Von Visit Berlin

Der Bebelplatz

Der Bebelplatz von Visit Berlin

Es regnet in Strömen an diesem Abend des 10. Mai 1933. In der Mitte des Opernplatzes befindet sich ein großer Scheiterhaufen. Sandmassen liegen unter den Holzscheiten, zum Schutz des historischen Pflasters. Die Richtstätte umstehen etwa 5.000 Studierende der Berliner Universität. Viele von ihnen tragen die braunen und schwarzen Uniformen von SA und SS.

Mit brennenden Fackeln streben Hunderte Braunhemden im Marschschritt vom Gendarmenmarkt zum Opernplatz. Spruchbänder mit der Aufschrift „Wider den undeutschen Geist“ tauchen auf. Lastwagen fahren auf den Platz. Auf ihnen befinden sich etwa 300.000 Bücher, herbeigeschafft aus umliegenden Bibliotheken.

Studierende der nationalsozialistischen „Deutschen Studentenschaft“ inszenieren dieses bedrückende Schauspiel. Auf „schwarze Listen“ haben sie die Namen von 130 verhassten Autoren geschrieben. Zu diesen gehören für sie unter anderem Heinrich, Thomas und Klaus Mann, Kurt Tucholsky, Heinrich Heine, Franz Kafka und Bertolt Brecht. Im Jargon der Nationalsozialisten gelten deren Texte als „missliebige, zersetzende, undeutsche Literatur“.

„Feuersprüche“ und Volksfeststimmung

Eine unüberschaubare Menschenmasse versammelt sich jetzt auf dem Platz. Unter ihnen Studierende, Lehrende und viele Schaulustige. Es riecht nach Bratwurst und Holz, Musikkapellen spielen. Volksfeststimmung. Scheinwerferlicht von den Filmteams der Deutschen Wochenschau taucht den Opernplatz in grelles Licht.

Jetzt werden die ersten Bücher ins Feuer geworfen. Aber noch brennt der Scheiterhaufen nicht. Es regnet so heftig, dass die Flammen immer wieder erlöschen. Rauchschwaden ziehen über den Platz. Die Feuerwehr kommt und gießt Benzin in die Flammen. Jetzt brennen die Bücher. Junge Männer werfen kraftvoll im hohen Bogen stapelweise Bücher in die Flammen. Über Lautsprecher hallen ihre „Feuersprüche“: „Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Marx und Kautsky.“ Die Namen von 15 weiteren Autoren brüllen sie. Die Bücher vieler Dichter werden in dieser Nacht auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Um Mitternacht erscheint Propagandaminister Joseph Goebbels. Er hat diese Aktion nicht angeordnet. Aber er ist erfreut über den vorauseilenden Gehorsam der Studentenschaft. Goebbels steigt auf ein Podest und hält eine Brandrede gegen den „undeutschen Geist“.

Die versunkene Bibliothek

Der Opernplatz heißt heute Bebelplatz. Wenn Sie jetzt in seine Mitte gehen, sehen Sie an einer Stelle fast immer einige Menschen versammelt, die auf den Boden blicken. Dort ist eine Glasplatte eingelassen. Darunter wird ein unterirdischer Raum mit leeren Regalen sichtbar, der Platz für etwa 20.000 Bücher bietet. Diese Versunkene Bibliothek ist ein Denkmal des israelischen Künstlers Micha Ullman. Auf einer Bronzeplatte, die in den Boden eingelassen ist, warnt der Dichter Heinrich Heine schon 1820: „… dort wo man Bücher verbrennt, verbrennt man am Ende auch Menschen“.

Viele der geschmähten und verfolgten Schriftsteller verlassen schon vor 1933 Deutschland. Erich Kästner nicht. Der Autor beliebter Kinderbücher kommt an diesem Abend auf dem Heimweg am Opernplatz vorbei. Dort steht er fassungslos inmitten der fanatisierten Menge vor dem Feuer. Dann hört Kästner, wie einer der Brandstifter schreit:

„Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.“ Kästner weiß, dass die Zeit der freien Meinungsäußerung vorbei ist. Nach der Bücherverbrennung verbieten ihm die Nationalsozialisten, weiter zu publizieren. Kästner schreibt in sein Tagebuch: „Begräbniswetter hing über der Stadt“.

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