Von Visit Berlin

Das Lützowufer

Das Lützowufer von Visit Berlin

Am 21. April 1921 berichtet das Berliner Tageblatt über „Auswüchse“ auf einer Kunstmesse im Bezirk Tiergarten und kündigt an, dass den verantwortlichen Künstlern der Prozess gemacht wird. Die Anklage lautet: systematische Hetze gegen die Offiziere und die Mannschaften des Heeres.

Rückblickend verwundert es nicht, dass ausgerechnet in Deutschland Dadaisten vor Gericht landen – denn die Berliner Gesinnungsgenossen der 1916 von Richard Huelsenbeck, Hugo Ball und weiteren Künstlern in Zürich gegründeten Dada-Bewegung treiben es am wildesten.

Anlass für das juristische Nachspiel der Ersten Internationalen Dada-Messe in der Galerie Dr. Otto Burchard ist unter anderem ein ausgestopfter Soldat mit Schweinekopf sowie ein ausgestopfter Frauenrumpf samt Eisernem Kreuz am Hinterteil – in Kriegszeiten ein drastischer Tabubruch, für den George Grosz und Wieland Herzfelde am Ende 300 beziehungsweise 600 Reichsmark Strafe zahlen müssen.

Die etablierte Ordnung soll zerstört werden

Der Geist der Provokation wohnt bereits den dadaistischen Anfängen in der Schweiz inne: Huelsenbeck, Ball und Co. wollen sich so radikal wie möglich von bestehenden Kunstformen abgrenzen und propagieren maximale künstlerische Freiheit. Statt Regeln, Disziplin und Moral gelten kreative Willkür und ungebändigte Spontaneität. Die Dadaisten beharren darauf, dass Dada nicht zu definieren sei – und müssen sich so auf nichts festlegen. Sie wollen „Anti-Kunst“ – mehr Freiheit geht nicht.

Mit provokanten Collagen, Lautgedichten, Performances und Publikumsbeschimpfungen möchten die Maler, Musiker, Schriftsteller und Tänzer Autoritäten untergraben und die etablierte Ordnung zerstören. Ziel ist es, „den Bürger zu erschrecken und sich selbst Freiheit zu verschaffen“. Die Bewegung gilt nicht nur als unterhaltsames „Labor für den höheren Unsinn“, sondern auch als schonungslose Antwort auf die Sinnlosigkeit des immer noch tobenden Ersten Weltkrieges.

„Ein Streichholz in ein Pulverfaß“

Erst kurz vor dessen Ende wird der Dadaismus in Berlin möglich: Am 12. April 1918 trägt Richard Huelsenbeck in der Sezession ein dadaistisches Manifest vor, das seine Wirkung nicht verfehlt. Die Grafikerin Hannah Höch beschreibt den Effekt später als „ein Streichholz, in ein Pulverfaß geworfen“. Berliner Künstler sind von Dada infiziert – und wollen nun eigene Wege gehen.

Raoul Hausmann führt die in Zürich erfundene Lautdichtung auf eine nächste Ebene, gemeinsam mit Höch, Grosz und John Heartfield entwickelt er die ersten Fotomontagen überhaupt. Die revolutionäre Verwendung realer Fotos – und somit auch realer Persönlichkeiten – macht die Dada-Kunstwerke noch origineller und provokanter.

Mit der Ersten Internationalen Dada-Messe erreicht der Dadaismus in Berlin schließlich seinen Höhepunkt. Doch auch, wenn das Interesse an Dada mit der Zeit abnimmt (eine zweite Messe gibt es nicht mehr) – die Provokateure um Huelsenbeck und Grosz haben nicht nur eine neue Kunstfreiheit erkämpft und zahlreiche Innovationen sowie neue Techniken und Verfahren etabliert, sondern auch den Surrealismus vorbereitet.

Bis heute prägen sie Künstler und Kunstrichtungen – allerdings ist auch das passiert, was die Dadaisten selbst niemals wollten: Sie hängen jetzt neben den traditionellen „Klassikern“ in Museen und sind offizieller Teil der Kunstgeschichte.

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