Von Visit Berlin

Das Hansaviertel

Das Hansaviertel von Visit Berlin

1957 setzt der West-Berliner Senat all seine Hoffnung auf ein neues Highlight im Tiergarten, das am liebsten bis in den Ostteil der Stadt zu sehen sein soll. Das Ergebnis ragt direkt vor Ihnen empor: eine Giraffe. Das wegen seiner Höhe und Farbe sogenannte Punkthochhaus im Hansaviertel ist 53 Meter hoch und umfasst 17 Etagen mit 164 Wohnungen.

Für das Architekten-Duo Klaus Müller-Rehm und Gerhard Siegmann ist die Internationale Bauausstellung (INTERBAU) im Jahr 1957 ein echter Glücksfall. Nicht nur, dass sie die Chance bekommen, gemeinsam mit der internationalen Architektur-Elite ein ganzes Viertel zu gestalten – sie erhalten auch die Zustimmung für den höchsten Bau.

Vom Trümmerfeld zum modernen Minimalismus

Ursprünglich soll nur ein einziges Hochhaus auf dem ehemaligen Trümmerfeld entstehen. Der West-Berliner Senatsbaudirektor Ludwig Lemmer hält dieses Projekt allerdings für eine Nummer zu groß für Müller-Rehm. Also wird ihm Gerhard Siegmann an die Seite gestellt, der ebenfalls als ein Verfechter des Minimalismus gilt und sich mit dem effizienten Umgang von rarem Baumaterial auskennt. Trotz des starken Teams muss die Giraffe einige Hürden überwinden. Mehrfach wird das Fertigstellungsdatum aufgrund von Geldproblemen verschoben.

Die Antwort auf den Prachtboulevard à la Moskau

Für den West-Berliner Senat steht fest: Das Prestigeprojekt INTERBAU darf nicht scheitern. Es soll die Antwort auf den sozialistischen Zuckerbaustil der Karl-Marx-Allee auf der anderen Seite der Mauer geben. Das Regime der Deutschen Demokratischen Republik hat mit dem Architekten Hermann Henselmann vorgelegt und seine Paläste für die Arbeiter und Bauern an der ersten sozialistischen Hauptstraße erbaut.

Nun sollen Stars wie Alvar Aalto, Walter Gropius, Oscar Niemeyer, Pierre Vago, Luciano Baldessari, Max Taut und Le Corbusier den Westen in neue architektonische Kleider hüllen. Während Le Corbusiers Bau in die Nähe des Berliner Olympiastadions ausweichen muss, setzen die anderen ihre Visionen im Hansaviertel um – allerdings mit zahlreichen Abstrichen.

Die Bauvorschriften fordern ihren Tribut. Sie sorgen für so großen Ärger, dass die meisten der internationalen Architekten ihre Namensplaketten abmontieren lassen. Von alldem bleibt das Punkthochhaus, dessen Beiname Giraffe sich von seiner Farbe und dem gleichnamigen Restaurant im Erdgeschoss ableitet, verschont. Es wird als allererstes Gebäude fertiggestellt.

Das Punkthochhaus besteht aus 164 Einraumwohnungen, von denen ein Großteil als Junggesellenappartements mit Kochschrank statt Kochnische gedacht ist. Bereits kurz nach Einzug der Mieter stellt sich aber heraus, dass dies nur in der Theorie funktioniert. Auch alleinstehende Frauen und Paare leben dort – letztere wegen einer Heiratsauszugsklausel eben in wilder Ehe.

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