Von Robert John, Frauke Hinrichsen

Billig und teuer

In der Sonnenallee haben sich die Mieten in zehn Jahren verdoppelt. Jedoch nicht überall - die High-Deck-Siedlung ist eine Ausnahme.

Billig und teuer von Robert John, Frauke Hinrichsen

Weltweit einmalig ist sie, ihre Wohnsiedlung, und das im positiven Sinne. Daran lassen Manfred Lüder und Margitta Lüder-Preil keinen Zweifel. Wenn sie vom Wohnen in der High-Deck-Siedlung erzählen, dann kommen sie ins Schwärmen. „Es ist ruhig, überall sind Grünflächen“, sagt Manfred Lüder. „Und wo können Sie denn heute noch Kinder einfach zum Spielen aus der Wohnung lassen? Hier können die Mütter aus dem Fenster den Kindern auf dem High-Deck zusehen.“

Die High-Decks sind hochgelagerte schmale Betonflächen, sie verbinden die fünf- bis sechsgeschossigen Gebäude miteinander. Fast 9000 Menschen leben hier in 3620 Wohnungen auf beiden Seiten der Sonnenallee unweit der S-Bahn-Station Köllnische Heide.

Als innovative Alternative zu Hochhaussiedlungen wie der Gropiusstadt galt der Entwurf der Architekten Rainer Oefelein und Bernhard Freund, als sich die Wettbewerbsjury 1970 für ihn entschied. Mitte der Siebzigerjahre zogen die ersten Mieter ein.

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Margitta Lüder-Preil und Manfred Lüder leben seit 20 Jahren in der High-Deck-Siedlung.

Tanja Schnitzler

Manfred Lüder und seine Frau kamen 1997 und wohnen bis heute gerne hier. Vor zwei Jahren haben sie von weitem die Dreharbeiten für die Serie „Four Blocks“ gesehen. In der Serie leben Mitglieder einer libanesischen Großfamilie in der Siedlung und betreiben kriminelle Geschäfte. Die Serie haben Manfred Lüder und Margitta Lüder-Preil nicht gesehen, aber der 86-Jährige weiß, dass die Siedlung nicht den besten Ruf hat. „Wir selber haben keine schlechten Erfahrungen gemacht“, sagen der ehemalige Chefarzt und die Schauspielerin, „im Gegenteil, wir sind mit allen Leuten in unserem Haus in Kontakt, alle sind freundlich und kommunikativ.“

Eine große Sanierungsphase 2007 haben die beiden schon miterlebt und den zweimaligen Verkauf ihrer Wohnanlage. 10,11 Euro warm pro Quadratmeter zahlen sie. Wer heute in die High-Deck-Siedlung zieht, zahlt nicht wesentlich mehr: Je nachdem, welcher Wohnungsbaugesellschaft die Wohnung gehört, liegt die Kaltmiete zwischen 4,93 und 6,16 Euro.

Damit ist die High-Deck-Siedlung eine Art Ausnahmeerscheinung, denn fast überall entlang der gesamten Sonnenallee steigen die Mieten deutlich. Neukölln ist bei der Wohnungssuche einer der gefragtesten Stadtteile in Berlin. Das beobachtet auch Datenanalyst Jan Hebecker von ImmobilienScout24. Er hat die Mietpreise der auf dem Portal angebotenen Wohnungen entlang der gesamten Straße ausgewertet. Demnach haben sich die Mieten auf der Sonnenallee in den vergangenen Jahren von vergleichsweise günstigen 4,74 Euro im Jahr 2007 auf 9,71 Euro Kaltmiete im Jahr 2016 mehr als verdoppelt.

„Der Stadtteil erlebt einen Nachfrageboom, denn hier sind Wohnungen noch bezahlbar im Vergleich zu den hippen Bezirken Friedrichshain und Prenzlauer Berg. Allerdings passen sich auch hier teilweise die Preise den Preisniveaus der Szenebezirke an“, sagt Hebecker.

Trotz der wachsenden Beliebtheit der Gegend um die Sonnenallee und des damit verbundenen deutlichen Anstiegs der Mieten in den vergangenen Jahren wohnen hier laut Senatsstudie „Monitoring Soziale Stadtentwicklung“ hauptsächlich sozial schwächere Mieter. Das zeigt sich im „Status-Index“, der die soziale und wirtschaftliche Situation der Einwohner beschreibt und Daten zu Arbeitslosigkeit und Langzeitarbeitslosigkeit, Hartz-IV-Bezug und Kinderarmut beinhaltet.

Zu sehen ist der Status-Index. Er zeigt die soziale und wirtschaftliche Situation der Einwohner. In der Sonnenallee bewegt er sich je nach Bereich zwischen mittel und sehr niedrig.

Auffällig in der Sonnenallee sind deutliche Unterschiede zwischen dem nördlichen und dem südlichen Teil. Einen „hohen“ Status wie etwa in Prenzlauer Berg oder Charlottenburg gibt es nirgends rund um die Sonnenallee – bisher zumindest nicht.

Berechnet wird der Status-Index mit Daten zu Arbeitslosigkeit und Langzeitarbeitslosigkeit, Hartz-IV-Bezug und Kinderarmut.” align=”left” force_circle=”off” revealfx=”off”]

Zu sehen ist der Status-Index. Er zeigt die soziale und wirtschaftliche Situation der Einwohner. In der Sonnenallee bewegt er sich je nach Bereich zwischen mittel und sehr niedrig.

Auffällig in der Sonnenallee sind deutliche Unterschiede zwischen dem nördlichen und dem südlichen Teil. Einen „hohen“ Status wie etwa in Prenzlauer Berg oder Charlottenburg gibt es nirgends rund um die Sonnenallee – bisher zumindest nicht.

Berechnet wird der Status-Index mit Daten zu Arbeitslosigkeit und Langzeitarbeitslosigkeit, Hartz-IV-Bezug und Kinderarmut.” align=”left” width=”35%” force_circle=”off” revealfx=”off”]

Zwischen dem nördlichen und dem südlichen Teil der Sonnenallee gibt es erhebliche Unterschiede: In den Planungsräumen südlich des S-Bahnhofs Sonnenallee gab es innerhalb der vergangenen zehn Jahre keine Änderungen. Ein konstant „sehr niedriger“ Status ist im Planungsraum Schulenburgpark mit der High-Deck-Siedlung verzeichnet. Statistisch gesehen ist das Ehepaar Lüder in der Minderheit, denn hier leben viele Menschen mit sehr geringen Einkommen und hoher Arbeitslosigkeit. Laut Amt für Statistik lebt über die Hälfte der Bewohner des High-Deck-Quartiers von Transferleistungen. 79 Prozent der Kinder unter 18 Jahren sind von Kinderarmut betroffen. Sie treffen steigende Mieten besonders hart.

Die Mieten steigen weiter

Anders sieht es im nördlichen Teil der Sonnenallee aus. Der Status im beliebten, auch Kreuzkölln genannten Reuterkiez etwa, hat sich von „sehr niedrig“ im Jahr 2007 über „niedrig“ auf „mittel“ im Jahr 2015 erhöht. Auch in den Planungsräumen Rixdorf, Donaustraße und Hertzbergplatz gibt es solche Entwicklungen. Die aktuell hier lebenden Menschen sind deutlich wohlhabender als die Bewohner acht Jahre zuvor – der Bereich ist bereits teilweise gentrifiziert, doch auch hier steigen die Mieten weiter. Ende: offen.

Das erlebt auch Sylvia, die ihren vollständigen Namen lieber nicht nennen will. 2011 ist die 31-Jährige in eine Wohngemeinschaft in einem Altbau auf halber Strecke zwischen dem Hermannplatz und der S-Bahn-Station Sonnenallee eingezogen. Für knappe 170 Quadratmeter zahlen die fünf Bewohner knapp 1360 Euro warm. Günstig im Vergleich mit denjenigen, die später kamen: „Ich weiß, dass Leute im Haus, die vor zweieinhalb Jahren eingezogen sind, für die gleich große Wohnung über 2000 Euro zahlen.“

Die Türme fehlen, aber das reich verzierte Gründerzeithaus steht heute noch an der Ecke Sonnenallee/Weichselstraße, wie vor etwa 100 Jahren. Wo früher noch Menschen ohne Probleme über die Kaiser-Friedrich-Straße laufen könnten, stehen und fahren heute viele Autos. Und wo früher Stoffe verkauft wurden, ist heute ein Café.

Museum Neukölln/Tanja Schnitzler

Glücklich kann sich also schätzen, wer noch vor dem großen Neukölln-Boom eingezogen ist. So geht es auch einer Frisörin mit türkischen Wurzeln, die nicht namentlich genannt werden möchte. Seit 17 Jahren hat sie ihren Salon in der Sonnenallee und wohnt nebenan. „Schon oft sind Leute vorbeigekommen, die sich für meinen Laden interessiert haben“, sagt sie, „und ich selber könnte mehr Geld verdienen, wenn ich Lebensmittel verkaufen würde, aber mir macht mein Beruf ja Spaß.“ Sie ist froh darüber, dass das Haus mit der schönen Fassade keiner privaten Heuschreckenfirma, sondern einer gemeinnützigen Wohnungsbaugesellschaft gehört.

Verdrängung gehört zum Alltag

Doch für viele andere gehört die Verdrängung bereits längst zum Alltag. Seit 2013 kämpft das „Bündnis für bezahlbare Mieten Neukölln“ gegen die steigenden Mieten und die damit einhergehende Verdrängung von sozial schwächeren Bewohnern. Den ersten Erfolg hatte die Initiative 2015. Damals wurden als erste Kieze in Neukölln der Reuterkiez und der Schillerkiez zu Milieuschutzgebieten erklärt. 2016 folgten dann an der Sonnenallee die Gebiete um die Donaustraße sowie Rixdorf. Hier sind in den vergangenen Jahren zahlreiche Altbauten aufwendig saniert worden – dann stiegen die Mieten.

Um 1910 wurde dieses Bild eines Beamtenwohnhauses an der Ecke Kaiser-Friedrich-Straße/Innstraße aufgenommen. Das Gebäude steht heute noch, lediglich am Dachstuhl sind große Unterschiede erkennbar – besonders am rechten Haus, wo der turmartige Ausbau fehlt. Bemerkenswert ist beim Vergleich der beiden Aufnahmen noch etwas anderes: Früher fuhren Straßenbahnen durch die Allee, heute zieht sich anstelle von Gleisen ein Grünstreifen durch die Sonnenallee.

Museum Neukölln/Tanja Schnitzler

Mit dem Milieuschutz sollen sozial schwache Mieter abgesichert und Luxussanierungen verhindert werden. In diesen Gebieten ist etwa die Umwandlung von Miet- in Eigentumswohnungen verboten. Aber auch Grundrissänderungen von Wohnungen durch die Zusammenlegung von mehreren Zimmern sind nicht erlaubt. Ebenso untersagt sind beispielsweise kostenaufwendige Sanierungen des Eingangsbereichs, etwa mit Marmor.

Inwiefern die neuen Milieuschutzgebiete preiswerten Wohnraum tatsächlich erhalten können, müssen die nächsten Jahre zeigen. Das „Bündnis für bezahlbare Mieten Neukölln“ ist noch skeptisch. Und die aktuellen Mietpreisentwicklungen geben auch allen Grund dazu.

Manfred Lüder und Margitta Lüder-Preil wollen auf jeden Fall in ihrer Wohnung in der High-Deck-Siedlung bleiben – zu den guten Konditionen und zusammen mit den netten Nachbarn, mit denen sie sich so gut verstehen.

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Hier wollen sie bleiben: Manfred Lüder und Margitta Lüder-Preil in ihrer Wohnung.

Tanja Schnitzler

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Autoren
Dominik Mai
Felix Firme
Frauke Hinrichsen
Klara Niederbacher
Robert John
Silvia Perdoni

Fotograf
Tanja Schnitzler

Video
Frauke Hinrichsen
Tom Schildberg

Konzeption
Dominik Mai

Entwicklung
Stefan Bozkurt

Schlussredaktion
Dominik Mai
Maike Schultz