Von Gabriela Keller

Für Arme und Alte ist sogar am Stadtrand kein Platz mehr

Die hohen Mieten haben vor allem sozial schwache Menschen an die Peripherie getrieben. Viele haben im Kosmosviertel eine Bleibe gefinden. Nun wird es auch hier teurer. Die Angst erneuter Verdrängung geht um.

Für Arme und Alte ist sogar am Stadtrand kein Platz mehr von Gabriela Keller

Sie hat nicht viel Geld, sonst wäre sie jetzt nicht hier. So ist das bei fast allen, die in der Bäckerei am Ende der kleinen Geschäftszeile sitzen. Manuela Preussner kam aus Nord-Köpenick, die Familie, die an der Rückwand ihr Frühstück isst, aus Rudow, der Alte am Fenster aus Britz. Wo sie früher wohnten, mussten sie weg. Manuela Preussner will nicht noch einmal weg. Sie möchte bleiben.

“Das Schlimmste wäre, wenn ich im Alter obdachlos werde”, sie lauscht dem Gedanken kurz nach und sagt dann ganz nüchtern: “Das wird kommen.” Manuela Preussner wirkt schmal, aber robust, eine Frau von 60 Jahren mit rot gefärbter Kurzhaarfrisur. Sie ist Stammgast in der Bäckerei, es sind immer dieselben Leute, die sie hier trifft. Als sich ein Rentner mit Mütze nähert, drückt sie ihm einen Kuss auf die Wange und gurrt: “Hallo, meine süße Maus.”

Die Kosmossiedlung liegt am äußersten Stadtrand, südöstliches Treptow, irgendwo zwischen A 113 und Flughafen Schönefeld. Ringsum breiten sich lose verstreute Wohnblocks aus, DDR-Platte, Typ WBS 70, dazwischen kleine Grünflächen und menschenleere Gehwege. Knapp 5700 Menschen leben hier, Platte an Platte, Fenster an Fenster. Manuela Preussner hält ihr Gesicht in die Sonne, sie sagt: “Es ist ein richtig schönes Paradies hier.”

Es gibt eine Geschäftszeile mit Bäckerei und Eiscafé. Dort treffen sich jedem Tag dieselben, morgens kommen meist die Älteren, ab mittags die Mütter mit ihren Kindern.

Sie war fast 40 Jahre lang Krankenpflegerin, aber nach zwei Herzinfarkten musste sie ihren Beruf aufgeben. Bis 2010 lebte sie in einem zentralen Teil Köpenicks, zwei Zimmer, 439 Euro. Dann stieg die Miete so stark, dass sie sich etwas Neues suchen musste. Die neue Wohnung hat 32 Quadratmeter, das ist deutlich weniger Platz als vorher. Manuela Preussner haderte nicht. Sie warf ihre Schlafzimmermöbel weg und richtete sich ein. Ihr gefallen die Ruhe und das viele Grün.

Aber jetzt steigt die Miete auch hier; im März ist sie wieder erhöht worden “Auf knappe 400 Glocken. Überlegen Sie sich das mal.” Preussner fragt sich, wie lange sie noch mithalten kann. “Erstmal zahlt ja das Amt, aber irgendwann muss ich zuzahlen. Oder noch mal umziehen.”

Die Wohnblocks kamen herunter, dafür blieben die Mieten lange Zeit niedrig. “Discountwohnen” nennen die Soziologen dieses Geschäftsmodell.

Im Kosmosviertel wird saniert; ein Block nach dem anderen kommt an die Reihe, danach steigen die Mieten. Doch wer eine Weile in der Siedlung unterwegs ist, merkt, dass hier mehr auf dem Spiel steht als das Schicksal der Mieter. Zusammen mit den Mieten wächst die soziale Ungleichheit. Die Dynamik auf dem Mietmarkt hat in den vergangenen Jahren vor allem die unteren Schichten an die Peripherie getrieben. Für die Menschen im Kosmosviertel gibt es nun in Berlin keine Orte mehr, an die sie noch ausweichen können.

In den 80er Jahren wurde das Viertel am Reißbrett entworfen, rund 2300 Wohnungen, Platte an Platte, Fenster an Fenster. Bild: Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen

Das Quartier sollte mal ein Vorzeigeviertel werden, schon der Name klingt nach Zukunft. Die Planer haben es Ende der 80er-Jahre am Reißbrett entworfen, Venusstraße, Siriusstraße, eine Utopie mit rechten Winkeln; gedacht war sie für die Mitarbeiter der DDR-Fluglinie Interflug. Dann kam die Wende. Das Land verkaufte den größten Teil an den Münchener Geschäftsmann Helmut Hagemann, einen früheren Senior-Partner bei McKinsey. Dessen Firma Schönefeld Wohnen hält rund 1 800 von 2 300 Wohnungen. Seit den 90er Jahren kamen die Häuser herunter, dafür waren die Mieten billig.

“Discountwohnen” nennen Soziologen dieses Geschäftsmodell. “Es geht darum, dass Investitionen unterlassen werden. Dabei setzt man auf Zielgruppen, die sonst hohe Hürden auf dem Mietmarkt haben, während man den Höchstsatz ausschöpft, den die Ämter übernehmen”, sagt die Sozialwissenschaftlerin Susanna Raab, die ihre Masterarbeit über das Kosmosviertel schrieb; ihre Recherchen bestätigten die These, dass diese Strategie Entmischung befördert: “Es ist auffällig, dass es dort eine hohe Konzentration von Armut gibt.”

Am Nachmittag schneidet die Sonne schräg über die Wohnblocks, der Wind treibt Herbstlaub über die Straße; erschöpfte Wespen drieseln um die Äpfel, die von den Bäumen gefallen sind. Von der Straße her nähert sich ein Mann mit Sakko und Brille, er steuert auf einen Betonriegel zu, der in ein Baugerüst gepackt ist. Peter Schmidt beugt sich vor, um die Fassade zu begutachten, da kommen zwei Arbeiter heran, kräftige Männer, sie bauen sich vor ihm auf, fragen: “Können wir Ihnen helfen?”, aber es klingt nicht freundlich. “Nein, alles gut”, murmelt er und läuft zügig weiter.

Als sich vor rund anderthalb Jahren eine Mieterinitiative im Kosmosviertel formierte, stellte er sich an die Spitze. Dabei wohnt er selbst nicht hier. Für ihn ist das ein Vorteil: “Ich bin der Einzige, der nicht vom Vermieter mit Rausschmiss bedroht werden kann.” Einige Balkone sind hellblau, hellrosa, hellgelb gestrichen; gegenüber erheben sich fleckig-graue Fassaden; Schmidt deutet auf bröckelige Dichtungen und Spatzen, die durch die Spalten zwischen den Platten rein und rausflattern.

“Das ist original DDR-Bauweise, unsaniert. Seit 28 Jahren hat es hier keine großen Veränderungen gegeben.” Man müsste dringend etwas machen, sagt Schmidt, die Wärmedämmung aber sei nicht nötig gewesen; dieser Typus von Wohnblock sei bereits an sich gut gedämmt. Peter Schmidt war früher Experimentalphysiker; er hat als Spezialist für Temperaturmessungen in der Technik gearbeitet. Mit dem Thema Wärmeverlust kennt er sich also aus.

Fragwürdige Wärmedämmung

Er hält seinen Finger an die Fassade eines sanierten Blocks. Der Dämmputz ist eine neue Entwicklung; in Studien wurde nachgewiesen, dass damit der Wärmeverlust um rund ein Drittel gesenkt werden kann – mit einer sechs Zentimeter dicken Dämmung. Schmidt klopft gegen die Oberfläche, er hat nachgemessen, dass die Schicht hier zum Teil nur ein, zwei Zentimeter dick ist. So bringe sie kaum etwas.

Bei manchen Mietern seien die Heizkosten sogar gestiegen, weil sie ihre Wohnungen jetzt ständig lüften müssen, sagt Schmidt: “Das Ganze dient nur dazu, die Mieten nach oben zu treiben.”

Er zieht weiter, vorbei an einem Brunnen mit einer Metallkugel, die sich früher drehte. Jetzt steht sie still, Wasser fließt längst nicht mehr. Ringsum erstreckt sich eine Savanne aus staubigem, braunem Gras, im Pflaster fehlen Steine.

Schmidt ist Rentner, er müsste sich den Stress nicht antun. Aber er will etwas bewirken; für ihn ist das eine politische Aufgabe. “Ich bin der Meinung, dass zu viel Scheiß läuft in diesem Land”, sagt er. Wie er es sieht, geht es im Kosmosviertel um soziale Gerechtigkeit. Er kämpft einen zähen Kampf. Nur wenige Mieter haben sich dem Protest angeschlossen. Weil sie eingeschüchtert sind, sagt Schmidt, oder resigniert. “Es gibt in dem Viertel sehr viele Weggeschubste. Die haben nie gelernt, sich zu wehren.”

Der Eigentümer der Häuser ist für Fragen nicht zu erreichen. E-Mails bleiben unbeantwortet. Telefonate mit der Schönefeld Wohnen sind kurz. Ein Mitarbeiter nimmt ab und sagt: “Ich werde nicht antworten.”

Das Land würde gern einen Teil der Siedlung zurückkaufen. Seit Anfang des Jahres laufen Verhandlungen. “Die Gespräche sind schwierig, denn der Eigentümer ist gierig”, sagte die Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) im Tagesspiegel.

Aus der Senatsverwaltung erfährt man dazu nichts Neues. Eine Sprecherin schreibt, sie könne dazu nichts sagen, nur, dass die Gespräche nicht abgebrochen wurden. Und der Bezirk? Die “problematische Situation” der Mieter sei bekannt, heißt es aus dem Amt für Stadtentwicklung. “Der Ruf nach Unterstützung an die lokale Politik ist nachvollziehbar.” Auch fehle es nicht an Willen. “Das Bezirksamt hat jedoch nur begrenzte Steuerungsmöglichkeiten.

Und der Bezirk? Die „problematische Situation“ der Mieter sei bekannt, heißt es aus dem Amt für Stadtentwicklung. „Der Ruf nach Unterstützung an die lokale Politik ist nachvollziehbar.“ Auch fehle es nicht an Willen. „Das Bezirksamt hat jedoch nur begrenzte Steuerungsmöglichkeiten.“

Der Abend zieht über das Viertel, als Katrin Gassan von der Arbeit kommt. Sie hat ihre Tasche im Flur abgestellt und Kaffee aufgesetzt, nun sitzt sie auf der Couch in ihrem Wohnzimmer. Sie lebt seit 13 Jahren hier, bald 14. Durch ihre Fenster beobachtet sie die Veränderungen, sie sieht wie die einen gehen und andere kommen, “die Umzüge werden häufiger”, sagt sie. “Teilweise sehe ich pro Woche zwei Möbelwagen.”

Katrin Gassan fühlt sich, als wenn sie keinen festen Boden mehr unter sich hat. “Es ist ein schleichender Vorgang”, sagt sie. “Es fängt damit an, dass die Häuser nicht instand gehalten werden. Dann wird immer wieder die Sanierung der Fassade angekündigt, und es passiert doch nichts. Man hängt in der Luft.”

Fast zwei Stunden dauert der Weg zur Arbeit

Katrin Gassan, 50 Jahre, liebt ihr Viertel. “Es ist eine wunderschöne Gegend. Wenn sie nur nicht so verkommen wäre.” Sie zählt zu den wenigen, die sich dem Mieterprotest angeschlossen hat. Sie will sich wehren: “Ich wäre sonst wie alle anderen. Ich hätte aufgegeben. Ich will aber nicht aufgeben.” Gassan hat gelernt, für sich einzustehen, musste es lernen. Ihr erster Mann fuhr Fernbusse. Sie war mit zwei Kindern fast immer alleine. Der zweite Mann fing an zu trinken, kaum dass das dritte Kind geboren war. Da sagte sie sich: “Schnauze voll, bleib ich halt alleine.”

Sie hat immer gearbeitet, erst als Kellnerin, später im Call Center. Das Geld hat immer gerade gereicht. Heute ist sie in der Poststelle einer Behörde in Reinickendorf tätig; dahin fährt sie knapp zwei Stunden. Pro Strecke. Morgens bricht sie um kurz vor halb fünf früh auf.

Wenn sie alle Kosten abzieht, bleiben ihr 350 Euro jeden Monat. Der Vermieter schrieb ihr, dass ihre Miete künftig noch um 124 Euro steigen wird. “Dann müsste ich umziehen”, sagt sie leise. “Es bliebe mir nichts anderes übrig.”

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Es gibt aber auch viele Leute, die gern im Kosmosviertel leben, weil sie hier zu Hause sind.

Gemacht werden nur die Fassaden; drinnen ändert sich wenig; man hört immer wieder von maroden Leitungen, defekten Heizungen und Fahrstühlen, die tagelang ausfallen. Es heißt auch, dass Arbeitslose jetzt im Kosmosviertel keine Wohnungen mehr kriegen. Beweise gibt es nicht, aber Statistiken. Über Jahre lag der Arbeitslosenanteil hier um 15 Prozent. Dann, 2016, brach die Kurve ein. Aktuell liegt der Anteil noch knapp über zehn Prozent.

Wenn man in Richtung der Ladenzeile geht, kommt man an einem kleinen Park vorbei. Ein Teich liegt im hohen Gras. Am Ufer steht ein Reiher, man könnte die Szene malerisch finden. Dann sieht man, wie der Reiher ein Tier herunterwürgt, es hängt noch halb aus dem Schnabel und zappelt. Das ist eine Ratte.

Viele Menschen fühlen sich vergessen. Dicht unter der Oberfläche gärt die Wut. “Das hier ist ein Ghetto”, sagt einer, der mit Freunden beim Bäcker sitzt, “Wer kümmert sich um ein Ghetto? Keiner.”

Plattenbausiedlungen Berlin

1

Märkisches Viertel16.400 Wohnungen, 18 Maximalgeschosse, 320 Hektar Fläche

Das Märkische Viertel wurde als Vorzeigeprojekt des modernen Städtebaus in den 1960er-Jahren für 40.000 Einwohner konzipiert und von 1963 bis 1975 am West-Berliner Stadtrand erbaut.

2

Falkenhagener Feld10.000 Wohnungen, 17 Maximalgeschosse, 220 Hektar Fläche

Ursprünglich befanden sich an der Stelle Schrebergärten, zudem wurde das Areal landwirtschaftlich genutzt. Bedingt durch Wohnungsmangel im damaligen West-Berlin wurde 1962 begonnen, hier eine Großsiedlung zu errichten. Die letzten Bauten wurden erst in den 1990er Jahren fertiggestellt.

3

Heerstraße Nord7.800 Wohnungen, 22 Maximalgeschosse, 116 Hektar Fläche

Seit den 60er Jahren entstand im Ortsteil Staaken als soziales Wohnungsbauprojekt die Großsiedlung mit ihren charakteristischen 22geschossigen Punkthochhäusern in leuchtenden Farben. Das Gebiet liegt am westlichen Rand

4

Marzahn-Hellersdorf100.400 Wohnungen, 21 Maximalgeschosse 1.897 Hektar Fläche

1977 begann der Bau der Großsiedlung am östlichen Stadtrand. Ziel war, der in Folge des Zweiten Weltkriegs noch großen Wohnungsnot zu begegnen. Marzahn war das größte Projekt des DDR-Wohnungsbauprogramms und wurde auf Rieselfeldern gebaut. In nur 15 Jahren entstand so die damals größte Plattenbausiedlung Europas – die Wohnungen galten als komfortabel und waren äußerst begehrt.

5

High Deck Siedlung2.500 Wohnungen, 6 Maximalgeschosse, 32 Hektar Fläche

Die Großsiedlung im Berliner Ortsteil Neukölln entstand in den 1970er und 1980er Jahren im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus. Das damals als innovativ geltende Konzept wandte sich gegen die bauliche Dichte der übrigen Berliner Großsiedlungen mit aneinandergereihten Hochhäusern wie im Märkischen Viertel oder der Gropiusstadt und setzte a

6

Thermometersiedlung2.234 Wohnungen, 22 Maximalgeschosse, 23 Hektar Fläche

Die Siedlung mit 60 Gebäuden im Berliner Ortsteil Lichterfelde des Bezirks Steglitz-Zehlendorf wurde von 1968 bis 1974 als typisches Beispiel für die Stadtrandbebauung im West-Berlin der 1970er Jahre errichtet. Sie gilt als sozialer Brennpunkt. Von den vier Straßen der Siedlung tragen drei die Namen der Physiker Celsius, Fahrenheit und Réaumur.

7

Großsiedlung Waldsassener Straße4.200 Wohnungen, 27 Maximalgeschosse, 55 Hektar Fläche

Die Hochhaussiedlung im Süden von Marienfelde wurde zwischen 1970 und 1974 errichtet. Es handelt sich um ein reines Wohngebiet mit viel Grün und zwei Nahversorgungsbereichen. Ein klassisches Gebietszentrum gibt es nicht.

8

Gropiusstadt18.500 Wohnungen, 30 Maximalgeschosse, 264 Hektar

Mitte der 1950er Jahre begannen erste Vorüberlegungen für die Schaffung einer Großsiedlung im Süden Neuköllns im Zuge der Wiederaufbauarbeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Für das Wohnungsbauvorhaben wurden an der südlichen Stadtgrenze Berlins gelegene Ackerfläche genutzt. Die Siedlung wurde zwischen 1962 und 1975 gebaut, 9ß Prozent der Wohnungen wurden als Sozialbauwohnungen errichtet. Seit den 1980er Jahren gilt die Gropiusstadt als sozialer Brennpunkt. Über Berlin hinaus bekannt geworden ist sie vor allem durch das Buch Wir Kinder vom Bahnhof Zoo.

9

KosmosviertelDas Kosmosviertel wurde zwischen 1987 und 1991 als letztes DDR-Plattenbauviertel am Südostrand von Treptow fertig gestellt. Es sollte Wohnraum für die Mitarbeiter der staatseigenene Fluglinie Interflug schaffen. Im Laufe der 90er Jahre war es von Leerstand und Verfall geprägt. Heute gilt es als eines der ärmsten Siedlungen von Berlin.

Auf der Treppe vor einem Haus sitzen zwei sehr junge Frauen, fast noch Mädchen, die eine ist rundlich und blond, 21 Jahre alt. Ihre Freundin hat halblange braune Haare und ist erst 17. Ihre Fingernägel sind bunt und glitzern, zwischen den Fingern glimmen Zigaretten. Die eine hat einen Kinderwagen dabei, die andere ein Kleinkind, das über die Wiese tapst.

Die Jüngere deutet hinter sich. “Das ist das Crackhaus”, sagt sie. Beide lachen, werden dann ernst. “Das sagt jeder, dass das hier das schlimmste Haus ist. Alles ist kaputt, ständig macht irgendwer Randale, jeder zweite ist drogenabhängig.” Sie selbst hat keine Zeit für Drogen. Sie hat ja ihr Kind und geht zur Schule.

Nach der Trennung von ihrem Freund ist sie wieder bei ihren Eltern eingezogen. Ihr früheres Kinderzimmer teilt sie mit dem Mädchen. Sie seufzt, sie ginge gern hier weg. “Aber finde” mal zur Zeit eine passende Bleibe.” Die Jüngere sagt, sie sei froh, dass sie überhaupt etwas hat. “Wenn du als Minderjährige mit Kind ankommst, gibt dir keiner eine Wohnung. Die denken alle, du bist eine Asoziale.”

Ihre Freundin blickt auf ihr Kind. “Sie braucht ihr eigenes kleines Reich, ein eigenes Zimmer.” Ihre Freundin sagt: “Ich habe keine Chance, woanders hinzukommen.”

Da kommt ein junger Mann über die Straße, die jungen Frauen winken ihm zu. “Ich wohne hier nicht”, sagt er, “ich hause im Keller.” Aus seiner Wohnung wurde er rausgeklagt, weil er, sagt er zumindest, zu laut Musik gehört hat. Jedenfalls verbrachte er drei Monate in der Psychiatrie, nun ist er obdachlos; im Moment schläft er unter der Treppe im Untergeschoss des Wohnturms.

Uwe Doering hat oft das Gefühl, dass die Politik das Viertel im Stich lässt. Wohnungspolitik ist Sozialpolitik. Er, Linken-Politiker und Vorsitzender des Bauausschusses in der BVV, weiß das. Auf einem Parkplatz zieht er eine Karte des Viertels aus einer Klarsichthülle. Dann hebt er den Kopf, blickt auf marode Fassaden und fragt: “Warum kümmert sich der Senat oder der Bezirk nicht darum?”

Neben ihm steht Robert Seifert vom DGB Treptow-Köpenick. Die beiden wissen, dass der Frust vor allem den Rechten nutzt. Rund um die Venusstraße wählten bei der Bundestagswahl rund 25 Prozent AfD. Doering würde dem gerne etwas entgegensetzen. Er und Seifert versuchen, in der Politik Druck zu machen. Sie wollen vor Ort sein, den Leuten beistehen. Doch selbst in seiner Fraktion gibt es für das Thema wenig Interesse , sagt er: “Man steht alleine in weiter Flur.”

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Viele Kinder wachsen in prekären Verhältnissen auf. Einer von zwei Haushalten im Kosmosviertel ist alleinerziehend.

Seifert nickt und sagt: “Das Viertel wurde vergessen, seit der Wende wurde es vergessen.” Anfang des Jahres hatte Doering in der BVV angeregt, einen Sozialplan für das Viertel aufzustellen. Dann dürften Mieten nur bis auf 30 Prozent des Haushaltseinkommens steigen. Die Verordneten beschlossen, dass das Bezirksamt den Vorschlag prüfen soll. Das war im März.

“Der Eindruck, dass nichts passiert ist, ist falsch”, teilt das Bezirksamt mit, nur liege eine “abschließende Bewertung zur Umsetzung der städtebaulichen Instrumente” noch nicht vor. Auch Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD) fühlt sich zu Unrecht kritisiert. Es stimme ja nicht, dass nichts getan werde, es gebe das Quartiersmanagement und Beratungsangebote. Zudem hat er mehrmals mit dem Eigentümer telefoniert. “Er ist sehr freundlich. Man kommt nur nicht zu einer Lösung.”

Doering ist das ein bisschen wenig. Er weiß, dass im Kosmosviertel auch seine Glaubwürdigkeit als Linker auf dem Spiel steht. “Wir sind jetzt seit anderthalb Jahren an dem Thema dran”, sagt er, “und die Leute sehen, dass sich nichts bewegt.” Die beiden ziehen an der Geschäftszeile vorbei, an der Café Lounge Bahamas und einer Spielothek.

“Du wachst jeden Morgen mit Kopfschmerzen auf. Ich hab’ heulend vor meinem Mann gesessen und gesagt: Schatz, ich kann nicht mehr.”

Doering sagt: “Wir sind Ansprechpartner. Weil wir nicht ganz so viel verkackt haben wie die anderen Parteien.” Aber er macht sich nichts vor. Ihm ist klar, dass viele Wähler sich enttäuscht der AfD zugewandt haben. Aber, so sagt Robert Seifert, die Rechten sind nicht das Problem. “Das Problem ist, dass die Schwächsten der Gesellschaft verdrängt werden – und dass sich der Bezirk darum nicht kümmert.”

Frank Scholtyssek, der Berliner AfD-Abgeordnete, der sich das Direktmandat in dem Wahlkreis holte, hat ein, zweimal versucht, beim Mieterprotest anzudocken. Man schickte ihn weg. Der Abgeordnete zuckt die Schultern; er hält ohnehin wenig von der Initiative. Sie mache den Menschen falsche Hoffnungen. “Ich habe von Anfang an gesagt: Dass das Land eine ganze Siedlung kauft, das ist gar nicht machbar. Die Sache ist ja auch im Sande verlaufen. Da ist den Leuten eitel Sonnenschein versprochen worden. Das fand ich verlogen.”

Scholtyssek trägt nur ein T-Shirt, obwohl es ein kühler Tag ist. Neben ihm steht der Pressesprecher, ein schmaler Mann in der Daunenjacke, der ab und an bei den Antworten sekundiert. Auch Scholtyssek will vor Ort Gesicht zeigen. Einmal im Monat bietet er hier eine Sprechstunde an; illegale Müllablagerung ist eines seiner Themen. Füllt die AfD also die Lücke, die das Desinteresse der Parteien geschaffen hat? Scholtyssek reagiert gereizt: “Jetzt wollen Sie sicher wieder darauf hinaus, dass die AfD die Partei der Abgehängten ist.”

Auch bei ihm melden sich häufiger Menschen, die über Mietsteigerungen und Wohnungsmängel klagen. Dafür fühlt er sich nicht zuständig. “Da muss jeder für sich kämpfen”, sagt er. “Das ist eine Sache zwischen Mieter und Vermieter – kein politisches Aktionsfeld.”

Problemkiez, sozialer Brennpunkt, das sind Begriffe, benutzt von Menschen, die nicht hier leben. Sie können Missstände benennen, aber sie erzählen nicht die Geschichten dahinter. Vor einer Eisdiele haben sich zwei Paare niedergelassen, ein Mastiff liegt auf dem Pflaster, ringsum toben Kinder. Auf dem Tisch stehen leere Eisbecher.

Die Frau rechts sagt: “Dass die sich hier überhaupt trauen, die Miete zu erhöhen, so dreckig, wie es hier ist.” Gegenüber sitzt ein junger Mann in orangefarbenem Schutzanzug, der sagt: “Es stinkt ekelhaft in den Häusern. Und das sage ich als Müllmann.” Die Frau rechts ist Ende 30 und Altenpflegerin, sie sagt: “Wenn es überall anders nicht so teuer wäre, wär ich längst weg.”

Neben ihr hockt ihr Mann, er ist jünger als sie und guckt auf sein Handy. Bis vor kurzem hat er eine Ausbildung gemacht, als Berufskraftfahrer, sie verdiente das Geld 1 300 Euro netto. Die Miete beträgt 940 Euro für 90 Quadratmeter. Sie hat drei Kinder, das Geld reicht nicht. “Du wachst jeden Morgen schon mit Kopfschmerzen auf”, sagt sie. “Ich hab heulend vor ihm gesessen und gesagt: Schatz, ich kann nicht mehr.”

Morgens um sechs beginnt sie zu arbeiten. “Es ist anstrengend. Da sind 140-Kilo-Patienten, denen fehlt rechts der Arm, links das Bein. Krieg’ die mal aus dem Bett in den Rollstuhl”, sagt sie, “und das im Akkord.” Sie lacht rau. Und fragt sich, wie lange sie noch durchhalten wird. “Irgendwann wohne ich Brückenpfeiler 7, Laterne 8”, sagt sie in den Rauch ihrer Zigarette.

Es gibt Leute, die sich im Kosmosviertel wohlfühlen. Doch gerade die, die aus anderen Statteilen kamen, hassen das Viertel. Für sie ist dieser Ort gleichbedeutend mit sozialem Abstieg. Der Stadtsoziologe Bernd Hunger wird wütend, wenn jemand abfällig über Plattenbauviertel spricht. Für ihn sind Berlins Großwohnsiedlungen ein Erfolgsmodell. “Es ist ein Alleinstellungsmerkmal der Stadt im Vergleich zu den anderen Metropolen – dass sie so gut funktionieren, dass dort Ordnung und Sicherheit herrschen und dass die Nachbarschaften stabil sind.”

Auch werde die Funktion der Viertel oft nicht erkannt: “Es sind Integrationsmaschinen, die einen großen Anteil der Menschen mit sozialen Problemen aufnehmen und dadurch andere Viertel entlasten.” Allerdings bestehe immer die Gefahr, dass sie durch eine “unsensible Belegungspolitik” in eine Abwärtsspirale geraten. Aber das gilt nicht nur für die Viertel an der Peripherie.

Der Spiegel veröffentlichte 2011 eine Reportage über das Kosmosviertel. “Endstation Vorstadt” lautete der Titel. Der Bericht ist überholt. “Es ist nicht mehr Endstation”, sagt der Sozialarbeiter.

Die “bewährte und zu erhaltende Berliner Mischung” sei die Grundlage der Stadt, so steht es in der Koalitionsvereinbarung der rot-rot-grünen Regierung. Die Realität sieht anders aus. Daniel Fritz, Sozialarbeiter im Quartiersmanagement der Kosmossiedlung, sieht jeden Tag, wie die Leute wegen der hohen Mieten tiefer in die Armut rutschen.”Wir sind hier weit weg von den politischen Schaltzentralen”, sagt er. “Es ist eine Großwohnsiedlung, es ist eine Ballung sozialer Benachteiligung. Das gibt es sonst in Treptow-Köpenick nicht. Die Erfahrung, wie man mit solch einem Viertel umgeht, ist in dem Bezirk nicht vorhanden.”

2011 veröffentlichte der Spiegel eine Reportage über das Kosmosviertel, es ging darum, dass am Stadtrand Ghettos entstehen könnten, die den Pariser Banlieus ähneln. “Endstation Vorstadt” war der Titel. Inzwischen ist der Bericht überholt. “Es ist nicht mehr Endstation”, sagt Daniel Fritz, “das würde ja bedeuten, dass die Leute kommen und bleiben können.”

Das Kosmosviertel breitet sich zwischen Stadtautobahn, Flughafen Schönefeld und einem Einfamilienhausviertel aus. Viele Menschen wohnen gerne hier, weil sie hier zu Hause sind. Quelle: Geoportal Berlin / Digitale farbige Orthophotos 2017

Wer in dem Viertel herumfragt, hört nun von früheren Nachbarn, die jetzt in Brandenburg wohnen.

Ein junger Mann mit Kinnbart, 21 Jahre, gepanzert in Goretex, fährt auf dem Lastenrad durch die Gassen; er kutschiert ehrenamtlich für soziale Workshops die Ausrüstung hin und her. Seine Eltern sind vor ein paar Monaten nach Zossen, Kreis Teltow-Fläming, gezogen. Sein Vater fährt Lkw, seine Mutter arbeitet in einem Supermarkt. Die Entscheidung fiel, als ein Brief vom Vermieter kam: 128 Euro mehr sollten sie künftig zahlen. “Da haben sie gesagt: Da kommen wir so langsam nicht mehr mit.”

Sie fanden ein kleines Haus, es gibt sogar ein Gärtchen. Aber für ihn ist dort kein Platz, er hat ja noch einen sechsjährigen Bruder. “Meine Mutter war zuerst ein bisschen traurig”, sagt er, zieht seinen Anorak fester um sich. “Sonst gefällt es ihnen.”

Er ist nun wohnungslos. Seine Schwester lässt ihn ihrer Couch schlafen. Er sagt, sein Traum, das seien ein fester Job, eine Wohnung, der Führerschein. “Ein ruhiges Leben”, so sagt er. Natürlich im Kosmosviertel. Wo sonst? Hier ist er zu Hause.

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Autoren
Gabriela Keller

Fotograf
Paulus Ponizak

Video
Tom Schildberg

Konzeption
Olga Bobileva


Entwicklung
Stefan Bozkurt

Grafik
Sabine Hecher

Datenjournalist
Felix Firme