Von Silvia Perdoni

Am Fenster zur Geschichte

Rita Timm und Christel Mauser wohnen seit 60 Jahren im gleichen Haus. Vor ihren Fenstern verlief die Mauer. Sie schauten hinaus, als sie hochgezogen wurde. Und als sie fiel. Auf ihre Leben, sagen sie, hatte beides kaum Einfluss.

Am Fenster zur Geschichte von Silvia Perdoni

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Das Herz hat ihr bis zum Hals geschlagen, sagt Rita Timm, als sie am Silvesterabend runter zu ihrer Nachbarin ging. Sie erinnert sich, wie schüchtern sie war, damals, als junge Frau, es muss Mitte der 60er-Jahre gewesen sein. Einfach bei Fremden klingeln und sie zum Anstoßen einladen? Sie nahm ihren Mut zusammen, „schließlich will niemand gern allein feiern.“ Und Christel Mauser, die Nachbarin, kam.

Mit ihren Männern standen die Frauen um Mitternacht an den Fenstern im vierten Stock, prosteten sich zu. Nach Süden raus sahen sie andere Nachbarn feiern, mit Luftschlangen und Tischfeuerwerk. Nach Norden blickten sie in ein scheinwerferdämmriges Nichts. Dort, direkt an ihre Häuserzeile in der Stallschreiberstraße grenzend, lag der kahlrasierte Todesstreifen. 28 Jahre lang wohnten Christel Mauser und Rita Timm an der härtesten Grenze der Welt.

Die Geschichte der Frauen, sie spielt in dieser Kulisse der geteilten Stadt, die Mauer ist vielleicht die wichtigste Requisite. Und doch handelt sie von mehr als „dem hässlichen grauen Ding“. Sie erzählt von Ausbrüchen, von der Angst der isolierten Stadt und der Zeit, in der Kreuzberg wurde, was Touristen heute dort vermuten. Von der Fähigkeit, sich zufriedenzugeben. Und von Freundschaft.

An diesem Januartag klingelt die 78-jährige Christel Mauser bei der 83-jährigen Rita Timm. Sie wohnen noch immer hier, direkt übereinander, Decke an Fußboden. „Tachchen, meine Liebe!“ Christel Mauser hat Marmelade mitgebracht, „Mandarine, selbst gemacht.“ Die Frauen umarmen sich.

Beide sind zierlich, tragen Kurzhaarfrisuren und schicke Blusen. Sie wollen nur mit ihrem Mädchennamen in die Zeitung, bloß ein Schattenfoto machen. Sie genieren sich etwas. „Was haben wir schon zu erzählen, wir Alten?“, fragt Mauser, während sie sich für das Bild ans Fenster stellt. Sie schaut hinaus, Richtung Norden, und sieht den asphaltierten Weg vor ihrem Haus. Fotograf und Reporterin schauen hinaus und sehen ein Stück deutscher Geschichte.

Es war 1958, als Rita Timm und Christel Mauser in den Viergeschosser in der Otto-Suhr-Siedlung zogen. „Ich war achtzehn und gerade mit der Schneiderlehre fertig“, sagt Christel Mauser. Sie arbeitete als Zwischenmeisterin, fertigte Kleidungsstücke für einen Modeschöpfer am Kudamm an. Ihre Familie bekam die Wohnung per Lastenausgleich, als Entschädigung für die Bombe, die ihr Haus in Charlottenburg dem Erdboden gleichgemacht hatte.

Anders Rita Timm, damals 23, und ihr Mann. Sie konnten ihr Glück kaum fassen, als zwei Wochen vor dem Einzugstermin offenbar andere Mieter absprangen. Beide arbeiteten in derselben Schreibmaschinenfirma, sie setzte Buchstaben auf eine Drehscheibe, er richtete die Maschinen ein.

Die Wohnungen im Neubau waren begehrt. Der Senat errichtete die Siedlung auf den Trümmern der Luisenstadt, direkt an der Sektorengrenze. Es hieß, man wollte damit demonstrieren, „zum Osten hin“ zu bauen. Doch nur wenige Jahre später sahen die zwei Frauen vor dem Fenster die Stacheldrahtrollen liegen.

Plötzlich Beton und Stacheldraht vor der Haustür: Ab 1961 teilte eine Mauer die Stadt. Foto: Imago

„Damit fing es an“, erzählt Rita Timm. Sie hat auf ihrem Sofa Platz genommen. Ein Bild ihres verstorbenen Mannes steht auf dem Beistelltisch. „Eines Morgens – es war heiß, obwohl es noch ganz früh war, deswegen hatten wir die Fenster auf – hörten wir Krach. Unten standen Bauarbeiter, von Volkspolizisten bewacht, und türmten Asphalt, Pflastersteine und Beton zu Barrikaden auf. Ich habe meinen Mann angeguckt, noch ganz verschlafen: Die werden doch nicht …“

Als sie abends von der Arbeit kam: Gewissheit. Fremde standen im Hausflur, erinnert sich Rita Timm. Oben aus dem vierten Stock winkten sie Menschen im Osten zu. Ob sie Verzweiflung gespürt hat oder Wut? Gespräche aufgeschnappt hat? „Man hat sich die Leute nicht angeguckt, wollte ja niemandem zu nahe treten.“

Während in der Stadt Menschen durch Büsche und Stacheldraht robbten und der Verkehr zusammenbrach, schlüpften die jungen Frauen morgens zur Arbeit aus ihren Wohnungen und abends wieder hinein. So wie jeden Tag.

„Ich erinnere mich an einen Gullideckel hier um die Ecke, wo die Flüchtlinge rauskamen“, sagt Christel Mauser – und spricht von der größten Massenflucht der DDR-Geschichte, als im Herbst 1961 etwa 500 Menschen durch die Kanalisation entkamen. „Und daran, wie Nachbarn ’Mörder’ aus dem Fenster brüllten, wenn Grenzer vorbeigingen.“

Ein Grenzsoldat trägt den erschossenen Peter Fechter aus dem Todesstreifen. Foto: Imago

Spätestens seit Peter Fechter 1962 im Grenzstreifen der nahen Zimmerstraße vor den Augen einer Menschenmenge seinen Schussverletzungen überlassen wurde und starb, wusste die Welt um die Grausamkeit des Schießbefehls. „Ein paar Male hörten wir Schüsse vor unserem Fenster“, erzählt Christel Mauser. „Dann drückten wir uns an die Badezimmerwand.“

Auch das Bad geht nach Norden raus, Richtung Mauer. „Es war verrückt: Man hatte Angst, kauerte neben dem Fensterrahmen, so dass einen die Polizisten nicht sehen konnten, und lugte doch manchmal, weil man irgendwie sehen musste, was vor sich ging, auch wenn man gar nicht hätte helfen können.“

1964, es war früh um 5.20 Uhr, zog ein US-Soldat den angeschossenen Michael Meyer vor ihrem Fenster an einem Seil über die Mauer und rettete sein Leben. Rita Timm und Christel Mauser sagen, sie hören noch heute das Geschrei dieses Morgens in den Ohren.

Von dem Tag an, sagt Rita Timm, „dachte ich immer nachts, wenn die Hunde bellten, dass jetzt wieder einer versucht zu fliehen“. Ob sie die Flucht Meyers nicht nur hörten, sondern auch durch das Fenster beobachteten, vermag heute keine der Frauen zu sagen.

Michael Meyer im Krankenhaus nach seinem Fluchtversuch. Foto: Imago

Denn auch der grösste Schrecken nutzt sich ab, wenn er anhält. „Wir haben die Mauer irgendwann so hingenommen“, sagt Christel Mauser. Es war in den ersten Mauerjahren, als sie in einer Bar am Kottbusser Tor über ein Tischtelefon einen Mann zum Tanzen aufforderte. Sie gründete eine Familie, schob mit ihrer neuen Freundin Rita den Kinderwagen an der Mauer entlang und sah sie über die Jahre immer bunter werden von Graffiti. Sie wechselte häufig den Job, nähte Kinderkleidung, Hüte oder Kostüme.

„Klar stutzten die Leute, wenn ich erzählte, wo ich wohne“, sagt Rita Timm und äfft die Verwunderten nach: „Dann fallen die Russen ja als erstes bei euch ein, wenn sie angreifen!“ Sie lacht. „Als ob die dann nicht ganz West-Berlin eingenommen hätten.“

Rita Timm glaubt nicht, dass sie den Kalten Krieg im Angesicht der Mauer deutlicher spürte als andere. „Alle fühlten sich isoliert, und alle hatten Sehnsucht nach dem Osten, nach den schönen Seen in Grünau und den Menschen, die ja auch Berliner waren.“ Hoffnung auf ein Ende, fügt Christel Mauser hinzu, hatten auch alle gleichermaßen: „Nämlich nicht in diesem Leben!“

Doch dann, plötzlich: vorbei. Einfach so.

„Als wir zu einem Cousin nach Potsdam gefahren sind, schlugen uns die Menschen auf der Glienicker Brücke aufs Autodach“, erzählt Rita Timm. Foto: Imago

„Ich klebte vor dem Fernseher“, sagt Christel Mauser. Vor ihrem Fenster passierte erst mal nichts, die Menschen drängten sich eher an den Grenzübergängen. Rita Timm glaubt, am Abend des 9. Novembers einfach ins Bett gegangen zu sein. „Am nächsten Tag? Na, da sind wir dann arbeiten gegangen“, sagt sie. Ein zweites Mal beförderte die Geschichte sie über Nacht in ein neues Zeitalter. Und ein zweites Mal wurde ihr das erst viel später so richtig bewusst.

„Wir haben zwar diese unbändige Freude in der Stadt gespürt“, erzählt sie. „Jeder hätte jeden umarmen können. Als wir zu einem Cousin nach Potsdam gefahren sind, schlugen uns die Menschen auf der Glienicker Brücke aufs Autodach.“ Doch für sie selbst habe sich eigentlich nichts geändert. „Nur der Gestank der Busse hat aufgehört, weil Reiseveranstalter keine Touristen mehr an der Mauer entlangchauffierten.“

Souvenirjäger sicherten sich Mauerstücke, indem sie sich Steine herausklopften. Foto: Imago

Während die Mauer anderswo mit großer Geste eingerissen wurde, beobachteten die Frauen, wie sie vor ihrem Haus einfach verschwand. „Erst kamen die Mauerspechte, dann fehlte hier ein bisschen, dann dort.“ Den Vorschlag, in der Stallschreiberstraße ein Stück als Denkmal stehen zu lassen, verfluchten die Nachbarn. „Das hässliche graue Ding sollte weg – und zwar ganz.“

1990 ging Rita Timm in Frührente, nachdem sie 42 Jahre lang jeden Morgen mit ihrem Mann in dieselbe Schreibmaschinenfirma gefahren war. Die beiden reisten mit Kreuzfahrtschiffen um die Welt, sahen Spitzbergen, Vietnam und Kuba. Gezielt in Richtung Osten fuhren sie, nun da das ging, aber nie. Auch die Freundeskreise der Frauen änderten sich kaum. „Einmal aßen wir mit neuen Kollegen meines Mannes aus dem Osten zu Abend“, erinnert sich Christel Mauser. Doch dabei blieb es auch.

Vor ihrem Fenster eroberte die Natur den Mauerstreifen zurück. Die Brache in der Stallschreiberstraße überlebte den Ansturm der Investoren auf die geeinte Stadt länger als andere Grundstücke. Erst im Jahr 2014 bot der Bund die Fläche zum Kauf an, heute bauen Kräne hier Eigentumswohnungen.

„Manchmal“, sagt Christel Mauser, „wünschte ich, wir hätten doch ein Stück stehenlassen.“ Denn die Erinnerungen verblassen. Fotos – und das ist wohl bezeichnend für die Selbstverständlichkeit, mit der Rita Timm und Christel Mauser hier seit sechzig Jahre leben – hat keine der beiden Frauen aufbewahrt.

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