Von Andreas Baingo

Die ​Kogge bleibt auf Schlin­ger­kurs

Gerd Kische über den FC Hansa Rostock und dessen Kampf mit der Instabilität.

Die ​Kogge bleibt auf Schlin­ger­kurs von Andreas Baingo

Es hätte der Sprung auf Rang drei der 3. Liga werden können, auf den Relegationsplatz. Doch den hat der FC Hansa Rostock am letzten Spieltag vor der Winterpause mit Pauken und Trompeten und einem 0:3 gegen die Sportfreunde Lotte vermasselt. Es ist mehr als eine Klatsche, es ist das Spiegelbild dieser gar nicht mal so schlechten Saison: Die Kogge bleibt nämlich ganz und gar auf Schlingerkurs.

So in Not wie in den Jahren zuvor befinden sich die Ostseestädter nicht, Platz vier ist fast ein Mutmacher. Den Trend zum Besseren hat auch Gerd Kische ausgemacht, Hansas bester Spieler aller Zeiten. “Nach den Abstiegen ist es von Jahr zu Jahr schlechter geworden, aber jetzt scheint es ansatzweise, punktuell sozusagen, besser zu werden”, sagt der einst wieselflinke Außenverteidiger.

Seinen Frieden hat Kische mit dem Verein, bei dem er einst Manager und sogar Präsident gewesen ist, aber noch lange nicht geschlossen. “Wir waren einst der stabilste Verein aus dem Osten in der Bundesliga, haben es geschafft, lange erstklassig zu bleiben und sind dann – und das ist das Schlimme – aus eigenem Verschulden abgeschmiert. Da gab es keinen bösen Wessi wie in Dresden mit Herrn Otto oder in Leipzig mit Herrn Axtmann, das waren ganz alleine wir”, lautet die Analyse des einstigen Vorzeigekickers.

“Das Spektrum für die kommenden Jahre ist bei  Hansa sehr groß. Es reicht von Insolvenz bis zur 2. Liga. Ich traue dem Verein aber zu, dass er die Kurve kriegt.”
Gerd Kische

Mit den Sünden der Vergangenheit haben die Rostocker noch immer zu kämpfen. “Wir hatten phasenweise vier Trainer zu bezahlen und haben haufenweise Schulden, das spricht doch von kompletter Inkompetenz”, rechnet Kische mit dem Management ab, “zudem haben die Fans die Macht übernommen, das geht gar nicht. Und Vater Kroos (Papa von Weltmeister Toni und Union-Kapitän Felix/d. Red.), der was gesagt hat, haben sie davongejagt. Da muss ich mich wirklich fragen: Was läuft da schief?”

Allerdings geht es unter Trainer Pawel Dotschew, seit Saisonbeginn im Amt, wieder leicht bergauf. Mit Soufian Benyamina, dem jüngeren Bruder des früheren Unioners Karim, haben sie wieder einen Knipser (8 Saisontore), mit Janis Blaswich einen stabilen Torhüter und mit Oliver Hüsing einen Haudegen in der Abwehr. Zudem bestechen die Hanseaten mit der besten Auswärtsbilanz.

Torwart Janis Blaswich und Oliver Hüsing schieben Frust nach dem 0:1 beim FC Carl Zeiss Jena. Foto: Imago

Trotzdem ist Kische mit dem Zustand der Mannschaft nicht zufrieden. “Es gibt nach wie vor zu viel Instabilität. Natürlich kann ich nach so einem Spiel wie zuletzt gegen Lotte sagen, die anderen hätten es zerstört. Nur muss ich mich auch selbst fragen, warum ich das Spiel nicht trotzdem machen kann”, findet er und legt den Finger in die Wunde. Sein Eindruck ist: “Wenn es läuft, dann ist alles gut, denn das sind alles brave Jungs. Nur wenn es schwierig wird, ist niemand da, der vorneweg marschiert.”

Das Wort Aufstieg mag der frühere Nationalspieler deshalb nicht in den Mund nehmen. “Auch wenn die 3. Liga für mich eine Wundertüte ist und in dieser Saison alles möglich zu sein scheint, mir käme der Aufstieg zu früh, die Mannschaft ist noch nicht reif dafür.”

Anders ausgedrückt: Die Kogge sollte erst mal ihren Schlingerkurs verlassen und mit Kapitän Dotschew in ruhiges Fahrwasser gelangen.

Das ist Gerd Kische (66):

63 Länderspiele; WM-Teilnehmer 1974; Olympiasieger 1976; 181 Erstligaspiele/11 Tore

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