Von Andreas Baingo

Ge­wit­ter­wol­ken über den Him­melblauen

Obwohl der Chemnitzer FC mies dasteht, bleibt Rico Steinmann ein unerschütterlicher Optimist.

Ge­wit­ter­wol­ken über den Him­melblauen von Andreas Baingo

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Durchatmen hätten sie können, zumindest über den Jahreswechsel. Dafür hätten sie beim Chemnitzer FC in der Dritten Liga nur das letzte Spiel vor der Winterpause gewinnen müssen, das für sie so eminent wichtige Westsachsen-Derby beim FSV Zwickau. Weil die Himmelblauen jedoch einen Elfmeter versemmeln, einen Zwei-Tore-Vorsprung vermasseln und beim 2:3 doch wieder mit leeren Händen dastehen, ziehen über ihnen dicke Gewitterwolken auf.

Über Horst Steffen haben die sich schon entladen. Entlassen haben sie den Trainer, der erst vorigen Sommer Nachfolger von Sven Köhler geworden war, gleich zu Beginn des neuen Jahres. Aber selbst bei der überfälligen Personaländerung haben sie sich Zeit ohne Ende gelassen, denn längst waren dem Coach die Argumente ausgegangen. Bis die Chemnitzer dessen Beurlaubung bekanntgaben, sind ist jedoch wiederum wertvolle Zeit ins Land gegangen.

Weit sicht- und gut lesbar: Das 2:3 in Zwickau tut den Chemnitzern weh. Foto: Imago

Darauf hätten sie durchaus flexibler reagieren können, schließlich ist die Ernüchterung von Zwickau nicht nur eine x-beliebige Niederlage, sondern – zählt man den 1:2-K.o. im Landespokal bei Regionalligist VfB Auerbach mit – bereits die siebte am Stück und, da beim erbitterten Rivalen eingehandelt, eine prestigeträchtige dazu.

Zwölfter sind sie zu Beginn ihrer Talfahrt gewesen mit Kontakt zum gehobenen Mittelfeld, nun steht allein Schlusslicht Rot-Weiß Erfurt noch mieser da. „Das ist alles andere als eine schöne Situation“, sagt Rico Steinmann, das größte Chemnitzer Talent vor Michael Ballack, „und es ist auch keine, die so im Vorbeigehen zu klären ist.“

Das Ziel, „attraktiven Fußball anbieten und damit auch erfolgreich zu sein“, wie es der gefeuerte Steffen formuliert hat, haben die Sachsen sowieso schon krachend verfehlt. Nun soll es David Bergner richten, als Spieler beim 1. FC Union groß geworden und als solcher ein solider Abwehrmann, der sich im Herbst schon vergeblich als Retter in Erfurt versucht hatte, wo er nach sechs Spielen glück- und sieglos wieder gehen musste.

“Auch wenn man in der jetzigen prekären Situation darüber lachen mag, ich gebe die Vision, dass der CFC in fünf Jahren in der Lage sein wird, an die Tür zur 2. Bundesliga zu klopfen, nicht auf.”
Rico Steinmann

Mit dem Angriff wird er wahrscheinlich weniger Sorgen haben, da werden der erfahrene Daniel Frahn (30) mit zehn und sein Sturmpartner Miroslav Slavov mit sieben Saisontreffern durchaus gehobenen Ansprüchen gerecht. Dafür hapert es in der Defensive umso mehr. Sie ist mit 37 Gegentoren geradezu die Schießbude der Liga.

„Es tut schon weh, dass eine Stadt wie Chemnitz mit ihrer Tradition in der Dritten Liga keine sonderlich gute Rolle spielt“, versichert Steinmann. Dabei haben sie ein neues Stadion gebaut, das zu besserem Fußball geradezu einlädt. „Man hat es doch nicht umsonst gebaut“, sagt Steinmann, „von Anfang an hatte ich bei diesem Bau den Traum, dass es wieder hochgehen möge in die Zweite Bundesliga. Auch wenn es derzeit nicht danach aussieht, aber diesen Traum lasse ich mir trotzdem so schnell nicht nehmen.“

Irgendwie nur sträubt sich die Realität, mit dem Wunsch des ehemaligen Idols einen gepflegten Doppelpass zu spielen. Natürlich weiß Steinmann, dass es für eine erfolgreiche Saison auch wirtschaftliche Stabilität braucht. Was bei den Chemnitzern jedoch gerade außerhalb des Sportlichen passiert, nennt er zunächst „eine negative Erfahrung“, später „eine neue Katastrophe“.

Erst bei der Mitgliederversammlung am 12. Dezember hat sich erneut gezeigt, wie tief zerstritten der Verein in den Führungsgremien ist. Zudem müssen die Sachsen im Rahmen der Nachlizenzierung Nachweise in Höhe von 124.000 Euro erbringen. Bei einem Verein, der finanziell alles andere als auf Rosen gebettet ist, gleicht bereits das einer Herkulesaufgabe. Termin ist der 23. Januar, drei Tage nach dem Wiederbeginn mit dem Heimspiel gegen Aufstiegsaspirant Paderborn.

Natürlich wird fieberhaft daran gearbeitet, den DDR-Meister von 1967 (da schoss Ricos Vater Rolf noch die Tore) wirtschaftlich zu stabilisieren. „Ich habe immer gehofft und hoffe auch weiterhin, dass es Leute gibt, die die Karre aus dem Dreck ziehen“, sagt Steinmann, „denn es ist mein Verein, der Verein, an dem mein Herz hängt.“

Allein, es würde angesichts der Querelen, Zerwürfnisse und Gereiztheiten einem mittleren Wunder gleichkommen, dem Abstieg zu entrinnen. Davon will Steinmann allerdings nichts wissen. „Es ist selbst bei einem Vorletzten nicht so, dass er automatisch absteigt“, sagt er, „in der 3. Liga geht es mit zwei, drei Siegen rucki-zucki, schon ist man wieder gut dabei. Der Zug ist noch lange nicht abgefahren.“

Sein Optimismus hin, die miese Lage her, furchterregend sind die dunklen Gewitterwolken über den Himmelblauen durchaus.

Das ist Rico Steinmann (50):

23 Länderspiele/3 Tore (darunter eines in Rio bei einem 3:3 gegen Brasilien); U18-Europameister 1986; 132 Oberligaspiele/27 Tore für den FC Karl-Marx-Stadt; 139 Bundesligaspiele/10 Tore für den 1. FC Köln

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