Von Michael Brettin

Die nackte Wahrheit über Berlin

„Babylon Berlin“, wie es wirklich war: Eine Zeitreise ins Amüsemang der Zwanziger.

Die nackte Wahrheit über Berlin von Michael Brettin

Gern verklären wir die zwanziger Jahre als golden, doch das waren sie nur für wenige – und selbst für diese nur ein gutes halbes Jahrzehnt, zwischen Ende der Inflation und Beginn der Weltwirtschaftskrise. Die neue Fernsehserie „Babylon Berlin“, produziert von Tom Tykwer auf Grundlage der Kriminalromane von Volker Kutscher, erzählt davon.

Die Serie zeichnet das Panorama einer Gesellschaft, die aus den zwanziger Jahren, einer Zeit, die berauscht war von sich, von neuen gesellschaftlichen Freiheiten, von aufbrechenden Konventionen in Kunst, Musik und Literatur, in das dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte taumelt.

Die Hauptfigur Gereon Rath ist Kommissar im Polizeipräsidium am Alexanderplatz, wegen seines Backsteins und seiner Klotzigkeit auch Rote Burg“ genannt. Er soll einen Erpressungsfall lösen, hinter dem offenbar ein Pornoring steht – und gerät in einen Dschungel aus Prostitution, Korruption und Waffenhandel. Die Geschichte spielt 1929, in der Endphase der Weimarer Republik.

Sowohl die Verfilmung als auch die Buchvorlage spiegeln jene Zeit verblüffend geschichtsnah wider. Jede Straße, jede U-Bahn-Station gab es wirklich – auch Vergnügungsorte wie das Kaffeehaus und Tanzlokal Moka Efti.

Das Berlin der Zwanziger ist eine Weltmetropole voller Verlockungen und Abgründe. Rauschhafter Exzess und extreme Armut, Emanzipation und Extremismus stehen sich gegenüber.

Noch ahnt kaum jemand, in welche Katastrophe der aufkommende Nationalsozialismus das Land – und die Welt – führen wird.

Jemand, der wie niemand sonst die Verlockungen und Abgründe jener Jahre verkörpert, ist Anita Berber. Dass sich die Leute nur für ihre Brüste und ihren Hintern interessieren, macht sie rasend: „Wir tanzen den Tod, die Krankheit, die Schwangerschaft, das Sterben, und kein Mensch nimmt uns ernst. Sie glotzen nur auf unsere Schleier, ob sie nicht darunter etwas sehen können, die Schweine!“

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Anita Berber posiert in ihrem berühmt- berüchtigten Tanz „Kokain“, von dem sie abhängig ist.

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Die Tänzerin ist es gewöhnt, angegiert zu werden. Eigentlich kann sie das wegstecken. Geil-grölende Gäste besänftigt sie oft mit den Worten: „Seid ruhig, ich schlafe ja doch mit jedem von euch!“ Aber bei einem ihrer Auftritte im Lokal Weiße Maus kann sie nicht mehr an sich halten.

Die Weiße Maus an der Jägerstraße 18 in Mitte ist ein verruchtes Lokal. Intellektuelle, Unterweltkönige, Geschäftsreisende mit Spesenkonten gehen hier ein uns aus. Alle verbergen ihr Gesicht hinter einer Augenmaske. Um Mitternacht hebt sich der Vorhang der Bühne für Schönheits- und Nackttänze.

Als eines Nachts im Jahr 1924 ein aufmüpfiger Gast nicht begreifen will, dass sie, die Berber, keine Pornografie, sondern Kunst darbietet, zieht sie ihm eine leere Champagnerflasche über den Kopf.

Die Berliner Sängerin Henny Walden, Weiße-Maus-Stammgast, versteht die Berber nur zu gut: „Die Göttliche entblößt sich jede Nacht in einer anderen Kaschemme um ihrer Kunst willen, und niemand begreift es.“

Das Leben der Anita Berber ist wie die zwanziger Jahre: ein Tanz auf dem Vulkan.

Auf diesem Vulkan findet jeder Mann und jede Frau etwas, um dem Alltag zu entfliehen, die einen der Langeweile, die anderen ihren Sorgen: Revue- und Varietétheater, Oper und Operette, Kabarett, Theater und Kino, Kostüm-, Witwen- und Transvestitenbälle sowie ungezählte Kaffeehäuser, Klubs und Kaschemmen.

Vor allem die Revue, die die Opulenz von Operette und Varieté mit Kabarett vereint, ist ab Mitte der zwanziger Jahre das Unterhaltungsgeschäft in Berlin schlechthin.

Zu den erfolgreichsten Revuemachern zählen Erik Charell im Großen Schauspielhaus zwischen Schiffbauerdamm und Karlstraße (heute Reinhardtstraße), Hermann Haller im Admiralspalast am Bahnhof Friedrichstraße und James Klein in der Komischen Oper an der Ecke Friedrichstraße/Weidendammer Brücke (nicht zu verwechseln mit der heutigen Komischen Oper in der Behrenstraße).

Als im Oktober 1924 Charells erste Revue „An Alle!“ über die Bühne geht, sitzt unter den Zuschauern auch der in Berlin lebende Journalist Joseph Roth. Er schreibt damals nicht nur seine legendären Reportagen „Nächte in Kaschemmen“, sondern auch als Feuilletonist:

„Ballett, Oper, Kintopp, Kabarett, Varieté, Operette, Modeschau, Stoffe, Kitsch, Sentimentalität, Lyrik, Licht, Klang, Erotik, Sakrales, Pathos, Ironie – was gibt es noch? – Sport, Gesellschaft, Militarismus, Mode, Spielzeug, Schiff, Eisenbahn, Luftschiff, Wasser, Feuer, Rokoko, Gegenwart, Humanismus, Technik – aus all diesen Dingen besteht eine ,Revue‘. (…) Sie lebt von der Masse, sie besteht aus Massen, sie wird für die Massen gespielt.“

Das Grundkonzept ist an allen drei großen Revuetheatern gleich: eingängige Tanz- und Gesangsnummern, ein paar Sketche und ein paar Stars, viel Exotik und Erotik. Dass es ein großes Publikum für Erotik auf der Bühne gibt, weiß die Branche seit den überraschend erfolgreichen Auftritten des Celly-de-Rheidt-Balletts im Nelson-Theater 1921.

Rudolf Nelson, der an seinem Haus an der Ecke Kurfürstendamm/Fasanenstraße nur anspruchsvolles Kabarett macht, hatte sich überreden lassen, in der spielfreien Sommerzeit die Bühne der ersten Nackttanztruppe der Republik zu überlassen.

Die Truppe um Celly de Rheidt (eigentlich Cäcilie Schmidt, geboren in Rheydt, heute Teil von Mönchengladbach) durfte nicht ganz nackt auftreten. Um die Zensur zu umgehen, trugen die Damen Busenschützer, Tangas und Schleier. Revuemacher ließen sich inspirieren.

Erotische Revue ist aber nicht gleich erotische Revue. Erik Charell inszeniert kunstvoll subtil, Hermann Haller extravagant international, James Klein, der „Zieh Dich aus!“ im März und „Tausend nackte Frauen!“ im September 1928 auf die Bühne bringt, konkurrenzlos freizügig.

Die Freizügigkeit Berlins, die sich ganz ungeniert zur Schau stellt, spaltet die Gemüter. Der Schriftsteller Stefan Zweig, der die Stadt bereist, hält sie für „das Babel der Welt“.

Es ist Anitas Welt.

Anita Berber, geboren am 10. Juni 1899, stammt aus Leipzig. Ihre Mutter ist Chanson- und Kabarett-Sängerin, ihr Vater Violinvirtuose; die Eltern lassen sich 1902 scheiden. Anita zieht 1906 nach Dresden und 1914 nach Berlin, in die Zähringerstraße (Wilmersdorf), mit Mutter, Großmutter, zwei Tanten. Sie nimmt ab 1915 Schauspiel- und Tanzunterricht.

Als „spontan und hemmungslos“ beschreibt Schriftstellerin Dinah Nelken rückblickend ihre Mitschülerin Anita. Aber: „Bei aller Vorliebe für Flirts hatte sie einen unglaublichen Liebreiz, ohne ordinär zu wirken.“

Tanz wird Anita Berbers Leben. Im Jahr 1917 steht sie im Apollo-Theater und im Wintergarten auf der Bühne, 1918 im Blüthner-Saal erstmals solo. Nebenbei arbeitet sie als Model. In Zeitschriften wie „Elegante Welt“ und „Die Dame“ ist sie zu sehen, sogar im US-Magazin „Vanity Fair“. Auch beim Film ist sie gefragt: Bis 1925 tritt sie in 25 Produktionen auf; in „Dr. Mabuse“ doubelt sie die Tanzszenen für die Hauptdarstellerin.

Scheitelpunkt ihrer Karriere ist ihr Engagement beim Celly-de-Rheydt-Ballett. Nummern wie „Liebesnacht im Harem“ und „Peitschentanz“ im Nelson-Theater sind der Berliner Bühnenerfolg 1921. Und finden Nachahmer. Zum Ensemble gehört Sebastian Droste (eigentlich: Willy Knobloch). Mit ihm choreografiert Anita Berber die „Tänze des Lasters, des Grauens und der Ekstase“, „Kokain“ und „Morphium“.

Das Publikum begreift nicht, dass sie ihr Leben tanzt. Sie ist, wie Droste, kokain- und morphiumsüchtig. In einer Zeit, in der die Zukunft als verloren gilt, verkörpert sie den puren Exzess. Theaterkritiker Herbert Pfeiffer, ab 1925 für das Berliner „12-Uhr-Blatt“ tätig, schreibt über sie:

„Sie verkörpert das wilde Flackern und Brennen ihrer Generation, die (…) sich in jedem Falle ausleben wollte. Jeder fühlte, daß die Zeit auch in ihm ein Stück Anita Berber auslöste (…)“

Ungezählte Liebschaften hat die Berber, Männer und Frauen. Und sie prostituiert sich bei Bedarf. Martha Dix, die Frau des Malers Otto Dix, erzählt: „Jemand sprach sie an, und sie sagte: ,200 Mark!’ Ich fand das gar nicht so furchtbar. Irgendwie musste sie ja Geld verdienen.“

Tagsüber trägt sie oft nur einen Zobelpelz. Ihre Haut ist blass, ihre Augenbrauen sind aufgemalt. Abends zeigt sie sich im Smoking und mit Monokel. Sie trägt als erste Frau Herrenanzüge, prägt eine Mode „à la Berber“.

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Anita Berber trägt als erste Frau Smoking und Herrenanzüge. Nicht nur damit sprengt sie das Korsett der wilhelminischen Verklemmtheit.

Stadtmuseum Berlin

„Verderbte Bürgermädchen kopierten die Berber, jede bessere Kokotte wollte möglichst genau wie sie aussehen. Nachkriegserotik, Kokain, Salomé, letzte Perversität: solche Begriffe bildeten den Strahlenkranz ihrer Glorie.“ (Klaus Mann)

Wo Anita Berber auftaucht, müssen alle mit allem rechnen. Eines Abends sieht Schauspieler Hubert von Meyerinck die Berber in den Speisesaal vom Hotel Adlon stolzieren: Nerzmantel bis zum Hals, Goldschuhe mit sehr hohen Hacken, keine Strümpfe, Haare „in höllischem Rot über ihrem grünen Nixengesicht“. Sie setzt sich an einen Tisch, bestellt Champagner, nestelt an ihrem Hals, „und dann fiel der Pelz. Ein allgemeiner leiser Aufschrei – da saß sie und war splitterfasernackt“.

Sittsamer geht es zu im Luna-Park. Der größte Vergnügungspark Europas, entstanden nach dem Vorbild von Coney Island in New York, liegt am Ostufer des Halensees. Was hat dieser Rummelplatz alles zu bieten: Schaubuden und Restaurants mit 16.000 Sitzplätzen, Revue und Kabarett, Blasorchester und Jazzbands, Tanzturniere und Boxkämpfe, sowie jede Nacht ein großes Feuerwerk.

Zu den Attraktionen zählen eine Wasserrutschbahn, die im See endet; die „Shimmy-Treppe“, eine Wackeltreppe mit einem Gebläse am Ende, das die Röcke der Damen hebt; und ein Wellenbad, genannt „Nuttenaquarium“, weil dort die Herren die Damen in der neuesten Bademode begaffen.

Mit dem Haus Vaterland am Potsdamer Platz eröffnet am 31. August 1928 ein Vergnügungstempel, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat. Das Haus bietet zwölf Restaurants, darunter die Rheinterrasse im Stil einer Rheintal-Landschaft, wo stündlich das Licht gedimmt und Wolkenbrüche mit Blitz und Donner über die Gäste hereinzubrechen drohen.

Außerdem gibt es ein Caféhaus für 2500 Personen, ein Kino, einen Palmensaal, und einen Ballsaal, in dem ein auf Federn gelagerter Boden die Tänzer vor Ermüdung schützen soll und in dem Varietévorführungen stattfinden.

Intimer geht es zu im Resi, dem Residenz-Casino an der Blumenstraße, wegen seiner Lichtspiele, etwa den beleuchteten Springbrunnen, auch „Ballhaus der Technik“ genannt.

Damen und Herren können im Resi außer speisen und tanzen auch eifrig schäkern: Sie können sich via Tischtelefon unterhalten und dem oder der Auserwählten via Rohrpost eine Aufmerksamkeit zukommen lassen – einen Zigarrenschneider oder ein Fläschchen Parfüm oder einen in Leder gebundenen Reiseplan für ein geheimes Wochenende.

Zwei große Varieté-Theater in Berlin bieten Zerstreuung: der Wintergarten an der Dorotheenstraße südlich des Bahnhofs Friedrichstraße (seit 1992 gibt es ein neues Wintergarten-Varieté an der Potsdamer Straße) und die Scala an der Lutherstraße. Ein drittes kommt Anfang 1929 dazu, die Plaza am Küstriner Platz, heute Franz-Mehring-Platz.

Der Humorist Otto Reutter ist der Star im Wintergarten, wo er selbst verfasste Couplets unnachahmlich zum Besten gibt. Seine Stücke drehen sich um den Zeitgeist, den er schwindelerregend witzig glossiert. Ein Star ist auch Claire Waldoff, die sich als Volkssängerin versteht und Chansons im Berliner Dialekt vorträgt.

Um die 50 Theater und ungezählte Kleinkunstbühnen werden in Berlin bespielt. Von den Uraufführungen im Jahr 1928 bleibt „Die Dreigroschenoper“ in besonderer Erinnerung. Für das Stück von Bertolt Brecht mit Musik von Kurt Weill hebt sich am 31. August im Theater am Schiffbauerdamm erstmals der Vorhang. Bis zu seinem Verbot 1933 ist es die erfolgreichste deutsche Theateraufführung.

Auch Lichtspieltheater sind sehr beliebt. Etwa 60 Millionen Menschen besuchen 1928 die Kinos in Berlin, wo die drei führenden deutschen Filmkonzerne vertreten sind: Ufa, Tobis, Terra. Erfolgreiche Filme des Jahres sind „Alraune“ von Henrik Galeen, die Geschichte eines Mädchens, deren Mutter, eine Hure, sich künstlich befruchten lässt mit dem Sperma eines hingerichteten Lustmörders, und „Spione“ von Fritz Lang.

Für die breite Masse der Berliner gibt es Kinovergnügen nicht in einem der leuchtenden Filmpaläste, sondern in einem der schummrigen Kintöppe. Im Ufa-Palast am Zoo (heute steht hier das Kino Zoo Palast) spielt ein 70-Mann-Orchester auf, im Kino an der Münzstraße am Alexanderplatz klimpert ein elektrisches Klavier vor sich hin; dort nimmt der Zuschauer das Geschehen auf der Leinwand gesittet zur Kenntnis, da nimmt er daran rege Anteil – mit derben Bemerkungen über die Schauspieler.

Breit ist auch das Angebot an Lokalen aller Art. Da gibt es den Intellektuellen-Treffpunkt Romanisches Café an der Ecke Tauentzien-/Budapester Straße mit seiner Alles-kennt-sich-schätzt-sich-hasst-sich-Atmosphäre. Joseph Roth beschreibt die Stammgäste als Literaten, die „Revolutionäre im Traum“ waren, „Mokka in den Adern“ hatten und auf Menschen mit festem Einkommen herabsahen.

Das auch in „Babylon Berlin“ als Schauplatz dienende Moka Efti, 1929 in einem alten Palais an der Ecke Leipziger Straße/Friedrichstraße eröffnet, ist ein beliebter Treff für alle, die in einer Illusion von tausendundeiner Nacht schwelgen möchten.

Zur einen Straßenseite liegt eine in weißem Marmor gehaltene Konditorei und eine Kaffeebar, zur anderen ein mit Palmen geschmückter Saal für Tanzveranstaltungen. Der Gang zwischen der Bar und dem Ägyptischen Salon ist als gewaltiger Schlafwagen gestaltet.

Bei Aenne Maenz an der Ecke Augsburger/Joachimsthaler Straße sind alle willkommen; bei Aenne, Köchin, Schankwirtin und Vertraute, heißt es „jeder nach seinen angeborenen Qualitäten“, wie der Theaterkritiker Herbert Pfeiffer bei einem Besuch des Lokals – „nicht mehr als eine Destille“ und dazu „ohne jeden Komfort“ – feststellt, „die Frauen nach Charme, die Männer nach Witz, die Geister nach Bedeutung“.

Auch im sozial schwachen Norden, Osten und Südosten der Stadt gibt man sich gerne dem Amüsemang hin: Man verlustiert sich in Kneipen und Kellerlokalen, janz volkstümlich.

„Der Bückling war jut. Bloß der Schnaps hatte so ’n Beijeschmack nach Rosenlikör.“

Das notiert „Pinselheinrich“, der Berliner Maler Heinrich Zille – er meint damit das beigepanschte Methanol, das das Brennen von Alkohol billiger und das Trinken lebensgefährlich macht.

Wer morgens aus einer der Kaschemmen um den Alexanderplatz wankt und hungrig ist, der ist im Frühlokal Alt-Mexiko gut aufgehoben. Ab sechs gibt es Bockwurst mit Salat für 50 Pfennige. In der Bierquelle von Aschinger, die über den Alex hinaus über die ganze Stadt verteilt sind, serviert man Löffelerbsen mit Spitzbein für 30 Pfennige, Delikatesssülze mit Bratkartoffeln für 75, Backobst mit Klößen und Speck für 90 und Schrippen nach Belieben gratis.

„Es gab kaum noch eine Straße, in der sich nicht ein Nachtlokal etablierte, manchmal nur mit sechs oder acht Tischchen“, erinnert sich der Journalist und Schriftsteller Curt Riess, Lokale wie das Himmel und Hölle am Kudamm mit seinen Türstehern Petrus und Satan, das Travestielokal Eldorado (es gab eins an der Luther- und eins an der Motzstraße) und die Weiße Maus.

Für alle Orte galt:

„Es war schick, Rauschgifte zu nehmen. Kokain war eine Zeitlang Mode. Man bekam es in jedem zweiten Nachtlokal bei der Toilettenfrau …“

Kleinste (gestreckte) Mengen gab es in der südlichen Friedrichstraße ab 1,50 Mark.

Anita Berbers Drogenkonsum fordert seinen Tribut; ihr Gastspiel im Lokal Weiße Maus ist nicht von Dauer. Wegen der Sache mit der Champagnerflasche erteilt ihr die Maus Auftrittsverbot. Es spricht sich herum, dass sie launisch ist. Auf Gesellschaften ist sie kein gern gesehener Gast. Sie bekommt nur noch einen Filmauftritt, einen kurzen. Mit Mitte 20 neigt sich ihre Karriere dem Ende zu.

Wie es in ihr aussieht, bringt der Maler Otto Dix 1925 zum Vorschein: Sein Porträt zeigt sie in einem enganliegenden, hochgeschlossenen knallroten Kleid, die Haare ebenso knallrot, das Gesicht kalkweiß, der Mund verkniffen, die Augen todtraurig. Eine verlebte Frau.

In einer dritten Ehe sucht sie ihr Glück. Sie und ihr Mann reisen viel, brechen permanent Exklusivverträge, werden ständig verklagt. Bei einer Vorstellung im Ausland bricht sie zusammen.

Ärzte diagnostizieren „Galoppierende Schwindsucht – Tuberkulose“. Im Bethanien-Krankenhaus Kreuzberg stirbt sie am 10. November 1928, mit 29 Jahren.

Vielleicht tanzte sie dem Tod etwas vor, als er zu ihr kam.

Autoren
Michael Brettin
Konzeption
Maike Schultz