Von Visit Berlin

Der Alexanderplatz

Der Alexanderplatz von Visit Berlin

Fünf Tage vor dem Mauerfall kommt es zur größten Demonstration in der Geschichte der Deutschen Demokratischen Republik (DDR). Auf dem Alexanderplatz fordern Künstler und Funktionäre einen politischen Neuanfang. An eine Wiedervereinigung denkt niemand – noch glauben fast alle, dass der Sozialismus gerettet werden kann.

Markus Wolf, 34 Jahre lang Chef des gefürchteten DDR-Auslandsgeheimdienstes, tritt am 4. November 1989 vor die Demonstranten, die sich auf dem Alexanderplatz versammelt haben – und sofort setzt ein gellendes Pfeifkonzert ein. Dem mächtigen Mann von einst zittern die Hände. Die Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley bemerkt seine Nervosität und denkt in diesem Moment erstmals: „Die Revolution ist unumkehrbar.“

Nur knapp einen Monat zuvor zelebriert die DDR ihren 40. Geburtstag noch mit einer pompösen Militärparade für Staatsgäste wie Michail Gorbatschow und Nicolae Ceauşescu. Ohne es zu ahnen, schafft die SED-Führung an diesem Tag die Voraussetzungen für die Alexanderplatz-Demo wenige Wochen später – denn Bürger, die gegen die Jubiläumsfeierlichkeiten protestieren, werden von Volkspolizei und Staatssicherheit (Stasi) brutal gejagt und weggeprügelt.

Keine Anti-DDR-Demo – sondern eine Pro-Demokratie-Demo

Mit dieser Gewaltorgie schüchtert die Staatssicherheit die Dissidenten der DDR allerdings nicht ein, im Gegenteil: Die Bürgerbewegung Neues Forum nimmt die Übergriffe zum Anlass, um gemeinsam mit den Ost-Berliner Theatern die Demonstration vom 4. November zu initiieren. Die Strategie der Bürgerrechtler und Regimekritiker: Sie wollen nicht gegen die DDR protestieren, sondern für einen neuen demokratischen Sozialismus, für Meinungs- und Pressefreiheit.

Als die Veranstaltung am 4. November um zehn Uhr vor dem Gebäude des Allgemeinen Deutschen Nachrichtendienstes (ADN) in der Mollstraße startet, entwickelt sie sich schlagartig zur größten nicht staatlich gelenkten Demonstration in der Geschichte der DDR. Hunderttausende ziehen zum Palast der Republik und schließlich zum Alexanderplatz, zur Abschlusskundgebung mit 20 Rednern aus Kunst und Politik.

Der Protest ist dabei so kreativ wie nie zuvor: „Mit dem Fahrrad nach Europa, aber nicht als alter Opa“, steht auf einem Transparent. Auf einem anderen: „Schickt die Stasi nach Bengasi“.

Die Intellektuellen wollen die DDR retten, doch es ist zu spät

Unter dem Druck der aufgeheizten Stimmung im Land wird die Kundgebung sogar im DDR-Fernsehen übertragen. Doch auch organisierte Beifallklatscher der Stasi, die sich unter die Demonstranten mischen, können nicht mehr viel ausrichten: Während die Menschenmenge Autoren wie Christa Wolf oder Schauspielern wie Ulrich Mühe und Jan Josef Liefers zujubelt, pfeift sie Politbüro-Mitglied Günter Schabowski und Ex-Agent Markus Wolf gnadenlos aus.

„Diese Veranstaltung war getragen davon, dass nichts mehr so bleiben soll, wie es ist“, beschreibt der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk die Situation rückblickend. „Freiheit muss her.“

Christa Wolf, Friedrich Schorlemmer und andere Redner fordern die Menschen zwar dazu auf, das Land nicht zu verlassen – doch die Intellektuellen erkennen die Zeichen der Zeit selber nicht mehr. Allein an diesem Wochenende fliehen mehr als 60.000 überwiegend junge Bürger über Drittstaaten aus der DDR. Um den ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden zu retten, ist es bereits zu spät.

Die Transparente der Demonstranten, die mit ihrem Witz und Spott die kritische, aber friedliche Stimmung auf den Punkt bringen, sammelt bereits direkt nach der Demo ein Bühnenbildner des Maxim-Gorki-Theaters ein – offenbar sind sich alle Teilnehmer bewusst, gerade Geschichte geschrieben zu haben. Seit 1994 befinden sich die Transparente im Besitz des Deutschen Historischen Museums Berlin.

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