Von Jens Blankennagel

Der Querdenker

Stephan Krawczyk war der bekannteste Oppositionelle in der Endphase der DDR. Ein Kritiker der Verhältnisse ist der Musiker auch heute noch.

Der Querdenker von Jens Blankennagel

Das große, breite Bett ist ungemacht. Diese Landschaft aus leicht zerwühlten Decken und Kissen sieht urgemütlich aus. Ein Stillleben in klaren Pastellfarben. Auf einem Stuhl stapeln sich zwei Büchertürme, mitten im Bett liegt ein philosophisches Wörterbuch aus den 20er-Jahren. Stephan Krawczyk springt ins Bett, greift es sich und zeigt, was er in der Nacht gelesen hat. „Es ging um Eitelkeit“, sagt er. „Der Begriff der Eitelkeit kommt von Leere. Interessant, oder? Das trifft unsere Zeit ziemlich genau. Die Welt wird immer eitler, immer leerer. Alle sehen nur noch sich selbst, fotografieren nur noch sich selbst. Alles dreht sich nur um Äußerlichkeiten, Nichtigkeiten und um dieses verfluchte Geld. Der Inhalt aber, sagt er, „der Inhalt wird immer unwichtiger.“

Stephan Krawczyk kann es nicht lassen: das Kritisieren, das Nachdenken, das Suchen nach dem Sinn. Eine Weile lang steht er wie erstarrt da und schaut auf den Rücken des alten Buches, dann legt er es wieder neben sein Kopfkissen. Dieses Zimmer ist so etwas wie der Mittelpunkt seiner Welt: eine Wand voller Bücher, ein paar Gitarren unterm Bett, auf dem Schreibtisch ein Laptop, ein Mikrofon, Lautsprecher und ein bisschen moderne Technik.

Dieses Zimmer ist sein Studio als Liedermacher, seine Schreibstube als Schriftsteller – sein Arbeitsplatz, sein Kampfplatz für die Kultur. Der 62-Jährige wohnt in Neukölln, dort wo es noch aussieht wie Kreuzberg früher: Nur wenige dicke Angeber-Autos kreuzen durch den Kiez, und es wird mehr Türkisch geredet als Deutsch. Für Krawczyk war der Weg bis hierher ein ziemlich weiter. Obwohl die Wohnung nur sieben Kilometer entfernt ist von dem Ort, an dem er am 17. Januar 1988 verhaftet wurde.

In Lichtenberg demonstrieren Kirchgänger für die Freilassung des Musikers. Foto: Imago

Damals stieg er zu einer Berühmtheit auf und wurde eine Spitzenmeldung in den West-Nachrichten. Es waren andere Zeiten: Die Choriner Straße, in der er damals wohnte, befand sich noch in einem anderen Staat – und die Mauer zwischen Berlin und Berlin sollte nach dem Willen der DDR-Führung noch Ewigkeiten stehen. Doch an jenem legendären Januartag 1988 machten sich dutzende renitente Oppositionelle und Ausreisewillige auf, um den Alltag des ersten sozialistischen Staates auf deutschem Boden gehörig zu stören: Mit selbstgemalten Plakaten wollten sie zur traditionellen Liebknecht-Luxemburg-Demonstration, bei der die SED-Führer – die sich als Erben der beiden Revolutionäre sahen – das Volk an sich vorbeiziehen ließen.

Stasi-Leute nahmen die meisten Protestierer fest, bevor die ihre Transparente entrollen konnten. Am berühmtesten wurde das Plakat mit dem Luxemburg-Satz: „Freiheit ist immer die Freiheit der Andersdenkenden.“ Stephan Krawczyk kam nur 250 Meter aus dem Haus, bis er verhaftet wurde. Er hatte als Liedermacher 1981 den Hauptpreis beim Chansonwettbewerb der DDR gewonnen. Ganz jung war er in die SED eingetreten, um im Lande etwas zu verändern. Doch als er die Realität sah, trat er wieder aus und schrieb Texte, die der Zensur nicht gefielen. „Mir liegt es nun mal nicht, zwischen den Zeilen zu schreiben“, sagt er. „Und ich habe keine Lust zu lügen.“ Lieber provozieren, als fabulieren.

Ab 1985 durfte der soeben noch vom Staat gelobte Künstler keine Konzerte mehr geben – Begründung: Er verfüge er weder über moralische noch künstlerische Fähigkeiten. Trotz des Verbots trat er im Schutz der Kirchen auf, doch irgendwann trauten sich das auch die Pfarrer nicht mehr, denn sie und Krawczyk mussten für jedes Konzert jeweils 1000 Mark Strafe zahlen. Also schrieb er auf sein Plakat: „Gegen Berufsverbot in der DDR.“

„Vielleicht war das naiv“, sagt er, als er sich an den Küchentisch seiner kleinen schönen Wohnung setzt, in der er als alleinerziehender Vater mit seinem 13 Jahre alten Sohn lebt. „Aber ich wollte damals nicht nur im Kämmerlein sitzen, wolle nicht einer dieser Dissidenten sein, die nur noch West-Journalisten empfangen. Ich bin Künstler. Ich wollte wieder auf die Bühne.“ Nach der Festnahme folgten 16 Tage Stasi-Haft. Er wurde vor die Alternative gestellt: entweder zwölf Jahre Knast in der DDR oder sofortige Ausreise.

„Wir waren nicht zu Märtyrern geboren“

Die Oppositionellen wollten den Staat nicht stürzen, schon gar nicht kamen sie auf die Idee, die Vereinigung mit Westdeutschland zu fordern. Sie wollten einen demokratischen Sozialismus. Doch sie hatte keine Chance, denn auch die Diktatur des Proletariats in der DDR war einem klassischen Freund-Feind-Schema verhaftet. Alles war schwarz-weiß, Graustufen gab es nicht. Die Losung lautete schlicht: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.

„Wir waren nicht zu Märtyrern geboren“, sagt Krawczyk. Seine damalige Frau, die Theaterregisseurin Freya Klier, saß ebenfalls in Haft. Die beiden entschieden sich, in den Westen zu gehen. Dort war Krawczyk nun der neue Star der DDR-Opposition, galt als zweiter Wolf Biermann, der es 1988 sogar auf die Titelseite des Spiegel schaffte.

Für die DDR-Führung war er nun endgültig der Staatsfeind Nummer eins. Aber für die DDR-Bürger war die bislang recht unbekannte Opposition nun mit einen Namen verbunden. Seinem Namen. Krawczyk wurde damit auch zu einer tragischen Figur: Einerseits war er nun einer der berühmtesten Künstler, weil jeder seinen Name aus dem West-Fernsehen kannte, aber er war auch einer der unbekanntesten, weil kaum jemand eines seiner Lieder gehört hatte.

Heute kann sich der einstige Staatsfeind darüber aufregen, dass er – der Sohn eines Bergmanns und einer Postbotin, der immer nur ein Künstler sein wollte – meist darauf reduziert wird, früher ein DDR-Regimekritiker gewesen zu sein. „Immer diese Politisierung“, sagt er und wird fast ungehalten, als er Wasser nachschenkt. „Die ganze Welt wird permanent politisiert und manipuliert. Überall lauern diese Ideologien – und die Kunst fällt hinten runter.“

Dann erzählt er, dass auch er im Westen lange ein „gelernter DDR-Bürger“ blieb. „Ich war geprägt von dieser ideologischen Erziehung, aus dieser Welt unbedingt einen besseren Ort machen zu müssen.“ Also gründete er im Westen gleich nach der Abschiebung eine Bürgerinitiative und kämpfte für das Verbot von Treibhausgasen. „Ein Dreivierteljahr lang machte ich sehr intensive Erfahrungen mit der Demokratie und war dann ziemlich ernüchtert.“

Er blieb Idealist, ein Eigenbrötler. Heute lebte er ganz ohne Radio und Fernseher, ihm reichen die Menschen vor der Tür. Wichtig sind ihm vor allem die Gedanken in seinem Kopf, er ist so etwas wie ein Alleindenker. Über die Jahre wurde er zum Schriftsteller, und seine Bücher wie „Das irdische Kind“ wurden hochgelobt. Das ZDF-Mittagsmagazin kürte den Roman „Der Narr“ 2003 sogar zum besten Buch des Jahres. Für einen Bestseller reichte es jedoch nie.

Wie bei den meisten Leuten wirkt einiges im Leben des Stephan Krawczyk widersprüchlich. Einerseits bezeichnet er die Linkspartei heute als „Fortsetzung der Lüge mit demokratischen Mitteln“, andererseits trat er 1994 bei Wahlveranstaltungen der PDS auf – aber nur für den damaligen Direktkandidaten Stefan Heym, den große DDR-Schriftsteller und Kritiker des Beton-Sozialismus.

Im Februar 1988 wurden Krawczyk und seine Frau Freya Klier in die Bundesrepublik abgeschoben. Foto: Imago

Krawczyk taugte auch nicht als Kronzeuge des heißen Herbstes 89, denn er nannte die friedliche Revolution einen „Konsum-Putsch“. Er sagt, dass er damit bei vielen Ossis und auch bei Talkshows in Ungnade fiel. „Ich war nun mal schon eine Weile im Westen. Mir war klar, worauf es hinausläuft. Es gab eben einen Erfahrungsunterschied zwischen mir und den DDR-Bürgern.“ Deshalb konnte er sich auch nicht an den Debatten über einen Dritten Weg in der DDR beteiligen.

Heute fühle sich Krawczyk wieder von Ideologien umstellt und von Leuten, die die Welt unbedingt nach ihren Ideen umgestalten wollen – notfalls mit Zwang. Das ständige Rechts-links-Denken bezeichnet er als furchtbar und sagt: „Man muss sich von einer Ideologie erst wirklich befreit haben, um nicht für andere anfällig zu sein. Und ich musste erst 62 Jahre alt werden, um zu begreifen, dass ich zu keiner Bewegung dazugehöre.“

Er trinkt sein Wasserglas leer, atmet durch und wird ruhig. „Es hat keinen Sinn, zu verzweifeln. Man lebt ja nur einmal auf dieser Dreckswelt – und man darf das Wesentliche doch nicht aus dem Blick verlieren: die eigene Lebensfreude.“ Er lächelt, steht auf und geht rüber in sein Zimmer, in seine Welt.

In öffentlichen Debatten wirkt Krawczyk auf manche schroff oder gar überheblich, weil er eine klare Meinung hat, die er einfach in den Raum stellt und dort stehen lässt. Er nimmt keine Rücksicht auf die üblichen Gepflogenheiten. Beim Singen klingt seine Stimme oft brüchig, bleibt aber meist hochdeutsch.

Heute wohnt der Liedermacher und Schriftsteller in Neukölln, dort wo es noch so aussieht wie Kreuzberg früher. Foto: Paulus Ponizak

Doch wenn er von seinen Liedern erzählt, von seiner Kunst oder vom neuen Album, das im März erscheint und das „Der Mensch ist gut“ heißt, dann wird er ganz liebevoll im Ton – und dann ist klar zu hören, dass er ein gebürtiger Thüringer ist. Am Computer spielt er ein Lied vor, das er für einen Kurden aus seinem Haus komponiert hat, über dessen Onkel. „Es ist eine Lebensgeschichte, die mich berührt hat“, sagt er. Also hat er ein Lied draus gemacht, und dieses Lied will er dem Kurden schenken.

Ihm geht es ums kleine Glück. „Die Summierung des privaten Glücks der Menschen macht das gesellschaftliche Glück aus“, sagt er und erzählt, dass er sich geadelt fühle, wenn er auf der Straße jemandem begegnet, der ihm ein strahlendes Lächeln schenkt. „Wir aber hetzen in dieser vom Geld durchorganisierten Welt ständig aneinander vorbei. Wir leben völlig unter unserem Niveau und verpassen die Momente des Glücks.“

Geld hat er kaum, fährt ein uraltes Auto und bezeichnet sich offen als armer Künstler. „Aber ich achte darauf, dass mein Sohn es nicht merkt“, sagt er. Er gibt Konzerte, macht Lesungen und auch mal Theater, er lebt halbwegs davon, für politische Stiftungen aufzutreten. Besonders gern geht er in Schulen. „Ich hab schnell einen Draht“, sagt er und erzählt von einem Auftritt im Brandenburgischen, als in der Aula dort ein offensichtlich hyperaktiver Junge ständig in der ersten Reihe rumhampelte. „Aber kaum hatte ich die erste Zeile gesungen, war Ruhe. Eine Stunde lang. Die Lehrerin hat mir dann gesagt, dass sie das noch nie erlebt hat.“

Aber solche Einladungen kommen selten. „Als Künstler geht es mir nicht darum, mich auf der Bühne in der Machtposition zu aalen, vor einer großen Gruppe zu spielen“, sagt er. „Es geht darum, es so zu tun, dass die Leute hinterher schöner sind. Manchmal kommt jemand zu mir und sagt: Das war für mich der schönste Abend seit Jahren.“

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