Von Gabriela Keller, Kai Schlieter

Das Paradies

Der Kudamm-Komplex, Teil III: Hinter dem Kauf des Kudamm-Karrees verbirgt sich ein Netzwerk von dutzenden Firmen, das offenbar nicht nur ein Objekt erworben hat, sondern fünf – alles Top-Immobilien an Deutschlands teuersten Adressen. Ging es dabei um Geldwäsche?

Das Paradies von Gabriela Keller, Kai Schlieter

Wir verwenden Cookies, um die einwandfreie Funktion unserer Website zu gewährleisten und unseren Datenverkehr zu analysieren. Wir informieren auch unsere Analysepartner über Ihre Nutzung unserer Website. Zur Datenschutzerklärung.
Einverstanden ✔

Wer durch die bodentiefen Fenster der ehemaligen dänischen Botschaft schaut, sieht in die Baumkronen des angrenzenden Tiergartens. „Das Stue“, heißt es in einem Prospekt, „ist Berlins erstes Luxus Boutique Hotel. Eine verschwiegene Adresse mitten im Botschaftsviertel im Zentrum der deutschen Hauptstadt“.

Das herrschaftliche Haus, entworfen vom Architekten des KaDeWe, Johann Emil Schaudt, zieht Gäste an, die für die Bel Etage Suite im skandinavischen Ambiente 2250 Euro pro Nacht zahlen. Der katalanische Sternekoch Paco Pérez kredenzt hier „Tintenfischtatar & Trüffel“.

Trotz aller Abgeschiedenheit sind es nur „zehn Minuten Gehweg zur Shoppingmeile Kurfürstendamm“, wie es in der Werbung heißt. Das dürfte wohl auch den Hoteleigentümer interessieren, den „privaten Investor Dr. Christian Elleke“.

Die Firma, an der dieser Münchner Geschäftsmann beteiligt ist, hat bereits Bauzäune an einer anderen Stelle aufstellen lassen: In der Lietzenburger Straße, an der Rückseite des Kudamm-Karrees. Auf diesem Areal werden demnächst zwei historische Kleinodien verschwinden: Das Theater und die Komödie am Kurfürstendamm, beide in den Zwanzigerjahren von Oskar Kaufmann entworfen, einem der berühmtesten Theaterbauer der Weimarer Republik. Bald schwingen hier die Abrissbirnen, wenn niemand eingreift, und danach sieht es nicht aus.

Christian Elleke wird der „Shoppingmeile Kurfürstendamm“ mit seinen Geschäftspartnern ein weiteres Einkaufszentrum hinzufügen. Am Gitterzaun hängt ein Schild: „Bauherr Mars Propco 1“. Das ist die Eigentümergesellschaft hinter dem Kudamm-Karree, Elleke ist an der Firma beteiligt. Neben einem ominösen russischen Geschäftsmann. Hinter dem Zaun türmt sich Schutt.

Juergen Woelffer, Unternehmer Christian Elleke und der Geschäftsführer von Cells Bauwelt, Norman Schaaf, bei Woelffers 80. Geburtstag in der Komödie am Kurfürstendamm. © DAVIDS/Sven Darmer

Ganz anders sieht es am Stue im Tiergarten aus. Hier ist alles ruhig und diskret. Eine Idylle. Aber das Stue hat einiges mit dem Kudamm-Karree gemeinsam: Auch hier sind die Eigentumsverhältnisse sehr viel komplexer, als die Eigenwerbung suggeriert. Auch hier gibt es neben Elleke noch andere Finanziers, die ihre Identität verschleiern: 58 Prozent der Anteile an dem Hotel gehören einer Firma in der Karibik.

Recherchen von Berliner Zeitung und dem SWR legen nahe, dass der Verkauf des Areals am Kurfürstendamm nur ein Deal in einem bundesweiten Komplex sein könnte. Es geht hier also nicht nur um ein Grundstück, sondern um mindestens fünf: Das Kudamm-Karree und das Luxushotel Stue sind es in Berlin.

Hinzu kommen: Das Palais an der Oper, Maximilianstraße 2-4, München, das Sofitel Frankfurt Opera, Opernplatz 16, Frankfurt am Main, und das Bürogebäude LES 1, Ludwig-Erhard-Straße 1, Hamburg.

Alles Top-Immobilien, prachtvolle Gebäude in den teuersten Lagen von Deutschlands attraktivsten Großstädten. Über einigen von ihnen schwebt seit Jahren ein Schatten. Die Identität der  Investoren ist bei den Objekten an den Prachtstraßen Deutschlands unklar – und kaum ein Zuständiger stört sich daran.

Es geht alles in allem um Kapitalflüsse von rund einer Milliarde Euro, die meist aus Offshore-Quellen stammen und deshalb nicht zugeordnet werden können. Solche Strukturen haben nach Meinung von Experten vor allem einen Zweck: „Die wahren Eigentümer zu verschleiern. Denn darum geht es meist bei verschachtelten Firmenhüllen-Konstruktionen“, so drückt es Frank Wehrheim aus, ein ehemaliger leitender Steuerfahnder aus Hessen.

Seine Ermittlungen in den Vorstandsetagen deutscher Banken brachten hunderte Millionen Euro in die Steuerkassen. Wehrheim fahndete auch nach Schwarzgeldern der CDU – und wurde schließlich aus dem Amt gedrängt. Er hat die Grafik der Berliner Zeitung zu dem Firmengeflecht (siehe unten) gesehen und hält sie für sehr auffällig: „Da will ich wissen, wie das Geld geflossen ist. Man kann da Ermittlungen aufnehmen. Man braucht Fahnder, die Biss haben.“

Mehrere Dutzend Firmen sind an dem Geflecht beteiligt. Die Eigentümerstrukturen der meisten fließen an ein und derselben Adresse zusammen: P.O. Box 146, Road Town, Tortola. Das ist die größte der Britischen Jungferninseln. Auch die Spuren der Geldgeber für das Areal am Kudamm verlieren sich dort. Die Jungferninseln sind ein klandestines Offshore-Paradies für die globale Oberschicht und die organisierte Kriminalität.

Es gebe wenige legitime Gründe für solche Verschachtelungen, sagt Ex-Fahnder Wehrheim. Etwa wenn Prominente ihre Identität aus Angst vor Entführungen verbergen wollen; auch bei Erbstreitigkeiten komme so etwas vor. Sonst, sagt er, „kenne ich keine triftigen Gründe für solche Konstruktionen, meist geht es um Steuerhinterziehung und ganz andere Dinge“.

Das Matrjoschka-Prinzip dient oft als Katalysator für illegale Geschäfte. Und Geldwäsche. Besonders gut aufgestellt seien russische Staatsbürger, sagt ein LKA-Beamter aus Bayern. Die Hintermänner nähmen dank ihres hohen Organisationsgrads selbst mit kleinen Ladendiebstählen Millionen ein.

Zumindest eine hohe Strukturiertheit prägt auch das Firmennetzwerk zum Kudammkomplex. Zu dieser Schlussfolgerung führt die Analyse mehrerer tausend Seiten von Registerauszügen, Gesellschaftsverträgen, Bilanzen und Beschlüssen.

Das Netzwerk

Die beteiligten Banken wie die Bayerische Landesbank und Berater sagen, alles sei legal. Wer aber entlang der Verbindungslinien den Personen und Firmen in diesem Geflecht folgt, fängt an, daran zu zweifeln, ob hier wirklich solide geprüft wurde.

Manche Personen tauchen in dem Netzwerk immer wieder an Verknüpfungen auf. Die Überschneidungen machen es möglich, Muster zu erkennen. Da ist zum Beispiel Denis Vonlnyanskiy, dessen Name im Zusammenhang mit jeder der fünf Immobilien erscheint.

Volnyanskiy arbeitet als Chief Financial Officer (CFO), also kaufmännischer Geschäftsführer, an zentraler Stelle: bei der Clarus Management GmbH in Frankfurt. Die Firma ist auf das Management von Immobilien spezialisiert. Auf Fragen der Berliner Zeitung reagiert sie nicht.

Die Clarus Management GmbH beziehungsweise Volnyanskiy verwalten die Immobilien. Beim Kudamm-Karree und beim Stue ist oder war Volnyanskiy Geschäftsführer der Verwaltungsfirmen. Die Firma wurde im Herbst 2014 gegründet. Nur wenige Monate zuvor setzte die EU den russischen Oligarchen Arkady Rotenberg auf die Sanktionsliste. Dem Multi-Milliardär wird vorgeworfen, sich an der Annexion der Krim zu bereichern. Aufgrund der Sanktionen darf er innerhalb Europas nicht mehr offiziell agieren.

Auch die Clarus Management wird von den Britischen Jungferninseln aus gesteuert. Das karibische Archipel zählt zu den bevorzugten Finanzplätzen von Arkady Rotenberg. Gesellschafter der Frankfurter Immobilienfirma ist die Chorley Trading Limited auf Tortola.

Geschäfte mit Diktatoren und gesuchten Verbrechern

Ab hier wird es finster: Eine Kanzlei, bei der Chorley als „vertretungsbefugt“ registiert ist, heißt Aleman Cordero Galindo & Lee Trust Ltd (Alcogal). Die machte Geschäfte mit dem chilenischen Diktator Pinochet, der Chile 17 Jahre mit seinem Militärregime regierte. 30.000 bis 40.000 Oppsitionelle wurden gefoltert und ermordet.

Über Alscogal führen Spuren über Chorley und weitere Firmen und Personen nach Zypern zu einer Kanzlei, die in Geldwäschegeschäfte verwickelt gewesen sein soll: Christodoulos G. Vassiliades LLC. Vassiliades pflegt enge Beziehungen zu Zyperns Präsidenten Nikos Anastasiadis. Die Kanzlei wird von der russischen Elite als Garant für die Sicherheit ihrer Offshore-Gelder gepriesen. Vassiliades kooperierte mit russischen Oligarchen, unter anderem mit Firmen von Arkady Rotenberg.

Er und Direktorinnen oder Direktoren machten auch Geschäfte mit einem Mann, der auf der Fahndungsliste des FBI steht:  Semion Mogilevich. Die amerikanische Behörde hält ihn für den Kopf der russischen Mafia und nennt ihn den „gefährlichsten Gangster der Welt“. Medien zufolge gilt er als: „King of Contract Killing“. König der Auftragsmorde.

2009 setzte das FBI drei neue Namen auf die Liste der zehn meistgesuchten Kriminellen – darunter auch den Mafiosi Semion Mogilevich. In den Most-Wanted-Top-Ten taucht er neben Verbrechern wie Osama Bin Laden auf. © FBI

Zumindest diese Bezüge der beteiligten Firmen werfen Fragen im Hinblick auf das Netzwerk und die Geldquellen dahinter auf. Die Bayern LB teilt mit, sie seien „selbstverständlich“ geprüft worden. Doch warum verstecken sich die Investoren?

Viele Indizien deuten darauf, dass es sich hier um ein teilweise zusammenhängendes Firmennetzwerk handelt. Mitunter agieren dieselben Geschäftsführer, Notare und Anwälte zu denselben Zeiten an denselben Orten. Die Beurkundungsnummern scheinbar unabhängiger Firmen verlaufen teils seriell.

Bei drei der fünf Immobiliendeals taucht ein Deutscher auf: Christian Elleke. Wie beim Stue ließ er auch beim Kauf des Kudamm-Karrees den Namen des Investors, mit dem er kooperiert, zunächst unerwähnt. Schließlich nannte er den Namen Mikhail Opengeym. Zuvor hatte der Spiegel geschrieben, Arkady Rotenberg könnte das Areal erworben haben. Elleke stritt das ab. Gegenüber der Berliner Zeitung äußerte er sich nicht. Anfragen an die Firma Cells bleiben unbeantwortet.

Anderen Medien teilte er zuvor mit, die geschäftlichen Beziehungen von Opengeym zu Rotenberg begrenzten sich auf eine Beratungstätigkeit von wenigen Monaten zwischen 2008 oder 2009. Mehrere Journalisten und Korruptionsexperten in Russland widersprechen dieser Darstellung. Ihnen zufolge seien die Beziehungen viel intensiver. Sie gehen davon aus, dass Opengeym nach wie vor wichtige Positionen in mehreren Unternehmen Rotenbergs besetzt.

Mikhail Opengeym selbst streitet das gegenüber der Berliner Zeitung ab: Er kenne Rotenberg nicht und habe lediglich vor zehn Jahren sechs Monate lang im Aufsichtsrat eines Rotenberg-Konzerns gesessen. Berichte in renommierten russischen Medien, in denen von deutlich intensiveren Beziehungen die Rede ist, weist er zurück: Klatsch und Mutmaßungen kommentiere er nicht.

Rotenberg darf nicht mehr in Deutschland investieren, weil er auf der EU-Sanktionsliste steht. Sucht er den Umweg über Treuhand-Gesellschafter und ein Firmennetzwerk mit einer intransparenten Offshore-Struktur?

Staatsanwaltschaften, Notare, Anwälte, Berater und Banken müssten eigentlich prüfen, wie plausibel es ist, dass ein weit gehend unbekannter russischer Geschäftsmann, bei dem keinerlei Beteiligungen an großen Unternehmen nachweisbar sind, allein am Kudamm einen dreistelligen Millionenbetrag investieren kann.

Die Bayerische Landesbank teilte mit, sie habe sich beim Kudamm-Deal an alle „aus dem Geldwäschegesetz und der Abgabenordnung resultierenden kundenbezogenen Sorgfaltspflichten“ gehalten.

Banken spielen in diesem Geschäft eine entscheidende Rolle. Experten von der Universität Halle schätzen das Geldwäschevolumen in Deutschland auf mindestens 100 Milliarden Euro jährlich. Diese Summe bestätigt, dass die verfügbaren Instrumente zur Kontrolle nahezu funktionslos sind. Hauptverantwortlich sind die Banken selbst.

Die Politik hilft ihnen, solche Geldflüsse zu ermöglichen. Das Transparenzregister zum Beispiel, das die EU zur Pflicht gemacht hat, sollte nach mehreren Offshore-Skandalen Klarheit über Eigentümerstrukturen schaffen. Doch der frühere Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) ließ viele Schlupflöcher offen.

So kann das Register seine Aufgaben nicht erfüllen. Bei vielen Unternehmen sind die Hintermänner nicht eingetragen. Auch bei der Clarus Management GmbH, die als Gesellschafterin nur die Offshore-Firma Chorley angibt, steht lediglich: „Keine Eintragung eines wirtschaftlich Berechtigten“.

Das Geldwäschegesetz selbst bezeichnen Fahnder mit 25 Jahren Berufserfahrung sarkastisch als „Gesetz für Geldwäscher“. Auch ein Staatsanwalt stimmt dem zu. Und falls es trotzdem zu Ermittlungen kommt, dann drohen maximal fünf Millionen Euro Bußgeld. Solche Summen lassen sich bei Deals, die an die Milliarde reichen, als Nebenkosten einkalkulieren.

Nach außen indes gibt sich Deutschland als Hüterin der Rechtsstaatlichkeit. Als die Sanktionen gegen Russland im Zusammenhang mit der Krim-Annexion auch gegen Arkady Rotenberg verhängt werden, erklärt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) im Sommer 2014, dass „Sanktionen kein Selbstzweck sind, sondern nur beschlossen werden, wenn es unvermeidlich ist“. Die Realität sieht anders aus.

Sanktionslisten werden in Deutschland nicht geprüft

Nach Recherchen der Berliner Zeitung gibt es keinerlei zentrale Kontrollen. Niemand prüft, ob bei Investitionen die EU-Sanktionen eingehalten werden. Deshalb kann das zuständige Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) nicht mitteilen, wie viele Verstöße in Deutschland überhaupt festgestellt geschweige denn geahndet wurden. Es gibt schlicht keine Abteilung.

Beschäftigt sei man nur mit der juristischen Umsetzung von EU-Verordnungen. Die Überwachung wirtschaftlicher Tätigkeiten wird Banken selbst überlassen. Also jenen, die nicht erst seit der Finanzkrise in zahllose Korruptions- und Geldwäscheaffären verwickelt waren und sind. Denn sie machen beider Geldwäsche kräftig Rendite – so lange es niemand verfolgt.

Das BMWi verweist auf die Strafverfolgungsbehörden der Länder. Demnach sollen die Strafverfolgungsbehörden sicherstellen, dass keine sanktionierten Personen in Deutschland Geschäfte machen. Doch wer Mitarbeiter des LKA danach fragt, stößt auf völliges Unverständnis. Zwei Kriminalbeamte aus Bayern und Hamburg hören erstmals von dieser Aufgabe.

Dasselbe berichtet der Staatsanwalt Martin Steltner, Sprecher der Generalsstaatsanwaltschaft in Berlin. „Wir überprüfen keine Sanktionslisten. Wir sind als Strafverfolgungsbehörde für die Verfolgung von konkreten Straftaten zuständig“, sagt er. Ein Osteuropa-Experte der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik teilt sogar mit, noch nie über diese Frage nachgedacht zu haben.

Es gibt in Deutschland offenbar keine Behörde, die für die Prüfung der Sanktionsliste im Inland zuständig ist. Wegen „Gesetzeslücken laxer Strafverfolgung speziell bei ausländischen Investoren“ sei Deutschland ein „attraktives Ziel für illegale und fragwürdige Geldflüsse“, heißt es bei der britischen Nichtregierungsorganisation Tax Justice Network.

Aus diesem Grund belegt Deutschland stets die vorderen Plätze der weltweit größten „Schattenfinanzplätze“, die das Netzwerk Steuergerechtigkeit aufgrund strenger Kriterien mit einem Index errechnet.

Schattenfinanz-Index 2018

Markus Meinzer, Vorstand bei Tax Justice Network, sieht das Firmennetzwerk, das ihm die Berliner Zeitung vorgelegt hat, als Bestätigung seiner Thesen: „Wir haben in Deutschland schon auf dem Papier eine schwache Regulierung“, sagt er, „noch viel schwächer aber ist die Regelungsaufsicht. Wir haben riesige Vollzugsschwächen.“

Es ist also kein Zufall, dass Gelder aus suspekten Quellen über Belize, die Britischen Jungferninseln und Luxemburg in deutsche Immobilien investiert werden.

Die mangelhafte Prüfung ist Männern wie Mikhail Opengeym, die so kunstvoll Firmenstrukturen kreieren, wohl bekannt. Ein Herr, von dem es im Internet nur Fotos in historischen Militäruniformen gibt, oder solche von Autorallyes oder Galeriebesuchen. Zu seiner Tätigkeit als Finanzvorstand von Rotenbergs Firmen sind online zum Zeitpunkt der Recherche fast keine Spuren mehr auffindbar.

Die Fäden des Netzwerks laufen bei mehreren Firmen zusammen. Zwei davon sind Dienstleister, die darauf spezialisiert sind, Briefkastenfirmen zu fabrizieren: Darunter eine Firma namens Trident Trust, die seit rund 40 Jahren Superreichen hilft, ihre Milliarden zu verschleiern.

Diese Firma bietet praktisch ein Rundum-Sorglos-Paket: Die Mitarbeiter gründen Firmen, stellen Direktoren sowie Stellverteter und leiten den Fluss des Geldes in die gewünschten Kanäle, und das in nahezu alle Steueroasen der Welt. Sie geben Tipps zu Geldwäscheregeln. Trident Trust arbeitet nach eigenen Angaben für „High Net Worth Individuals“, also nur für sehr reiche Kunden. Zum Service zählt auch das Management von Flugzeugen und Yachten.

Trident Trust organisiert die Offshore-Struktur im Kudamm Komplex.

Ein äußerst undurchsichtiges Netzwerk, dessen Zweck offenbar darin besteht, die Identität des Investors zu verheimlichen, hat in einem Zeitraum von wenigen Jahren in Deutschland Immobilien in einem Wert von fast einer Milliarde Euro gekauft. Bei drei von fünf Deals taucht eine Firma von Arkady Rotenberg auf, bei zwei Deals sein früherer oder noch aktueller Manager Mikhail Opengeym.

Der Startpunkt ist in Berlin. Das Luxushotel Stue: Auch bei diesem Objekt sind Opengeym und Christian Elleke Geschäftspartner. Elleke erwarb im Juli 2017 über die Cyllene S.a.r.l. 94,9 Prozent Anteile an der Firma, der das Nobelhotel gehört. Auch diese ist in Luxemburg – Capellen, Parc d’Activités 75 – gemeldet. Es ist dieselbe Adresse wie die der Gesellschaft Mars Propco 1 S.a.r.l., in der das Kudamm Karrees steckt.

Nur wenige Monate später verkauft Elleke 58 Prozent der Anteile. Sie wandern an eine Firma mit dem hübschen Namen „Spectakular View Limited“, die an der bereits bekannten Adresse firmiert: P.O. Box 146, Road Town, Tortola – dort sitzen Mitarbeiter und Firmen von Trident Trust.

An derselben Adresse firmiert auch Opengeyms Firma – die Dorado Services S.A. (inzwischen umbenannt in Dorado Ventures Ltd.), die das Kudamm Karee hält. Das gleiche gilt für seine Firma „Mang Advisors Corporation“. Die hält über mehrere Verschachtelungen Anteile an der Hotel Drake Betriebsgesellschaft mbH, die das Stue verwaltet. Sie sitzt in der Drakestraße 1, Berlin Tiergarten. Also an der gleichen Adresse wie das Hotel selbst.



Dokument vollständig anzeigen

Opengeym und Elleke sind bei diesem Geschäft außerdem über die Firma Aerial S.a.r.l. vernetzt. Diese saß bis vor kurzem ebenfalls in Capellen, Parc d’Activités 75. Übrigens firmiert an dieser Adresse auch eine Niederlassung von Trident Trust. Und hier tauchen auch zwei alte Bekannte als Geschäftsführer auf: Raymond Hilbert und Dirk Ruppert.

Gemeinsam mit Kultursenator Klaus Lederer (Linke) unterzeichneten die beiden Herren das „Memorandum of Understanding“ zwischen Senat, Theater und Investor. Bald nun soll der Abriss der Bühnen folgen.

Der Kultursenator hatte vom Vorstand des Vereins „Rettet die Ku’Damm Bühnen“ vor rund einem Jahr einen Brief erhalten; ein halbes Dutzend weiterer Politiker und Theaterdirektor Martin Woelffer standen im Verteiler. Betreff: „Eigentumsverhältnisse der Grundstücke Kurfürstenstraße 206-209“.

Mit Hinweis auf mögliche russischen Hintermänner steht dort: „Es ist darum nicht auszuschließen, dass die Finanzierung des Immobilienerwerbs und gegebenenfalls auch der anstehenden Umbaumaßnahmen aus undurchsichtigen Geldquellen kommen.“ Er wird gebeten, eine „Geldwäscheprüfung“ zu veranlassen.

Parteifreundinnen meinen, Klaus Lederer habe die Probleme mit dem Kudamm Karree nur geerbt. Er sei nicht verantwortlich. Das stimmt zu einem großen Teil. Aber in Memorandum steht seine Unterschrift. Hätte er als Senator bei einem derart umstrittenen Deal nicht genauer prüfen können?

Der Berliner Zeitung teilt er auf Anfrage mit, er habe das Schreiben des Unterstützerkreises seinerzeit „zuständigkeitshalber an die Senatsverwaltung für Finanzen zur Überprüfung der dort behaupteten Verdachtsanzeigen weitergeleitet“, die es an die Verwaltungen für Wirtschaft, Justiz und Finanzamt weitergeleitet habe.

Eine Bestätigung der Vorwürfe „hat uns von jenen Institutionen nicht erreicht.“ Wäre das „Memorandum of Understanding“ nicht unterzeichnet worden, gäbe es den Theaterbetrieb nicht mehr, schreibt Lederer weiter: „Ein Abriss wäre nach Angaben der dafür zuständigen Stellen nicht verhindert worden.”

Der Unterstützerkreis erhielt in Folge ihres Briefs Post von einer Kanzlei: Schertz Bergmann. Der Brief – der ja gar nicht öffentlich war – sei unter anderem durch Hinweise auf dubiose Geschäftsbeziehungen von Cells geschäftsschädigend. Post mit Hinweis auf juristische Konsequenzen bekam nun auch die Berliner Zeitung.

Verbindungen führen nach Hessen

Das Netzwerk geht über Berlin hinaus. Die Verbindungen führen auch nach Hessen. Wie das Stue wird auch das Frankfurter Luxushotel Sofitel nun von der französischen Kette AccorHotels verwaltet, die weltweit 5000 Luxusdestinationen managen.

Das Sofitel beschreibt sich so: „In Premiumlage am Opernplatz, umgeben vom Grün der Liesl-Christ-Anlage, den Gründerzeitbauten und den Boutiquen der Haute Couture, haben wir für Sie ein ‘Hôtel Particulier’ der Neuzeit geschaffen“.

Zur Eröffnung reiste 2016 hoher Besuch an. Der französische Premierminister Manuel Valls. Auf einem Foto schneidet er das Eröffnungsband durch, und ganz links am Rand lächelt ein noch recht junger Mann strahlend in die Kamera: Christian Elleke.

Bei dem Frankfurter Luxushotel war ebenfalls Ellekes Cells Group beteiligt. So auch sein Mitarbeiter Norman Schaaf. Derselbe Mann, der als Geschäftsführer von Cells Bauwelt auch mit Klaus Lederer im Gespräch war, um den Kudamm-Deal auszuhandeln.

An dem Frankfurter Luxushotel ist über eine Verwaltungsgesellschaft auch die Elleke Holding Zwei GmbH beteiligt, dort ist Elleke selbst als Geschäftsführer. Eigentümer des prachtvollen Gebäudes ist wieder eine Firma mit Adresse im luxemburgischen Capellen: die Beethoven One S.a.r.l..

Und diese Firma gehört ihrerseits Firmen, die von einer Briefkastenfirma von Trident Trust gesteuert werden: Der Name lautet Alpine Investment Company (unbenannt in: Alpine Services Ltd.), die Adresse ist in Tortola, P.O. Box 146, Road Town. Deren Direktoren agieren über Umwege bei der Mars PropCo 1 – der Firma, die das Kudamm Karree hält. Die beiden Konstruktionen sind nahezu symmetrisch aufgebaut.

Und beim Sofitel-Deal berichtete der Spiegel, dass Arkady Rotenberg womöglich dahinter stecke. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb: „Laut Cells möchte der Partner hinter Beethoven S.à.r.L. seine Persönlichkeit schützen. Das russische Unternehmen Lenhart Global Investment habe den Kontakt vermittelt. Die Herkunft sämtlicher Gelder sei überprüft worden. Alle Rechtsvorschriften sowie ethische und wirtschaftliche Standards würden eingehalten und Geschäftsbeziehungen zu zweifelhaften Partnern nicht eingegangen.“

Fast wortgleich äußerte sich Elleke beim Kudamm-Deal. Wieder ist Lenhart Global im Spiel, die Firma, die russischen Experten zufolge zum Rotenberg-Imperium gehört.

245 Millionen aus nicht identifizierbaren Offshore-Quellen

Beim Kauf des Sofitel in Frankfurt floss noch mehr Geld als beim Kudamm-Karree: Nach Recherchen der Berliner Zeitung kamen rund 245 Millionen Euro aus nicht mehr identifizierbaren Offshore-Quellen. Über die Elleke Holding Zwei GmbH verknüpft sich dieser Strang mit anderen Bekannten im Netzwerk. Über eine mit beiden verbundene Firma erscheint Denis Volnyansiy wieder als Geschäftsführer.

Doch es geht noch eine Klasse höher. Der „Megadeal“, wie der Immobilienreport schreibt, spielte sich an einer der teuersten Adressen in ganz Deutschlands ab. In München, Maximilianstraße 2. Dort liegt das Opernpalais, ein Luxus-Shoppingcenter, wo nun auch Luis Vuitton eine Filiale eingerichtet hat.

2012 wurde der Verkauf des prachtvollen Hauses angeschoben. Rund 20.000 Quadratmeter Fläche, bei Mietpreisen von rund 60 Euro pro Quadratmeter. Das Filetstück von München. Gerüchte über einen Preis von über 300 Millionen kursierten. Nach Recherchen der Berliner Zeitung war es etwas weniger. Man eignete sich auf den „finalen Anschaffungswert in Höhe von EUR 257.579.043“, wie es in der Bilanz heißt.

Und wieder sind offenbar russische Finanziers am Werk: Der Spiegel schrieb im Januar 2013: „Im Oktober hatte die Firma Lenhart Global Investment den Deal mit den bisherigen Eigentümern perfekt gemacht“. Die Rotenberg-Firma.

Ob es auch Zufall ist, dass eine ehemalige Mitarbeiterin von dieser inzwischen aufgelösten Firma ausgerechnet bei einer kleinen Firma in Hessen beginnt: Bei der Clarus Management GmbH – die laut Creditreform eine „schwache Bonität” hat, „Kreditlimit 2300 Euro“.



Dokument vollständig anzeigen

Martha* heißt die Ex-Mitarbeiterin von Lenhart Global. Sie studierte Wirtschaft an der Staatlichen Universität für Linguistik in Moskau. Auf der russischen Seite von LinkedIn wird sie als „Head of Real Estate Investments“ für die Clarus GmbH aus Frankfurt geführt. Bei der deutschen LinkedIn-Seite fehlt der Firmenname.

Zurück zur feinen Maximilianstraße 2. Die Baden-Württembergische Landesbank hatte das Areal mit der ehemaligen Residenzpost verkauft; Geschäfte der Bank mit russischen Geldern wurden 2012 staatsanwaltschaftlich geprüft: Denn der Kauf der Baden-Württembergischen Landesvertretung in Moskau für 100 Millionen Euro wurde über intransparente Kanäle abgewickelt: über Firmen in Zypern und den Britischen Jungferninseln.

Die Bayerische Landesbank verdiente bei ihren Geschäften mit den Investoren in Russland auch nicht schlecht. Sie gab für den Kauf des Kudamm-Karrees 100 Millionen Euro Kredit und kassierte dafür laut Grundbuchauszug 14 Prozent Zinsen von den geheimnisvollen Investoren. Das Institut wollte sich dazu nicht äußern.

Beim Münchner Opernpalais wickelte die eine Landesbank den Verkauf ab, und eine andere sorgte beim Kauf für Liquidität: Die Landesbank von Hessen finanzierte 120 Millionen mit einem Kredit, von dem laut Bilanzen schon 2015 die Hälfte zurückgezahlt worden war. Die Bank teilte auf Anfrage mit, sich „grundsätzlich nicht zu Kundenbeziehungen“ äußern zu wollen. Sie prüfe auch Geldwäsche stets rechtlich einwandfrei. Offshore flossen zusätzlich rund 200 Millionen Euro. Sie kamen von Firmen mit der bekannten Adresse: Tortola, P.O. Box 146, Road Town.

Letzlich gibt es eine fünfte Immobilie, die nach Recherchen der Berliner Zeitung ebenfalls in das komplexe Offshore-Gebilde gehört. Ein schicker Bürobau an der Hamburger Alster, Ludwig-Erhard-Straße-1, genannt LES 1.

Das LES Eins, ein schicker Bürobau an der Hamburger Alster, ist ebenfalls Teil des Offshorefirmen-Netzes, das die Berliner Zeitung aufgedeckt hat. Auch hier sind wieder FIrmen in Luxemburg und auf den Jungferninseln im Spiel. © LH Architekten

Geschäftsführer der LES-Eins GmbH ist Ronald Justus Kunz, der auch Geschäftsführer bei der Bethoveen GP im Zusammenhang mit dem Frankfurter Luxushotel und der Oper Real Estate Management GmbH ist – die spielt bei der Münchener Immobilie eine Rolle und wird von Firmen gehalten, deren Adresse ebenfalls lautet: P.O. Box 146, Road Town.

Anteile an der LES-Eins GmbH gehörten auch der Firma Heimat AcquiCo S.a.r.l. in Luxemburg. In der Bilanz dieser Firma steht ein Detail, mit dem sich der Kreis bis nach Berlin schließt: Unter Punkt 9 steht, dass die Heimat AcquiCo am 26. November 2014 „einen Joint-Venture-Vertrag über die Entwicklung des Kudamm-Karree-Projekts“ geschlossen habe. Gehalten wird die Heimat AcquiCo von einer weiteren Firma auf der Britischen Jungferninsel Tortola. Die Adresse: P.O. Box 146, Road Town.

* Name von der Redaktion geändert

Hier können Sie alle Teile unserer Trilogie lesen: Der Kudamm-Komplex

Am 16. Mai 2018 war der Kudamm-Komplex auch Thema im ARD-Wirtschaftsmagazin plusminus. Das Video des Beitrags können Sie hier ansehen.

Projektentwicklungsfirma aus München, entwickelt und verwaltet unter anderem den Umbau des Kudamm-Karrées. Geschäftsführer ist Christian Elleke

Einkaufs- und Geschäftszentrum, das die Architektin Sigrid Kressmann-Zschach 1969 bis 1974 auf dem Grundstück der Theater am Kurfürstendamm baute. Der Komplex umfasst eine Einkaufspassage und ein 102 Meter hohes Hochhaus.

Firma in Luxemburg, die seit 2006 als Eigentümer des Areals im Grundbuch steht.

Geschäftsmann aus Moskau, den Cells Bauwelt als Eigentümer der Firma Dorado Services und damit des Kudamm-Karrees bekannt gegeben hat. Russischen Quellen zufolge soll er eine wichtige Rolle im Firmengeflecht von Arkady Rotenberg spielen.

Oligarch und persönlicher Freund Putins, der seit 2014 auf der Sanktionsliste der EU steht. Es gibt Hinweise, dass der Magnat sich als Geldgeber hinter der Firma Mozart Holdco verbirgt.

Briefkastenfirma in Panama, hundertprozentige Eigentümerin der Firma Mozart Holdco. Der Besitzer ist unbekannt, verwaltet wird sie von Zypern aus.

Geschäftsmann aus München, auf dessen Namen rund zwei Dutzend Holdings und Beteiligungsgesellschaften zurückgehen.
Share on Facebook
Facebook
Tweet about this on Twitter
Twitter
Share on Google+
Google+
Email this to someone
email
Video
Frauke Hinrichsen
Tom Schildberg

Datenjournalist
Felix Firme

Projektleitung
Maike Schultz