Von Visit Berlin

Das Brandenburger Tor

Das Brandenburger Tor von Visit Berlin

Am 12. Juni 1987 herrscht in Berlin Ausnahmezustand: Schulen sind geschlossen, Straßen gesperrt, U-Bahnen stillgelegt. Die Stadt feiert ihren 750. Geburtstag – doch kaum jemand rechnet damit, dass dieser Tag zukünftig aus ganz anderen Gründen in den Geschichtsbüchern stehen wird. Denn der Ehrengast, US-Präsident Ronald Reagan, schaut nur für fünf Stunden in der geteilten Metropole vorbei. Nicht mal zum Übernachten ist Zeit.

Neben dem Reichstag, Schloss Bellevue und dem Flughafen Tempelhof gibt es an diesem Tag lediglich einen weiteren Programmpunkt für den mächtigsten Mann der Welt: Reagan soll eine Rede am Brandenburger Tor halten, von der politische Beobachter wenig Aufregendes erwarten.

Protest gegen den Hardliner des Kalten Krieges

Einigen Berlinern ist jedoch ganz und gar nicht nach Feiern zumute: Reagan gilt als Hardliner des Kalten Krieges, der in der Sowjetunion „das Böse“ schlechthin sieht – in Kreuzberg kommt es zu Protesten, Demonstranten liefern sich Straßenschlachten mit der Polizei.

Vor dem Brandenburger Tor hingegen werden amerikanische und deutsche Fähnchen geschwenkt. Der Senat und die US-Botschaft haben für freundlich gesinnte Zuhörer gesorgt. „Seit über zweieinhalb Stunden läuft hier, man kann es nicht anders bezeichnen, ein Volksfest“, kommentiert Peter Schulz damals für den Rundfunk im amerikanischen Sektor (RIAS), der seinen Sitz in West-Berlin hat.

Reagan, der mit einer Panzerglaswand vor etwaigen Attentatsversuchen aus dem Osten geschützt wird, spricht über Olympische Spiele und Abrüstung, ehe er seine berühmten Worte an den Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) richtet: „Mr. Gorbatschow, open this gate! Mr. Gorbatschow, tear down this wall!“ („Herr Gorbatschow, öffnen Sie dieses Tor! Herr Gorbatschow, reißen Sie diese Mauer nieder!“)

Die Rede war zunächst keine Sensation

Das Publikum jubelt – doch niemand glaubt, dass gerade Worte gefallen sind, die später in den Geschichtsbüchern stehen werden. In der westlichen Presse findet Reagans Ansprache zwar Beachtung, eine Sensation ist sie aber nicht. Die sowjetische Nachrichtenagentur TASS beschuldigt den US-Präsidenten hingegen, eine „kriegstreibende Rede“ gehalten zu haben.

Das hatte Reagans Stab vorausgesehen und deshalb versucht, dem Präsidenten die entscheidenden Sätze auszureden: Noch wenige Stunden vor dem Auftritt schickt das State Department einen geglätteten Redeentwurf. Doch Reagan bleibt hart – und beweist damit ein gutes Gespür für den Zeitgeist.

Nach 1989 wird der Redepassus schlagartig weltberühmt. Dennoch ist der US-Präsident zwei Jahre zuvor kein Prophet – er bringt lediglich eine Stimmung auf den Punkt, die in Berlin längst zu spüren ist.

2017 enthüllt DER SPIEGEL, dass Reagan seine Aussagen schon 1988 im Gespräch mit Moskaus Außenminister Eduard Schewardnadse wieder relativiert und einräumt, es sei „vielleicht unrealistisch gewesen, den Abriss der gesamten Mauer vorzuschlagen“.

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