Von Pola Kapuste

Zwei Schulwelten

Antonio und Rojin gehen in die elfte Klasse in Berlin. Antonio auf eine bilinguale Privatschule, Rojin auf eine öffentliche Sekundarschule. Ein Unterrichtsbesuch bei den beiden zeigt, wie ähnlich und doch verschieden ihre Situation ist.

Zwei Schulwelten von Pola Kapuste

IMG_6261a.jpg
Antonio geht in die elfte Klasse der Berlin Cosmopolitan School.

Am Montag um zwölf beginnt Antonios Englisch-Leistungskurs. Er sitzt mit seinen acht Mitschülern an einem gemeinsamen Tisch, als die Lehrerin Tiffany Diamond reinkommt. Thema der heutigen Stunde: Der dritte Akt von Macbeth. Bevor die Schüler die einzelnen Szenen in Dreiergruppen vorbereiten, fragt Diamond, worauf die Schüler beim Lesen und Vortragen ihrer Parts achten müssen. Die Antworten kommen schnell: „Interpunction.”, “Facial Expression.”, “Pronounciation.“Der Unterricht an der privaten Berlin Cosmopolitan School in Mitte findet auf Englisch statt. Nicht nur in diesem Leistungskurs, sondern in allen Fächern ab der ersten Klasse. Nur Deutsch und Sport werden auf Deutsch unterrichtet.

Am Freitag derselben Woche sitzt Rojin um zehn in ihrem Profilfach Politik. Sie hat elf Mitschüler in diesem Kurs. Hannes Hauenschild beginnt den Unterricht mit einer Folie, auf der aktuelle Ereignisse der Woche zu sehen sind: Ein Diagramm über die Ergebnisse der Landtagswahl in Niedersachsen, ein Bild des österreichischen Kanzlerkandidaten Sebastian Kurz und ein Gruppenbild der Vertreter von FDP, CDU und Grünen beim Treffen zur Jamaika-Sondierungsverhandlung.

Die meisten Schüler haben Schwierigkeiten, die Bilder einzuordnen, doch Juan weiß über die Wahl in Niedersachsen Bescheid. Er hat dazu einen Artikel auf Spiegel Online gelesen. Das Besondere an der Wahl sei, dass die SPD gewonnen hat. Seit vielen Wahlen habe nämlich immer die Union gewonnen. Außerdem sei das Ergebnis der AfD zurückgegangen, die hatten vorher 11 oder sogar 12 Prozent und hier nur noch 6,2, so Juan.

Hauenschild hakt nach: „Wo hatte die AfD denn 12,6 Prozent?“ – „In Deutschland.“ „Und wo sind wir jetzt?“ – „In Niedersachsen.“ „Genau, die beiden Wahlen kann man nicht gleichsetzen. Bundesweit hat die AfD immer noch 12,6 Prozent. Aber du hast natürlich Recht, das ist ein deutlich niedrigeres Ergebnis.“

Rojin und ihre Mitschüler sind die ersten Elftklässler der Emanuel-Lasker und der Refik-Veseli-Schule. Die beiden öffentlichen Sekundarschulen haben sich zusammengetan und eine Oberstufe gegründet. „Durch den Verbund können wir den Schülern ein attraktives Kursangebot bieten“, meint Hauenschild.

Rojin: „Blöd ist nur, dass man die Fächer immer nur im Doppelpack wählen kann. Ich wollte Biologie als Leistungskurs machen und musste deswegen auch Politik nehmen.“ Hauenschild kritisiert diese Bindung auch, „manche sind nur in meinem Kurs, weil sie Bio machen wollten.“

Seinen Kursteilnehmern merkt man das jedoch nicht an. Die Schüler hören aufmerksam zu, wenn er redet. Wenn sie gefragt sind, streiten sie sich darum, wer die beste Antwort gibt oder sich zuerst gemeldet hat.

An der „Cosmo“, wie Antonio seine Schule nennt, gibt es Kurse nicht nur im Doppelpack. An der bilingualen Privatschule in Berlin-Mitte kann er sogar einen Physik-Leistungskurs machen, obwohl es nur einen weiteren Teilnehmer gibt. Privatunterricht wie er im Buche steht.

IMG_6365a.jpg

Bessere Pädagogik oder einfach bessere Schüler?

Generell hat Antonio das Gefühl, dass er an seiner Schule eine bessere Bildung bekommt als an öffentlichen Schulen: „Man hört ja immer Geschichten von öffentlichen Schulen, dass die Klassen so chaotisch sind, dass die Lehrer nicht mehr wollen und es generell nicht genug von ihnen gibt.“ Antonio selbst hat keine Freunde, die auf eine öffentliche Schule gehen.

Rojin hat eine Freundin aus der Grundschule, die jetzt auf eine evangelische Privatschule geht: „Sie hat jetzt Englisch-Leistungskurs und ich finde es echt krass, wir waren eigentlich immer gleich und jetzt ist sie viel besser als ich.“

Emre ist sich auch sicher, dass Privatschulen besser sind. Er wäre auch gerne auf einer. „Die Lehrer nehmen sich mehr Zeit, um alles zu erklären. Bei normalen Schulen ist es so: entweder du verstehst es, oder eben nicht und wenn du es nicht verstehst, musst du halt klar kommen. Aber das liegt nicht unbedingt an den Lehrern, ich denke sie haben einfach weniger Zeit und mehr zu tun.“

Nicht alle Lehrer seien schließlich wie Herr Hauenschild, manche seien überfordert und lustlos, einige Kurse seien außerdem überfüllt, sagen andere Schüler. Dazu kommt, dass laut der Bildungsstatistik, jede zehnte Stunde an der Emanuel-Lasker-Schule vertreten werden musste. Dieser Wert ist jedoch ganz normal. Unterrichtsausfall ist ein deutschlandweites Problem. Doch auch hier herrscht soziale Ungerechtigkeit: Eine Studie von Zeit und Zeit Online belegt, dass vor allem in den Regionen Unterricht ausfällt, wo sozial schwache Familien leben.

Antonio bestätigt die Gerüchte über Privatschulen, genauso wie Rojin und Emre seine Vorurteile über öffentliche Schulen bezeugen. Das Tolle an seiner Schule seien nach den Mitschülern vor allem die Lehrer. Sie seien total „approachable“, also man könne gut auf sie zugehen.

Prof. Dr. Marcel Helbig forscht am Wissenszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) unter anderem zu den Themen soziale Ungerechtigkeit und Schulsysteme. Er sieht den Grund für das bessere Abschneiden der Privatschüler woanders: „Mit einer Privatschule hat man bessere Bildungschancen – und zwar nicht wegen der besseren Pädagogik, sondern wegen der sozialen Zusammensetzung der Schüler.“

Außerdem gäbe es natürlich auch Privatschulen, die Schulgebühren verlangen, die das Geld, das öffentliche Schulen pro Kind ausgeben, um das Dreifache überschreiten. „Dass das bessere Angebote mit sich bringt, steht fest“, so Helbig. Weiter kritisiert er, dass Privatschulen sich ihre Schüler selbst aussuchen. Angeblich würden sie nach ihrer Leistung ausgewählt. Dass das in Helbigs Augen nur ein Vorwand ist und tatsächlich nach der finanziellen Lage der Eltern entschieden wird, lässt er deutlich werden.

Die Motivation ist da

In Antonios Englischkurs wurden die Schüler inzwischen in Dreiergruppen aufgeteilt. Antonio und seine beiden Mitschüler Lucia und Adrian sind im Klassenzimmer geblieben, die anderen beiden Gruppen sind rausgegangen, um ihre Szenen einzuüben.

Lucia (Lady Macbeth): „Say to the King I would attend his leisure for a few words.“

Adrian (Servant): „Madame, I will.“

Antonio (Macbeth) tritt ein und beginnt seinen Part ruhig und fast akzentfrei vorzutragen.

An der Refik-Veseli-Schule kontrolliert Herr Hauenschild inzwischen die Hausaufgaben. Alle haben sie gemacht, zwei Mädchen haben sogar einen ganzen Text geschrieben, um die Frage zu beantworten, welche Merkmale einer Demokratie in Myanmar verletzt werden.Hauenschild trägt die Ergebnisse am Smartboard, einer interaktiven Tafel, zusammen: „Volkssouveränität“, „Rechtsgleichheit“, „Grundrechte“, „Gewalteinteilung“. Hauenschild hakt bei dem letzten Punkt nochmal nach: „Gewaltenteilung heißt das, nicht Gewalteinteilung“.

Beim Verständnis des Begriffs hapert es auch noch ein bisschen. „Gewaltenteilung hat nichts mit physischer Gewalt zu tun“, erklärt Hauenschild. „In Myanmar sind 25 Prozent der Parlamentssitze vom Militär belegt, egal wie die Leute wählen. Welche beiden Gewalten kommen sich da in die Quere?“ „Die Legislative und die Exekutive“, weiß Rojin.

Die Motivation ist da, das Wissen fehlt oft noch. Hauenschild ist sich dessen bewusst: „Das Gute ist, dass wir als Sekundarschule ein Jahr mehr Zeit haben, um die Kinder zum Abitur zu bringen. So können wir auch Grundlagen wiederholen, was offensichtlich nötig ist.“

Helbig fragt sich, ob man nicht zu viel von den Schulen verlangt: „Eine Studie aus den USA hat gezeigt, dass ein Kind bis zu seinem 18. Lebensjahr nur 13 Prozent seiner Wachzeit in der Schule verbringt.“ Auch wenn die Schule natürlich ein Stück weit „Reparaturbetrieb sozialer Ungleichheit“ sei, könne man nicht verlangen, dass dort Wunder geschehen.

Bevor die Schule überhaupt losgeht, gebe es bereits starke Unterschiede zwischen den Kindern. „Der Eine kann schon das Alphabet schreiben und Plus rechnen, der Andere kann kaum Deutsch. Der Erste kommt dann in die Privatschule und der Zweite in die ‚Brennpunktschule‘. Von hier an wird die Schere nur noch größer.“

IMG_6364a.jpg

Rojin ist in Deutschland geboren, redet mit ihren Eltern Kurdisch, denn sie verstehen kein Deutsch, mit ihrem Bruder und in der Schule spricht sie Deutsch, im Urlaub Türkisch. Jetzt lernt sie auch noch Spanisch und Englisch in der Schule. „Das vermischt sich dann alles. Als ich dieses Jahr aus dem Urlaub in der Türkei zurückkam, war mein Deutsch echt katastrophal“, sagt Rojin.Ihr Klassenkamerad Emre ist auch in Deutschland geboren, seine Mutter ist Deutsche, sein Vater kommt aus der Türkei. „Zu Hause sprechen wir aber nur Deutsch“, sagt er ein bisschen stolz. Doch viele in seiner Klasse würden oft noch falsche Artikel benutzen. Er könne das gar nicht nachmachen, wie die sprechen. Er sagt das nicht abfällig, aber man merkt, dass er stolz darauf ist, diese Fehler nicht zu machen. Und auch Rojin gibt ein bisschen beschämt zu, dass Schüler wie Emre viel besser sprechen, als diejenigen, die wie sie kein Deutsch zu Hause sprechen.

Bildung ist erblich

Mit Akademikereltern hat man eine Wahrscheinlichkeit von 84 Prozent auch auf das Gymnasium zu gehen. Stammt man aus einer Arbeiterfamilie, liegen die Chancen, das Gymnasium zu besuchen nur noch bei 31 Prozent. Die Wahrscheinlichkeit ein Studium erfolgreich zu absolvieren, liegt bei so einem Elternhaus sogar nur noch bei zehn Prozent, so die tagesschau. In der PISA Studie schneidet Deutschland im internationalen Vergleich bezüglich der Chancengleichheit schlechter ab als der Durchschnitt. Sowohl der Migrations- als auch der soziale Hintergrund haben einen stärkeren Einfluss auf den Bildungserfolg als anderswo.

Wenn man Antonio fragt, warum er auf eine Privatschule geht, zögert er kurz: „Meine Eltern… also, ich bin hochbegabt, ich habe einen überdurchschnittlichen IQ. Da wollten meine Eltern eben eine bessere Bildung für mich.“

Vor der Berlin Cosmopolitan School war er auf der Phorms Privatschule. Dort hat er sich jedoch irgendwann nicht mehr wohlgefühlt, dann wurde die Schule für die Eltern zu teuer (Schulgebüren der Phorms). Seitdem ist er auf der Berlin Cosmopolitan School (Schulgebüren der Berlin Cosmopolitan School).

Wenn man Emre und Rojin fragt, wieso sie sich für ihre Schule entschieden haben, spielt neben dem Sportprofil für Rojin und dem kurzen Fahrweg für Emre vor allem auch die Meinung der Familie eine große Rolle. Rojin: „Mein Bruder hat Abi gemacht und ich habe das auch immer als meinen Weg gesehen.“ Emre: „Mein Bruder war auch schon auf der Schule.“

Beide hatten eine Gymnasialempfehlung, wollten auch von Anfang an das Abitur machen, nur eben lieber auf einer Sekundarschule – nicht so stressig.

Jeder orientiert sich an dem, was in seinem Umfeld als Standard gesetzt wird. Für Arbeiterkinder bedeutet das Studium oft eine fremde Welt, für viele Akademikerkinder wäre nicht studieren keine Option. Was Eltern und Geschwister tun, will man meist auch für sich selbst.

Die neuste Bertelsmann Studie berichtet: 21 Prozent der Kinder in Deutschland leben mindestens fünf Jahre in Armut, das hat Auswirkungen auf schulische und außerschulische Bildung, Ernährung und die soziale Entwicklung. Die Folgen ziehen sich bis in das Erwachsenenalter.

Doch nicht nur in diesen Extremfällen ist einem Kind in Deutschland der Bildungserfolg in die Wiege gelegt. Selbst ohne Armut bekommt es die Bildung, die die Eltern für richtig halten, mit der sie selbst vertraut sind, oder die sie bezahlen können.

Rojins und Emres Eltern könnten sich das Schulgeld der Berlin Cosmopolitan School höchstwahrscheinlich nicht leisten. Helbig hat aber auch die Erfahrung gemacht, dass selbst in Bundesländern, in denen es kein Schulgeld gibt (NRW), eine hohe soziale Spaltung zwischen privaten und öffentlichen Schulen besteht. Die Hemmschwelle, sich bei so einer Schule zu bewerben, fange in den Köpfen an. Dazu käme, dass es in diesen Bundesländern dann meist „freiwillige“ Schulbeiträge gebe.

Wenn man die Jugendlichen fragt, was sie vom Schulsystem halten, findet es Emre blöd, dass es keine Extra-Schule für Förderkinder, oder Kinder, die gemobbt werden, gibt. Eine andere Klassenkameradin findet das System „scheiße“, weil man beim Coopertest, einem Ausdauertest in Sport, selbst dann nur null Punkte bekommt, wenn man schon fünf Runden gelaufen ist.Wenn man Antonio fragt, ob er das Schulsystem unfair findet, versteht er überhaupt nicht, dass die Frage auf soziale Ungerechtigkeit abzielen könnte. Allerdings erklärt er: „Ich bin kein großer Fan davon, weil mehr Wert auf das Gedächtnis als auf die Intelligenz einer Person gelegt wird. Das Schulsystem hat sich seit der Industrialisierung überhaupt nicht weiterentwickelt. Wir werden nicht dazu angeregt, selbstständig zu denken, sondern immer noch zum sturen Auswendiglernen verdammt.“

Bezüglich der Allgemeinbildung und des selbstständigen komplexen Denkens gibt es deutliche Unterschiede zwischen den Schülern der privaten und der öffentlichen Schule. Obwohl sie sich doch auf den ersten Blick so ähneln: Kleine Klassen, junge engagierte Lehrer, motivierte, internationale Schüler, die in einer Sprache unterrichtet werden, die nicht die eigene Muttersprache ist.

Einen weiteren Unterschied erkennt man, wenn man sich ansieht, wie ihre Fähigkeit, mehrere Sprachen zu sprechen, benannt wird: Rojin spricht Kurdisch, Deutsch und Türkisch fließend und lernt an ihrer Schule Spanisch und Englisch.

Damit gilt sie als ndV, als Schülerin nicht deutscher Verkehrssprache. Diese drei Buchstaben fassen alle Kinder zusammen, die zu Hause kein Deutsch sprechen. Sie bilden einen Quotienen, den Schulen nicht veröffentlicht sehen wollen, weil er die dafür sorgt, dass die Neuanmeldungen zurückgehen. Je mehr Kinder nicht deutscher Herkunft desto mehr Probleme – ist die häufige Schlussfolgerung. Rojin fragt achselzuckend und in entschuldigendem Ton, was man denn tun solle, wenn die Eltern kein Deutsch sprechen. Das sagt sie in fehlerfreiem Deutsch.

Antonios Zweisprachigkeit wird nicht als ndV bezeichnet. Er ist bilingual, seine Schule ist kosmopolitisch, kein Brennpunkt.

Wahrscheinlich haben beide Schulen den gleichen Anteil an Kindern nicht deutscher Herkunft. Fein säuberlich nach der sozialen Klasse aufgeteilt. Was das wohl mit dem Selbstwertgefühl der Schüler macht?

Nach der Schule will Antonio Physik und Ingenieurswesen studieren. Wenn er einen besseren Schnitt als 1,5 schafft, möchte er sich auf ein Stipendium bewerben, um im Ausland zu studieren. Ansonsten sei die Technische Universität Berlin (TU) in diesem Bereich auch super. Emre und Rojin wollen erstmal die elfte Klasse schaffen.

Share on Facebook
Facebook
Tweet about this on Twitter
Twitter
Share on Google+
Google+
Email this to someone
email
Schlussredaktion
Maike Schultz