Von Visit Berlin

Clärchens Ballhaus

Clärchens Ballhaus von Visit Berlin

„Witwenball bei Clärchen“: Im Hinterhaus der Auguststraße 24 trifft sich die „ältere Jugend“ zum Tanz. In zwei Sälen, dem Spiegelsaal im ersten Stock und dem Lichtwundersaal im Erdgeschoss, spielen Kapellen und tanzen die Paare Polka und Walzer, Foxtrott, Shimmy und Charleston. Offiziell heißt das Tanzlokal noch Bühlers Ballhaus. Weil aber Clara Bühler die wichtigste Person des Hauses ist und mehrmals in der Woche die Witwenbälle organisiert, etabliert sich in den 1930er Jahren der Name Clärchens Ballhaus.

Witwenbälle sind keinesfalls Witwen vorbehalten. Es geht vielmehr darum, dass sich bei diesen Veranstaltungen die „Weiblichkeit zur Unabhängigkeit bekennt“, wie es der Schriftsteller Curt Moreck ausdrückt. Allerdings feiert hier niemand Orgien. Im Gegenteil: Alles soll anständig zugehen, eher bürgerlich. Nur wird gleichzeitig signalisiert, dass die anwesenden Damen nicht unter strenger Kontrolle des Ehemannes stehen, und dass beim Tanz die Damenwahl erwünscht ist und praktiziert wird.

Gemütlichkeit im Zille-Milieu

Heute fasziniert Clärchens Ballhaus, weil es aus der Zeit gefallen scheint. In den 1920er Jahren gibt es jedoch etliche ähnliche Tanzlokale. Sie liegen in den dicht besiedelten Innenstadtbezirken und bieten der arbeitenden Bevölkerung am Feierabend Erholung, Abwechslung, Genuss, Vergnügen und gesellige Gemütlichkeit. Und sie fungieren als Kontaktbörsen.

Beim Tanz können Bekanntschaften geknüpft und vertieft werden. Wichtig ist aber, dass es gesittet zugeht, denn ein Tanzlokal kann leicht in Verruf geraten. Wer in Clärchens Ballhaus tanzen geht, muss weder jung und schlank sein, noch über eine weltstädtisch schicke Garderobe verfügen. Hier treffen sich Arbeiter und Kleinbürger, Menschen, die auch zeitgenössisch immer wieder dem sogenannten Zille-Milieu zugerechnet werden.

„Neue Frau“ und Ballhausschwestern

1929, zwei Jahre nach dem Tod ihres ersten Ehemannes Fritz Bühler heiratet Clärchen wieder. Sie bleibt die eigentliche Chefin des Hauses, organisiert den Alltagsbetrieb und führt das Lokal mit strenger Hand. Angestellte schildern sie als strebsam, resolut und durchsetzungsfähig. Solche Eigenschaften brauchen Geschäftsfrauen angesichts der Männerdominanz.

Aber in den 1920er Jahren bekommt die Männerwelt Risse: Das Frauenwahlrecht, bessere Erwerbschancen und Bildungsmöglichkeiten verschaffen Frauen größere Spielräume und mehr Freiheiten. Auch äußerlich verändert sich einiges: Moden wie der Bubikopf und Kleider, die ohne Korsett getragen werden können, erschaffen neue Frauenbilder, die in Medien und in der Kunst und Kultur verbreitet werden.

Auch Clara Bühler legt sich einen Bubikopf zu. Und sie holt sich weibliche Unterstützung. Regelmäßig trifft sie sich mit anderen Frauen, die wie sie Ballhäuser und Tanzlokale leiten, den sogenannten Ballhausschwestern. Diese Treffen dienen der gegenseitigen Hilfe und dem Austausch zwischen Frauen in ähnlichen Lebenssituationen. Außerdem gönnen sich die Damen eine Verschnaufpause und etwas Abwechslung von ihrem arbeitsreichen Alltag. Der war nämlich nur darauf ausgerichtet, den tanzenden Gästen Vergnügen zu bereiten.

Getanzt wird in Clärchens Ballhaus bis heute: Mittwochs gibt es Swing, donnerstags Cha Cha, Walzer & Co., freitags und samstags wird geschwoft und am Sonntagnachmittag trifft man sich zum Tanztee. Wie angesagt Clärchens Ballhaus nach wie vor ist, wurde im Sommer 2017 deutlich, als der britische Prinz William und seine Ehefrau Kate für eine Stunde in das historische Tanzlokal kamen, um sich über die Berliner Kreativszene zu informieren. Kaum vorstellbar, dass Clara und Fritz Bühler jemals mit königlichen Besuch gerechnet haben.

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