Von Andreas Baingo

Erst Sitzenbleiber, jetzt auf der Überholspur

Joachim Streich freut sich, dass der 1. FC Magdeburg wieder etwas darstellt auf Deutschlands Fußball-Landkarte.

Erst Sitzenbleiber, jetzt auf der Überholspur von Andreas Baingo

Pünktlich zur Winterpause hat der 1. FC Magdeburg die Tabellenspitze erobert. Fünf Siege in Folge haben das Team von Trainer Jens Härtel auf den ersten Aufstiegsplatz zur Zweiten Liga gehievt. Der Sitzenbleiber, der es nach Auflösung der DDR als einstiger Spitzenklub nie in den bezahlten Fußball geschafft hat, befindet sich nach Jahren der Dellen und Enttäuschungen auf der Überholspur.

Es macht wieder Spaß, den Nach-Nachfolgern des einzigen DDR-Europapokalsiegers zuzusehen. Selbst Joachim Streich (66) ist ein Fan der Jungs, die seine Enkel sein könnten. “Ja, ich gehe gern ins Stadion”, sagt der DDR-Rekordnationalspieler, “was ich da beobachte, lässt mich optimistisch sein, dass es in Magdeburg bald Spiele der Zweiten Liga geben wird.”

1974 siegten die Magdeburger im Europapokal. Foto: Imago/Kicker

Um klare Worte ist der Knipser von einst nicht verlegen, sagt. “Wir müssen nicht um den heißen Brei herumreden. Wer auf den drei ersten Plätzen steht, kann sich vor dem Aufstieg doch nicht verschließen.”

Alles, wirklich alles spricht für den Spitzenreiter. Seit dem Aufstieg 2015 haben die Magdeburger mit zweimal Platz 4 die Relegation jeweils hauchdünn verfehlt. Nun deutet alles darauf hin, dass aller guten Dinge tatsächlich drei sind. “Die Mannschaft macht einen sehr gefestigten Eindruck”, findet Streich, “sie hat unheimlich an Selbstvertrauen gewonnen und ist auch in ihrer Formation erstaunlich stabil.”

In dieser Saison ist der Schlussjubel der Magdeburger fast ein Dauergast. Foto: Imago

Es sieht ganz danach aus, als würde im Fall des 1. FCM tatsächlich das gut, was lange währt. Mehr als 20 Jahre sind die Bördestädter der Musik hinterhergelaufen, oft aus eigener Schusseligkeit. Inzwischen geben sie selbst den Ton an, wenn auch “nur” in der Dritten Liga. “Das macht nichts”, sagt Streich, “die jetzige Entwicklung, bei der alles Schritt für Schritt geht und die Basis für die Zukunft immer stabiler wird, ist mir sympathischer als ein kometenhafter Aufstieg, der meist mit wenig oder nichts unterfüttert ist.”

“Sportlich und wirtschaftlich hat der 1. FCM eine gute Entwicklung genommen. Er ist in ruhiges Fahrwasser gekommen. Ich kann mir gut vorstellen, dass er in fünf Jahren in der Zweiten Liga eine Spitzenposition einnimmt.”
Joachim Streich

Auf das Team, in dem mit Jan Glinker ein ehemaliger Fan-Liebling des 1. FC Union souverän das Tor hütet und mit Christian Beck der Knipser der Vorjahre noch nicht einmal ganz auf Betriebstemperatur (6 Saisontore) ist, lässt Streich nichts kommen. “Mit Philipp Türpitz hat die Mannschaft für mich sogar den besten Spieler der Liga in der ersten Halbserie in ihren Reihen.”

Selbst eine Rote Karte für den torgefährlichen Mittelfeldmann, auch er bringt es auf 6 Treffer, wegen einer Tätlichkeit im Derby gegen Halle (2:1) lässt Streich durchgehen, weil er nachvollziehen kann, dass mit Türpitz die Pferde durchgegangen sind: “Vor meinen Augen hat ein Gegenspieler ihm in den Arm gebissen. Da möchte ich denjenigen sehen, der in so einer Situation cool bleibt.”

Drei Spiele Sperre, es waren die letzten drei vor der Winterpause, bekam Türpitz aufgebrummt. Der 1. FCM hat sie trotzdem alle gewonnen. “Das schon zeichnet die Mannschaft aus”, sagt Streich, “dass sie sich auch von solch einem Handicap nicht aus der Bahn werfen lässt. Mir macht aber noch mehr Mut, dass sie tatsächlich eine Einheit bildet.”

Aufstiegsträume: Trainer Jens Härtel hat mit dem 1. FC Magdeburg den Blick weit nach oben gerichtet. Foto: Imago

Das hat vor allem mit Trainer Jens Härtel zu tun, auch er ein ehemaliger Rot-Weißer aus der Alten Försterei. “Jens hat seine Vorstellungen”, sagt Streich, “er hat seinen eigenen Kopf, aber er verfolgt klare Ziele.” Härtel hat es geschafft, die Balance innerhalb des Teams auf ein höheres Niveau zu heben.

Streich hat sogar erkannt, dass das Auftreten der Magdeburger dadurch viel geschmeidiger geworden ist. “In der Defensive war die Mannschaft schon immer gut”, sagt er, “zwischen Abwehr und defensivem Mittelfeld aber hat meist eine Lücke geklafft. Diese Lücke ist inzwischen geschlossen, das sieht alles ziemlich souverän aus.”

Deshalb gibt es für das ehemalige Enfant terrible des DDR-Fußballs nur ein Ziel für die verbleibenden 18 Spiele: “Wenn es die Chance zum Aufstieg gibt, sollte der 1. FCM unbedingt zugreifen.”

Joachim Streich (im roten Pulli) auf der Tribüne beim FC Magdeburg. Foto: Imago

Das ist Joachim Streich (66):

Rekordnationalspieler der DDR (102 Länderspiele) und Rekordschütze (55 Tore), WM-Teilnehmer 1974, Olympia-Bronze 1972, zweimal Fußballer des Jahres, viermal Oberliga-Torschützenkönig, dreimal FDGB-Pokalsieger, 378 Erstligaeinsätze/229 Tore, davon 141/58 für Hansa Rostock

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