Von Silvia Perdoni

Hip und urig

In der Sonnenallee 35 spielen das junge und das ursprüngliche Neuköllner Leben Wand an Wand. Die Chefinnen eines modernen Cafés und einer traditionellen Kneipe erzählen vom Wandel in der Sonnenallee und ihren Gästen, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Hip und urig von Silvia Perdoni

Was ein Hipster ist, weiß Simone Bannemann nicht. „Wat soll’n dit sein?“ Fragend schaut die 52-Jährige zur Theke. „Thomas, was heißt Hipster?“ Ein grauer Lockenkopf dreht sich um, schüttelt den Kopf. „Keene Ahnung“. Keiner der Männer und Frauen an der Bar kennt das Wort.

Sie sitzen dort wie jeden Tag: Thomas, Wolle, Babsy und die anderen Stammgäste. Zigarettenpackungen stapeln sich auf dem Holztresen, mindestens zwei pro Person. Dazu Bier. Und Feigling, drei leere Fläschchen liegen umgekippt auf dem Schanktisch. „Die darf man nicht hinstellen. Wer sie hinstellt, zahlt für alle“, sagt Simone Bannemann. Ihr gehört „Simone’s kleine Kneipe“ in der Sonnenallee 35, normalerweise steht sie hinter dem Tresen.  Aber gerade schlug es 18 Uhr.

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Wer der Boss ist, ist klar: Simone Bannemann an ihrer Theke.

Tanja Schnitzler

Jetzt hat Simone Bannemann Feierabend und beobachtet ihre Theke von einem Tisch auf der anderen Seite des Raumes aus. Hertha-Fahnen und -Schals hängen hier an den Wänden, allerlei Wimpel, Fassdeckel, das gerahmte Bild eines Pferdes. „Nüchtern betrachtet war es besoffen besser“, steht auf einem Metallschild. Seit 2006 betreibt Bannemann das Lokal. „Vorher war hier Sophia drin, auch mit einer Gaststätte. Und davor, in den Siebzigern und Achtzigern, deren Mutter.“Wolle, der Theken-Querulant, dessen Laune so schnell umschlägt wie sich ein Grinsen in seinem Gesicht ausrollt, erinnert sich noch an das Neukölln zu DDR-Zeiten: „Bis zur Urbanstraße bestand die Sonnenallee aus Kneipen“, erzählt er. Heute mischen sich hier Handyshops, arabische Supermärkte, Bäckereien, Brautmoden-Geschäfte, Wettbüros und Shisha-Bars mit den wenigen übriggebliebenen Lokalen. Seit ein paar Jahren kommen außerdem Burgerläden, vegane Restaurants, Tapas-Bars und hippe Cafés mit unverputzten Wänden dazu. Doch Simone Bannemann sieht davon durch die Milchglasscheiben ihrer Kneipe nichts.

Galerie: Geschäfte auf der Sonnenallee

„Wenn ich hier drinne bin, merke ich ja nicht, wie sich die Straße verändert“, sagt sie. Ob die Gegend vor gut zehn Jahren zur Kneipeneröffnung ein härteres Pflaster war, schließlich machte damals gleichzeitig der Gewalt-Brandbrief der um die Ecke liegenden Rütli-Schule die Runde? „Mmm. Nö.“Ihre Gäste sprechen schon über Probleme, sagt Simone Bannemann, sicher. Die Miete, die Rente, oder wo die Politik schon wieder Geld verbrennt. „Die steigern sich da richtig rein. Aber was draußen passiert, drückt auf die Stimmung. Ich frage dann immer, wie Hertha gespielt hat.“ Simone Bannemann hat ihren Gästen auf der Sonnenallee eine Insel geschaffen.

Hipsterdutt und Avocado-Dattel-Cake

Auf der anderen Seite der Wand, an die sich Simone Bannemann gerade lehnt, trägt Deniz Agaoglu einen Hipster-Dutt. Sie nennt ihre Frisur selbst so und schmunzelt darüber. „Ich hatte die Haare aber schon so, bevor das cool wurde“, sagt die 37-Jährige lachend.

Sie sitzt an einem Tisch, der aus einer Limonadenkiste gebaut ist. Darüber hängt eine Lampe mit Glühdrahtbirne an einem stoffummantelten Kabel. Die Wand im Café von Deniz Agaoglu besteht bloß aus Mauersteinen. Unverputzt. In der Vitrine liegen Snacks wie Avocado-Dattel-Cake, selbst gebackene Focaccia oder vegane Himbeer-Holunder-Croissants. Bestellt wird nicht selten auf Englisch. All das könnte ein Bild ergeben.

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Gebäck, Sandwiches und “richtig guten Kaffee” gibt’s bei Deniz Agaoglu.

Tanja Schnitzler

Es könnte der Inbegriff von Neuköllns jungem Szeneleben sein: Unprätentiös, schäbig-schick und abgeklärt. Wäre das „Espera“, das unmittelbar neben “Simone’s kleiner Kneipe” liegt und genauso die Hausnummer 35 trägt, nicht so gemütlich. Und wäre Deniz Agaoglu nicht so echt.„Als wir im Jahr 2012 aufgemacht haben, wollten wir etwas anbieten, was es damals hier im Kiez noch nicht gab: richtig guten Kaffee“, sagt die gelernte Fotografin, die die Räume vor fünfeinhalb Jahren von einem Handyshop übernahm. „Und zwar für alle! Die Leute sollen sich hier rein trauen. Auch die älteren Araber. Studenten, Selbstständige, Familien, Flaschensammler, Schauspieler.“

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Beliebte Blätterteigtörtchen mit Pudding aus Portugal: Natas im Café “Espera”.

Tanja Schnitzler

Vorne im Laden blättert gerade ein junger Mann in einer der ausliegenden Zeitungen, hinten haben Vater und Sohn Filzstifte über einen Tisch verteilt. Ein älterer Herr im Anzug bestellt am Tresen einen schnellen Espresso to go. Ein Kaffee kostet im Espera 1,90 Euro, einen Lachsbagel gibt es für 2,90 Euro. Ob auch ab und zu Kneipenbesucher von nebenan kommen, um etwas zu essen? „Die Stammgäste von der Theke eher nicht“, überlegt Agaoglu. „Die bewegen sich kaum von der Bar weg. Aber sie freuen sich umso mehr, wenn ich ihnen am Ende vom Tag manchmal unsere nicht verkauften Reste rüberbringe.“

Die fairen Preise und ihre gemischte Kundschaft hält Deniz Agaoglu Menschen entgegen, die ihr vorwerfen, den Kiez zu gentrifizieren. „Das höre ich aber eigentlich so gut wie nie.“ Einmal habe ein mauliger Opa geschimpft: Was denn, schon wieder ein Café? Das sei aber alles gewesen. „Möglich, dass Läden, die heute eröffnen, mehr abkriegen“, sagt Agaoglu. „Auch möglich, dass ich als Halbtürkin einen etwas leichteren Start in dieser Multikulti-Nachbarschaft hatte.“ Die Straße wandle sich, ständig entstehe etwas Neues: Falafel-Läden, Supermärkte, Cafés. „Kürzlich hat gegenüber ein alteingesessener Elektroladen zugemacht, den ich geliebt habe.“

Drohkulisse Mieterhöhung

Auf der anderen Seite der Wand, bei Simone Bannemann, kursiert gerade die Geschichte einer Kneipe am Hertzbergplatz, die erst mit Einjahresmietverträgen zermürbt wurde und dann umziehen musste. „Wir hier in der Nummer 35 haben Glück mit den Hausbesitzern, eine Familie. Wir haben langfristige Verträge zu guten Konditionen“, sagt Bannemann.

Es ist Abend geworden in ihrem Lokal. Das fällt weniger wegen des Lichts auf, das zu jeder Uhrzeit gleich spärlich durch Fenster und Rauchschwaden dringt. Sondern wegen der Gäste. An einem Tisch sitzen jetzt vier junge Leute: Jeanshemd, Röhrenhose, weißblonde Haare mit Mütze drüber, rot geschminkte Lippen. Seit ein paar Jahren, sagt die Wirtin, kommen abends zunehmend Studenten in ihre Kneipe. „Manchmal sogar direkt von nebenan. Aus dem Café, wie heißt das noch?“

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Gelacht wird viel an Simone Bannemanns Tresen.

Tanja Schnitzler

Von der Theke steht Babsy auf, eine quirlige Rothaarige mit Weihnachtsmannmütze und dicker Glitzerkette. Sie haut ihrer Freundin auf den Po, kreischt auf und steuert auf die jungen Leute zu. „Wer seid ihr denn? Ich bin die Babsy. Früher war mein Hund hier immer mit in der Kneipe, aber jetzt hat er Hausverbot, denn…“ Das Ende der Geschichte geht im Lachen der vier Mittzwanziger unter. Sie schmunzeln über die Anekdote. Ernsthaft antworten tun sie Babsy nicht.

Eher scheint es, als fühlten sie sich durch die Frau in der Wahl ihrer Kneipe bestätigt. Weil man hier eben solche Originale trifft. Weil hier manchmal Andrea Berg läuft. Weil das „Trash-Faktor“ hat, wie die Jugend sagt. Aber Simone Bannemann erinnert sich auch an Studenten, die immer wieder an ihren Tresen kamen. „Schon seit Jahren. Mittlerweile sind die gar keine Studenten mehr, sondern haben Jobs.”

Bald wird auch das Team von Deniz Agaoglu in Simone Bannemanns Kneipe zu Gast sein. Hier findet jedes Jahr die Weihnachtsfeier des „Espera“ statt. Gut möglich, dass die junge und die alte Welt dadurch noch ein Stückchen näher zusammenrücken. Vielleicht wird sich dann auch öfter mal einer der Kneipengäste ein Törtchen nebenan holen. Und vielleicht sprechen die beiden Frauen aus der Sonnenallee 35 dann ja auch mal darüber, was eigentlich ein Hipster ist.

Kulinarisches auf der Sonnenallee

Vegane Cafés, Alt-Berliner Kneipen, arabische Küche – auf der Sonnenallee ist wirklich für jeden kulinarischen Geschmack etwas dabei. Wir haben zur Orientierung ein paar gastronomische Tipps zusammengestellt – guten Appetit!

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Zur Übersicht
Autoren
Dominik Mai
Felix Firme
Frauke Hinrichsen
Klara Niederbacher
Robert John
Silvia Perdoni

Fotograf
Tanja Schnitzler

Video
Frauke Hinrichsen
Tom Schildberg

Konzeption
Dominik Mai

Entwicklung
Stefan Bozkurt

Schlussredaktion
Dominik Mai
Maike Schultz