Von Jochen Knoblach

„Ich empfinde mich als Teil einer Glücksgeneration“

Er machte nach dem Mauerfall Karriere: Der ostdeutsche Unternehmer Lars Dittrich über Erfolg, seine grundlegende Wendeerfahrung, Elitenbildung und Gemeinschaftskeller.

„Ich empfinde mich als Teil einer Glücksgeneration“ von Jochen Knoblach

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Sucht man einen aus dem Osten, für den die neue Zeit nach der Wende, mit einem Senkrechtstart begann, dann ist Lars Dittrich genau der Richtige. Als Teenager stolpert der Hennigsdorfer in den Kapitalismus, wird Handyverkäufer mit  eigenen Laden. Viele weitere folgen. Zusammen mit seinem Schulfreund Alexander Grella baut er in kurzer Zeit eine ganze Ladenkette auf.  Am Ende hat „dug telecom“ mehrere hundert Filialen.

2006 verkauft  Dittrich und bringt es zu einem beträchtlichen Vermögen. Er wechselt in die Filmbranche und wird Produzent. Die Hitler-Satire „Er ist wieder da“ wird ein Publikumserfolg, für den Europäischen Filmpreis nominiert und bekommt einen Bambi. Heute ist Dittrich vor allem Investor. Er unterstützt Start-ups und ist Miteigentümer einer Galerie. Zuletzt hat er die traditionsreiche Keramik-Manufaktur Hedwig Bollhagen gekauft. „Ein Schatz, den man pflegen muss“, sagt er.

Herr Dittrich, was glauben Sie, was aus Ihnen geworden wäre, wenn die Mauer noch stünde?

Ich war damals erst 15. Ich weiß es nicht.

Nie darüber nachgedacht?

Natürlich, immer wieder. Ich glaube aber, dass ich damals einfach noch zu weit von dem Punkt entfernt war, ab dem man sich mit einem System arrangiert, sich dem persönlichen Komfort hingibt, auf Lada und Datsche hofft oder aber merkt, dass das nicht funktionieren wird.

Wann wäre dieser Punkt denn für Sie gekommen?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass für mich die Armeezeit die Antwort auf die Wie-weiter-Frage geliefert hätte. Ich wollte studieren, irgendwas, und das hätte wohl drei Jahre Nationale Volksarmee bedeutet. Das war für fast jeden Jungen in der DDR der große Einschnitt. Ich kann nicht beurteilen, wie ich nach dieser Persönlichkeitsbildung durch den Staat da rausgekommen wäre. Das blieb mir erspart.

Glück gehabt?

Absolut. Ich empfinde mich tatsächlich als Teil einer Glücksgeneration. Ich bin zwar im Werte- und Erziehungssystem der DDR groß geworden, wurde als Kind aber nicht wirklich mit den großen Konflikten innerhalb dieser Strukturen konfrontiert. Natürlich gab es die Jungen Pioniere und die FDJ, bedeutender war jedoch, in meiner Familie behütet aufgewachsen zu sein. Und ich stand nicht vor der Frage, mit 18 heiraten zu müssen, weil ich sonst keine Wohnung, keinen Ehekredit und keine Waschmaschine bekommen hätte. Ich war jung, und es war schön.

Was haben Ihre Eltern in der DDR beruflich gemacht?

Sie waren beide Ingenieure. Meine Mutter hat im Stahlwerk Hennigsdorf gearbeitet, mein Vater im Kaltwalzwerk  Oranienburg.

Gab es den Lada und die Datsche?

Nein. Unser erstes Auto kaufte mein Vater mit 39. Es war ein Trabi, kein Lada.

Als die Mauer fiel, waren Ihre Eltern vermutlich etwa so alt, wie Sie heute, also Mitte vierzig. Wie haben Sie das erlebt?

Wie für alle hatte sich ihr Lebensmodell komplett umgedreht. Sie waren in einem Alter, in dem sie sich eingerichtet hatten und wussten plötzlich nicht mehr, wie es weitergehen würde. Aber sie hatten wenigstens eine Chance, die sie bestimmt nicht mehr gehabt hätten, wenn sie damals zehn oder 15 Jahre älter gewesen wären.

Für Ihren Vater ging es im Walzwerk tatsächlich weiter. 

Das stimmt, allerdings ganz anders, als er es sich je vorgestellt hatte. Krupp hatte das Werk 1990 von der Treuhand gekauft, noch zwei Jahre laufen lassen und dann dichtgemacht. Mein Vater hat das Werk, in dem er Jahre gearbeitet hatte, dann mit demontiert, um es irgendwo in NRW wieder aufzubauen.

Da war der Kapitalismus dann plötzlich konkret, oder.

Klar, das hat schon geprägt, die ganze Familie. Und das war damals kein Einzelfall.

Ist aus dieser Zeit so etwas wie die grundlegende Wendeerfahrung geblieben?

Ich glaube, dass in dieser Zeit eine gewisse Wachheit gesät wurde. In meiner Schulklasse waren wir damals alle Kinder von Eltern, für die plötzlich nichts mehr war wie zuvor. Beständigkeit war ein leerer Begriff. Ich bin mir sicher, dass in meiner Generation aus dem Osten diese Erfahrung tief verwurzelt ist und man nun mit Anfang vierzig weiß, dass nichts so bleiben muss wie es ist. Das ist ein Fluch, aber auch ein Segen.

Sie haben sich dann für einen Weg entschieden, der einem in der DDR nicht gerade in die Wiege gelegt wurde. Sie wurden Unternehmer.

Ich bin da reingerutscht. Ich habe in Hennigsdorf Abitur gemacht, dann ein Jahr Zivildienst in einem Altersheim und in Berlin ein BWL-Studium begonnen. Aber eigentlich war ich nur ein paar Mal da.

Sie haben mit 19 eine Firma gegründet, um Handys zu verkaufen.

Das war so in der ersten Hälfte der Neunziger, der Handyboom brach gerade los. Ich hatte an der Uni meinen Schulfreund Alexander Grella wiedergetroffen. Wir haben registriert, was da abgeht und auch ziemlich schnell die Lücke erkannt. Denn es gab zwar eine große Nachfrage, aber im Grunde keine Vertriebskanäle für Handys. Also haben wir losgelegt und Läden eröffnet.

Ging es darum, reich zu werden?

Das weiß ich gar nicht. Es hatte sich alles einfach ergeben. Wir sind losgelaufen,  ohne zu ahnen, was daraus werden könnte. Wir waren völlig unbefangen und mussten auf niemanden Rücksicht nehmen.

Das Studium hatte sich erledigt?

Ganz schnell, und meine Eltern waren alles andere als begeistert. Das Studium war ihnen wichtig, für später. Ich bin mir sicher, dass mich damals auch die zu Hause erlebte radikale Veränderung getrieben hat. Für mich war das Jetzt wichtig. Den ersten richtigen Laden habe ich übrigens auf dem Gelände des Kaltwalzwerks Oranienburg aufgemacht, in dem mein Vater gearbeitet hatte. Dort war inzwischen ein Shoppingcenter entstanden. Tchibo statt Stahl. Verrückt.

Bei ein paar Läden blieb es nicht. Am Ende hatte die  Handyladen-Kette bundesweit über 400  Filialen und zweieinhalbtausend Mitarbeiter. Gab es auch die Insignien des Erfolgs?

Natürlich. Mit Mitte 20 habe ich mir einen Porsche gekauft. Es war eine Art Trophäe.

Weil Sie den Lada übersprungen hatten?

Weil ich es selbst geschafft hatte. Das wollte ich zeigen, vielleicht auch meinen Eltern. Aber ich war wirklich stolz und bin es bis heute. Neulich war ich in Neuruppin. Unsere Läden von damals gibt es immer noch, und ein Großteil meiner alten Mitarbeiter ist heute noch im Unternehmen beschäftigt. Das macht mich stolz, mehr als jeder Porsche.

Sie haben dann das Unternehmen für einen dreistelligen Millionenbetrag verkauft. Hat man Sie in den Verkaufsverhandlungen spüren lassen, dass sie aus dem Osten kommen?

Nein, wir haben 2006 verkauft. Da war ja schon eine Weile Westen. Außerdem war unsere Firma gefragt. Es kamen immer wieder Anfragen aus dem In- und Ausland. Und als Unternehmer mussten wir keinem mehr etwas beweisen. Unser Erfolg sprach für sich. Schwieriger war es eher nach dem Verkauf.

Inwiefern?

Wir haben an einen Finanzinvestor verkauft, der uns mit Debitel verschmolz, damals ein Ableger des Daimler-Konzerns, und ich wurde nach dem Verkauf Vorstandsmitglied. Da kam also einer aus der ehemaligen DDR, ohne Berufsausbildung und ohne Studium in den Vorstand eines Unternehmens mit über 7000 Mitarbeitern und vier Milliarden Euro Umsatz. Da gab es natürlich Skepsis, die man mich auch spüren ließ. Denn da prallten ja Biografien aufeinander. Die Jungs kamen mit Salem-Pullover zur Arbeit, mit dem sie als Absolventen des Elite-Internats prahlten, hatten McKinsey-Erfahrung, und ich kam von der Polytechnischen Oberschule.

Hat das in Ihnen gefressen?

Es war nicht immer einfach, aber ich war mir meiner Leistung und Lebenserfahrung bewusst.

Und Sie waren durch den Verkauf Ihrer Firma in einer finanziellen Situation, die sicher auch zu einer gewissen Gelassenheit führte.

Auch richtig. Zugleich hat diese Vorstandserfahrung einen tiefen Eindruck hinterlassen.  Ich halte es für sehr problematisch, dass die Elitenbildung in der Schule anfängt. Wir sind im Osten weitgehend unabhängig von der Frage der Herkunft gestartet. Durch das System von privaten Kindergärten,  privaten Schulen und Privat-Unis züchten wir heute eine sogenannte Elite in einer sozialen Blase. Es gibt da nicht die geringste Schnittmenge mit dem wirklichen Leben. Das kann nicht gesund sein für eine Gesellschaft.

Haben Sie eine Lösung?

Wir brauchen ein erstklassiges chancenfaires Schulsystem. Ich bin absolut für Schuluniform, um soziale Unterschiede wenigstens für die Zeit in der Schule zu beseitigen. Und es muss gelingen, dass Lehrer gesellschaftlich den gleichen Stellenwert haben wie Ärzte. Es geht um Persönlichkeitsbildung der folgenden Generation.

Nach dem Verkauf seiner Handyladen-Kette und seiner Zeit bei Debitel gründete Dittrich die Firma Mythos Film. Sie produzierte die Satire “Er ist wieder da”.

Gab es Situationen, in denen Sie es als Nachteil empfanden, aus dem Osten zu  kommen?

Ich bin zu jung, um wirklich Nachteile zu haben. Klar, ich bin nach der zwölften Klasse nicht ein Jahr nach Amerika gegangen. Das musste ich nachholen. Aber ich habe eine fundierte Ausbildung erhalten, und ich wurde nicht gebrochen.

Sie sind Unternehmer, Filmproduzent, Galerist, Business-Angel. Es scheint, als wären Sie noch immer auf der Suche.

Vor allem bin ich Investor. Alles andere  ist Passion. Außerdem bedeutet Suche Bewegung und noch nicht am Ziel angekommen zu sein. Das ist doch nicht schlecht. Ich probiere vieles aus, bin bereit, Neues zu lernen  und  neugierig. Eben auch, weil ich nie dem Frieden traue und mich nicht auf meinem Wohlstand ausruhen will. Das ist der Fluch, und es ist Unternehmertum, würde ich sagen.  Aus Neugier entstehen Möglichkeiten.

Diese Neugier bringen Sie auch ein, wenn Sie Start-ups unterstützen. Wenn Sie die heutige Gründergeneration mit sich selbst vergleichen, welche Unterschiede entdecken Sie?

Die Generation, die heute gründet, hat eine andere Geschwindigkeit und ist frei von Grenzen. Für sie ist der Nachbarort nicht Oranienburg oder Neuruppin, sondern San Francisco oder Tokio. Auf ihrem jeweiligen Gebiet stecken sie wahnsinnig tief drin, sind sehr lässig und weitläufig.

Aber?

Viele sind zugleich oberflächlich. Es geht immer vor allem um Netzwerke. Man kommt ganz schnell zusammen und geht aber auch ganz schnell wieder auseinander, selbst wenn man Erfolg zusammen hatte. Mir fehlt da die soziale Nachhaltigkeit, die Wärme. Es ist immer eine Aufwand-Nutzen-Rechnung. Das Projekt steht im Vordergrund, nicht die Menschen.

Nehmen Sie das nur in der Start-up-Szene so wahr?

Nein, ich finde das überall. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Geschwindigkeit zugenommen hat, alles wahnsinnig schnell geworden ist.

Hedwig Bollhagen, aufgenommen im Jahr 2000 in ihrer Werkstatt in Velten. Foto: Imago

Haben Sie deshalb vor einigen Jahren zusammen mit Ihrem früheren Handy-Partner Alexander Grella die traditionsreiche Keramik-Manufaktur Hedwig Bollhagen in Oberkrämer bei Hennigsdorf gekauft. Wegen der Entschleunigung?

Kann sein, dass das mitgespielt hat. In erster Linie gilt es, etwas zu bewahren. Diese Werkstatt ist Kulturgut. Es gibt kaum jemanden, der die Keramik von Hedwig Bollhagen nicht kennt. Bei uns zu Hause standen Arbeiten vor ihr in der Schrankwand, später bin ich täglich an dem roten Backsteinbau der Werkstatt vorbei gefahren.

Klingt ein bisschen nach Investitionsromantik.

Wir wollen die Marke erhalten. Das hat nichts mit Wohltätigkeit zu tun. Wir sind überzeugt, dass es funktionieren kann. Es ist ein Schatz. Wir wollen das Handwerk wiederbeleben und weiterentwickeln. Wir waren gerade auf einer Messe in Paris, da kamen auch Leute aus Japan. Hedwig Bollhagen ist international ein Begriff. Das kann man doch nicht einfach vergessen.

Wie sind die 28 Jahre vergangenen?

Wahnsinnig schnell, weil sich so unheimlich viel getan und verändert hat. Die Veränderungen sind gigantisch und werden heute zugleich so selbstverständlich wahrgenommen. Ich freue mich aber immer noch über das Ampelmännchen. Es ist ein Stück Heimat. Denn mein Land ist ja nicht mehr da, obwohl der Ort noch vorhanden ist. Erklären Sie heute mal einem, was ein Gemeinschaftskeller ist.

Bedauern Sie das?

Ich finde es schade, dass ich oft erklären muss, woher ich komme.

Was vermissen Sie?

Eigentlich nicht viel. Um den Palast der Republik zum Beispiel tut es mir leid. Denn bei aller historischen Belastung war es doch auch ein Bauwerk mit wahnsinnig innovativer Architektur. Es ist eigentlich unglaublich, was dort kaputtgemacht wurde. Ich denke oft, dass das heute ein toller Campus für neue Berliner Industrie sein könnte. Ich bin froh, dass der Fernsehturm noch da ist.

 Wenigstens der?

Wenigstens der.

Das Gespräch führte Jochen Knoblach.

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