Von Pola Kapuste

„Die Privatschulen müssten hundertprozentig finanziert werden“

Die Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, Monika Herrmann, würde beim Thema Bildung gerne unabhängig von der Senatsverwaltung handeln. Ein Gespräch über Chancengleichheit und den Sinn von Ganztagsschulen.

„Die Privatschulen müssten hundertprozentig finanziert werden“ von Pola Kapuste

Monika Herrmann von den Grünen ist seit 2013 Bezirksbürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg. Sie leitet die Abteilung Familie, Personal und Diversity und ist unter anderem für das Jugendamt und Integration verantwortlich. Vor allem beim Thema Privatschulen hat sie eine klare Meinung.

Frau Herrmann, welches Kind auf welche Grundschule kommt, wird über das Einzugsgebiet geregelt. Was bringt das?

Kurze Beine, kurze Wege. Kein Kind sollte mehr als 1,5 Kilometern zu seiner Schule laufen müssen. Wenn alles so funktionieren würde, wie sich die Politiker*innen das vor ein paar Jahren ausgedacht haben, dann hätten sie eine Kita, wo Kinder und Eltern Freundschaften schließen. Dann geht ein großer Teil der Kinder gemeinsam auf die benachbarte Grundschule, mindestens sechs Jahre und im Idealfall sind es Freundschaften für den Rest des Lebens. Soweit die Wunschvorstellung. Aber das entspricht leider nicht der Realität.

Warum nicht?

Die Gesellschaft gruppiert sich: Die, die es können, schicken ihr Kind auf eine freie Schule und übrig bleiben diejenigen, die sich das nicht leisten können. Dann hat man das Problem, dass sich in den Schulen nicht mehr die gesellschaftliche Vielfalt widerspiegelt und das gemeinsame Lernen fehlt. Also, dass Kinder auch voneinander lernen, das geht komplett verloren. Dann gibt es schon in der Grundschule die Bildung von bestimmten Schichten und Klassen. Die Zementierung von Klassen wird dann weiter geführt bis zur Uni.

So entstehen die typischen Problemschulen, auf denen der Anteil von sozial Schwachen und Kindern, die nicht gut Deutsch sprechen, besonders hoch ist. Aber diese Unterschiede gibt es auch ohne dass die bessergestellten Kinder auf die Privatschule gehen.

Ja, die gibt es, und da hat so ein Amt natürlich auch Steuerungsmöglichkeiten, indem es die Einschulungsbereiche so oder so schneidet. Wenn in einem Einzugsgebiet hauptsächlich einfache Wohnungen stehen, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass auf diese Schule viele Arme und Einwandererkinder kommen, hoch. Aber das Zuschneiden wird gemacht, um eine vergleichbare Anzahl von Kindern auf die verschiedenen Schulen zu schicken, nicht um die sozialen Schichten zu durchmischen.

Dass wir jetzt dieses Mischmasch haben, ist aus einer politischen Konkurrenzsituation entstanden. Wir hatten eine rot-rote Regierung, und die Linke hatte das System der Gemeinschaftsschule ins Gespräch gebracht, inspiriert aus Finnland und vom alten DDR-System. Ihr Konzept war sehr gut untersucht und evaluiert, das hat mich überzeugt. Aber dann hatten wir die Situation, dass die SPD, die damals den Schulsenator stellte, merkte, dass ihnen da etwas verloren geht – und anstatt es der Linken und vor allem den Kindern dieser Stadt zu gönnen, haben dann diesen Quatsch mit der Sekundarschule begonnen.

Wie meinen Sie das?

Jetzt haben wir Sekundarschulen mit und ohne Oberstufe, wir haben Gymnasien ab der fünften und ab der siebten Klasse, wir haben Gemeinschaftsschulen. Es ist genau das Gegenteil von dem eingetreten, was versprochen wurde. Dieses zerstückelte Schulsystem setzt Eltern und Kinder total unter Druck: In der vierten Klasse drehen einige durch, weil sie die Gymnasialempfehlung brauchen und dann erst recht wieder in der sechsten Klasse. Die Gemeinschaftsschule würde den Kindern den Druck nehmen – und auch den Eltern.

Was halten Sie von Ganztagsschulen, um mehr Chancengleichheit herzustellen?

Die sind damals mit großen Brimborium eingerichtet worden, um der Zugangsungleichheit entgegenzuwirken. Das ist dann Schule und Freizeit in einem. Also die Kinder machen ihre Hausaufgaben und gehen dann erst nach Hause. So wird das System Eltern ein Stück ersetzt. Denn viele Kinder kommen aus Familien, in denen Deutsch nicht gut oder gar nicht gesprochen wird, oder wo die Eltern selber wenig Bildung erfahren haben. Aber es funktioniert meiner Meinung nach nicht, weil nach wie vor ganz viele Kinder ohne Hausaufgaben nach Hause gehen.

Wie kommt das?

Ich kenne keine Evaluation von Ganztagsschulen oder eine Kontrollinstanz, die sich wirklich anguckt, was da passiert. Ich bekomme nur mit, dass das eher wie eine Freizeitaktivität gemacht wird, also wie früher der Hort. Ich finde das ist eine vertane Chance gerade auch in Bezug auf mehr Gleichberechtigung. Hinzu kommt, dass die bürgerlich gut situierten Eltern ihre Kinder vom Nachmittagsunterricht abmelden, damit die Kinder noch zum Reiten können. Da kommt es dann wieder zur Trennung zwischen Arm und Reich.

Welche Maßnahmen würden Sie denn Umsetzen, damit das Schulsystem flächendeckend gerechter wird?

Es gibt kaum eine Verwaltung, die so bürokratisch, so administrativ und so hierarchisch ist, wie die Senatsverwaltung für Bildung. Früher gab es ein Landesschulamt in der Form überhaupt nicht. Da haben die Bezirke selbst die Konzepte gemacht und Lehrer eingestellt. Ich fand es gut, weil man unabhängiger war, aber es ist natürlich in dem Punkt schwierig, dass man dann Glück haben muss, auf der richtigen Seite der Straße zu wohnen. Man braucht schon vergleichbare Standards.

Welche konkreten Maßnahmen könnten hier helfen?

Konkret halte ich es für ein Problem, dass Privatschulen nur 90 Prozent der Mittel erhalten, die sie brauchen, und den Rest über Spenden, Schulgelder und so weiter finanzieren. Dadurch gehen dort eher besser gestellte Kinder hin. Ich finde, man sollte öffentliche Schulen freier laufen lassen, nicht immer reformieren und überregulieren. Und die Privatschulen müssten hundertprozentig finanziert werden, damit ungefähr gleiche Voraussetzungen bestehen. Dann wird sich zeigen, ob auch Kinder aus sozial schwächeren Familien dort einen Platz finden. Und wenn das nicht der Fall ist, muss man über andere Optionen nachdenken.

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Schlussredaktion
Maike Schultz