Von Pola Kapuste

„Für mich bedeutet Integration Wissen“

Hilal schickt ihre drei Kinder auf die Islamische Grundschule in Neukölln. Ist das förderlich für die Integration - oder treibt es die Spaltung zwischen Muslimen und Nicht-Muslimen eher noch weiter voran?

„Für mich bedeutet Integration Wissen“ von Pola Kapuste

Der Hohenstaufenplatz liegt direkt am Kottbusser Damm, der die Grenze zwischen Neukölln und Kreuzberg markiert. „Kreuzkölln“ wird diese Gegend genannt. Auf dem Platz zwischen den Kastanienbäumen findet man einen weitläufigen Spielplatz. Zwischen ihm und dem Hofeingang zur Islamischen Grundschule liegt nur eine einspurige Straße mit Kopfsteinpflaster. Geht man über die Straße, an dem Burgerladen vorbei in den zweiten Hinterhof, sieht man gleich das große grüne Schild „Islamische Grundschule – Privatschule“. Farbige, ausgeschnittene Blätter in Form von Moscheen dekorieren die Fenster der Klassenzimmer im ersten Stock. Man hört Kinder, die im Chor die Worte ihres Lehrers wiederholen.

Die nette, ältere Dame im Sekretariat möchte ohne Absprache mit dem Verband nichts sagen. IGS heißt dieser Verband. Die Initialen stehen für „Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands“. Im Juli hat die Bild-Zeitung einen Artikel veröffentlicht, in dem stand, dass der IGS laut Verfassungsschutz eng mit der islamischen Führung des Iran vernetzt sei. Der Verband dementierte daraufhin die Vorwürfe auf seiner Internetseite und schreibt, dass man „die aufrichtige Absicht“ habe, „die religiösen Belange der schiitischen Muslime in Harmonie mit der deutschen Gesamtgesellschaft sicherzustellen.“

Die Lust auf Korrespondenz mit Journalisten scheint dem IGS jedoch vergangen zu sein. Meine E-Mails bleiben jedenfalls unbeantwortet.„Jede Schule hat da ihre eigenen Regelungen, ich hoffe sie akzeptieren unsere“, sagt die Dame, während sie mich höflich, aber bestimmt aus dem Sekretariat bugsiert. Auch die Erzieher und Eltern, die kommen, um ihre Kinder abzuholen, schrecken zurück, als ich sage, dass ich von der Presse komme.

Bis auf Hilal. Sie möchte lieber nicht ihren vollständigen Namen sagen, aber über die Schule spricht sie gerne mit mir. Sie muss nur noch schnell ihre Jüngste abholen. Als sie mit ihrer Tochter aus dem Hof kommt, setzen wir uns zwischen Schulranzen und Kinderjacken auf die Parkbank unter den Kastanien, von der aus man den besten Blick auf ihre tobenden Kinder auf dem Spielplatz hat.

Hilal ist türkischstämmig, aber in Deutschland geboren, genau wie ihr Mann. Ihre drei Kinder haben sie alle auf die Islamische Grundschule geschickt. Auf den ersten Blick deckt sich das Bild der Schule mit dem einer typischen Berliner Problemschule: Die Quote der Kinder mit Migrationshintergrund beträgt 100 Prozent, neben dem regulären Unterricht wird Türkisch- und Arabischunterricht für Muttersprachler und Deutsch als Fremdsprache angeboten, und im Religionsunterricht wird der Islam gelehrt. Es riecht nach Parallelgesellschaft.

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Etwas stimmt jedoch nicht mit der Muster-Problemschule: Die Kinder, die von der Islamischen Grundschule abgehen, tun dies überdurchschnittlich oft mit einer Gymnasialempfehlung. Das war auch einer der wichtigsten Gründe für Hilal, ihre Kinder hierher zu schicken:

„Meine Neffen waren schon hier, und meine Schwägerin war mit den Leistungen sehr zufrieden. Außerdem wohnen wir hier gleich um die Ecke, also haben die Kinder einen kurzen Schulweg. Vor allem hat mich aber überzeugt, dass es eine kleine Schule ist. Dadurch haben die Eltern untereinander, aber auch mit den Lehrern und der Schulleitung viel Kontakt. Es ist sehr familiär hier."

Kleine Klassen und gute Betreuung, das Konzept geht auf, ist aber nicht für jeden zugänglich: 100 Euro zahlt Hilal für jedes ihrer drei Kinder pro Monat. Meine Anfrage, ob und wie viele lernmittelbefreite Kinder, auf der Schule sind, hat der Verband der Schule leider nicht beantwortet.

Der Fokus auf den Islam war Hilal bei der Schulwahl eher nicht so wichtig.

„Die lernen eben in den ersten Jahren die Grundlagen des Islams und ab der vierten Klasse fängt dann auch der Dialog mit anderen Religionen an. Zum Beispiel gibt es eine Partnerschaft mit der evangelischen Grundschule: Letztes Jahr habe ich den Besuch bei denen begleitet. Da haben die zusammen gesungen und aus der Bibel vorgelesen. Beide Seiten haben erzählt, was in ihrer Religion wichtig ist. Man hat sich über die Unterschiede und Gemeinsamkeiten ausgetauscht."

Während wir sprechen, kommt ein Mädchen mit Kopftuch auf Hilal zu und fragt auf Türkisch, ob sie ihre Mutter anrufen könne. Alles wirkt sehr harmonisch und familiär. Mein anfängliches Gefühl, nicht willkommen zu sein, ist mit Hilal verflogen. Die Situation erinnert mich nun eher an meine eigene Schulzeit: Mein Hort lag nur fünf Minuten zu Fuß von meiner Grundschule entfernt, direkt neben einem Spielplatz. Und der nur weitere fünf Gehminuten von unserer Wohnung entfernt. Kinder, Eltern, Erzieher und Lehrer bildeten einen vertrauten kleinen Mikrokosmos im großen Berlin. Genau wie hier, nur dass ich nicht auf einer islamischen Schule war.

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Es dauert nicht lange, bis wir auf Integration zu sprechen kommen:

„Die Frage ist ja, ob so eine Schule die Integration fördert, weil die Kinder hier ihre Kultur leben dürfen und sich so schneller in Deutschland zu Hause fühlen, oder, ob man eine Parallelgesellschaft kreiert, weil man kaum Kontakt mit der anderen Kultur hat“, sage ich.

Integration wird oft mit dem Verhindern einer Parallelgesellschaft gleichgesetzt. Denn das ist ein düsterer Ort, diese Parallelgesellschaft. In ihr passieren Sachen, die man nicht kontrollieren kann. In ihr keimt der Salafismus, Menschen radikalisieren sich mitten unter uns. Verbände, die womöglich aus dem Ausland gesteuert werden und meine E-Mails unbeantwortet lassen, ändern dieses Bild auch nicht.

Oder können Parallelgesellschaften auch anders? Die, in der ich gerade sitze, ist eigentlich ganz nett und auch gar nicht so anders.

„Für mich bedeutet Integration zu allererst die Sprache zu sprechen und über die andere Kultur, ihre Bräuche und Religionen Bescheid zu wissen. Wie sehr man die andere Kultur dann übernimmt, ist ja jedem selbst überlassen. Das kann einem ja niemand vorschreiben."
Das Kind meiner Nachbarin geht zum Beispiel auf eine staatliche Schule mit vielen deutschen Kindern, aber sie ist immer die einzige ausländische Mutter bei den Elterntreffen. Also ich habe nicht das Gefühl, dass die Integration da automatisch besser klappt, nur weil die Kinder zusammen in einem Klassenzimmer sitzen."

Kinder nicht deutscher, beziehungsweise muslimischer Herkunft, haben an der Islamischen Grundschule offenbar eine sehr gute Chance auf eine Gymnasialempfehlung. Hier wird also die Diskrepanz der Bildungschance zwischen Migranten und deutschstämmigen Kindern verringert – es wird gerechter, könnte man sagen. Das liegt jedoch vor allem daran, dass es sich um eine Privatschule handelt, die die Mittel hat, die Kinder in kleinen Klassen zu unterrichten. Die Segregation der ärmeren Kinder bleibt also bestehen.

Allerdings ist es aus pädagogischer Sicht auch extrem wichtig, dass Eltern und Lehrer an einem Strang ziehen. Ob das familiäre Miteinander an der Islamischen Grundschule durch den Fokus auf die eigene Kultur und Religion entstanden ist, oder ob sich bessergestellte Eltern im Schnitt mehr um die Bildung ihrer Kinder kümmern, kann man nur spekulieren. Diese Schule macht auf jeden Fall deutlich, dass ein Migrationshintergrund nicht automatisch mit schlechten Leistungen gleichzusetzen ist. Vor allem lässt sich aber erkennen, dass die wirkliche Chancenungleichheit zwischen Arm und Reich besteht, egal woher man kommt.

„Das Wort Integration hat eben für jeden eine andere Bedeutung. Für mich bedeutet es Wissen."

Die Mutter, die auf der Bank neben uns sitzt und anfangs nicht mit mir reden wollte, hat das ganze Gespräch mitgehört. Bei Hilals letzten Worten lächelt sie verschmitzt. Wer sich wann wem öffnet, ist eben jedem selbst überlassen.

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Schlussredaktion
Maike Schultz