Von Michael Brettin

Die erste Schlacht des Kalten Krieges

Wie kam es zur Berlin-Blockade vor 70 Jahren? Was folgte daraus? Und wie erlebten Menschen in West und Ost den Konflikt der Großmächte?

Die erste Schlacht des Kalten Krieges von Michael Brettin

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Eng beieinander stehen sie, weit über eine Viertelmillion Menschen zählen Beobachter. Nicht wenige sind aus dem Ostteil der Stadt gekommen. Unter dem Motto „Berlin ruft die Welt“ steht die Kundgebung auf dem Platz der Republik vor dem Reichstag, zu der sie sich eingefunden haben. Auf den Stufen des vom Krieg zerstörten Gebäudes spricht der Mann, der nicht Oberbürgermeister sein darf.

Gebannt lauschen die Zuhörer am 9. September 1948, einem Donnerstag, Ernst Reuter. Das Stadtparlament hat den SPD-Politiker im Juni des vorangegangenen Jahres gegen die Stimmen der SED zum Oberbürgermeister Groß-Berlins gewählt, die Alliierte Kommandantur hat ihn wegen des Vetos der Sowjets nicht im Amt bestätigt.

„Ihr Völker der Welt …“ Ernst Reuter spricht am 9. September 1948 auf dem Platz der Republik vor dem Reichstag. Es wird die Rede seines Lebens. Foto: akg-images

Mit fester Stimme plädiert Reuter für die Einheit Berlins: „Ihr Völker der Welt, ihr Völker in Amerika, in England, in Frankreich, in Italien!“ Er hebt beschwörend die Hände. „Schaut auf diese Stadt und erkennt, dass ihr diese Stadt und dieses Volk nicht preisgeben dürft, nicht preisgeben könnt!“ Es ist ein Hilferuf. Und zugleich eine Durchhalteparole.

Seit 77 Tagen blockiert die UdSSR den Westteil Berlins, den die USA, Großbritannien und Frankreich kontrollieren: Die Stromlieferungen aus dem Osten sind eingestellt, der Güter- und Personenverkehr auf Straße und Schiene, auf Flüssen und Kanälen ist gesperrt.

Seit 75 Tagen versorgen die Westmächte gut zwei Millionen West-Berliner über eine Luftbrücke.

Ingrid Thielcke (84) war 14 Jahre alt, als die Blockade West-Berlins begann, sie lebte in Kreuzberg, damals amerikanischer Sektor. Foto: Michael Brettin

„Wir waren da, vor dem Reichstag, bei Reuters Rede“, sagt Ingrid Thielcke, „meine Eltern und ich, mittendrin.“ An Einzelheiten kann sie sich nicht mehr erinnern. Sie hebt entschuldigend die Arme, zuckt mit den Schultern und lehnt sich zurück in das Sofa in ihrer Küche. Auf dem Tisch steht ein Schüsselchen mit Shortbread, schottischem Mürbeteiggebäck, dazu dampft ein Tässchen Espresso, den sie soeben aufgekocht hat.

Im September 1948 stand sie kurz vor ihrem 15. Geburtstag. Politik fand sie wenig interessant. Mit ihren Eltern, ihrer Schwester und ihrem Bruder wohnte sie in Kreuzberg, im amerikanischen Sektor. Bei der Oma, der Mutter ihrer Mutter, war sie mit ihrer Familie ein Jahr nach Kriegsende untergekommen. Zu sechst lebten sie in einem Zimmer.

„Für uns war während der Blockade nur interessant, welches Planquadrat wann Strom hat“, sagt die heute 84-Jährige. Es ging weniger darum, Licht zu haben oder Radio zu hören, sondern allem voran darum, Essen zu machen.

Während Ernst Reuter vor dem Reichstag spricht, kommt es wenige Hundert Meter weiter, an der Sektorengrenze am Brandenburger Tor, zu Rangeleien zwischen Demonstranten und Ost-Berliner Polizisten. Nach Ende der Kundgebung eskaliert die Lage: Protestler holen die Rote Fahne vom Brandenburger Tor ein, Polizisten schießen um sich, ein Jugendlicher sackt vor dem Hotel Adlon zusammen, von einer Kugel getroffen.

Wolfgang Scheunemann ist der jüngste bekannte Tote der ersten Schlacht des Kalten Krieges, wie der Politiker Egon Bahr die Berlin-Blockade nannte. Der 15-Jährige Schüler wird nicht das letzte Opfer sein.

Wie konnte es so weit kommen?

„Wer ein Gebiet besetzt, wird auch sein Gesellschaftssystem bestimmen.“ Stalin soll das gesagt haben, in einem Gespräch mit dem Politiker Milovan Djilas im April 1945. Da hat die Sowjetunion bereits in Polen, Albanien und Bulgarien sowie Ungarn moskautreue Regime eingesetzt. Die USA reagieren darauf ab 1947 mit der Containment-Politik, die auf die „Eindämmung des sowjetischen Imperialismus“ abzielt.

So nimmt der Kalte Krieg seinen Lauf. Und plötzlich, drei Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, ist Berlin wieder Frontstadt.

Im vorherrschenden Geschichtsbild sind die Fronten klar verteilt: Da die guten Amis, dort die bösen Russen.

Diese Sicht verliere an Eindeutigkeit, wenn der Verlauf des Konflikts auf internationaler Ebene einbezogen werde, schreibt der Historiker Gerhard Sälter in dem Sammelband „Die Berliner Luftbrücke“, der zu deren 70. Jahrestag erschienen ist (Ch. Links Verlag, 25 Euro). Selbst unter Stalin sei die sowjetische Politik nicht darauf ausgerichtet gewesen, West-Berlin dem eigenen Herrschaftsbereich zuzuschlagen, glaubt Sälter, der die Abteilung Forschung und Dokumentation in der Stiftung Berliner Mauer leitet. Erst der von Großbritannien unterstützte Entschluss der USA, Westdeutschland als Separatstaat zu gründen, habe die Berlin-Frage auf die sowjetische Agenda gebracht.

Dieter Bischof (83) war 13 Jahre alt, als die die Blockade West-Berlins begann, er lebte in Treptow, damals sowjetischer Sektor. Foto: Michael Brettin

Die Sechsmächtekonferenz in London stellt die Weichen dafür. An den Außenministertreffen vom 23. Februar bis zum 2. Juni 1948 nehmen außer den USA, Großbritannien und Frankreich auch Belgien, die Niederlande und Luxemburg teil. Die UdSSR ist nicht eingeladen.

Dieter Bischof bekommt von alldem nichts mit. Wie alle Jungen und Mädchen seines Alters hat der 13-Jährige anderes im Kopf als Politik. Wann immer er kann, spielt er Tennis, radelt kreuz und quer durch Berlin, paddelt über Flüsse und Seen.

„Wenn ich auf dem Wasser war, dachte ich nicht daran, ob ich nun im Osten oder im Westen bin“, sagt der heute 83-Jährige. Auf dem Esstisch in seiner Wohnung liegt ein alter Stadtplan: „Liniennetz der BVG im demokratischen Sektor“, herausgegeben vom Ministerium des Innern der DDR. Zu sehen ist nur der Ostteil Berlins, auf der linken Seite, der westlichen, strahlt ein weißer Fleck. „Wir haben in Johannisthal gewohnt.“ Er tippt auf eine Stelle im Süden der Karte. „Das ist der Teltowkanal.“ Er zieht mit dem Zeigefinger die blau schraffierte Linie nach, die an Johannisthal grenzt, das damals zum sowjetischen Sektor gehörte. „Dahinter lag der US-Sektor.“

In einem Mietshaus gegenüber dem Rathaus wohnte die fünfköpfige Familie Bischof: die Eltern, eine Tochter, zwei Söhne. „Es waren beengte Wohnverhältnisse“, sagt Dieter Bischof, „das große Zimmer war der Laden.“ Seit 1929 führten sein Vater und seine Mutter den Laden: eine Bäckerei und Konditorei.

Ein Stück Glück in Krisenzeiten.

Es ist eine Zeit, in der die Weltgeschichte galoppiert. Am 20. März 1948 weigert sich der Alliierte Kontrollrat, der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland (SMAD) Auskunft über bisherige Ergebnisse der Sechsmächtekonferenz zu geben. Daraufhin stellen die Sowjets ihre Mitarbeit im Rat ein. Zwölf Tage später, am 1. April, errichten sie Kontrollpunkte um und in Berlin – an 71 Straßen und 17 Bahnhöfen sowie 10 Flüssen und Kanälen.

Die Kontrollpunkte sind frisch gesetzt, da unterzeichnet US-Präsident Truman am 3. April 1948 das Marshallplan-Gesetz. Der zehn Monate zuvor präsentierte Wirtschaftsplan, der auf eine wettbewerbsorientierte Ordnung fußt, soll Europa wieder auf die Beine helfen – und die Ausbreitung des Kommunismus verhindern.

Im Juni 48 geht es Schlag auf Schlag: Am 16. verlässt die UdSSR auch die Alliierte Kommandantur; am 20. tritt in der Trizone (Westzone), den drei westlichen Besatzungszonen unter Ausschluss der Berliner Westsektoren, eine Währungsreform in Kraft: die Ablösung der Reichsmark durch die Deutsche Mark – ohne sowjetische Zustimmung; am 24. kommt die D-Mark auch nach West-Berlin, nachdem die SMAD angekündigt hat, in allen vier Sektoren eine neue Währung, die Ostmark, einzuführen; am selben Tag beginnt die Berlin-Blockade.

Für die UdSSR ist die Währungsreform ein willkommener Anlass zur Blockade: Stalin will Berlin als Faustpfand verwenden, um die Weststaatsgründung zu untergraben.

Furcht legt sich über die Stadt. „Vor den Russen“ habe sie Angst gehabt, gibt Ingrid Thielcke zu. Leise spricht sie auf einmal, eingeschüchtert wirkt sie. Dabei habe sie nie schlechte Erfahrungen mit sowjetischen Soldaten gemacht. Im Gegenteil. „Die haben uns zu essen gegeben, die waren nett, sympathisch.“ In Jüterbog sei das gewesen, wohin der Krieg ihre Familie 1945/46 verschlagen hatte. „Dieses fantastische russische Kommissbrot – ich schmecke es noch heute!“

Und doch sei da diese Angst gewesen. Man habe ja so viel gehört über die Russen.

Unter keinen Umständen will US-Präsident Truman einen Krieg riskieren. Seinem Militärgouverneur Lucius D. Clay gibt er Order, keinerlei militärische Maßnahmen zu ergreifen. In den Augen von Clay aber würde ein Zurückweichen zu einem weiteren Vordringen der Sowjets führen.

Da hat sein britischer Kollege Brian Robertson eine Idee: die Kleine Luftbrücke zur Versorgung der amerikanischen und britischen Garnisonen auf eine Luftbrücke zu erweitern, die die Zivilbevölkerung aller drei Westsektoren versorgt.

Die Mehrheit der Bevölkerung in der Trizone ist überzeugt: Auf Dauer ist Berlin als westalliiert verwaltete Stadt inmitten einer sowjetisch besetzten Zone nicht zu halten. Selbst Otto Suhr, Vorsteher der Stadtverordnetenversammlung, glaubt, dass die Westmächte Berlin aufgeben werden.

Blockade-Alltag: Ein amerikanisches Flugzeug mit Hilfsgütern für West-Berlin steuert Tempelhof an. Foto: dpa picture-alliance/akg-images

Am 26. Juni 1948 landet das erste Flugzeug mit Hilfsgütern in West-Berlin, bis Ende September 1949 folgen 277568 Maschinen, alle drei Minuten eine. Rechnen die Verantwortlichen anfangs mit 750 Tonnen Fracht pro Tag, erzielen sie im Laufe der Monate bis zu 12849 Tonnen – mit 1398 Flügen in 24 Stunden bei der „Oster-Parade“ am 15./16. April 1949.

Noch im Juli 1948 fürchten 86 Prozent der befragten West-Berliner, die Stadt werde trotz der Luftbrücke nicht über den Winter kommen. Die Erinnerung an den „Hungerwinter“ 1946/47 ist noch allgegenwärtig. Aber schon im Oktober sagen 85 Prozent, sie seien zuversichtlich, dass die Luftbrücke sie über die kalte Jahreszeit bringen würde.

Tatsächlich lässt der Winter 1948/49 Milde walten: An nur elf Tagen fällt das Thermometer unter 0 Grad Celsius. So gelingt es, dass die Luftbrücke den West-Berliner Bedarf an Kohle als Brennstoff und zur Stromproduktion sowie an Lebensmitteln auch in jenen Monaten decken kann.

Die Westalliierten nutzen drei Luftkorridore: die beiden im Norden und Süden für Hinflüge, den in der Mitte für Rückflüge. Rund 2,1 Millionen Tonnen Fracht werden eingeflogen, davon fast 1,44 Millionen Tonnen Kohle und knapp 487.000 Tonnen Lebensmittel, allen voran Produkte, die kein bis wenig Wasser enthalten, um Gewicht zu sparen, als da sind Weizenbrot und Maismehl, Trockenkartoffeln, Dörrgemüse und -obst, Ei- und Milchpulver, Hülsenfrüchte, Tubenkäse und Büchsenfleisch.

Außerdem werden 81730 Tonnen Fracht ausgeflogen, hauptsächlich Produkte mit dem Aufdruck „Hergestellt im blockierten Berlin“; dazu werden 227.655 Passagiere befördert.

Die tägliche Ration des Normalverbrauchers besteht aus 400 Gramm Brot, 400 Gramm Trockenkartoffeln, 40 Gramm Nährmittel, 20 Gramm Zucker, 40 Gramm Fleisch und 10 Gramm Fett, alles in allem 1570 Kalorien. Niemand verhungert, aber viele sind ständig hungrig.

„Uns ging es gut, wir hatten immer zu essen“, sagt Dieter Bischof. „Meine spätere Frau aber, die in Siemensstadt aufwuchs, die litt unter der Mangelernährung.“ Als Ortsteil von Spandau gehörte Siemensstadt zum britischen Sektor.

Hungern musste auch Ingrid Thielcke nicht, wenngleich nicht alles geschmeckt habe. Die Trockenkartoffeln zum Beispiel. „Widerlich!“ Sie verzieht das Gesicht, als hätte sie sich eine Gabel voll in den Mund gesteckt und kaute darauf herum. „Die wurden beim Kochen erst grün, dann blau, schließlich schwarz, aber eines nie: gar.“

Das Milchpulver hingegen sei so lecker gewesen, „dass wir es gelöffelt haben“. Auch Pemmikan, eine Mischung aus Dörrfleisch und Fett, ursprünglich Proviant der Indianer Nordamerikas, habe sie begeistert. „Wie das schmeckte!“

Als Piloten damit anfangen, selbst gebastelte Fallschirmchen mit Süßigkeiten für Kinder abzuwerfen – die Idee wird Gail Halvorsen zugeschrieben –, bekommen ihre Flugzeuge flugs einen Spitznamen: Candy Bomber (Süßigkeiten-Bomber). Und nachdem ein britischer Pilot in der Vorweihnachtszeit 1948 eine Ladung Rosinen für die Weihnachtsbäckerei nach West-Berlin geflogen hat, heißen sie Rosinenbomber – so zumindest ist es überliefert.

„Die Flugzeuge bogen über unseren Tennisplatz unweit der Köpenicker Landstraße in Baumschulenweg ein zum Landeanflug auf Tempelhof“, sagt Dieter Bischof.

Das Dröhnen der Motoren hat viele Berliner an die Bombenangriffe erinnert. Dieter Bischof nicht. Er schüttelt, darauf angesprochen, den Kopf, lächelt und sagt: „Ich zeige Ihnen was“, geht in eines der Zimmer nebenan, an deren Wänden Bücher zu wachsen scheinen, kommt wieder, legt ein Buch auf den Tisch, schlägt die Seiten 94/95 auf, zeigt auf ein Foto und sagt: „Das ist eine Sunderland.“

Die „Short S.25 Sunderland“ war ein britisches viermotoriges Langstrecken-Mehrzweckflugboot. Auch diese Maschinen flogen die Luftbrücke;  sie starteten in Hamburg-Finkenwerder auf der Elbe und landeten in Berlin auf der Havel oder auf dem Großen Wannsee.

„Mit einem Schulkameraden bin ich bei Pichelsberg die Havel runtergepaddelt“, beginnt Dieter Bischof zu erzählen. „Und als wir auf dem Wannsee waren, erschien über uns eine Sunderland. Die brummte mordsmäßig. Und kam immer tiefer. Die war im Landeanflug. Und kam auf uns zu. Wir paddelten um unser Leben.“ Die Maschine sei schließlich über sie hinweg geflogen und habe auf dem Wasser aufgesetzt. Vom Ufer sei ein Polizeiboot auf sie zugefahren. Ein Polizist habe gebrüllt: Ihr Lausejungen! Dann seien sie ans Ufer gezogen und verwarnt worden. Nach einer Atempause sagt er: „Ich bin da nie wieder gewesen.“

Dicker Brummer: Ein britisches Flugboot des Typs Short S.25 Sunderland mit Hilfsgütern für West-Berlin wird auf dem Wannsee entladen. Foto: dpa picture-alliance/United Archives/TopFoto

Die Luftbrücke war eine fliegerische und logistische Meisterleistung, die allen voran die Sowjets nicht für möglich gehalten hatten. Aber: „Die Blockade war nicht als vollständige Abschnürung geplant oder auf das Aushungern West-Berlins angelegt und wies entsprechende Lücken auf“, schreibt der Historiker Gerhard Sälter. Die Grenzen zum Umland seien ohne erheblichen Personalaufwand ohnehin nicht vollständig zu kontrollieren gewesen.

Jörg Echternkamp, Professor an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Wissenschaftlicher Direktor am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr in Potsdam, verweist in demselben Buch auf die engen Bande im Berlin-Brandenburger Raum, „die gemeinsamen Kriegs- und Nachkriegserfahrungen, das verbreitete, mit starken antirussischen Ressentiments unterlegte Gefühl, Opfer von Krieg und Besatzung zu sein“. Diese „Gemengelage“ habe dazu geführt, dass die Berliner und Brandenburger die Blockade unterliefen.

Während der Blockade arbeiten 110.000 West-Berliner im Osten und 106.000 Ost-Berliner im Westen der Stadt. Bewohner aus dem Westteil können im Ostteil und in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ/Ostzone) einkaufen. Andere gehen auf  „Hamsterfahrt“. Und dann sind da noch die „Schieber“, die Schwarzhandel betreiben.

Wohl dem, der Familienbande im Osten hat. Ingrid Thielke erinnert sich an den Onkel, den Bruder ihrer Mutter, in Ost-Berlin, der sie unter anderem mit Zucker versorgte, und an die Oma, die Mutter ihres Vaters, die von der Insel Rügen Aale mitbrachte, geschmuggelt in Gummistiefeln.

Die Bäckersfamilie Bischof in Johannisthal bekam während der Blockade oft Besuch von ihren Verwandten aus West-Berlin. „Die sind immer mit leeren Taschen zu uns gekommen und mit vollen gegangen“, sagt Dieter Bischof, „voll mit Brot und Kohle.“ Später seien sie nicht mehr gekommen.

Um einen Ausverkauf der auch im Osten knappen Güter zu vermeiden, verstärken die dortigen Behörden die Kontrollen im Sektorengrenzbereich: in den Straßen, in der U- und S-Bahn. Bis April 1949 sperren sie mehr als 50  Straßen. Mitgebrachte Waren werden häufig beschlagnahmt. Schließlich muss die Mitnahme praktisch aller Waren zuvor beantragt und genehmigt werden.

Bei Kontrollen kommen drei Menschen ums Leben.

Der Volkspolizist Fritz Maqué, 50, wird am 30. Oktober 1948 auf der Oberbaumbrücke von einem Laster angefahren, der Fahrer kann mit dem Lkw nach Kreuzberg fliehen; Maqué stirbt einen Tag später. Der Fall ist ungeklärt – das Kennzeichen des Wagens wurde falsch abgelesen oder war gefälscht.

Kurt Wolf, 40 bis 45, Mitarbeiter eines Fuhrunternehmens, fährt in der Nacht zum 23. Januar 1949 über die Behmstraßenbrücke. Er steht auf dem Trittbrett eines Lkw. Dessen Fahrer ignoriert das Haltezeichen der Volkspolizisten und bricht nach West-Berlin durch. Drei Schüsse treffen Wolf in den Kopf.

Helmut Ryll, Anfang 40, nähert sich am 17. Februar 1949 der Oberbaumbrücke. Bei der Kontrolle steigen zwei Volkspolizisten zu ihm in den Wagen. Sie fordern ihn auf, zur Wache am Schlesischen Bahnhof (heute Ostbahnhof) zu fahren. Stattdessen fährt er Richtung Kreuzberg. Ein Polizist schießt zweimal auf ihn. Ryll stirbt.

Anfang 1949 ist der Strom noch immer streng rationiert. Betriebe schließen. Von Juni 48 bis 49 Mai steigt die Arbeitslosigkeit um 250 Prozent, heißt: 15 Prozent der Bevölkerung ist arbeitslos.

Haushalte haben zwei Stunden am Tag und zwei Stunden in der Nacht Strom. Den Stromfluss des Nachts nutzen Frauen zum Kochen. Sie stellen das Essen in Kochkisten oder legen es unter die Bettdecke, damit es am nächsten Tag zumindest noch lauwarm ist.

„Mein Vater war Elektriker und sehr erfindungsreich“, sagt Ingrid Thielcke. „Er zapfte im Keller die Leitung an, über die die Treppenbeleuchtung in unserem Mietshaus lief. Der Strom ging nicht auf unsere Wohnung, sondern aufs Haus. Das ist nie rausgekommen.“ Sie lacht herzlich auf.

Mit einer Gegenblockade setzen die Westmächte die UdSSR  unter Druck. Bestimmte Güter, allen voran hochwertige Technologie, werden ab September 1948 nicht mehr in die SBZ geliefert, andere sind von Lizenzen abhängig.

Die Wirkung der Gegenblockade verstärkt sich dadurch, dass die Wirtschaft in der SBZ in einem schlechten Zustand verharrt. Bis Ende 1947 sind als Reparationsleistungen vermutlich 65 Prozent der industriellen Kapazität in die Sowjetunion transportiert worden, zudem müssen hohe Abgaben aus der laufenden Produktion erbracht werden.

Hinzu kommen Umstellungsprobleme durch die Bodenreform und die – politisch gewünschte – Schwächung der privaten Wirtschaft zugunsten Sowjetischer Aktiengesellschaften (SAG) und Volkseigener Betriebe (VEB).

„Blockade und Luftbrücke hatten massive Folgen für die Versorgung der Menschen auch in der SBZ“, schreibt der Historiker Jörg Echternkamp. „Weil die Länder in der SBZ zusätzlich Lebensmittel und Güter nach Berlin liefern mussten, wurden insbesondere in Sachsen und Thüringen die Nahrungsmittel knapp.“

Seit Anfang 1949 gehen immer mehr Menschen vom Osten in den Westen und bleiben dort. Viele sind in berufstätigem Alter und gut ausgebildet.

Vor diesem Hintergrund hebt die UdSSR die Blockade auf. Kurz vor Mitternacht des 11./12. Mai 1949 fließt wieder Strom in die Westsektoren, ab 0.01 Uhr sind die Verkehrswege zu Lande und zu Wasser wieder offen.

Die Luftbrücke wird schrittweise abgebaut, bis Lagerbestände für zwei Monate erreicht sind; die Flüge werden am 30. September 1949 eingestellt. Die Hilfsaktion forderte nach heutigen Erkenntnissen 85 Menschenleben: 41 Briten, 31 Amerikaner und 13 Deutsche starben bei Abstürzen und Unfällen.

In der ersten Schlacht des Kalten Krieges erlitt die UdSSR eine Niederlage. Dem Historiker Gerhard Sälter zufolge war es den sowjetischen Strategen darum gegangen, „in Berlin Loyalitätsbindungen zu den Westmächten (zu) stören und die Bevölkerung gegen die westliche Politik (zu) mobilisieren“. Stattdessen sei es zu Solidarisierungseffekten gekommen: „zwischen den drei Westmächten, zwischen ihnen und der Berliner Bevölkerung sowie zwischen den in Ost- und West-Berlin Lebenden. Der Antikommunismus gewann an Boden, während die Sowjets wie die SED gleichermaßen an Prestige verloren.“

Berlin-Blockade und Luftbrücke beschleunigten die Integration des westlichen Teils Deutschlands in die westliche Weltgemeinschaft. Die Bundesrepublik gründete sich im Mai 1949, die DDR fünf Monate später. Die Besatzer in West-Berlin waren da längst zu Schutzmächten geworden. Und Freunden.

Mission erfüllt: Der letzte Flug der Operation Vittles (Operation Proviant), wie die Amerikaner ihren Beitrag zur Luftbrücke nannten, ist vollbracht. Foto: dpa picture-alliance/Imagno/Votava

Noch zwei Mal war Berlin Hauptschauplatz des Kalten Krieges: 1958 stellte Chruschtschow sein Berlin-Ultimatum, in dem er die Umwandlung der Stadt zu einer Freien Stadt forderte, und 1961 wurde die Berliner Mauer errichtet.

Ingrid Thielcke blieb West-Berlin treu, abgesehen von einigen längeren Auslandsaufenthalten mit ihrem Mann und ihren Kindern. Sie studierte Biologie, arbeitete später ein Vierteljahrhundert lang als Stadtführerin in Berlin, Potsdam und im Spreewald – sie spricht Englisch, Französisch, Spanisch, Italienisch.

Dieter Bischof verließ Ost-Berlin zwei Jahre vor dem Mauerbau, nachdem er an der FU Berlin sein Diplom in Wirtschaftswissenschaften gemacht hatte. „Im Osten durfte ich nicht studieren, weil mein Vater ,Kapitalist‘ war.“ Er ging nach Stuttgart, arbeitete dort für die Kreditversicherungs-Gesellschaft Hermes und kam nach Eintritt ins Rentenalter 1998 zurück in seine Heimatstadt. „Das war nach der Wende so geplant.“

Lange noch hallte Ernst Reuters Appell vor dem Reichstag auch im Osten Berlins und Deutschlands nach. Zum ersten Jahrestag des Mauerbaus wollte die SED das für sich nutzen. Die Partei gab bei der DEFA einen Dokumentarfilm in Auftrag, der die Beweggründe für den Mauerbau aus ihrer Sicht aufzeigt. Titel: „Schaut auf diese Stadt.“

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Autoren
Michael Brettin