Von Felix Firme

Ost und West

Die Sonnenallee war nahezu 30 Jahre lang ein Grenzübergang zwischen der DDR und der BRD. Zwei Frauen berichten, wie es war, direkt an der Mauer zu leben – die eine aus der Ost-Sicht, die andere aus der West-Perspektive.

Ost und West von Felix Firme

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Wenn Janine Fiedler an die Mauer denkt, denkt sie nicht nur an Stacheldraht und Wachtürme, sondern auch ans Flirten. An die Grenzsoldaten, denen sie mit einer Freundin vom Küchenfenster aus zuwinkte, und denen sie mit einer Taschenlampe heimlich Morsezeichen leuchtete. „Das haben wir öfter mal gemacht. Zu einem Treffen kam es aber nie“, sagt Fiedler. Wenn die heute 54-Jährige davon erzählt, kann sie sich das Lachen kaum verkneifen. Sie denkt gern an diese Zeit zurück.

Fiedler war zehn, als sie 1972 in das Baumschulenweg-Viertel unweit der Sonnenallee zog. An das untere Ende der Straße, das noch zur DDR gehörte. „Das war völlig neu für mich, ich hatte vorher in einem Dorf im heutigen Sachsen-Anhalt gelebt“, erinnert sie sich. Nun war da plötzlich die Mauer vor ihrer Haustür, eine ungewohnte Begrenzung ihrer Bewegungsfreiheit. Auf dem Heimweg vom Hort konnte sie immer die einzige durchlässige Stelle im Beton sehen: Den Grenzübergang Sonnenallee, der die kilometerlange Straße in einen kurzen Ost- und einen langen Westteil trennte.

In den 60er Jahren ist die Sonnenallee eine große Grenzanlage mit mehreren Hütten für Wachposten. In der oberen Bildhälfte ist die Straße durch Zäune und Schranken abgeriegelt. Dahinter befinden sich Wohnhäuser, wie die historische Aufnahme der Stasi zeigt. Das große Gebäude im Hintergrund steht heute noch, an die Grenzanlage erinnert nichts mehr.

BStU/Tanja Schnitzler

Ein Tor zu einer anderen Welt

„Da war eigentlich nie viel los. Nicht so wie an der Friedrichstraße“, erinnert sich Janine Fiedler. Trotzdem war der Grenzübergang ein Tor zu einer anderen Welt. Zwar konnte sie selbst es nicht durchschreiten, wohl aber die Menschen aus dem Westen. „In unserer Kaufhalle habe ich manchmal mitgekriegt, wie Westberliner an der Fleischtheke günstig fürs Wochenende eingekauft haben.“ Die Menschen von der anderen Seite der Mauer, sagt die heute 54-Jährige, waren meist modischer gekleidet, bewegten sich ganz anders und sprachen nicht so stark im Berliner Dialekt. „Außerdem haben die immer ziemlich viel und teuer gekauft, das war ungewöhnlich.“

Im Laufe der Zeit gewöhnte sie sich an das Leben am Grenzübergang – und an die Westberliner. Das große Tam-Tam bei ihrer Großmutter auf dem Dorf, wenn an Pfingsten Verwandte aus Westdeutschland kamen, wurde für sie zunehmend unverständlich. „Für mich gehörte es inzwischen zur Normalität, Leute aus dem Westen zu sehen.”

Zwischen diesen Bildern liegen mehr als 50 Jahre: Das linke Bild zeigt den Grenzübergang an der Sonnenallee in den 60er Jahren. Es ist vom Westteil der Stadt aufgenommen – von der Stasi, um die Grenzanlagen zu dokumentieren. Ein Schild fordert “Freie Wahlen… auch für Euch!”, ein anderes erinnert: “Sie stehen im Blickpunkt. Denken Sie daran!”. Heute ist davon nichts mehr übrig – lediglich das Haus im Hintergrund steht noch.

BStU/Tanja Schnitzler

Wie wohl Westberlin aussieht?

Nur wie das Leben im Westen wirklich war, wusste sie nicht. Denn für Janine Fiedler war wie für die meisten anderen an der Grenze Schluss. Für sie sei es das Ende Berlins gewesen, Unbehagen empfand sie keines. Aber je älter sie wurde, desto öfter fragte sie sich, was es wohl hinter der Mauer zu entdecken gibt, wie es sich dort lebt. „Ich wollte wissen, wie es in Westberlin aussieht und überhaupt in der Welt außerhalb der sozialistischen Staaten.“ Ob sie diese Welt wohl jemals selbst entdecken würde. Anfang der Achtzigerjahre zog Fiedler dann zum Studieren in eine andere Stadt. Das Baumschulen-Viertel habe sie aber bis heute geprägt: „Ich fand es immer toll, dort zu leben.“

Nur wenige hundert Meter von Fiedlers früherem Zuhause entfernt, auf der anderen Seite, im Westteil der Sonnenallee, zog Brigitte Becker 1983 in eine Wohnung in der High-Deck-Siedlung. Direkt neben der Mauer. In einer anderen Welt. Ost und West, Sozialismus und Kapitalismus, zwei Weltanschauungen unterschieden die räumlich so dicht zusammenliegenden Lebensräume der beiden Frauen. „Ich hatte schon immer ganz dicht an der Mauer gewohnt, vorher in der Heidelberger Straße“, sagt die heute 68-Jährige. Von ihrer ehemaligen Wohnung an der Sonnenallee aus zeigt sie in Richtung Heidekampgraben. „Damals stand dort ein Grenzturm. Ich war immer gut bewacht“, sagt sie – und lacht dabei.

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1983 zog Brigitte Becker in eine Wohnung in der High-Deck-Siedlung.

Tanja Schnitzler

Schussopfer: Unweit der Sonnenallee wurde im Februar 1989 der letzte Mensch an der Mauer erschossen. Der Zwanzigjährige Chris Gueffroy wollte mit seinem Freund Christian Gaudian durch den Britzer Verbindungskanal nach Neukölln flüchten. Auf beide wurde geschossen. Gueffroy starb, sein Freund Gaudian überlebte schwer verletzt und wurde festgenommen.

Grenzöffnung: So wie an vielen anderen Übergängen, wurde auch an der Sonnenallee in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989 die Grenze geöffnet. Zahlreiche Menschen machten sich in Richtung Westen auf und wurden dort von den Anwohnern der High-Deck-Siedlung bejubelt und willkommen geheißen.

Film: Berühmt wurde der Grenzübergang Sonnenallee durch den gleichnamigen Film von Leander Haußmann aus dem Jahr 1999. In der Komödie wird das Leben eines Ost-Berliner Jugendlichen in den 1970er Jahren thematisiert. Die Kulisse ist allerdings ein reines Fantasieprodukt. Im Film stehen an der Sonnenallee Gründerzeithäuser. In Wahrheit sind es jedoch Blockbauten, die in der DDR errichtet wurden.

Heute: Nach dem Fall der Mauer wurde am ehemaligen Grenzstreifen der heutige Heidekampgraben angelegt, daneben verläuft der Mauerweg. Direkt an der Sonnenallee stellte die Künstlerin Heike Ponwitz vier Fernrohre auf. Sie markieren den damaligen Grenzverlauf. Schaut man durch sie hindurch, legt sich der Schriftzug „Übergang“ über jedes Bild.” align=”left” width=”37%” force_circle=”off” revealfx=”off”]

Das Leben im Schatten der Mauer, so erzählt sie, sei völlig normal verlaufen. So „normal“, wie es in Westberlin in den Jahrzehnten vor dem Mauerfall eben möglich war. Nur einmal, da habe sie Schüsse gehört. Sie kamen von der anderen Seite der Mauer, aus dem Osten. Erst habe sie nicht gewusst, was los war. Später erfuhr sie dann, dass jemand über die Grenze fliehen wollte und erschossen wurde. „Ich war schockiert.“ Das Opfer war Chris Gueffroy, der am 6. Februar 1989 gegen Mitternacht durch den Britzer Verbindungskanal auf die Westseite schwimmen wollte. Er war der Letzte, der an der Mauer erschossen wurde, bevor diese schließlich fiel.

Trotz der Nähe zum Grenzübergang kam sie mit der DDR kaum in Berührung und war zu Zeiten der Teilung nie auf der anderen Seite der Mauer. „Dafür musstest Du ja einen Passierschein haben.“ Vom Osten kamen hingegen regelmäßig Rentner über den Grenzübergang Sonnenallee. „Die sind dann hier an der Endhaltestelle in den Bus eingestiegen und weiter gefahren. Sie mussten ja nur ihren Ausweis vorzeigen, dann war die Fahrt kostenlos.“

Als die Mauer fiel, gab es Sekt

Ansonsten war es am West-Ende der Sonnenallee eher ruhig. Das änderte sich schlagartig in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1989. „Damals kam der Nachbar zu und sagte: ‚Mensch, da drüben ist so viel los.‘“ Brigitte Becker lief daraufhin auf die nur 100 Meter entfernte Sonnenallee und traute ihren Augen kaum. „Da waren auf einmal so viele Menschen. Sonst war ja nie irgendwas los, aber plötzlich war da Leben.“ Hunderte Menschen kamen über den Grenzübergang auf die Westseite und wurden von den Bewohnern der High-Deck-Siedlung begrüßt. „Alle haben gejubelt, Sekt ist geflossen. Es wurde geklatscht, umarmt. Und überall roch es nach dem Benzin der Trabis.“

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Am ehemaligen Grenzübergang Sonnenallee erinnern heute eingelassene Steine an die Mauer - und Fernrohre der Künstlerin Heike Ponwitz. Schaut man durch, sieht man auf dem Bild das Wort "Übergang".

Tanja Schnitzler

Die Sonnenallee wurde nach dem Fall der Berliner Mauer zu einer normalen Durchfahrtsstraße. Mit der Ruhe war es damit vorbei. Erst im Dezember 1989 konnten Brigitte Becker und ihre Familie selbst die Grenze passieren. Nach und nach gehörte nun auch die Ost-Seite der Sonnenallee zu ihrem Alltag. Sie ging in der Baumschulenstraße zum Fleischer und zur Bank.

Berlin wuchs zusammen – zumindest hier an der Sonnenallee. „Die Mauer war ja auch ganz schnell weg. Das war schön.“ Einige Jahre später, 1998, zogen die Beckers weg. Die Mieten in ihrer Siedlung waren zu teuer geworden. Doch die Erinnerungen leben weiter: „Das waren meine schönsten Jahre, möchte ich sagen.“ Heute wohnt Becker wieder ganz in der Nähe der Sonnenallee, aber diesmal auf der früheren Ostseite. Im Baumschulenweg-Viertel.

Auch Janine Fiedler wollte den Ort ihrer Kindheit und Jugend persönlich wiedersehen. Den Abriss der Grenzstation, die Bagger, die Mauerteile wegbrachten, hatte sie nur im Fernsehen gesehen. Erst 2004, rund 20 Jahre nachdem sie von der Sonnenallee weggezogen war, besuchte sie wieder ihre alte Heimat. Lange ließ sie die neuen Bilder auf sich wirken. Verglich sie mit denen aus ihrer Erinnerung. „Überall standen Bäume, wo vorher Niemandsland und die Mauer war. Ich dachte die ganze Zeit, wie wunderschön das jetzt hier aussieht.“ Sie lächelt. Vielleicht denkt sie gerade an ihre Flirts von damals.

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Zur Übersicht
Autoren
Dominik Mai
Felix Firme
Frauke Hinrichsen
Klara Niederbacher
Robert John
Silvia Perdoni

Fotograf
Tanja Schnitzler

Video
Frauke Hinrichsen
Tom Schildberg

Konzeption
Dominik Mai

Entwicklung
Stefan Bozkurt

Schlussredaktion
Dominik Mai
Maike Schultz