Von Michael Brettin

Der Tag, an dem die Mauer fiel

Der 9. November 1989 in 24 Stunden

Der Tag, an dem die Mauer fiel von Michael Brettin

Die DDR Anfang November 1989: Die Flüchtlingswelle ebbt nicht ab, die Demonstrationen erreichen ihren Höhepunkt. Die Regierung tritt am 7. November, das Politbüro am 8. November geschlossen zurück. Der 9. November sollte für einen Neuanfang stehen, doch er besiegelt das Ende des Staates. Wie hat es dazu kommen können? Ein minutiöser Rückblick auf einen revolutionären Tag, der wundersam friedlich verlief.

7 Uhr, Hohenschönhausen, Ost-Berlin. Harald Jäger macht sich von seiner Wohnung aus auf den Weg zur Arbeit. Ein 24-Stunden-Dienst liegt vor ihm. Der Oberstleutnant ist stellvertretender Leiter und heute befehlshabender Offizier der Passkontrolleinheit an der Grenzübergangsstelle (GÜSt) Bornholmer Straße. Jäger – in den Fotos unten als junger Grenzsoldat und als Rentner auf der Bornholmer Brücke – wird später sagen: „Die Nacht vom 9. November war die schlimmste und schönste meines Lebens.“

Waldsiedlung Wandlitz bei Berlin. Günter Schabowski hört beim Frühstück die Presseschau im Deutschlandfunk, um sich über die West-Sicht der Dinge zu informieren. Seit gestern ist er Medienverantwortlicher des Politbüros des Zentralkomitees (ZK) der SED. Sein Fahrer wird ihn gleich nach Ost-Berlin chauffieren. Dort beginnt um 10 Uhr der zweite Tag der 10. Tagung des ZK. Es geht dort um die „revolutionäre Erneuerung des Sozialismus“.

London. Die Wirtschaftszeitung „Financial Times“ bezweifelt in einem Kommentar, dass eine Reform des kommunistischen Systems in der DDR noch möglich ist: „Die Erfahrung führt zu dem vorläufigen Schluss, dass der Kommunismus ein Alles-oder-Nichts-System ist.“

9 Uhr, Ministerium des Innern der DDR, Ost-Berlin. Vier Offiziere der Ministerien des Innern (MdI) und für Staatssicherheit (MfS) kommen in der Mauerstraße zusammen, um im Auftrag des Politbüros das „ČSSR-Problem“ zu lösen: Oberst Gerhard Lauter, Leiter der Hauptabteilungen Pass- und Meldewesen des MdI, Generalmajor Gotthard Hubrich, Leiter Innere Angelegenheiten des MdI, Oberst Hand-Joachim Krüger, stellvertretender Leiter der Hauptabteilung VII des MfS, und Oberst Udo Lemme, Leiter der Rechtsstelle des MfS, sollen einen Vorschlag zur Regelung der ständigen Ausreise aus der DDR erarbeiten.

Das Problem: Prag droht angesichts des anhaltenden Flüchtlingsstroms aus der DDR die Grenze zu schließen. Die vier Männer, im Büro von Lauter beraten, haben noch das Gespött in den Ohren, welches der Reisegesetzentwurf vor drei Tagen hervorgerufen hatte. Er sah unter anderem vor, jede Reise aus nicht überprüfbaren Gründen zu untersagen. Das Quartett ist sich schnell einig, dass es unverantwortlich sei, alle Reisewilligen in den Status von Ausreisenden zu zwingen; sie erarbeiten eigenmächtig einen „Beschlussvorschlag“, der auch Privatreisen ermöglicht.

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Da sind sie noch einer Meinung: Egon Krenz, Erich Honecker und General Heinz Kessler. Krenz tritt im Oktober 1989 die Nachfolge Honeckers an.

Archiv Edition Ost

10 Uhr, Gebäude des ZK der SED. Die ZK-Tagung wird fortgesetzt. Egon Krenz, seit 17. Oktober 1989 Nachfolger Erich Honeckers als Generalsekretär der SED und Staatsratsvorsitzender der DDR, präsentiert das Konzept einer „marktorientierten sozialistischen Planwirtschaft“, der die Zukunft gehören werde. „Der springende Punkt besteht darin, die Vorzüge der sozialistischen Planung mit den stimulierenden Wirkungen des Marktes in Einklang zu bringen.“

11 Uhr, GÜSt Bornholmer Straße. Harald Jäger hat wenig zu tun an „seinem“ Grenzübergang im Prenzlauer Berg, laut MfS ein Bezirk „negativ-feindlicher Kräfte“ von Umweltfreunden, Kirchenaktivisten, Staatsfeinden. Jäger war immer überzeugt von seinem Tun: Er meldete sich im Jahr des Mauerbaus 1961 bei der Grenzpolizei (später: Grenztruppen der NVA), trat 1964 in den Dienst des MfS. Aber er hat jetzt, angesichts der vielen flüchtenden DDR-Bürger, stille Zweifel an seinem Staat.

Ministerium des Innern der DDR. Gerhard Lauter – Fotos oben – und Genossen haben sich darauf verständigt, wie sie ihren Auftrag erweitern. Sie schreiben: „Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden“. Und: „Genehmigungen werden kurzfristig erteilt.“ Sowie: „Versagungsgründe werden nur in besonderen Ausnahmefällen angewandt.“

Tel Aviv. Die israelische Zeitung „Jediot Acharonot“ kommentiert Bundeskanzler Helmut Kohls Aussage, die Gründe für eine weitere Trennung zwischen beiden deutschen Staaten schrumpften, mit den Worten: „Diese Bemerkung verursacht nicht nur bei den Juden Gänsehaut. Der Gedanke über ein vereinigtes, reiches, starkes Deutschland mit 80 Millionen Bürgern reicht, um jeden Europäer zu erschrecken. Vielleicht muss diese Entwicklung kommen, aber, um Gottes willen, nicht in unserer Generation.“

12 Uhr, Ministerium des Innern der DDR, Ost-Berlin. Gerhard Lauter diktiert den Beschlussvorschlag seiner Sekretärin. Der Titel „Zur Veränderung der Situation der ständigen Ausreise von DDR-Bürgern nach der BRD über die ČSSR wird festgelegt“ entspricht dem Arbeitsauftrag. Es folgen der eigenmächtig erarbeitete Absatz über Privatreisen und drei Absätze über ständige Ausreisen. Ein einziger Satz steht auf der zweiten Seite: „Über die zeitweiligen Übergangsregelungen ist die beigefügte Pressemitteilung am 10. November 1989 zu veröffentlichen.“ Das Papier nimmt seinen Weg in die Bürokratiemühle. Lauter stellt sich darauf ein, dass es Widerspruch hervorrufen wird.

12.10 Uhr, Gebäude des ZK. Egon Krenz zeigt in einer Raucherpause den um ihn herum stehenden Politbüro-Mitgliedern den Beschlussvorschlag. Zwei Tage zuvor hatte sich das Politbüro schon einmal mit der Regelung der ständigen Ausreise beschäftigt und den Beschluss gefasst, dass der „Teil des Reisegesetzes, der sich mit der ständigen Ausreise befasst, durch eine Durchführungsbestimmung sofort in Kraft gesetzt wird“. Daraufhin erhielten Gerhard Lauter und Genossen den Auftrag, etwas auszutüfteln.

Die Genossen fragen Krenz, ob der Entwurf, den er in Händen hält, mit Moskau abgestimmt sei. Er antwortet mit Ja. Allerdings geht Moskau davon aus, dem zugestimmt haben, worum die DDR-Führung vor zwei Tagen gebeten hatte: Die ständige Ausreise solle nicht mehr über Drittstaaten erfolgen, sondern über einen neuen Grenzübergang im Süden, unweit von Schirnding (Bayern).

Der Beschlussvorschlag geht um 12.30 Uhr ins Umlaufverfahren. Alle 44 Minister der DDR müssen ihm zustimmen, bis 18 Uhr. 

13.18 Uhr, München. Die Massenflucht von DDR-Bürgern über die ČSSR hält an, ungeachtet der Appelle von DDR-Staatsführung und -Opposition an die Bürger, im Land zu bleiben. Von gestern Morgen bis heute Früh seien an der bayerischen Grenze 11.000 Neuankömmlinge gezählt worden, meldet die (West-) Deutsche Presse-Agentur (dpa); seit Mitte September hätten 120.000 DDR-Bürger ihrer Heimat den Rücken gekehrt.

14.30 Uhr, Staatsratsgebäude, Ost-Berlin. Egon Krenz und Johannes Rau, Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens, treffen sich in der Mittagspause der ZK-Tagung. Auf die Reisefreiheit für DDR-Bürger angesprochen, sagt Krenz: Wer die DDR für immer verlasse, sei kein Feind, aber ein Egoist; wer als Arzt seine Patienten verlasse, habe nicht deren Wohl im Sinn.

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Auf Staatsbesuch in Warschau. Bundeskanzler Helmut Kohl und Polens Ministerpräsident Tadeusz Mazowiecki schreiten eine Ehrenkompanie ab.

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Warschau. Helmut Kohl trifft zu einem fünftägigen Staatsbesuch in Polen ein.

15.30 Uhr, GÜSt Bornholmer Straße, Ost-Berlin. Es ist kaum Verkehr. Nur wenige Autos nutzen die zwölf Pkw- und zwei Diplomatenspuren von West- nach Ost-Berlin.

16 Uhr, Gebäude des ZK. Egon Krenz verliest im Plenum den Reiseregelungsentwurf, der ihm als Beschlussvorlage des Ministerrats vorliegt. Es scheint, als begreifen weder er noch die Genossen, dass der Entwurf auch Privatreisen beinhaltet.

17 Uhr, Ministerium des Innern der DDR. Gerhard Lauter hat sich mehrmals erkundigt, ob es Reaktionen auf den Beschlussvorschlag gebe, aus dem Ministerrat oder dem Politbüro, möglicherweise Änderungswünsche. Gibt’s nicht. Dem Ministerrat hatte Lauter vorgeschlagen, den Beschluss mit einer Sperrfrist „4 Uhr morgens“ zu versehen. Dann erführen die DDR-Bürger beim Frühstück durch das Radio von den neuen Reisemöglichkeiten, könnten zu den Volkspolizeikreisämtern gehen und dort entsprechende Anträge stellen.

17.30 Uhr, Gebäude des ZK. Egon Krenz drückt Günter Schabowski die neuen Reiseregelungen in die Hand, mit der Bitte, sie auf der um 18 Uhr beginnenden Pressekonferenz im Internationalen Pressezentrum in der Mohrenstraße zu verkünden, die live übertragen wird. Mehrere Fehler begeht Krenz damit:

1. Die Einspruchsfrist läuft erst um 18 Uhr ab; und das Justizministerium erhebt gegen 17.45 Uhr Einspruch, der aber im Sekretariat des Ministerrats landet.

2. Die Regelungen sollten erst am 10. November um 4 Uhr bekanntgegeben werden.

3. Der Regierungssprecher sollte sie auf Krenz‘ eigenen Vorschlag hin verkünden.

4. Krenz händigt das Dokument einem Mann aus, der bei den Beratungen nicht anwesend war – und der fährt jetzt ins Pressezentrum, ohne sich das Papier vorher durchzulesen.

 

18.49 Uhr, Internationales Pressezentrum. Günter Schabowski doziert seit einer Dreiviertelstunde über die Erneuerung des Sozialismus. Dabei orientiert er sich an einem handgeschriebenen Zettel, an dessen Ende „Verlesen Text Reiseregelung“ steht.

Riccardo Ehrman von der italienischen Nachrichtenagentur ANSA fragt: „Glauben Sie nicht, dass es war ein großer Fehler, diesen Reisegesetz-Entwurf, das Sie jetzt haben vorgestellt vor wenigen Tagen?“

Die Frage erinnert Schabowski an die neue Reiseregelung. Er stammelt vier Minuten lang und endet mit: „Und deshalb (äh) haben wir uns dazu entschlossen, heute (äh) eine Regelung zu treffen, die es jedem Bürger der DDR möglich macht (äh), über Grenzübergangspunkte der DDR (äh) auszureisen.“

Stimmengewirr, Nachfragen.

Jemand fragt: „Ab sofort?“

Schabowski kratzt sich am Kopf und antwortet, während er in den Papieren vor sich nach der Beschlussvorlage sucht, die ihm Krenz gab: „Also, Genossen, mir ist das hier (äh) also mitgeteilt worden, dass eine solche Mitteilung …“ – er hat die Vorlage gefunden und setzt sich seine Brille auf – „… heute schon verbreitet worden ist. Sie müsste eigentlich in ihrem Besitz sein. Also, Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen – Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse – beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt (…).“

Peter Brinkmann, damals Korrespondent der „Bild-Zeitung“, später beim Berliner KURIER, hakt nach: „Wann tritt das in Kraft?“

Schabowski blättert, sagt zögernd: „Das tritt nach meiner Kenntnis … ist das sofort, unverzüglich!“

Tom Brokaw vom US-amerikanischen Sender NBC überkommt das Gefühl, „als hätte ein Signal aus dem Weltall den Raum elektrifiziert“. Es ist 18.53 Uhr.

18.53 Uhr, GÜSt Bornholmer Straße. Harald Jäger, der heute für den Grenzübergang verantwortlich ist, sitzt in der Kantinenbaracke vor ein paar Brötchenhälften, starrt auf den Schwarzweißfernseher in der gegenüberliegenden Ecke und brüllt plötzlich: „Das ist doch geistiger Dünnschiss!“ Die Gespräche an allen Tischen verstummen.

Jäger stürmt ins Lagezimmer, ruft seinen Vorgesetzten an, Oberst Rudi Ziegenhorn.

Ziegenhorn: „Hast du den Quatsch von Schabowski auch gehört?“

Jäger: „Ja eben, deshalb rufe ich Sie ja an. Was ist denn jetzt los?“

Ziegenhorn: „Ja, nichts. Was soll denn sein?“

Jäger: „Na ja, Sie haben es doch selber gehört!“

Ziegenhorn: „Na eben, das geht ja gar nicht.“

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Obwohl sich Michail Gorbatschow und Erich Honecker beim 40-jährigen Staatsjubiläum der DDR Anfang Oktober 1989 den sozialistischen Bruderkuss geben, liegen politisch Welten zwischen ihnen. Wenige Tage später wird Honecker abgesetzt.

dpa

Sowjetische Botschaft. Botschaftsrat Igor Maximytschew verfolgt Schabowskis Auftritt, ist erst verblüfft, dann wütend. Zwei Tage lang ging es in Gesprächen mit der DDR-Regierung um die Frage der ständigen Ausreise und der Einrichtung eines neuen Übergangs Richtung Bayern; jetzt geht es um Reisefreiheit – das ist was ganz anderes.

Botschafter Wjatscheslaw Kotschemassow meldet sich, er will eine Einschätzung haben. Maximytschew grübelt: Vielleicht haben Krenz und Genossen auf direktem Weg, vielleicht über die Stasi, Kontakt mit der sowjetischen Parteiführung aufgenommen und in letzter Minute die neue Regelung abgestimmt?

Warschau. Helmut Kohl bekommt einen Anruf aus Bonn, er hört von Schabowskis Pressekonferenz.

19.02 Uhr, Ost-Berlin. „Ausreise über alle DDR-Grenzgänge ab sofort möglich!“, eilmeldet die britische Nachrichtenagentur Reuters.

19.04 Uhr. „Von sofort an können DDR-Bürger direkt über alle Grenzstellen zwischen der DDR und der Bundesrepublik ausreisen“, meldet die deutsche Nachrichtenagentur dpa.

19.05 Uhr. DDR öffnet Grenze“, meldet die US-Nachrichtenagentur AP.

19.35 Uhr, West-Berlin. Berlins Regierender Bürgermeister Walter Momper hat sich mit Blaulicht zum Sender Freies Berlin (SFB) fahren lassen und sagt in der Abendschau: „Ich glaube, man darf für alle Berlinerinnen und Berliner sagen, es ist ein Tag, den wir uns lange ersehnt haben, seit 28 Jahren. Die Grenze wird uns nicht mehr trennen.“

20.05 Uhr, Warschau. Helmut Kohl erhält einen Anruf seines Vertrauten Eduard Ackermann aus Bonn: Die DDR öffnet die Grenze! Kohl bricht den Staatsbesuch ab, kann aber erst am nächsten Tag über Hamburg nach Berlin fliegen.

20.15 Uhr, Ost-Berlin. Die Volkspolizei meldet in ihrem Lagebericht, es hätten sich an den GÜSt Bornholmer Straße 50, Invalidenstraße 20 und Sonnenallee acht bis zehn reisewillige DDR-Bürger eingefunden.

Generalmajor Erich Wöllner, Kommandeur des Grenzkommandos Mitte, bestehend aus sieben Grenzregimentern und zwei Grenzausbildungsregimentern mit insgesamt 12.000 Soldaten, ruft in den folgenden Stunden mehrmals bei seinen Vorgesetzten an und bittet um Informationen und Weisungen. Vergebens.

20.30 Uhr, Palast der Republik. Oberst Gerhard Lauter, der Leiter der Hauptabteilungen Pass- und Meldewesen des Innenministeriums, und seine Ehefrau erfreuen sich am Theaterstück „Reineke Fuchs“. Von Schabowskis Pressekonferenz weiß er nichts. Die Fernschreiben, die alle Dienststellen über die neue Reiseregelung informieren, liegen in Lauters Büro. Um 4 Uhr will er sie senden.

GÜSt Bornholmer Straße. Hunderte DDR-Bürger drängen sich vor dem Schlagbaum. Harald Jäger, befehlshabender Offizier, steht vor der ersten Reihe, spricht mit lauter Stimme: „Genosse Schabowski hat eine neue Reiseregelung verkündet, aber man braucht dafür eine Genehmigung. Die bekommen Sie bei der Volkspolizei, nicht hier.“ Stimmen aus der Menge: „Sofort, hat er gesagt! Unverzüglich!“

20.47 Uhr, Gebäude des ZK. Der zweite Tag der Tagung ist zu Ende. Die meisten Mitglieder der Partei- und Staatsspitze machen sich auf den Weg nach Hause, ohne zu wissen, was um sie herum geschieht.

21 Uhr, GÜSt Bornholmer Straße. Immer mehr DDR-Bürger sammeln sich am Grenzübergang, immer ungeduldiger skandieren sie: „Wir wollen rüber, wir wollen rüber!“ Immer wieder versucht Harald Jäger, von seinem Vorgesetzten Anweisungen zu bekommen. Und immer wieder sagt der: „Schick die Leute zurück, sie sollen morgen wiederkommen!“

Hauptabteilung VI (HA VI) des MfS. Generalmajor Heinz Fiedler, Leiter der HA VI (Passkontrolle, Tourismus), hat die Leiter aller Passkontrolleinheiten in seine Dienststelle in der Schnellerstraße beordert. Es geht um die Ausreiseregelung für den nächsten Tag. Fiedler hält es nicht für nötig, Anweisungen für die nächsten Stunden zu geben, denn: „Wie ich meine Berliner kenne, gehen die um 23 Uhr ins Bett.“

21.05 Uhr, Bonn. Die Abgeordneten des Deutschen Bundestages erheben sich und singen die Nationalhymne.

21.20 Uhr, Ost-Berlin: Um die 500 Menschen drängen sich vor dem Grenzübergang Bornholmer Straße, Autos verstopfen die Zufahrtsstraßen. Etwa 150 Personen stehen vor dem Grenzübergang Heinrich-Heine-Straße. Das meldet die Volkspolizei.

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US-Präsident George Bush begrüßt bei einer Pressekonferenz im Weißen Haus die Grenzöffnung.

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21.34 Uhr (15.34 Uhr Ortszeit), Washington. US-Präsident George Bush begrüßt in einer kurzfristig einberufenen Pressekonferenz die Entscheidung der DDR-Führung, „die Grenze für diejenigen zu öffnen, die ausreisen oder verreisen wollen (…) Wenn die DDR jetzt Fortschritte macht, wird diese 1961 errichtete Mauer nahezu bedeutungslos werden. (…) Ich bin sehr zufrieden“.

21.45 Uhr, GÜSt Bornholmer Straße, Ost-Berlin. Der Druck am Schlagbaum wächst. Harald Jäger ruft erneut bei seinem Vorgesetzten Rudi Ziegenhorn an, der bei General Gerhard Neiber, einem der vier Stellvertreter von Erich Mielke, bis zum vorgestrigen Rücktritt der Regierung und gestrigen Rücktritt des Politbüros Minister für Staatssicherheit. Jäger bleibt in der Leitung.

Neiber bezweifelt Jägers Schilderungen. Jäger wird wütend, brüllt: „Ich kann den Hörer aus dem Fenster raushalten!“ Er fliegt aus der Leitung.

Ziegenhorn ruft Minuten später zurück, er gibt die Weisung „Ventillösung!“

Gebäude des ZK. Egon Krenz bekommt in seinem Büro einen Anruf von Erich Mielke. Der informiert ihn über die Lage an der Grenze. Krenz versucht, Michail Gorbatschow zu erreichen, den Generalsekretär des ZK der KPdSU. In Moskau geht es auf Mitternacht zu. Die Zentrale ist nicht mehr bereit, eine Verbindung herzustellen.

„Ich hätte sicher eine Verbindung bekommen, wenn ich gesagt hätte, wir stehen kurz vor einem Krieg“, wird Egon Krenz später sagen. Er habe sich entschieden, den „Dingen freien Lauf zu lassen“.

21.50 Uhr, GÜSt Bornholmer Straße. Harald Jägers Leute wenden die „Ventillösung“ an. Besonders auffällige Bürger picken sie aus der Menge und lassen in den Westen, nachdem sie auf die Passfotos einen Passkontrollstempel gedrückt haben. Der Stempel bedeutet: Achtung, illegal ausgereist, nicht wieder einreisen lassen!

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Am Grenzübergang Bornholmer Straße drängen sich im Laufe des Abends immer mehr ausreisewillige Ost-Berliner. Die meisten von ihnen wollen nur mal nach West-Berlin rüber und wieder zurück.

obs/Kodak Alaris/dpa picture-alliance

21.53 und 21.57 Uhr. Das DDR-Fernsehen unterbricht sein Programm und verliest eine Pressemitteilung über die neue Reiseregelung, beim ersten Mal ohne Erläuterung, beim zweiten Mal mit dem Hinweis: „Also: Die Reisen müssen beantragt werden!“

22 Uhr, Waldsiedlung Wandlitz. Günter Schabowski, der sich nach seiner Pressekonferenz gleich nach Hause hat fahren lassen, bekommt einen Anruf von einem Genossen der Berliner SED-Bezirksleitung: Er sei in der Wohnung eines Bekannten nahe der Bornholmer Straße, Hunderte hätten sich vor dem Grenzübergang versammelt und wollten raus. Schabowski schimpft: „Verdammte Sauerei, wieder mal Pannen in der Übermittlung!“ Er weist seinen Mitarbeiter an, ihn auf dem Laufenden halten.

Sowjetische Botschaft, Ost-Berlin. Botschaftsrat Igor Maximytschew, der die Vorgänge an der Mauer im Westfernsehen verfolgt, spürt die wachsende Gefahr, „dass jemandem die Nerven durchgehen“.

Was kann er tun? Den Botschafter wecken? Unmöglich, der hat sich mit einem Schlafmittel zu Bett begeben. In Moskau Alarm schlagen? Dort ist es jetzt Mitternacht. Und wen könnte er schon erreichen? Wer jetzt wacht, trifft im Übereifer vielleicht eine gefährliche Entscheidung. Er wird sich entscheiden, nichts zu tun.

Karlshorst. Iwan Kusmin, der Vize des sowjetischen Geheimdienstes KGB in Ost-Berlin, schickt Eilmeldungen nach Moskau. Die Meldungen werden erst am nächsten Morgen beantwortet, mit der sich wiederholenden Bitte um Lageberichte.

Lichtenberg. Gerhard Lauter kommt mit seiner Frau vom Theaterabend nach Hause. Sein Sohn begrüßt ihn mit den Worten: „Du sollst mal deinen Innenminister anrufen, der hat ein paarmal nach dir verlangt. Und im Übrigen ist die Grenze auf.“ Lauter eilt mit seinem Trabi ins Innenministerium.

Hamburg. Hanns Joachim Friedrichs, Moderator der ARD-„Tagesthemen“, bekommt einen Anruf vom SFB: Die Mauer sei auf, die ersten Ost-Berliner seien auf dem Weg in den Westen!

22.28 Uhr, Ost-Berlin. Lutz Herden, Moderator der Spätnachrichtensendung „Aktuelle Kamera ZWO“ des DDR-Fernsehens, verliest eine Pressemitteilung über die Reiseregelung: Privatreisen könnten „ohne Vorliegen von Voraussetzungen wie Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse beantragt werden“. Ständige Ausreisen könnten erst erfolgen, „nachdem sie beantragt und genehmigt worden sind“. Die Abteilungen Pass- und Meldewesen hätten „morgen um die gewohnte Zeit geöffnet“.

22.30 Uhr, Gebäude des ZK. Die ZK-Mitglieder Helmut Koziolek und Eberhard Heinrich treffen im Flur einen verwirrt wirkenden Egon Krenz. Der klagt: „Was soll ich denn nur machen?“

Ministerium des Innern der DDR. Gerhard Lauter betritt sein Büro. Auf dem Telefon leuchten alle Lampen. Vopos, Stasi-Offiziere und Bezirkschefs aus allen Teilen der Republik wollen wissen, was es auf sich hat mit diesem Reisebeschluss.

22.42 Uhr, Hamburg. Hanns Joachim Friedrichs eröffnet die „Tagesthemen“, die wegen eines Fußballübertragung verzögert beginnen, mit den Worten: „Das Brandenburger Tor heute Abend. (Ein Einspielfilm zeigt das Tor.) Als Symbol für die Teilung Berlins hat es ausgedient. Ebenso die Mauer, die seit 28 Jahren Ost und West trennt. Die DDR hat dem Druck der Bevölkerung nachgegeben. Der Reiseverkehr in Richtung Westen ist frei. Guten Abend, meine Damen und Herren! Im Umgang mit Super­lativen ist Vor­sicht geboten, sie nutzen sich leicht ab, aber heute Abend darf man einen riskie­ren: Dieser 9. November ist ein historischer Tag. Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind, die Tore in der Mauer stehen weit offen.“

Eine Live-Schaltung zum Grenzübergang Invalidenstraße zeigt das Gegenteil – er ist geschlossen.

Ein Massenansturm auf die Grenzübergänge setzt erst jetzt ein.

23 Uhr, Waldsiedlung Wandlitz. Günter Schabowski erhält den zweiten Anruf von seinem Mitarbeiter: Tausende stünden inzwischen vor dem Grenzübergang Bornholmer Straße. Schabowski lässt sich in die Stadt fahren.

23.10 Uhr, GÜSt Bornholmer Straße, Ost-Berlin. Harald Jäger schätzt, dass sich bis zu 30.000 Menschen vor der Grenze drängen. Immer mehr DDR-Bürger ziehen durch die Fahrstuhltürschleuse in den Westen. Und die ersten kommen zurück.

Unter den Rückkehrern ist auch dieses Ehepaar: Ihr Bild im Pass ist gestempelt, sein Bild nicht. Die Frau ist ausgebürgert; sie weint, sie will nach Hause zu ihren Kindern. Nach kurzem Überlegen lässt Jäger sie wieder einreisen.

Nach wie vor bekommt Jäger keine, der Lage angemessenen Anweisungen. Er weiß nicht, was er tun soll. Abwarten? Es wird nicht mehr lange dauern, dann fordert der zunehmende Druck der Menschenmassen Verletzte und führt zu einer Massenpanik. Soldaten anfordern? Eine falsche Bewegung – und es gibt ein Blutbad. Die Grenze öffnen? Das dürfte das Ende seiner Karriere sein. Von seinen Untergebenen wagt keiner, einen Rat zu geben. Er denkt: „Jetzt biste allein, jetzt musste allein handeln!“

GÜSt Invalidenstraße. Hunderte West-Berliner tummeln sich am Grenzübergang; einige haben die weiße Linie überschritten und befinden sich auf DDR-Territorium. Die leitenden Offiziere fordern Verstärkung an.

GÜSt Checkpoint Charlie. Um die 3000 West-Berliner befinden sich im Vorfeld des Grenzübergangs, schätzten Mitarbeiter des MfS. Hunderte Ost-Berliner sind im Hinterland unterwegs.

 

23.30 Uhr, GÜSt Bornholmer Straße. Harald Jäger ruft erneut seinen Vorgesetzten Oberst Rudi Ziegenhorn an: „Es ist nicht mehr zu halten, wir müssen aufmachen.“ Er wartet nicht auf Antwort, sondern sagt: „Ich stelle die Kontrollen ein und lasse die Leute raus.“

Ziegenhorn erwidert: „Na, ist gut.“

Jäger gibt Befehl, den Schlagbaum zu heben und die Kontrollen einzustellen. Er fühlt zuerst er nur „eine Leere“, und dann „ein Kribbeln, als wäre man verliebt“.

Tausende von Menschen strömen in die Grenzanlage, laufen über die Brücke und werden auf der West-Berliner Seite begeistert begrüßt.

23.37 Uhr, West-Berlin. Das Polizeipräsidium meldet: Übergang Bornholmer Straße praktisch offen. Von Ost nach West Menschenstrom „wie die Ameisen“. Grenzer haben sich zurückgezogen.

23.50 Uhr, GÜSt Heinrich-Heine-Straße, Ost-Berlin. Günter Schabowski trifft ein. Eigentlich wollte er zur Bornholmer, aber da war kein Durchkommen. Ein Stasi-Mann in Zivil tritt auf ihn zu und meldet zackig: „Keine besonderen Vorkommnisse!“

24 Uhr, GÜSt Invalidenstraße. Ein Ikarus-Bus mit der angefordertem Verstärkung trifft ein: 45 Soldaten, voll aufmunitioniert. Der stellvertretende Leiter der Passkontrolle berät sich mit dem Kommandanten, sagt: „Pass auf, wir lassen die erst gar nicht aus dem Bus aussteigen. Was soll’s. Auf Unbewaffnete schießen wir nicht!“ Die Verstärkung rückt wieder ab.

Nachdem Oberst Rudi Ziegenhorn von Harald Jäger erfahren hat, dass an der Bornholmer Straße die Schlagbäume oben sind, weist er nach Rücksprache mit Generalmajor Gerhard Niebling, Leiter der Zentralen Koordinierungsgruppe Flucht/Übersiedlung des MfS, die Diensthabenden der anderen sechs Grenzübergänge an, die Grenze zu öffnen.

Alle Berliner Grenzübergangsstellen sind kurz nach Mitternacht offen.

10. November, 0.17 Uhr. Walter Momper klettert auf einen Tisch in der DDR-Abfertigungsstelle an der GÜSt Invalidenstraße, er lässt sich ein Megaphon reichen und sagt: „Liebe Berlinerinnen und Berliner, hier spricht Ihr Regierender Bürgermeister …“ Der Rest geht im Jubel unter.

0.20 Uhr. Die Kommandeure der Grenzregimenter stellen die „Erhöhte Gefechtsbereitschaft“ auf eigene Verantwortung ein, weil es keine Befehle gibt.

Zigtausende Berliner gehen und fahren von Ost nach West und West nach Ost, liegen sich in den Armen, weinen vor Freude. Hunderte setzen sich auf die Mauer am Brandenburger Tor. Der Kurfürstendamm wird zu einer Partymeile.

2 Uhr. Radio DDR I sendet in den kommenden Stunden eine Mitteilung des Innenministerium: Die Grenze dürfe „als Übergangsregelung“ bis zum nächsten Morgen, 8 Uhr, unter Vorlage des Personalausweises passiert werden.

4 Uhr, Ministerium des Innern. Gerhard Lauter erklärt auf Radio DDR I, wie das eigentlich gedacht gewesen ist mit der Reiseregelung: Erst jetzt sollte die Regelung bekanntgegeben werden; ab 8 Uhr sollten DDR-Bürger in die Ämter gehen, um Reisen zu beantragen. Er spricht so, als ahne er, dass nun alles zu spät ist.

7 Uhr, Hohenschönhausen. Harald Jäger kommt nach Hause. Im Flur trifft er seine Frau und seine Tochter. Sie sind im Begriff, zur Arbeit und zur Schule zu gehen.

Er sagt zu seiner Frau: „Ich habe heute Nacht was Schlimmes gemacht.“

Sie, schon im Gehen: „Was denn?“

Er: „Ich hab’ die Mauer aufgemacht.“

Sie: „Red‘ nicht so’n dummes Zeug! Verschaukeln kann ich mich selber!“

Sagt’s und geht.

Autoren
Michael Brettin
Konzeption
Maike Schultz