Von Pola Kapuste

Demokratie ab Klasse sieben

Die Refik-Veseli-Sekundarschule in Kreuzberg zeigt, wie man mit passenden Konzepten, engagierten Lehrkräften und guter Zusammenarbeit seine Schüler motiviert. Regel Nummer eins: Übergebe den Kindern Verantwortung und sie werden sie pflichtbewusst nutzen. Ein Ortsbesuch.

Demokratie ab Klasse sieben von Pola Kapuste

„Wir haben noch eine erfreuliche Nachricht aus dem Sport. Die deutsche Tischtennisnationalmannschaft ist Europameister geworden. Im Finale in Luxemburg konnte das deutsche Team sich mit einem souveränen 3:0 gegen Portugal durchsetzen und ist nun erstmals seit 2012 Europameister.“ Nora aus der Neunten steht am Mikro in der Aula ihrer Schule, der Boden vor ihr ist von ihren Mitschülern besetzt. Heute ist „Schüler Assembly“ an der Refik-Veseli-Schule in Kreuzberg. Ein Programm, aus dem englischen Schulsystem, in dem die Kinder einmal im Monat den Unterricht der ersten Stunde übernehmen.

„Radio Refik“ heißt der Nachrichtensender, den Nora zusammen mit den anderen aus dem Moderationsteam entwickelt hat. Nach dem Sport folgen Beiträge zur Bundestagswahl, dem Sturmtief Xavier und dem Attentat in Las Vegas. Die Schüler sitzen auf Teppichbahnen in Reihen auf dem Boden der Aula, die Lehrer auf Bänken an der Seite. Unter dem Basketballkorb kauert Hannes Hauenschild, Lehrer für Englisch und Politik, hinter einem Macbook. Mit ihm arbeiten die Kinder jeden Mittwochnachmittag an ihren Texten. Momentan sorgt er dafür, dass die richtige Folie zum richtigen Zeitpunkt auf dem Projektor erscheint, das Video abspielt, oder das Mikrofon nicht zu laut ist, wenn die Kinder vor Aufregung hineinschreien.

Das heutige Thema ist „Stürmische Zeiten“ – wegen der Naturkatastrophen in Amerika und des Wahlergebnisses der AfD. Stürmisch ging es auch lange an dieser Schule zu. Vor ein paar Jahren machte sie als „erste Schule Deutschlands ohne deutsche Schüler“ Schlagzeilen. Hinzu kamen Gewalt auf dem Schulhof, Schulschwänzer, Abgänger ohne Abschluss und antisemitische Äußerungen. Neue Anmeldungen gab es kaum noch, doch davon möchte man heute nicht mehr sprechen. Man hat die Schule sogar in Refik-Veseli-Schule umbenannt.

Zumindest die Schulleiterin, Frau Dr. Ulrike Becker, nicht. Denn so ein schlechtes Image loszuwerden ist schwieriger, als einen Kaugummi aus den Haaren zu bekommen. Schon 2013, als sie an die Schule kam, hätten die meisten dieser Probleme nur noch als Vorurteile im Sozialraum und in der Presse kursiert, meint Becker. Die Anmeldungen blieben weiterhin aus. Mit der neuen Rektorin kam 2013 zum Glück auch die Robert-Bosch-Stiftung an die Schule: Im Zuge des “School Turnaround Projekts” unterstützte die Stiftung zehn der schwierigsten Schulen in Berlin über vier Schuljahre hinweg beim Versuch einer Kehrwende.

Mit der Stiftung im Rücken ging Becker 2013 in die Offensive, sprach mit Eltern, Lehrern, Anwohnern und Schülern, setzte sich in Gremien der Grundschulen, machte sich einen Überblick über die Lage und gründete eine Schulentwicklungsgruppe. „Gemeinsam mit den Eltern und Kindern haben wir dann ein neues Schulprogramm entwickelt. Die Idee war, dass Gruppen aus Grundschulen, die hier in der Nähe sind und zusammen aufwachsen, zusammen in einer Klasse bleiben und zusammen groß werden. Die Eltern haben damals gesagt, dass sie das sehr interessiert.“In enger Zusammenarbeit mit der Senatsverwaltung, der Schulaufsicht und dem Schulträger schaffte die Schule die Wende. Heute bietet sie so genannte Montessori-Klassen an, in denen Kinder keine Noten, sondern Textbewertungen bekommen. Es gibt einen Schwerpunkt auf Demokratie und ein Programm zur Anerkennung und Wertschätzung unterschiedlicher Kulturen, seit 2017 auch eine gymnasiale Oberstufe. Außerdem kann jedes Kind zu Schulbeginn ein individuelles Profil wählen: Neben Politik und Demokratie werden unter anderem die Schwerpunkte Naturwissenschaften, Computer oder auch Sport und Gesundheit angeboten.

Das „Programm zur Anerkennung und Wertschätzung unterschiedlicher Kulturen“ wie Becker es nennt, bezieht sich vor allem auf die Befriedung von zwei Religionen: Der muslimischen und der jüdischen, auch wenn man das hier nicht gerne laut sagt.  Generell scheinen radikale Muslime ein immer größeres Problem an Berliner Schulen zu sein. Das besagt zumindest eine nicht repräsentative Lehrer-Befragung, die im Juli 2017 vom American Jewish Committees veröffentlicht wurde. Vor allem jüdische, aber auch atheistische Mitschüler werden demnach von muslimischen Kindern gemobbt.

Die Refik-Veseli-Schule nimmt dieses Problem, ob präventiv oder reaktiv, bereits erfolgreich in Angriff. Vor dem Programmpunkt „Radio Refik“ stellen zwei Elftklässler ihr Theaterprojekt in der Assembly vor: Mit Schülern aus Israel haben sie zehn Tage lang an einem Theaterstück zum Thema Identität gearbeitet. Ihr Fazit: Sie haben ihre Vorurteile überwunden. Denn „egal ob Moslem, Jude oder Christ – wir sind alle gleich“. Im Saal bricht spontaner Applaus aus. Am kommenden Sonntag fährt die Gruppe nach Israel, um weiter an dem Projekt zu arbeiten.

Außerdem kooperiert die Schule mit dem Jüdischen Museum. Hier können die Kinder jeden Montagnachmittag in der “Geschichtswerkstatt” zu Themen kultureller und religiöser Vielfalt forschen. Als letztes haben sie einen Film zum Nahostkonflikt gedreht.

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„Heterogenität in der Klasse ist wichtig, aber die Schülergruppen bilden ja letztendlich immer den Sozialraum ab.“

Josie geht wie Nora in die Neunte, ist auch in der Moderationsgruppe und war schon mit ihr auf derselben Grundschule. Beide haben nach der Grundschule eine Gymnasialempfehlung bekommen, sich aber trotzdem für die Sekundarschule in ihrem Viertel entschieden. Anfängliche Vorbehalte hatten sie dennoch: „Weil es eben die Kiezschule war, die so einen schlechten Ruf hatte. Aber mit der neuen Schulleitung ist das ja jetzt nicht mehr so“, meint Nora. Auch Josie sagt: „Am Anfang hatte ich ganz schön Angst vor den Zehntklässlern, weil die gleich auf uns zu kamen, aber dann haben sie uns nur gegrüßt und nach unseren Namen gefragt.“„Heterogenität in der Klasse ist wichtig, aber die Schülergruppen bilden ja letztendlich immer den Sozialraum ab“, sagt die Schulleiterin. Tatsächlich hatte die Schule bis vor ein paar Jahren noch große Schwierigkeiten, den Sozialraum der Viertels abzubilden, in Kreuzberg leben schließlich auch deutsche Kinder. Die meisten gingen nach der Grundschule jedoch auf weiterführende Schulen in einem anderen Stadtteil. Das hat sich inzwischen deutlich geändert: Unter den wieder ansteigenden Anmeldezahlen sind deutschstämmige Schüler und solche mit ausländischen Wurzeln, bürgerliche und sozial schwache Kinder.
Anteile von lernmittelbefreiten Schüler*innen in Klasse siebenDas liegt unter anderem an der gymnasialen Oberstufe, für die sich vor allem die Eltern eingesetzt haben. Studien zeigen, dass der Unterschied im Anteil von lernmittelbefreiten Kindern, also Kindern aus sozial schwachen Familien, besonders groß ist zwischen Sekundarschulen mit und ohne Oberstufe.„Bürgerliche Eltern schicken ihre Kinder auf keine Schule, die sie nach der zehnten Klasse nochmal wechseln müssen, um das Abitur zu erlangen“, sagt Becker. Seit diesem Jahr hat die Refik-Veseli-Schule deshalb jetzt auch ihre ersten Elftklässler, die aufs Abitur zuarbeiten. Den Anmeldezahlen tut das sehr gut, inzwischen haben sogar 20 bis 30 Prozent der Kinder im siebten und achten Jahrgang eine Gymnasialempfehlung.

Wie fragil diese neu errungene Heterogenität in den Klassen ist, sieht man an der ausweichenden Reaktion der Direktorin auf bestimmte Themen: Die Probleme von damals sind eines, antisemitische Äußerungen ein weiteres und die Quote, wie viele lernmittelbefreite Kinder oder Kinder nicht deutscher Herkunftssprache auf ihrer Schule sind, ein drittes.

Denn leider sind diese Zahlen für die meisten bürgerlichen Eltern immer noch der ausschlaggebende Punkt, wenn es darum geht, ob sie ihr Kind auf eine Schule schicken oder nicht. Viele Kinder mit Migrationshintergrund bedeuten auch viele Probleme, ist eine häufige Schlussfolgerung. Leider auch zu Recht. Doch Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel. Zum Beispiel die Refik-Veseli-Schule mit ihrer Assembly:

Nach dem „Radio Refik“ geht es im Programm mit der Wahl des neuen Schulsprechers weiter. Unter den Bewerbern sind die beiden Elftklässler, die schon ihre Theaterkooperation mit israelischen Schülern vorgestellt haben, Nura und Ömer, Aysu aus der Neunten und Ali-Eren aus der Zehnten. Ganz oberflächlich, von Namen und Äußerem ausgehend, haben hier alle einen Migrationshintergrund.

Ömer macht den Anfang. Er ist bereits Schulsprecher und möchte sich erneut aufstellen lassen. Er hofft, dass sich alle von ihm gut vertreten fühlen und würde seine Arbeit gerne weiter machen. Dann kommt Aysu, sie hat sich gut vorbereitet. Von einem Blatt liest sie ab, was sie alles als Schulsprecherin durchsetzen möchte: WLAN, einen „Raum zum Chillen“ für die Oberstufe und vieles mehr.

Die Hand, in der sie ihre Notizen hält, zittert so stark, dass sie sie mehrmals ausschütteln muss, um ihre Stichpunkte erkennen zu können. Zwischendrin guckt sie immer wieder zu ihrer Lehrerin rüber. Ihr Lampenfieber scheint sie mehr zu nerven als zu verunsichern. Man merkt, da steht eigentlich ein Mädchen vor einem, das schlagfertig ist und sich von keinem den Mund verbieten lässt. Sie ist hübsch, gut geschminkt und modisch gekleidet. Wenn sie sich verspricht, schnalzt sie mit der Zunge oder stampft trotzig mit dem Fuß auf, nach einem Blick zu ihrer Lehrerin spricht sie aber neuen Mutes und mit fester Stimme weiter.

Ali-Eren ist der Nächste. Lampenfieber scheint für ihn ein Fremdwort zu sein. Mit den Worten „Ja, also ich hab‘ nichts vorbereitet“, tritt er vor seine Mitschüler. Er möchte sich vor allem dafür einsetzen, dass sie in Zukunft viele coole Klassenfahrten machen. „Ich werde mich auch nicht mit den Lehrern verbünden, sondern ihnen meine Meinung sagen. Also wählt mich!“ ruft er am Ende ins Mikro. Sein Abgang wird von lautem Klatschen und einem „Wooooh“-Ruf der Mädchen in der ersten Reihe begleitet. Hauenschild nennt Ali-Eren später „das Bühnentier“. Er sei ein Kreuzberger Rapper, der schon einen gewissen Bekanntheitsgrad habe.

Nura aus der Elften macht den Abschluss. Sie war schon in vorherigen Jahren Schulsprecherin und sei wohl „für die meisten hier schon ein bekanntes Gesicht”. Ihr hätte man beispielsweise die Handyregelung in der Schulordnung zu verdanken, die sie vor ein paar Jahren erarbeitet hat.

Wenn eine Schule es schafft, dass das Amt des Schulsprechers so cool ist, dass es sogar der Rapper übernehmen will und sich die pubertierenden Mädchen dafür ihrem Lampenfieber stellen, hat sie offenbar irgendetwas richtig gemacht.

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Für Nora aus der Neunten war das Demokratieprofil der Schule sogar der ausschlaggebende Punkt, sich für die Schule zu entscheiden, sie möchte nämlich später „was mit Medien“ machen. Ihre Freundin Josie kam eher, weil sie hier Spanisch lernen kann. Beide haben in den Assemblykursen schon Umfragen durchgeführt, aus den Ergebnissen Diagramme erstellt, Interviews auf der Straße geführt, diskutiert, ob das Wahlalter heruntergestuft werden sollte und viele eigene Beiträge vorbereitet und präsentiert. „Am Anfang war es echt schlimm, also aufregend“, sagt Josie. „Inzwischen haben die Lehrer mehr Schiss, dass etwas schief geht als wir“, ergänzt Nora.
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Schlussredaktion
Maike Schultz