Von Pola Kapuste

„Ich habe gedacht, dass es schlimm wird, aber nicht so schlimm“

Max* ist Referendar an einer öffentlichen Grundschule in Mitte. Mit einem hohen Anteil an Kindern aus sozial schwachen oder Migranten-Familien erfüllt seine Schule alle Attribute einer typischen „Problemschule“ - und seine Erfahrungen bestätigen leider fast alle Vorurteile.

„Ich habe gedacht, dass es schlimm wird, aber nicht so schlimm“ von Pola Kapuste

„Letztes Jahr hatte ich in der dritten Klasse ein Mädchen, das sich jede Stunde komplett geweigert hat mitzumachen. Null zugänglich. Aber wenn man dann das Elternhaus kennenlernt, wird einem alles klar.“

Max sitzt in einem Café in Friedrichshain, als er von dem Mädchen erzählt. Er trinkt frischen Minztee mit Honig, im Hintergrund lärmt die Kaffeemaschine, zwei Mütter unterhalten sich über Babynahrung. Seit August letzten Jahres arbeitet er als Referendar an einer Grundschule in Mitte. Momentan unterrichtet er eine dritte und eine sechste Klasse in den Fächern Deutsch, Englisch und Mathe.

„Das Mädchen wohnte bei ihrer Großmutter. Die Mutter hat in der Schwangerschaft Drogen konsumiert und war bis vor kurzem immer noch abhängig. Die Großmutter hat jetzt das Sorgerecht, aber auch sie meinte, ‚Wenn das so weiter geht, überlege ich, das Kind ins Heim zu stecken‘. Wenn ich sowas höre, ist mir natürlich auch egal, wenn das Mädchen mal in Mathe nicht mitmacht. Da ist mir wichtiger, dass sie weiterhin ein Zuhause hat.“

Sozial schwache Schüler werden in Berlin mit den Buchstaben lmb – lernmittelbefreit – beziffert. Ihre Eltern sind so arm, dass sie sich die Materialien für die Schule nicht leisten können. Wie viele von solchen Kindern armer Eltern auf einer Schule sind, hängt vor allem von zwei Faktoren ab: dem Schulort und der Schulart. Denn die soziale Spaltung fängt im Viertel an und verschärft sich in der Schulform.

Ob eine Schule in Neukölln oder Steglitz-Zehlendorf liegt und ob sie privat oder öffentlich ist, macht den Unterschied. Man kann sich die beiden Bezirke Neukölln und Steglitz-Zehlendorf als Extreme einer Skala vorstellen, die sich rechtwinklig mit der Skala „öffentliche – private Schulen“ überschneidet. Der Sozialstatusindex beschreibt, welchen Bildungsstand und welches Einkommen die Eltern eines Kindes haben. Die Ergebnisse des Index lassen darauf schließen, dass es an Zehlendorfer Privatschulen kaum Kindern mit lmb gibt. Auch einen anderen Begriff, der in wunderbarem Bürokratendeutsch auf Problemschulen verweist, kann man hier kaum finden: „ndH“ steht für „Kinder nicht deutscher Herkunft“. Ihr Anteil ist besonders an den öffentlichen Schulen in Neukölln hoch.

In dem Diagramm ist Berlin-Mitte eher in der Nähe von Neukölln zu verorten. Auch wenn man den Bezirk oft mit schicken Galerien, Boutiquen und Altbauwohnungen in Verbindung bringt, zeigen Statistiken, dass hier vergleichsweise wenige Menschen eine gute Bildung oder einen Arbeitsplatz haben. Denn Wedding, Moabit und Gesundbrunnen gehören auch zu Mitte. Die Quote der lernmittelbefreiten Kinder ist hoch.

Sozialstatusindex der Kinder in 2011

Max unterrichtet hier an einer öffentlichen Grundschule. In seiner dritten Klasse hat er einen, in der sechsten Klasse zwei deutsche Schüler. Auch Kinder nicht deutscher Herkunftssprache sind hier zahlreich vertreten.

Max: „Bei den meisten wird kein Deutsch zu Hause gesprochen. Wobei ich das auch gar nicht so schlimm finde. Viel wichtiger ist, dass die Eltern mit dem Kind reden, dem Kind vorlesen. Sie können auch gerne aus dem Koran vorlesen oder sonst was, Hauptsache, sie kommunizieren.“

Die bundesweiten „Vera 3“ Tests vergleichen die Leistungen von Kindern der dritten Klasse in Mathe und Deutsch jährlich. Unter anderem wird hier zwischen Kindern deutscher (DV) und nicht deutscher Verkehrssprache (ndV) unterschieden. Also zwischen Kindern, die zu Hause  vor allem Deutsch oder eine andere Sprache sprechen. Egal ob in Mathe oder Deutsch: ndV-Kinder schneiden schlechter ab, als ihre Deutsch sprechenden Klassenkameraden.

Ergebnisse der Vergleichsarbeit der 3. Klasse an Berliner Schulen 2015/16
Infogram

Das weiß auch Max. Dass er trotzdem schon zufrieden wäre, wenn die Eltern überhaupt mit den Kindern kommunizieren würden, zeigt, wie prekär die Situation in seinem Klassenzimmer ist.

„Man kann den Migrationshintergrund natürlich nicht mit Problemen gleichsetzen, aber so zu tun, als würde dieser Zusammenhang nicht bestehen, wird die Situation auch nicht verbessern.“

Bei ndH-Kindern fehlen nicht nur die Deutschkenntnisse im Unterricht, auch die Kommunikation mit den Eltern ist laut Max schwierig. Neben ihrer Sprachbarriere haben sie auch oft wenig Interesse daran, mit den Lehrern zusammenzuarbeiten. „Wenn das Kind in der Schule ist, muss sich der Lehrer kümmern, da haben sie nichts mit zu tun“, erzählt Max. Deutsche Eltern würden eher das Gespräch suchen.

Allerdings habe er auch die Erfahrung gemacht, dass Schule bei Migrantenfamilien noch einen gewissen Stellenwert hat. Die Eltern sagen ihren Kindern demnach öfter, dass sie auf ihren Lehrer hören sollen. Bei deutschen Familien komme es eher vor, dass die Eltern von problematischen Kindern diese noch bestärken. Nach dem Motto: „Lass dir bloß nichts von dem Lehrer sagen, der hat keine Ahnung“. Da sei es dann wirklich schwierig, noch irgendetwas zu bewirken, sagt Max.

Andererseits wird Schule in den Migrantenfamilien manchmal auch ein bisschen zu ernst genommen. Wenn der Lehrer bei den Eltern anruft, ist ihm oft klar, was zu Hause passiert. Viele Kinder werden zu Hause geschlagen. Da überlege man es sich schon zweimal, ob man anruft. Doch manchmal ginge es nicht anders, erzählt er. Max: „Wir hatten ein vietnamesisches Mädchen, das bei Tests immer bei der ersten Aufgabe verharrt ist. Aus Angst, Fehler zu machen, hat sie nicht weiter gearbeitet. Sie hatte auch immer Schürfwunden und Blessuren. Ich dachte erst, sie hätte einen Ausschlag, aber die anderen Lehrer meinten, ‚Die wird auf jeden Fall zu Hause geschlagen‘. Die haben dafür schon ein richtiges Auge. Dann wurden die Eltern einbestellt. Denen sagten sie dann, ‚Wir wissen, dass Sie ihr Kind schlagen und das hört jetzt auf‘. Die fragen schon gar nicht mehr.”

Wenn weiterhin eine sogenannte Kindeswohlgefährdung besteht, muss das Jugendamt eingeschaltet werden. Auch wenn Kinder wiederholt hungrig, dreckig oder müde in die Schule kommen, greifen die Lehrer ein. Max‘ Drittklässler weisen vor allem eine emotionale Verwahrlosung auf: „Die wollen immer kuscheln, obwohl sie einen nicht wirklich kennen, kommen sie gleich auf einen zu und umarmen einen. Viele finden das schön, aber ich finde das unnatürlich und denke, dass das eher zeigt, dass sie woanders nicht genug Zuneigung bekommen“, sagt Max.

Sein Minztee ist inzwischen ausgetrunken, aus dem kleinen Honigschälchen hat er beim Erzählen den letzten Rest rausgekratzt. Max ist in einem Berliner Randbezirk aufgewachsen und wohnt in Friedrichshain. Er passt hier rein, in den Kiez, in dieses Café. Vom Äußeren könnte er aus Schweden kommen, nicht nur wegen der strohblonden Haare, sondern auch wegen des dunkelblauen minimalistischen Mantels und des grobgestrickten Pullovers. Was er da erzählt, scheint nicht so recht zu seinem Leben zu passen. Es ist, als würde er von einem Kinofilm erzählen, den er sich gestern Abend angesehen hat.

Der Einblick in seinen Alltag lässt deutlich werden, wie grundlegend die Probleme in manchen Schulen sind. Wer sich mit Kindeswohlgefährdung, Sprachbarrieren und emotionaler Verwahrlosung befassen muss, stellt den Unterricht erstmal hinten an.

Wenn sich Max an sein Studium erinnert, hat ihn das kaum auf die Realität vorbereitet, in der er sich heute wiederfindet. Die Methoden die er da gelernt hat, klappen nicht mit seinen Kindern, die funktionieren nur in Zehlendorf, sagt er. „Ich habe zum Beispiel eingeführt, dass man eine Joker-Karte bekommt, wenn man sich im Englisch-Vokabeltest verbessert. Die konnten die Kinder einlösen, wenn sie die Hausaufgaben vergessen haben oder sich umsetzen wollen. Aber meine Kinder haben die Karten gehortet, andere Kinder damit bestochen oder Gefälligkeiten dafür eingefordert. Damit wurde richtig gedealt. Manche sind gleich in der nächsten Stunde zu mir gekommen, haben mir die Karte auf den Tisch geknallt und gesagt: ‚Ich habe die Hausaufgaben nicht gemacht!‘ Da habe ich das ganze Ding abgeblasen.” Auf dem Papier höre sich das immer alles gut an, aber mit seinen Kindern funktioniere das nicht.

Die Extremsituation, in der er sich befindet, wirkt sich auch auf Max` Bewertung aus, wodurch sich die  Ungerechtigkeit noch verstärkt.

“Wenn ich ehrlich bin bewerte ich die Kinder schon unterschiedlich.”Bei den Kindern, deren Eltern die Bildung wichtig ist, kontrolliere man einen Test wirklich ganz genau, erzählt er. Man wisse eben, dass der nochmal zu Hause gegengelesen wird. Wenn er da was falsch macht, falle das im Zweifel schlecht auf ihn und seine Arbeit zurück. “Bei den Kindern, bei denen es egal ist, ist es den Kindern egal und den Eltern auch, also ist es eh egal. Allerdings habe ich kaum Kinder aus bildungsnahen Familien. Bei mir zählt, denke ich vor allem, Fleiß und Wille in die Bewertung mit rein. Aber natürlich auch das Benehmen in der Klasse und ob ich jemanden persönlich mag.“

Eine Studie vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) bestätigt, dass nicht nur Max seine Schüler auch nach ihrer sozialen Herkunft bewertet. Vielleicht geben es wenige Lehrer so deutlich wie er zu, sicher ist aber, dass jeder Lehrer, ob er will oder nicht, ein Bild seiner Schüler im Kopf hat und sie danach bewertet. So ist zum Beispiel nachgewiesen, dass Kinder aus sozial schwachen Familien mehr leisten müssen, um eine Gymnasialempfehlung zu bekommen, als Kinder aus besserem Elternhaus.

Für mehr Chancengleichheit würde sich Max eine Kindergarten- und Ganztagsschulpflicht wünschen. Vor allem brauche man einfach mehr Geld, mehr Personal, kleinere Klassen, mehr Sozialpädagogen und Sonderpädagogen. Max: „Ich bin für jede erwachsene Person im Raum dankbar.“

*Name geändert

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Schlussredaktion
Maike Schultz