Von Klara Niederbacher

Hektisch und ruhig

Größer könnte der Kontrast kaum sein: Am einen Ende der Sonnenallee liegt der trubelige Hermannplatz, am anderen Ende die Kleingartenkolonie Volksgärten.

Hektisch und ruhig von Klara Niederbacher

Viel Platz gibt es hier auf dem Gehweg nicht. Wer abrupt stehen bleibt, wird prompt angerempelt. Vor einem Döner-Imbiss hat sich eine Schlange gebildet. Es ist Mittagszeit am Hermannplatz, der Mann hinter der Theke hat alle Hände voll zu tun. Trotz des kalten Herbstwetters sind viele Menschen unterwegs. Wo sich unter der Erde die beiden viel genutzten U-Bahnlinien U7 und U8 treffen und der Bus M29 auf der Straße darüber im Minutentakt Neuankömmlinge ausspuckt, laufen sich Junge, Alte, Clubgänger, Familien und gestresste Schichtarbeiter über den Weg.

Der Hermannplatz, das „Tor“ zwischen Neukölln und Kreuzberg, ist zu jeder Tages- und Nachtzeit gut besucht. Dort, wo Kottbusser Damm, Urbanstraße und Sonnenallee zusammenlaufen, zieht es Kauflustige in die Karstadt-Filiale, auf den Wochenmarkt, in die umliegenden kleinen Boutiquen, Handy-Läden, Spätis und Bäckereien.

Busse fuhren schon vor 100 Jahren an der Ecke Hermannplatz/Sonnenallee, wie der Vergleich der Aufnahmen zeigt. Auch das Haus auf der linken Seite gibt es heute noch, das Gebäude rechts wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und durch einen Neubau ersetzt.

Museum Neukölln/Tanja Schnitzler

Nur wenige Meter vom Hermannplatz entfernt, in der Sonnenallee 3, strömt der Duft von frisch gebackenem Brot und gemahlenen Kaffeebohnen aus der Bäckerei Süss. Der Laden von Familie Seven hat viel Kundschaft, er ist eine Institution im Kiez. Die drei jungen, gut gelaunten und herzlich lachenden Mitarbeiterinnen hinter der Theke sind in Fahrt. Sie servieren ein „Kiezfrühstück“ nach dem anderen. Viele Kunden sind hier schon bekannt. „Was? Du heiratest morgen? Und dann sitzt du noch hier?“, bekommt ein junger Mann zu hören, während ihm eine Frau mit rotem Dutt einen Kaffee hinstellt. „Der Nächste, bitte!“ und „Zum Mitnehmen oder zum Hier?“, tönt es immer wieder durch die heimelig dekorierte, mit tanzbarer Pop-Musik beschallte Bäckerei.

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Die Bäckerei Süss am Hermannplatz.

Tanja Schnitzler

„Wenn mich ein Touri fragen würde, wo er in Berlin hingehen soll, würde ich sagen: ‘Geh Hermannplatz oder Kotti‘“, sagt Telli Eraslan. Seit etwa zwei Monaten arbeitet sie in der Bäckerei. Hier sehe man die Facetten Berlins, typische Hipster und ganz viel Multikulti. Obwohl die 18-jährige gebürtige Türkin aus dem „entspannten“ Bezirk Reinickendorf kommt und mehr Ruhe gewohnt ist, fühlt sie sich in ihrem trubeligen Arbeitsumfeld am Hermannplatz wohl. „Am Tag kann man hier bis zu drei Hochzeits-Konvois miterleben. Hier ist immer Action“, sagt Eraslan.

Gewusel am Freitagabend

Nur manchmal ist ihr das Gewusel zu viel: „Die Freitagabende mag ich nicht so besonders, denn dann ist die U-Bahn immer sehr voll“, räumt die angehende Auszubildende ein. „Sogar meiner Mutter, die bis Ende der Achtziger 13 Jahre lang in der Sonnenallee gelebt hat, ist der Hermannplatz zu hektisch geworden“, erzählt sie.

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Telli Eraslan (18) arbeitet gerne am Hermannplatz. Nur die Freitagabende sind ihr manchmal zu viel.

Tanja Schnitzer

Weiter hinten sitzt ein grauhaariger Mann mit Mütze an einem Tisch und trinkt seelenruhig Kaffee. Der 67-jährige Rentner heißt Willi Lorbach, er ist Stammgast in der Bäckerei Süss. Seit der Eröffnung im Jahr 2005 kommt er hierher, „weil die Auswahl gut ist, das Personal freundlich, und das Essen schmeckt“. Seine ruhige Art fällt in diesem Getümmel richtig auf: „Ach, mit dem Trubel hab’ ich nix zu tun’“, sagt Lorbach lächelnd: „Ich war schon immer ruhig.“

Etwa zweimal in der Woche verschlägt es ihn in die Gegend am Hermannplatz. Meistens um seine Lieblings-Bäckerei oder etwa die türkische Bude mit den frisch gepressten Säften am Wochenmarkt zu besuchen. „Dadurch, dass sich hier im Laufe der Jahre viele multikulturelle Geschäfte angesiedelt haben, ist das Angebot besser geworden“, meint Willi.

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Willi, eigentlich Wilhelm Lorbach, ist Stammkunde im Café Süss.

Tanja Schnitzler

Bedeutend schlechter geworden sei hingegen die Wohnsituation durch den vielen Zuzug in den angesagten Kiez: „Ich habe Herzbeschwerden und wohne im dritten Stock eines Altbaus und suche eigentlich etwas Neues. Aber bezahlbare Wohnungen gibt es überhaupt nicht mehr“, sagt der 67-Jährige. Dass 120 Menschen zu einer Besichtigung kommen, sei keine Seltenheit. Die Gegend um den Hermannplatz ist beliebt geworden bei jungen Menschen.

Hip und hektisch, das ist die Sonnenallee nicht überall. Je weiter man sich vom Hermannplatz entfernt – vorbei an Spielhallen, Falafel-Imbissen, Kosmetiksalons, Brautmoden- und Second-Hand-Läden -, desto weniger Menschen sind auf der Straße unterwegs. Statt Imbiss-Buden und Boutiquen reihen sich Wohnhäuser und vereinzelt Lebensmittel-Discounter aneinander. Kurz hinter der S-Bahnstation Sonnenallee ragt das futuristisch wirkende Hotel Estrel in die Höhe. Nach dem grauen Industriegebiet sinkt der Geräuschpegel, bis er schließlich auf das leise Rauschen weniger Autos abebbt.

Eine romantische Märchenlandschaft

Richtig still ist es im Von-der-Schulenburg-Park. Das Gartendenkmal gilt als eine der schönsten Grünanlagen des Bezirks. Es besteht aus einer großen Liegewiese, einem Wasserbecken und breiten Spazierwegen, die am südöstlichen Ende an einem verwitterten und romantischen Märchenbrunnen zusammenlaufen. Das bunt gefärbte Laub lässt den gesamten Park wie eine kleine Märchenlandschaft wirken. An kühlen Herbsttagen ist hier kaum eine Menschenseele unterwegs. Nur eine ältere Dame läuft langsam mit ihrem Rollator und ihrem kleinen Terrier durch den Park. Reden will sie nicht. Sie möchte lieber ihre Ruhe haben.

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Im Herbst, wenn die Sonne kräftig scheint, wirkt der Von-der-Schulenburg-Park wie eine Märchenlandschaft.

Tanja Schnitzer

Ähnlich verlassen wirken die etwa 140 kleinen grünen Oasen der Kleingartenkolonie Volksgärten gegenüber des Parks. Die Parzellen liegen auf der anderen Seite der Sonnenallee hinter Wohnhäusern etwas versteckt und sind von jeglichem Straßenlärm abgeschirmt. Diese Anlage ist eine von insgesamt 92 Kolonien im Bezirk Neukölln und für Fußgänger frei zugänglich. So sieht es das Bundeskleingartengesetz vor. Im Herbst ist hier allerdings kaum etwas los, die Garten-Hauptsaison ist schon vorbei.

Dass es solche Oasen, die Neukölln einen Hauch von Spießbürgertum verleihen, noch gibt, ist keine Selbstverständlichkeit. „Es mussten schon einige Kleingärten abgerissen werden, wie zum Beispiel in Treptow an der Grenze zu Neukölln – wegen der Verlängerung der A100“, erzählt Bernd Stapel. Der 65-Jährige ist seit 40 Jahren selbst Kleingarten-Pächter. Im Vorstand des Bezirksverbandes Berlin-Süden der Kleingärtner engagiert sich Stapel zudem für alle anderen etwa 9200 Neuköllner „Laubenpieper“.

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Bernd Stapel ist seit 40 Jahren Kleingärtner. Mehr als seine Parzelle braucht er nicht, um sich vom hektischen Stadtleben zu erholen.

Tanja Schnitzler

„Kleingärten müssen geschützt werden“, sagt er. Für ihn ist der Kleingarten der Inbegriff für Erholung: „Das bekommt man bei keinem All-Inclusive-Urlaub in Spanien, Griechenland oder der Türkei“, sagt Stapel: Einen idyllischen Ort zum Entspannen, ohne, dass tausende Menschen um einen herum sitzen. „Besonders schön ist es im März oder April, wenn ich mit einer Tasse Kaffee draußen vor meiner Laube stehe und zusehen kann, wie alles anfängt zu blühen“, sagt der gebürtige Berliner.

Leben wie im Dorf

Besonders sei auch das familiäre und nachbarschaftliche Lebensgefühl in der Kolonie, erzählt Stapel: „Wir leben hier wie im Dorf. Jeder kennt jeden.“ Doch auch die Kleingarten-Gemeinschaft wandelt sich, mittlerweile suchen auch viele junge Familien Zuflucht von der Hektik des Alltags. „Sie wollen, dass ihre Kinder sehen, wie aus einem Samen eine Pflanze wird und sie an die Natur heranführen.“

Um den Hermannplatz und die Sonnenallee macht Stapel gewöhnlich einen großen Bogen. Zu hektisch ist es ihm an dem Knotenpunkt, an dem alles zusammenkommt.

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1927 bis 1929 wurde das Karstadt-Gebäude am Hermannplatz gebaut (Aufnahme von 1935). Der Bau galt seinerzeit als das modernste Kaufhaus Europas. Nachdem der mächtige Bau des Kaufhauses am Hermannplatz bis zuletzt von Fliegerbomben verschont blieb, fiel er Ende April 1945 den Straßenkämpfen zum Opfer.
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Zur Übersicht
Autoren
Dominik Mai
Felix Firme
Frauke Hinrichsen
Klara Niederbacher
Robert John
Silvia Perdoni

Fotograf
Tanja Schnitzler

Video
Frauke Hinrichsen
Tom Schildberg

Konzeption
Dominik Mai

Entwicklung
Stefan Bozkurt

Schlussredaktion
Dominik Mai
Maike Schultz