Von Visit Berlin

Der Reichstag

Der Reichstag von Visit Berlin

„Ein gewöhnlicher, niederträchtiger Hund“, ein „kaiserlicher Gassenbube“, so lautet das Urteil Paul Wallots über Wilhelm II. Der Kaiser gängelt den Architekten des Reichstagsgebäudes mit immer neuen Änderungswünschen, bis von seinem preisgekrönten Entwurf aus dem Architektenwettbewerb kaum mehr etwas übrig ist.

Wilhelm II. wiederum schimpft bei seinem Vertrauten Philipp zu Eulenburg, der im Bau befindliche Reichstag sei eine „völlig verunglückte Schöpfung”, ja „ein Gipfel der Geschmacklosigkeit”. Dabei ist ihm nicht nur das Gebäude, sondern auch die Institution, die einziehen soll, ein Ärgernis. Als Kaiser von Gottes Gnaden ist ihm der demokratische Parlamentarismus ein Graus.

Seine Geringschätzung der vom Volk frei gewählten Vertreter gipfelt im Ausspruch: „Es ist mir egal, ob gelbe, rote oder schwarze Affen in diesem Reichstagskäfig herumspringen.“ Durch das Westportal, vor dem Sie stehen, betritt Wilhelm II. den Reichstag nie. Nach der Eröffnung kommt er nur ein weiteres Mal vorbei – und gelangt durch das Kaiserportal auf der gegenüberliegenden Seite hinein.

Grundsteinlegung mit Wilhelm, Friedrich und Wilhelm

Schon vor Baubeginn gibt es zahlreiche Konflikte. Der Reichstag will ein neues Gebäude – Reichskanzler Bismarck möchte dieses am liebsten weit außerhalb Berlins errichten. Man einigt sich auf eine Fläche nahe dem Brandenburger Tor (zu dieser Zeit noch Stadtrandlage), doch der Eigentümer des dort befindlichen Palais, Graf Raczyñski, will das Grundstück nicht verkaufen. Erst nach seinem Tod kann das Baugelände erworben werden.

Den ausgeschriebenen Wettbewerb gewinnt der Frankfurter Architekt Paul Wallot. Nach zahlreichen Änderungswünschen vom Kaiser selbst und seiner preußischen Bauabteilung genehmigt Wilhelm I. im Dezember 1883 Wallots Entwürfe. Er erscheint am 9. Juni 1884 mit Thronfolger Friedrich und Enkelsohn Wilhelm zur Grundsteinlegung. Tock, tock, tock – der Kaiser selbst und 80 Honoratioren führen jeweils drei traditionelle Hammerschläge aus.

Widerspruch für Eure Majestät

Nach der Thronbesteigung durch Wilhelm II. im Dreikaiserjahr 1888 verschärft sich der Konflikt mit dem Architekten. Obwohl nicht Bauherr, lässt sich der Kaiser die Pläne vorlegen und verbessert sie munter. „Mein Sohn, das machen wir so”, kommentiert er eine seiner Einmischungen. Wallot erwidert bestimmt: „Majestät, das geht nicht.”

Vollends eskaliert die persönliche Auseinandersetzung bei der Frage um den Standort der steinernen Kuppel, die Wallot in der demokratischen Tradition des Vormärz als Symbol für die gesamte Nation über dem Plenarsaal vorgesehen hat. Wilhelm II. – ohnehin verärgert, weil die Volksvertreter es sich erlauben, die „Hoheitsform der Kuppel“ für die Architektur des Parlaments zu verwenden und diese damit in Konkurrenz zur Schlosskuppel setzen – verlangt eine Verlegung über das westliche Eingangsfoyer, das Sie hinter den hohen Glastüren sehen können.

Wallot widersetzt sich erfolgreich. Zwar sind die tragenden Wände im Plenarsaal zwischenzeitlich fertig gestellt und nicht stark genug für eine Steinkuppel, aber Wallots Bauingenieur Hermann Zimmermann hat eine Idee: eine hochmoderne technisch anspruchsvolle Konstruktion aus Stahl und Glas. Sie vollendet, wie auch die heutige Kuppel, das Reichstagsgebäude.

Bei der Schlusssteinlegung im Dezember 1893 findet der Kaiser nur wohlwollende Worte über das Haus und den verantwortlichen Architekten. Im Nachhinein jedoch verhindert er zahlreiche Auszeichnungen, die Wallot für seinen Bau eigentlich zustünden. Auch ein Kaiser kann nachtragend sein.

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