die Berliner Zeitung berichtete.)

Das ist die eine Seite der Geschichte, aber es gibt noch eine andere, und wer die verstehen will, muss fernab der Milieuschutzgebiete in Neukölln, Mitte und Moabit nach Antworten suchen. Die Frage, weshalb die Angebote der Firmengruppe Berlin Aspire in Israel gut ankommen, hat viel mit der Realität in dem Land zu tun, wo Immobilien sehr teuer sind und das Konzept Mieterschutz völlig unbekannt ist.

Einfach erklärt: So funktioniert das Geschäftsmodell der Gruppe Berlin Aspire:

Die Berliner Zeitung hat Dutzende Käufer in Israel kontaktiert. Bei den meisten handelt es sich um Kleinanleger, darunter viele Rentner, Paare oder Menschen, die eine Wohnung für ihre Kinder gekauft haben. Längst nicht alle sind unzufrieden. „Wir sind glücklich, weil die Firma sehr gut arbeitet“, sagt eine ältere Frau nahe Tel Aviv, die zwei Wohnungen gekauft hat. „Wir haben unsere Mietgarantie erhalten, auch sonst war alles so, wie es vereinbart war.“

Es stimmt ja, dass der Wert der Wohnungen, die sie in Neukölln, Wedding oder Treptow gekauft haben, in wenigen Jahren drastisch gestiegen ist. Und nicht jeder hat es mit Mietern mit jahrzehntealten Verträgen zu tun. Es gibt aber auch Fälle, bei denen es schlecht für die Anleger läuft, weil sie nach und nach herausfinden, dass das Bild, das sie sich gemacht haben, und die Wirklichkeit in Berlin nicht übereinstimmen.

„In den ersten drei Jahren erhielt ich meine fünf Prozent, und deshalb habe ich keine Fragen gestellt“, sagt Eliav Cohn, „aber danach bekam ich plötzlich nur noch ein Drittel des Geldes.“ Er wandte sich an das Büro, um Antworten zu bekommen. Inzwischen versteht er, dass dieser Betrag nun eben das ist, was nach Abzug der Kosten von der Miete übrig bleibt. Er kann damit gerade die Raten seiner Hypothek bedienen.

„In den ersten drei Jahren erhielt ich meine fünf Prozent, und deshalb habe ich keine Fragen gestellt“, sagt Kleinanleger Eliav Cohn, „aber danach bekam ich plötzlich nur noch ein Drittel des Geldes.“

Cohn ist vor ein paar Jahren in Rente gegangen. Zum Schluss erhielt er von seiner Firma eine Bonuszahlung. Die wollte er anlegen. Er dachte, dass er gut informiert sei: In Berlin kennt er sich aus, er war oft geschäftlich dort. Er las Berichte über den Immobilienmarkt und hörte immer wieder, dass die Preise seit Jahren steigen. Alles schien zu stimmen, die Aspire-Gruppe machte auf ihn einen vertrauenswürdigen Eindruck. „Sie sagten: Keine Sorge, Sie brauchen nichts selbst zu erledigen, wir kümmern uns um alles.“

Cohn lehnt sich zurück, hinter ihm im Dunkel schwappt das Meer an den Strand. Dass in seiner Wohnung eine Mieterin lebt, war ihm klar, sagt er, der Mietvertrag lag ihm ja sogar vor. Womit er nicht rechnete, war, dass die Miete in den nächsten Jahren nicht steigen würde – und dass die Fixkosten so viel davon aufzehren würden. Während der Garantiephase hatte er jeden Monat 800 Euro auf dem Konto. Jetzt sind es nur noch 250. Was genau seine Mieterin derzeit zahlt und wie sich das Hausgeld zusammensetzt, durchschaut er nicht. Er wollte seine Wohnung besichtigen, aber das habe schon zweimal nicht geklappt, sagt er, Kontakt zu der Frau habe er nicht. Er hat nun den Eindruck: „Sie bauen eine Mauer zwischen mir und meiner Mieterin.“

Cohn würde die Wohnung gern selbst nutzen, aber auch das geht natürlich nicht; er muss sich ein Hotelzimmer buchen, wenn er nach Berlin reist. All das war ihm nicht bewusst, als er die Wohnung kaufte, sagt er. „Ich bin jetzt viel klüger, aber ich habe mein Wissen teuer bezahlt.“

imago70090407h
Nur 30 Prozent aller Israelis wohnen zur Miete.

imago/westend61

Die Geschäfte der Gruppe Berlin Aspire liefen lange blendend, auch, weil es einen deutlichen Unterschied zwischen den Immobilienmärkten in Deutschland und Israel gibt. In Deutschland sind Mieter rechtlich umfassend geschützt. In Israel dagegen ist der Markt nahezu unreguliert. Das kann dazu führen, dass die Käufer die Potenziale ihrer Immobilie falsch einschätzen. Manche von ihnen fühlen sich nun schlecht beraten, aber in Israel sind solche Praktiken durchaus verbreitet: Dass die Firmengrupe zum Beispiel Wohnungen schon vermarktet, bevor die Gebäude aufgeteilt sind, ist juristisch einwandfrei – auch wenn solche Geschäfte nach Einschätzung deutscher Juristen mit großen Risiken verbunden sind.

Um das Geschäftsmodell zu verstehen, hilft es, ein paar Tage in Israel zu verbringen. Tel Aviv ist in diesen Zeiten eine laute, schnelle, hypermoderne Metropole, die in einem gewaltigen Wandel steckt: Im Zentrum schießen an allen Ecken neue Gebäude aus Stahl und Glas aus der Erde, riesige Baugruben tun sich auf, immer neue Apartment-Blocks überlagern das Bild der traditionellen Bauhaus-Architektur.

Die Universität Tel Aviv liegt außerhalb auf einem Hügel, von dem aus sich die Stadt gut überblicken lässt, die Kette der Wolkenkratzer am Ayalon Highway, Siedlungen, die sich in der Ferne verlieren. Professor Danny Ben Shahar, Leiter des Alrov Instituts für Immobilienforschung an der Coller-Management-Schule der Universität Tel Aviv, sitzt in seinem Büro und versucht, die Dynamik der Stadt in Worte zu fassen.

„Die Leute vergessen, dass Preise auch fallen können. Sie nehmen fälschlicherweise an, dass die Investitionen in Immobilien weniger riskant sind, als sie es tatsächlich sind.“ Danny Ben Shahar, Professor für Immobilienforschung.

Die Preise haben sich seit 2007 mehr als verdoppelt, sagt er, „im letzten Jahr ist der Aufwärtstrend erstmals abgeflacht, aber es herrscht immer noch sehr viel Nervosität auf dem Markt wegen der Frage, wohin die Preise gehen“. Die Preise im Zentrum von Tel Aviv, derzeit 10.000 bis 12.000 Euro pro Quadratmeter, könnten sich allenfalls noch die oberen zehn Prozent leisten. Dabei seien die Israelis eigentlich ein Volk von Eigentümern. Nur 30 Prozent wohnten zur Miete.

Der Professor stützt sich auf seinen Schreibtisch, durch die Jalousette am Fenster schimmert der Campus: helle Gebäude zwischen Zypressen, Wiesen, Palmen. Ihn wundert es nicht, dass sich viele Israelis, der, wie er sagt, „Berliner Alternative“ zuwenden. Auch die erheblich niedrigen Lebenshaltungskosten machten die Stadt attraktiv. Schon vor einigen Jahren machte ein junger Israeli Schlagzeilen, der einen Kassenbon auf Facebook postete, drei Becher Pudding für je 19 Cent – aus hiesiger Sicht ein absurd niedriger Preis. „Wir sehen uns in Berlin“, schrieb der Student. Auch Ben Shahar sagt: „Wann immer ich in Berlin in den Supermarkt gehe, bin ich völlig baff, wie wenig die Dinge kosten.“

In Israel treibt die Nachfrage ausländischer Investoren die Immobilien-Preise seit Jahren massiv in die Höhe; zugleich verschärft das Bevölkerungswachstum den Platzmangel. Knapp neun Millionen Menschen leben in diesem Land, das gerade so groß ist wie Hessen, ein Drittel ist jünger als 18 Jahre.

Danny Ben Shahar, Professor für Immobilienforschung über die Sicht israelischer Kleinanleger auf Berlin:

Werbung von Firmen, die Wohnungen im Ausland verkaufen, sei in Israel oft zu sehen, manche lockten sogar mit zehn- oder fünfzehnprozentigen Renditen. Solche Angebote finden ihr Publikum, auch wenn nicht alles seriös ist. Gerade beim Immobilienkauf, sagt Ben Shahar, verhielten sich Käufer generell unvernünftig: „Es gibt einige Verhaltensstudien, die das zeigen – nicht nur in Israel, überall auf der Welt: Die Leute vergessen, dass Preise auch fallen können. Sie nehmen fälschlicherweise an, dass die Investitionen in Immobilien weniger riskant sind, als sie es tatsächlich sind.“

Einige der Anleger, mit denen die Berliner Zeitung sprach, hatten nur sehr vage Vorstellungen von ihrer rechtlichen Lage in Deutschland; auch über ihre eigene Anlage wissen sie oft wenig. Viele stören sich nicht daran. „Ich wollte eine Wohnung kaufen und dann fünfzehn Jahre lang nicht mehr daran denken“, sagt ein Anleger aus Tel Aviv. Sein Plan war, dass die Mieteinnahmen später einmal Teil seiner Rente sein sollen. „Israel ist ein riskantes Land, die Preise sind zu hoch. Ich habe schon eine Wohnung und einen Pensionsfonds in Israel, aber wenn hier etwas passiert, dann ist meine gesamte Alterssicherung in Gefahr.“

Die Gruppe Berlin Aspire verspricht, was sich viele Anleger wünschen: Sicherheit, gute Erträge, dazu ein Rundum-Sorglos-Paket. „Eine Wohnung in Berlin zu kaufen, ist das schlaueste Investment, das du tätigen kannst“, heißt es in einem Clip auf der Unternehmenswebsite.

„Ich habe mehrmals am Ende eines Jahres erlebt, dass ich plötzlich 50 Prozent mehr Miete zahlen sollte.“ Kleinanleger Nir Levy über Mietpreise in Tel Aviv.

Der Weg zu der Berlin-Estate-Unternehmensgruppe führt mitten in das Geschäftszentrum von Tel Aviv, in ein hohes, anthrazit-graues Gebäude, das nahe dem Tel Aviv Museum of Art aufschießt. Neben der Ado Holdings Ltd, bei der die Fäden der Gruppe zusammenlaufen, liegen Repräsentanzen des Auktionshauses Christie’s, von Boeing und der japanischen Botschaft. Ringsum schiebt sich der Verkehr über mehrspurige Straßen; rechts und links erheben sich Wolkenkratzer, vielstöckige Shopping-Malls, Hoteltürme, dazwischen ragen gewaltige Baukräne in den Himmel.

„Preise wie in New York, Einkommen wie in Detroit“ – so beschreibt es eine Tel Aviver Journalistin. Gerade junge Leute können sich die Stadt kaum noch leisten. Der Mietmarkt ist ohne Sicherheit. Meist werden Verträge nur über ein Jahr ausgestellt, ohne Garantie auf Verlängerung. Auch langjährige Mieter können jederzeit rausfliegen. Eine Mietpreisbremse gibt es nicht, verbindliche Mietspiegel auch nicht.

„Ich habe mehrmals am Ende eines Jahres erlebt, dass ich plötzlich 50 Prozent mehr Miete zahlen sollte“, sagt Nir Levy, „dann habe ich mich auf dem Markt umgesehen und festgestellt, dass mir nichts anderes übrig bleibt, als das zu bezahlen.“ Levy, ein schlaksiger Mann Mitte 40 im braunen Anzug, hat sich auf einer Bank vor einem kleinen Café in einer ruhigen Seitenstraße niedergelassen. Vor ihm flitzen junge Leute auf Elektrorollern vorbei, hinter ihm sitzen die Gäste des Cafés über ihre Macbooks gebeugt.

IMG_4935
Der Sitz der Aspire Unternehmensgruppe in Tel Aviv

imago/westend61

Levy ist nun selbst Vermieter; er gehört zu den Anlegern, die eine Wohnung von der Gruppe Berlin Aspire gekauft haben. Fragt man ihn, wie er die Nachfrage nach den Berliner Wohnungen erklärt, holt er etwas weiter aus. Er überlegt, dann sagt er: „Ich glaube, als Jude, vor allem als Israeli ist man sich nie ganz sicher. Es ist sich niemand wirklich sicher, wie lange das hier gut geht.“ Das hier, das ist der Staat Israel. Viele Menschen hier suchten sich lieber ein zweites Standbein, einen zweiten Pass und am besten auch eine Unterkunft in einem anderen Land. Levy sagt: „Es war für uns ausschlaggebend zu sagen: Wir haben eine kleine Wohnung in Berlin, wo eins der Kinder hingehen kann, um zu studieren.“

Levy – auch er heißt eigentlich anders – spricht akzentfrei Deutsch. Er ist in Berlin geboren und aufgewachsen. Vor rund acht Jahren begann er, nach einer Wohnung zu suchen, und als er auf die Website der Gruppe Berlin Aspire stieß, überlegte er nicht lange – er hatte Sorge, zu spät zu kommen. Wieder einmal. Levy hat in den Neunzigerjahren in London studiert und sah dort Preise, die ihm damals schon irrsinnig vorkamen. Als er später nach Tel Aviv zog, dämmerte ihm, dass er sich auch hier nichts mehr würde leisten können: „London haben wir verpasst, Tel Aviv haben wir verpasst“, in Berlin sollte ihm das nicht noch einmal passieren.

Anders als die meisten anderen Käufer wusste Levy, was der deutsche Mieterschutz vorgibt. Er arbeitet selbst in der Baubranche. Dass mit dem Modell der Aspire-Gruppe Risiken verknüpft sind, war ihm bewusst. Dennoch bereut er den Kauf der Wohnung nicht. Nur eins hat ihn geärgert. Vor ein paar Jahren schrieb ihm seine Mieterin einen Brief. Sie warf ihm vor, die Gentrifizierung in Berlin voranzutreiben. Nir Levys Gesicht nimmt einen harten Zug an. „Es war ein unverschämter Brief“, sagt er. Ihn irritiert der Zorn, der aus dem Schreiben sprach. Generell kann er nichts anfangen mit den Protesten gegen Mietsteigerungen in Berlin, der Schärfe der Debatte. Manchmal kommt ihm das alles ignorant vor.

„Eine Wohnung in Berlin zu kaufen, ist das schlaueste Investment, das du tätigen kannst“. Zitat aus einem Werbeclip der Firmengruppe Aspire.

Er deutet zwischen die niedrigen Wohnblocks gegenüber, Betonquader mit Balkonen und Palmen im Vorgarten, er lebte früher ganz in der Nähe. Die Nachbarin unter ihm in der Wohnung war 95 Jahre alt und sprach nur Deutsch, sagt er: Sie kam aus Pankow, wo sie ein großes Haus besessen hatte. „Diese Leute, die vertrieben wurden“, sagt er, „deren Enkel kaufen nun Wohnungen in Berlin, zumindest teilweise.“ Er lässt den Gedanken in der Luft hängen, eine Schlussfolgerung zieht er nicht.

Deutlich wird nur sein Gefühl, dass es um mehr geht als um eine Debatte um soziale Verdrängung. Levy macht sich auf den Weg. Im Gehen wendet er noch einmal den Kopf und sagt: Es sei ja toll, dass die Mieter in Berlin lange Zeit so günstig leben konnten, „aber irgendwann fangen die Dinge an, sich zu verändern“.

Auf der Website der Berlin Aspire Gruppe sind Fotos vom Reichstag, der Humboldt-Universität, vom Brandenburger Tor zu sehen, hübsche bunte Bilder, wie gemacht für einen Werbeprospekt. Sie zeigen nur einen Ausschnitt des Ganzen. Von den Straßen, in denen die Aspire-Häuser liegen, ist auf der Website wenig zu sehen außer den vorteilhaft abgelichteten Gründerzeithäusern.

IMG_4920
In Israel sind Mieter weit weniger geschützt als in Deutschland.

imago/westend61

Die Firma hat vor allem in sozial abgerutschten Straßenzügen gekauft, in Teilen vom Wedding, Moabit und Neukölln. Die Menschen, die in den Häusern wohnen, wissen oft nichts von den Eigentümern ihrer Wohnung. Und viele Käufer kennen weder den Kiez noch ihr Haus. Für sie ist ihre Wohnung abstrakt und fern, eben eine reine Geldanlage.

Inwieweit sie davon profitieren, ist unterschiedlich. Bei manchen brachen die Erträge nach den ersten drei Jahren drastisch ein. Andere wie Nir Levy sagen, dass sie kaum einen Unterschied merken. Es gibt auch Käufer, die das Modelll Berlin Aspire zu nutzen verstehen, Anleger, die sechs, sieben Wohnungen quer durch Berlin verteilt gekauft haben – oder zum Teil nach einigen Jahren mit einem Plus von 40 Prozent wieder verkaufen.

In etlichen Kaufverträgen, die die Berliner Zeitung eingesehen hat, steht immer die gleiche Klausel: „Der Käufer erklärt, er hatte die Gelegenheit, Grundstück, Gebäude und Wohnungen eingehend zu besichtigen.“ Die Firma hafte deshalb nicht für Sachmängel. Ansprüche auf Schadenersatz sind ausgeschlossen. Aber viele der israelischen Käufer haben ihre Wohnung vor dem Kauf nicht angesehen, auch Moshe Rubin nicht: Er ging davon aus, dass es nicht wichtig sei, er vertraute den Zusagen der Berlin Aspire Gruppe.

Rubin, der auch anonym bleiben will, lebt mit seiner Frau in einem ruhigen Städtchen im Hinterland von Tel Aviv, in einer Gasse voll glatter Apartmenthäuser. Der Weg führt vorbei an eingerüsteten Rohbauten und Bauzäunen, auf denen die Simulationen der Projektentwickler zu sehen sind, makellose Fassaden, quietschblauer Himmel.

Moshe und Miriam Rubin sitzen auf der Couch in ihrem Wohnzimmer, zwei ältere Leute, er mit Karohemd und Brille, sie mit rotbraun getönten Haaren und Steppweste. „Wir haben Berlin ein paar Mal besucht und mochten es sehr“, sagt sie. „Da kam uns die Idee, dass wir gerne eine Wohnung hätten, um dort den Sommer zu verbringen.“ Lange nachgedacht über den Kauf haben sie nicht, räumen sie ein, sie waren sich keines Risikos bewusst; auch die Verträge haben sie nicht im Detail gelesen.

„Die Deutschen tun immer, als wenn sie keine höheren Mieten verkraften, aber manche sind wohlhabende Leute.“ Kleinanleger Moshe Rubin (Name geändert).

Sie eilt nach hinten in die Küche, um Kaffee und einen Teller mit süßem Gebäck zu holen; beide sind höflich und freundlich. Nur eine Bedingung haben sie vorher festgelegt: Die Firmengruppe Berlin Aspire wollen sie nicht kritisieren.

Die beiden Rentner sind verunsichert, aber sie scheuen sich, dem Gründer der Firmengruppe Vorwürfe zu machen. „Adi Keizman ist ein aggressiver Verkäufer“, so formuliert es Rubin, „aber wirklich betrogen hat er uns nicht.“

In ihrer Berliner Wohnung lebt eine Frau, deren Mietvertrag aus den Neunzigerjahren stammt. Die zahlt eine Miete von fünf oder sechs Euro pro Quadratmeter. Das wussten sie zwar. Nur gingen sie davon aus, dass es nicht schwer sein würde, die Frau loszuwerden. So zumindest haben sie die Mitarbeiter der Firmengruppe Berlin Aspire verstanden: Sie dachten, man müsste ihr nur ein paar Tausend Euro anbieten.

Die beiden wissen nun, dass sie sich geirrt haben. Rubin sagt, er habe der Mieterin 50.000 Euro geboten, damit sie auszieht. Sie lehnte ab. „Die zahlt Peanuts“, ruft er aufgebracht, „die Deutschen tun immer, als wenn sie keine höheren Mieten verkraften, aber manche sind wohlhabende Leute.“ Nun wartet er, bis ihr Mieterschutz abgelaufen ist, von zehn Jahren sind fünf um.

MW20190208_226
Straßenzug in Neukölln.

Markus Wächter

Im Moment aber können sie weder vor noch zurück. Sie können die Wohnung nicht selbst nutzen. Und auch ein Verkauf ist nicht so leicht bei einer Wohnung, in der eine Altmieterin lebt. Moshe Rubin hat bei einem Makler in Berlin angefragt, dort sagte man ihm, dass er vielleicht 225.000 Euro erlösen könnte, das sind gerade zehn Prozent mehr, als er selbst vor fünf Jahren bezahlt hat, sagt er bitter, „also fast gar nichts“.

Er und seine Frau hatten keine Ahnung von den Mieterschutz-Regelungen in Berlin; so ganz erschließt sich ihnen die Rechtslage bis heute nicht. „Deutschland ist sozialistisch“, murmelt Rubin. Er und seine Frau haben versucht, sich zu informieren, aber je mehr sie herausfanden, umso mehr stellten sie fest, wie wenig sie Bescheid wissen. „Immer, wenn wir uns mit der Sache befassen, kommt noch etwas Neues dazu“, sagt Miriam Rubin. „Es wird komplizierter und komplizierter.“

Das Haus mit ihrer Wohnung steht im Norden von Neukölln nahe dem Paul-Linke-Ufer. Der hellgelbe Anstrich ist schmuddelig, da und dort blättert der Putz. Im Innenhof steht ein toter Baum. Es ist früh am Abend, nur vereinzelt sind Fenster beleuchtet. Auf vielen der Klingelschilder stehen keine Namen mehr.

ISIN_Teil1_ohne-Schrift-e1550322047557.jpg
Autoren
Gabriela Keller
Kai Schlieter

Fotograf
Gabriela Keller
Markus Wächter

Video
Tom Schildberg

Illustration
Annette Tiedge

Projektleitung
Felix Firme
Kai Schlieter
Gabriela Keller