Von Andreas Baingo

Gren­zen­lo­ser Jubel oder plötz­li­cher Tod

Für Eduard Geyer ist Energie Cottbus gefühlt ein Drittligist mit Potenzial, aber so ganz traut er dem Braten noch nicht.

Gren­zen­lo­ser Jubel oder plötz­li­cher Tod von Andreas Baingo

Es ist diese verzwickte Situation, in der jedes Spitzenteam der Regionalliga steckt. Ein bisschen ist es wie nicht Ihm und nicht Er. Dabei spielt Energie Cottbus alle Gegner nahezu in Grund und Boden. Nur ist das höchstens erst die halbe Miete. Noch nämlich müssen am Ende dieses Spieljahres die Aufstiegsanwärter in die Relegation. Dort wartet entweder grenzenloser Jubel oder der plötzliche Tod.

Nichts haben sich die Cottbuser vorzuwerfen in dieser Saison. Einen Rekordvorsprung von 14 Punkten besitzen sie auf den BFC Dynamo, ganze fünf Gegentore sind einsame Spitze, nach neun Siegen vom Start weg lässt Energie erst bei Lok Leipzig (0:0) die ersten Punkte liegen, die nächsten (und bisher letzten) mit einem 1:1 bei Wacker Nordhausen.

Die mögliche Krux lauert aber erst nach dem letzten Saisonspiel, am 12. Mai bei Oberlausitz Neugersdorf. “Bis dahin kannst du 100 Punkte und 100 Tore Vorsprung haben, bist aber noch nicht aufgestiegen”, legt Eduard Geyer – mit ihm als Trainer hatten die Lausitzer ihre erfolgreichste Zeit – den Finger in die Wunde.

Die Serie, dass der Regionalliga-Erste aus dem Nordosten aufsteigt, dauert mit dem 1. FC Magdeburg (2015), dem FSV Zwickau (2016) und zuletzt dem FC Carl Zeiss Jena nun schon drei Spielzeiten, eine Garantie aber ist das für nichts. Da kann den Cottbusern ein ähnliches Szenario drohen wie in Nordhausen, als erst Avdo Spahic mit einem gehaltenen Elfmeter die erste Saisonniederlage verhindert.

“Energie hat in Deutschlands Fußball-Landschaft einen durchaus bekannten Namen. Deshalb ist der Verein für manche noch immer interessanter als einige Drittligisten. Gelingt der Aufstieg in die 3. Liga, kann der Blick bald weiter nach oben gehen.”
Eduard Geyer

Dabei ist der Bosnier, in frühen Jahren bei Tennis Borussia im Kasten und später in der Nachwuchsakademie der Lausitzer ausgebildet, zu Saisonbeginn die Nummer 2 hinter Alexander Meyer. Weil Meyer im DFB-Pokal gegen den VfB Stuttgart Energie mit starken Paraden bis ins Elfmeterschießen bringt, holt der Bundesliga-Aufsteiger ihn im Sommer als möglichen Ersatz für Ron-Robert Zieler.

“Auch das ist so ein Punkt, mit dem du als Viertligist immer rechnen musst”, gibt Geyer zu bedenken, “kaum guckt einer mit guten Leistungen aus dem Fenster, ist er weg.” Für Meyer ein Traum, für Energie jedoch ein Dilemma, wenn auch mit 300 000 Euro Ablöse versüßt.

Womöglich ist Meyer nicht der Letzte, zumal Trainer Claus-Dieter “Pele” Wollitz eine junge Mannschaft geformt hat, in der neben Kapitän Marc Stein (Ex-Bundesligaprofi von Hansa Rostock und Hertha BSC/32) lediglich die Mittelfeldspieler Tim Kruse (34) und Björn Ziegenbein (31) die 30 überschritten haben. “Das ist nun mal das Los”, weiß Geyer, “wenn du ein Ausbildungsverein bist und das in der Regel für andere machst. Andererseits ist es ja auch der Sinn einer Nachwuchsakademie, es ist sozusagen dein Geschäftsmodell, mit dem du wettbewerbsfähig bleiben kannst.”

Hat mit seinem Team viel zu lachen: Energie-Trainer Pele Wollitz. Foto: Imago

Trotzdem zieht es die Cottbuser aus der Viertklassigkeit nach oben. “Was bis jetzt abgeht, ist richtig gut”, erkennt Geyer an, “über Energie und über Pele Wollitz muss keiner meckern, sie haben eine sehr, sehr gute Halbserie hingelegt.”

Eigentlich ist damit schon alles in Sack und Tüten. “Einbrechen wird Energie nicht”, ist Geyer sicher, “ich sehe vielmehr, dass der Vorsprung noch größer wird, denn Cottbus ist zu stark für die Regionalliga. Wenn du aber weiter nach oben kommen willst, und das will Energie, brauchst du auch einen anderen Anspruch.”

Deshalb wird jeder noch so klare Sieg, um den Blick für die Realität nicht zu verlieren, mit gebremstem Schaum gefeiert. Vielleicht kann jeder Dreier ja wertlos sein, wenn in der zweiten Maihälfte der plötzliche Tod eintreten sollte. Daran mag Geyer nicht denken, sondern macht seinen Nachfolgern Mut: “Ich wünsche den Cottbusern, dass sie sich am Saisonende für ihre harte Arbeit belohnen.”

Das ist Eduard Geyer (73):

Letzter DDR-Nationaltrainer; führte als Trainer Dynamo Dresden zum Meistertitel 1989 und Energie Cottbus 1997 ins DFB-Pokalfinale sowie 2000 in die Bundesliga; als Spieler mit Dynamo Dresden zweimal Meister sowie einmal Pokalsieger; 90 Erstligaeinsätze/6 Tore

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