Von Julia Haak

Ihrer Zeit voraus

Die Politiker Nancy und Björn Böhning sind ein Ost-West-Paar. Die ostdeutsche Frau und der westdeutsche Mann verhandeln die deutsch-deutsche Einheit täglich am Küchentisch.

Ihrer Zeit voraus von Julia Haak

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Das Wetter ist mies. Es nieselt. Ein grauer Januartag. Der Ofen am Tisch bullert. Vor neun Jahren, als Nancy und Björn Böhning sich zu ihrem ersten Date an diesem Ort trafen, war Sommer, es war warm, und sie saßen draußen an einem der Tische direkt am Wasser bei einem Glas Wein. Nur sie zwei, keine zufällige Begegnung, sondern eine erste echte Verabredung. „Das ist ja schon immer so’n Schritt“, sagt Nancy. Ihr Mann lacht. „Ja, so war das“, sagt er.

Mittlerweile sind sie 38 und 39 Jahre alt, haben einen sechsjährigen Sohn und sind verheiratet. Sie wohnen in Weißensee. Wein gibt es nicht an diesem verregneten Januartag, sondern Rhabarbersaftschorle und Kartoffelsuppe. Nur der Ort ist derselbe: das Restaurant Freischwimmer an einem der Spreekanäle in Kreuzberg auf der Grenze zu Treptow. Ein Ost-West-Ort, auf einer Insel irgendwie dazwischen. An dieser Stelle war die Stadt früher geteilt.

Dieses Lokal ist ein wunderbarer, geradezu symbolischer Ort für den Beginn dieser Beziehung. Denn Nancy und Björn Böhning sind ein Ost-West-Paar. Diese beiden Menschen bilden einen Mikrokosmos, der uns mehr erzählt, als nur die Geschichte eines Paares. Vielleicht lässt sich an ihrem Beispiel auch Interessantes über die Vereinigung der beiden Teile des Landes erzählen.
Nancy und Björn Böhning sind ein prominentes Paar.

Er, Chef der Berliner Senatskanzlei, für die SPD zurzeit in der GroKo-Verhandlungskommission und sie seit kurzem Bundesgeschäftsführerin der Partei. „Puh, eine unglaubliche Woche“, sagt Nancy Böhning. Ein Bundesparteitag folgt auf den anderen und bei ihr läuft alles zusammen. Ihr Mann kommt gerade von einer Verhandlung mit der CDU, nachmittags muss er wieder hin. Er winkt ab, gerade ärgert ihn, dass er nie weiß, mit wem er gerade verhandelt, mit der konservativen Partei oder mit dem Kanzleramt. Damit Lasse, der kleine Sohn, nicht zu kurz kommt, sind seine Eltern aus Lübeck angereist.

„Ich glaube, die mentale Distanz zwischen Ost und West wurde immer unterschätzt. Es gab immer nur die westdeutsche Sicht und dann maximal noch die westliche Sicht auf das Jammern der Ossis.“

Ost-West-Paare gab es schon vor der Wiedervereinigung – ein paar Tausend aber nur. Jetzt sind es deutlich mehr, weit entfernt allerdings noch immer von der Normalität. Vier Prozent deutsch-deutsche Beziehungen zählten Forscher vor wenigen Jahren. Sie bleiben Exoten. Nancy und Björn Böhning repräsentieren die Statistik allerdings geradezu perfekt. Eine Ostfrau und ein Westmann. So ist es fast immer. Bei 90 Prozent aller deutsch-deutschen Paare kommt die Frau aus dem Osten und der Mann aus dem Westen.

„Das hat viel mit dem Selbstverständnis einer Ostfrau zu tun, also auch mit der Überzeugung, Beruf und Familie unter einen Hut zu bekommen“, sagt Nancy Böhning. Es gehe um Selbstvertrauen und eine gleichberechtigte Partnerschaft, keine klassische Rollenteilung also nach dem Motto, er das Auto und sie den Haushalt. „Bei uns bügelt und kocht der Mann. Dass Mutti kocht, ist für unseren Sohn nicht selbstverständlich, sondern eher eine Ausnahme“, sagt sie.

Ost-West-Beziehungen seien meist, so ist es im Freundeskreis, emanzipierte Beziehungen. Die Frauen stünden auf eigenen Füßen, sie begegneten ihren Männern auf Augenhöhe, sagt sie. Die Frauen sind voll berufstätig, schnell wieder eingestiegen nach einer Schwangerschaft. Aber ist das ein anderes Selbstverständnis? Oder gilt nicht das, was sie aufzählt, auch für emanzipierte West-Frauen? Vielleicht liegt der Unterschied ja vor allem darin, dass ihr das Selbstbestimmte so enorm wichtig ist.

 

Ost-West-Paare wurden an verschiedenen Universitäten unter die Lupe genommen, ihre Lebensziele, die Partnerschaft, wann sie Eltern werden und auch, was sie aneinander schätzen. Björn Böhning formuliert Letzteres so: „Ostdeutsche sind sehr ehrliche Menschen. Was gesagt wird, ist auch gemeint und nicht am nächsten Tag ganz anders. Wenn ich sage, dass ich den Abend mit Freunden im Club verbringe, muss ich mir nicht am nächsten Tag anhören, du wusstest doch, dass ich viel zu tun habe und das gar nicht so wollte.“ Kommunikation hintenrum über Bande mag er nicht.Der Psychologe Olaf Georg Klein hat einmal gesagt, Westmänner empfänden Ostfrauen als unkompliziert, weiblich, hingebungsvoll und anspruchslos, was materielle Dinge angeht. Ostfrauen erschienen Westmänner als großzügig und spendabel, erfahren und weltgewandt. Auch fielen Westmänner den Ostfrauen aufgrund ihrer Selbstrepräsentation mit größerer Wahrscheinlichkeit auf. Sie hätten die Fähigkeit, sich darzustellen und damit die Neugier zu wecken. Ostmännern gehe diese Fähigkeit eher ab.

Am Tisch im Freischwimmer lässt sich mit dem Psychologenzitat großes Gelächter auslösen. „Passt ganz gut“, findet er. Sie reagiert vorsichtiger, vor allem auf das Wort anspruchslos. Ansprüche hat sie. Wenn auch vielleicht nicht in materieller Hinsicht. „Als wir uns entschieden haben, ein Kind zu bekommen, war für mich die entscheidende Frage: Kann ich das auch allein? Ich habe die für mich mit ja beantwortet. Ich würde mich nie in ein Abhängigkeitsverhältnis begeben. Das würde mich wahnsinnig machen“, sagt sie. Das allerdings sehen viele West-Frauen genauso.

Nancy Böhning ist in Elsterwerda geboren und im Nachbarort Plessa aufgewachsen, einer kleinstädtischen beziehungsweise dörflichen Struktur in der Lausitz. Damals war der Braunkohletagebau Motor der Region. Mit allen positiven wie auch negativen Nebeneffekten. Arbeit für jeden, ein großes Bergbaudorf mit Fleischer, Bäcker, Kulturhaus. Vor dem Wäscheaufhängen musste man allerdings schauen, von welcher Seite der Wind kam, sonst war die Wäsche schwarz. Nancy Böhning war elf, als der Staat, in dem sie lebte, auseinanderfiel. Heute sieht Plessa schick aus, ein süßes Dorf, „aber es gibt leider nur noch einen Supermarkt und eine Sparkasse. Nach Elsterwerda fahren noch zwei Busse. Das war‘s.“ Keine 3000 Menschen leben heute noch dort.

Ein Bruch war die Wende für Nancy Böhning trotzdem nicht. Die Eltern waren in jungen Jahren Turner, die Mutter sogar Weltmeisterin. Sie hatten sich beim Sport kennengelernt. Die Mutter wurde später Lehrerin, der Vater Bergbauingenieur. „Meine Eltern gehörten nicht zu den Wendeverlierern. Das hat meinen Blick sehr geprägt.“ Sie machte Abitur und ging zum Studieren nach Dresden und Leipzig. Dort kam sie in Kontakt mit der SPD.

Björn Böhning wuchs in einer Plattenbausiedlung in Lübeck auf. Zonenrandgebiet, ein bisschen Hafenindustrie, sonst nicht viel, hohe Arbeitslosigkeit. Die Mutter war Lehrerin, der Vater betreute als Sozialarbeiter alkoholabhängige Jugendliche. „Mein Vater kommt aus der westdeutschen kommunistischen Tradition, friedensbewegt. Bei uns war eine eher skeptische Stimmung, als die Wende kam“, sagt er. Sie galt als Sieg des Westens über den Osten. Für die Eltern kein Grund zu feiern.

Lübeck erlebte einen Ansturm von ostdeutschen Migranten. Die Schülerzahlen in den Klassen verdoppelten sich. „Die Lehrer wollten plötzlich Klassenfahrten nach Stralsund machen, wir wollten aber lieber nach Hamburg. Dauernd mussten wir auf die mecklenburgische Seite der Ostsee fahren. Da gab‘s damals nicht mal Eis“, sagt er. Eine Behauptung, die seine Frau auf keinen Fall stehen lassen kann. Ein entspanntes Verhältnis zum neuen Ost-Teil des Landes entwickelte Björn Böhning erst nach 1999, als er zum Politikstudium nach Berlin zog.

Dort haben sich die Böhnings dann kennengelernt. Nancy kam als Praktikantin ins Willy-Brandt-Haus. Dann landete sie als Referentin bei der SPD-Abgeordneten Elke Ferner im Bundestagsbüro. Björn war zu dieser Zeit Juso-Vorsitzender. „Er ist mir erstmal gar nicht aufgefallen“, sagt sie. „Ja, ich war auch ganz schön fett“, sagt er. Sie lacht. Die Ost-Frau wollte wohl, wie schon der Psychologe erkannt hatte, lieber was Repräsentatives. Unbedingt, sagt sie, und dann lachen sie beide. Aber weil sich im Büro der Abgeordneten die Linken in der SPD sammelten, telefonierten sie viel miteinander. Das war 2009. Dann wurde es ernsthafter. „Ja, so war das“, sagt er.

„Alleine der Fakt, eine Ostfrau zu sein, darauf kann man stolz sein. Oft wird man belächelt. Der Lebensentwurf, den ostdeutsche Frauen haben, Beruf und Kinder unter einen Hut zu kriegen, das ist ein modernes Frauenbild.“

Ihre Heirat haben sie 2013 auf einer Fahrt zu Ikea verabredet, da war Lasse, der Sohn, schon ein Jahr auf der Welt. „Das ist das Pragmatische. Wenn wir jetzt eh schon ein Kind haben, dann können wir auch heiraten. Aber ohne Ringe, ich wollte ja nicht mal ein Brautkleid anziehen“, sagt Nancy Böhning. „Das hab ich dann durchgesetzt“, sagt er. Erst Kind, dann Heirat ist nicht nur pragmatisch, sondern auch typisch für Ost-West-Paare.

Wie das Max-Planck-Institut in einer Studie über Familie und Partnerschaft in Ost- und Westdeutschland ermittelte, unterscheiden sich auch heute noch Heiratsverhalten, die Familienformen und das Erwerbsverhalten zwischen beiden Landesteilen. So sind ostdeutsche Frauen weiterhin jünger als westdeutsche Frauen, wenn sie das erste Kind bekommen. Der Anteil nichtehelicher Kinder ist höher. 69 Prozent der westdeutschen Frauen, aber nur 36 Prozent der ostdeutschen Frauen sind verheiratet, wenn sie das erste Mal Mutter werden. In allen östlichen Bundesländern werden anders als in den westlichen mehr nichteheliche als eheliche Kinder geboren.

Aber es gibt auch Unterschiede in Haltungsfragen. „Alleine der Fakt, eine Ostfrau zu sein, darauf kann man stolz sein. Oft wird man belächelt, für die Vorliebe für Rotkäppchensekt zum Beispiel. Aber was diese Rotkäppchenkelterei geschafft hat seit der Wende, ist doch beeindruckend. Und genauso der Lebensentwurf, den ostdeutsche Frauen haben, Beruf und Kinder unter einen Hut zu kriegen, das ist doch ein modernes Frauenbild. Ich wünschte mir, das würde mal gewürdigt“, sagt Nancy Böhning.

Ihr Mann sieht das ähnlich. „Ich glaube, die mentale Distanz zwischen Ost und West wurde immer unterschätzt. Es gab immer nur die westdeutsche Sicht und dann maximal noch die westliche Sicht auf das Jammern der Ossis“, sagt er. Aber eine eigene ostdeutsche Sicht, die anerkannt wird auch im Westen? Eher nicht. Anerkennung fehlt. „In vielen ostdeutschen Familien hält sich auch heute noch dieses Gefühl, irgendwie Bürgerinnen und Bürger zweiter Klasse zu sein“, sagt Nancy Böhning.

Die beiden Böhnings sind sich in dieser Sache einig. Sie glauben, dass nicht genügend Ostdeutsche in der Bundesregierung sitzen, dass Ganztagsschulen und Polikliniken jetzt nicht als neue Ideen, sondern als etwas, was gut war in der DDR, anerkannt werden sollten. Genauso wie staatliche und gesellschaftliche Eliten die Würde kleiner Leute anerkennen müssten und ihnen nicht ständig das Gefühl geben, mit Almosen bedacht zu werden. Das sei eine der wichtigsten Aufgaben für die neue Regierung, um gesellschaftliche Spaltungen zu überbrücken, sagt Björn Böhning.

Der Sozialwissenschaftler Daniel Lois kommt in seiner Analyse von Ost-West-Paaren zu dem Schluss, dass Konflikte in diesen Partnerschaften sich häufig um das Thema Politik drehten und dabei vor allem um die jüngste deutsche Vergangenheit und Aspekte wie Wende, Arbeitslosigkeit und die Treuhand. Das scheint auf die Böhnings nicht zuzutreffen. Sie streiten nicht viel. Das ist vermutlich eine Persönlichkeitsfrage. Wenn Nancy Böhning im Gespräch engagiert ihre Meinung kundtut, blickt ihr Mann sie manchmal mit gerunzelter Stirn an, aber er widerspricht ihr nicht. „Ich bin halt bockig und unnachgiebig“, sagt Nancy Böhning, und ihr Mann ergänzt: „Du willst halt nicht einsehen, dass ich Recht habe.“ Worauf sie sagt: „Wir sehen uns zu selten, um zu streiten“, und beide grinsen.

Für ihre Eltern war ihre Verbindung ebenfalls eine Ost-West-Erfahrung. „Björn ist ein stolzer Mann, weltgewandt. Das war für meinen Vater gut: ebenbürtig. Nach dem ersten Bier war alles in Ordnung“, sagt sie. Vielleicht hat eine gewisse Bodenständigkeit die Sache erleichtert. Björn Böhning gefällt so etwas und so hatte er auch keine Probleme damit, mit den Schwiegereltern nicht nur bei Kaffee und Kuchen zu sitzen, sondern auch gleich mal die Auffahrt zum Haus mit zu pflastern, weil das gerade anlag.

In Lübeck war es nicht so einfach. Es ging zu schnell: eine neue Schwiegertochter und dann gleich schwanger. Sie haben etwas gebraucht, sich zu arrangieren mit der ostdeutschen Frau, die das Baby nicht lange stillen wollte und so schnell wie möglich zurück ins Berufsleben. Nach sechs Monaten nahm der Vater Elternzeit und machte die Eingewöhnung in der Kita. Die Eltern haben es nicht gesagt, aber das Paar merkte, dass sie das störte.

Für den Sozialwissenschaftler Lois stellt sich die Frage, ob die Besonderheiten der Ost-West-Paare verschwinden werden, ob sie sich westdeutscher Normalität angleichen. Allerdings ist der umgekehrte Fall viel wahrscheinlicher. Egalitäre Arbeitsteilung, unverheiratet auch mit Kind, keine oder gemischte Konfessionen liegen im Trend. Vielleicht sind die Ost-West-Beziehungen einfach ihrer Zeit voraus. Die Idee gefällt den beiden Böhnings.

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