Von Gabriela Keller

Amris Schatten

Der Attentäter von Berlin liegt dort begraben, wo er aufgewachsen ist. Seine Tat liegt wie ein Fluch über dem tunesischen Ort. Eine Spurensuche

Amris Schatten von Gabriela Keller

Auf dem Friedhof am Ortsrand dreht ein magerer, zahnloser Alter seine Runde. In Pantoffeln schlurft er über die steinige Erde, vorbei an dichten Reihen weißer Grabplatten, zwischen denen Disteln und hartes, farbloses Gras wachsen. Fragt man ihn, Hadi Grishi, den Wärter, wo Anis Amri begraben liegt, dann läuft er wortlos voran und steuert auf ein vereinzeltes Grab nahe der Friedhofsmauer zu.

Warum der große Abstand zu allen anderen? „Die Familie wollte es so“, sagt Grishi, ein Greis mit einem Gesicht wie eine Walnuss. Es komme fast nie einer, um das Grab zu besuchen, nur die Mutter sei oft da, selten die Schwester.

Er deutet auf den Kopfstein, darauf steht die Inschrift: „Wer an meinem Grab vorbeikommt, wundere sich nicht über meine Taten, sondern erhebe seine Hände im Namen Gottes zum Himmel und bitte um Vergebung für mich.“ Daneben steht das Todesdatum; der 23. Dezember 2016, vier Tage nach dem Attentat auf dem Breitscheidplatz.

Anis Amri kehrte als Toter dorthin zurück, wo er aufgewachsen ist: Nach Oueslatia, eine Kleinstadt mit 9000 Einwohnern. Ein paar Siedlungen liegen in ein steiniges Tal gestreut, da und dort Läden, Imbissbuden, Moscheen, zwei, drei Cafés, ein milchiger Novembertag zwischen Bergland und Steppe, 140 Kilometer südlich von Tunis.

Hier begann der Weg des jungen Tunesiers, der im Frühjahr 2011 nach Europa aufbrach und knapp sechs Jahre später einen Lastwagen in eine Menge auf dem Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche lenkte, zwölf Menschen tötete und 55 verletzte.

Der Anschlag am 19. Dezember 2016 hat das Örtchen in die Schlagzeilen katapultiert, auch für viele Tunesier steht Oueslatia seit diesem Tag als Chiffre für die Gefahr des islamistischen Terrors.

Fast ein Jahr ist seither vergangen. Aber eine Geschichte wie diese endet nicht einfach, auch in Oueslatia wirkt sie noch nach. Es gibt mehrere Varianten der Geschichte, je nachdem, wen man fragt; eine Lesart handelt von einem jungen Mann, der in die Welt zieht, um sein Glück zu suchen, und auf furchtbare Art scheitert.

„Eine schlimme Geschichte, wir sprechen nie darüber“, sagt Ahmed Marzouki, der mit ihm in eine Klasse ging. Er sitzt mit Freunden auf der Terrasse eines Cafés, er redet, die anderen nicken, Zigaretten zwischen den Fingern, starren in die diesige Luft.

Anis Amri schmiss die Schule, als er 15 war. Danach hing er herum, trank, kiffte, stahl, prügelte sich. Ein Taugenichts, das war er, sagen sie, auch gewalttätig. „Alle wussten, dass man ihm besser nicht in die Quere kommt.“ Aber ein islamistischer Terrorist? Undenkbar, ruft Marzouki in das Gemurmel des Cafés. „Keiner hier glaubt, dass er das gemacht hat.“

Es fällt leichter, die Tatsachen abzustreiten, als zu akzeptieren, dass einer von ihnen einfach so zum Massenmörder wurde. Aber sie wissen es eigentlich besser, zumal Amri ja auch nicht der einzige aus dem Ort ist, der für den Islamischen Staat (IS) getötet hat.

“Diese Stadt ist jetzt ein Symbol für schlimme Dinge. Die Schande werden wir nicht mehr los.” (Badia Bahrouni, Anwohner)

Aus keinem anderen Land hat das Terrornetzwerk mehr Anhänger zu sich gezogen als aus Tunesien; nicht nur Amri stammt von dort, sondern auch der Attentäter von Nizza, der ein paar Monate zuvor 86 Menschen tötete. Die UN schätzen die Zahl der ausländischen Kämpfer aus Tunesien auf insgesamt 5500.

In Oueslatia hatte sich nach dem Sturz des Diktators Ben Ali 2011 ein besonders aktives Netzwerk formiert. Örtlichen Quellen zufolge haben sich aus der Region rund 40 junge Männer auf den Weg nach Syrien oder Libyen gemacht.

„Unsere Stadt ist jetzt ein Symbol für schlimme Dinge“, sagt Badia Bahrouni, ein schlanker, hochgewachsener Mann mit Käppi und kurzem Bart, 30 Jahre alt. „Die Schande werden wir nicht mehr los.“ Das Café liegt an der Hauptstraße, ein trüber Nachmittag hängt über dem Ort. Die Männer kommen jeden Tag hierher, bleiben bis zum Abend, dann gehen sie nach Hause, trinken Bier oder rauchen Haschisch. So geht das Tag für Tag, Woche für Woche, Jahr für Jahr.

Früher saß Anis Amri oft mit ihnen hier; der ist nun weg. Aber die anderen sind nicht weg. Die bleiben. Ab und an finden sie Arbeit als Tagelöhner auf einer Baustelle, das war es. „Wir alle bezahlen für Anis’ Fehler“, sagt Bahrouni. Das Attentat hat den Namen des Städtchens landesweit bekannt gemacht. Als Ort, wo der Terror zu Hause war. „Diese Stadt ist wie eine kleine Schachtel. Wir stecken darin fest“, sagt er, „die Schachtel ist leer.“

Ahmed Marzouki hat früher als Animateur im Küstenort Sousse gearbeitet, aber nach dem Attentat in Berlin rief das Hotel an. Er brauche nicht wiederzukommen, „was, wenn die Urlauber fragen, wo du herkommst?“ Marzouki hat den Job wirklich gerne gemacht, er zieht sein Handy, zeigt Fotos, deutsche Touristen, fröhliche Gesichter. „Anis hat es ruiniert“, murmelt er.

Nun gibt es nur noch einen Ausweg für sie, nach Europa. Einige von ihnen haben es schon probiert und sind gescheitert, sie wurden unterwegs ausgeraubt oder von Polizisten aufgegriffen. Sie werden es wieder probieren. Was sie sich für ihre Zukunft wünschen? Die Männer lachen: „Fliehen. Weggehen. Nach Berlin.“

Er schaltet den Fernseher aus und denkt nach, ja, die Eltern von Anis Amri, die kennt er gut, „sehr, sehr, sehr arme Leute“. Der Vater ist 80 Jahre alt, ein Unfall nahm ihm einen Arm, aber er arbeitet noch, liefert Gemüse mit dem Eselskarren aus. „Die Familie hat zu kämpfen“, sagt er, die Nachbarn meiden die Angehörigen des Attentäters. Sie fürchten, sonst könne der Eindruck entstehen, dass sie mit den Terroristen sympathisieren.

„Ist es denn sicher, dass es Anis war?“, fragt Beshir Bahrouni, „hier ist er nie Auto gefahren.“ Aber im Grunde macht er sich nichts vor. Wie er es sieht, handelt die Geschichte davon, wie die Arbeitslosigkeit der Jugend hier im Ort ihre Zukunft nimmt. Und in das Vakuum dringen die Versprechen der Extremisten.

„Allein aus dem Block hier sind drei Jungen getötet worden, die sind nicht älter als 22 oder 23 geworden.“ (Beshir Bahrouni, Rentner)

Nach der Revolution, sagt er, tauchte in der örtlichen Moschee eine Gruppe junger Typen aus dem Ort auf. Die gebärdeten sich plötzlich ganz besonders fromm und wollten die anderen maßregeln. „Wenn man ,Guten Morgen‘ oder ,Guten Abend‘ sagte, antworteten sie nicht, sondern nur auf das religiös gefärbte Assalamu Aleikum“, sagt Bahrouni, tippt mit dem Zeigefinger vor sich auf das Wachstischtuch. „Wir haben gesagt: Bitte lasst uns. Wir wollen in Ruhe beten.“

Irgendwann verschwanden sie. Manche waren nach Syrien gereist, andere nach Libyen, einen Nachbarsjungen sahen sie wieder, in einem Video, das zeigte, wie er einem anderen den Kopf abschnitt. Die meisten, die dem IS gefolgt sind, kamen selbst ums Leben. „Allein aus dem Block hier sind drei Jungen getötet worden, die sind nicht älter als 22 oder 23 geworden.“

Anis Amri aber geriet nicht unter den Einfluss der Salafisten in Oueslatia; als die Radikalen sich in der hiesigen Moschee einrichteten, war er bereits auf und davon. Er musste schnell weg. Ihm drohte eine Haftstrafe, denn er hatte in der Provinzhauptstadt Kairouan einen Lastwagen gestohlen.

Die Familie legte Geld zusammen. Im Chaos nach der Revolution gelang ihm die Flucht. In einer Nacht im März 2011 stieg er in der Küstenstadt Sfax in ein Fischerboot in Richtung Lampedusa.

An einer ruhigen Straße zwischen Wiesen und Olivenbäumen, wo das Örtchen in karges Ackerland übergeht, läuft eine schwere Frau mit müden Augen. Es ist die Mutter von Anis Amri. Sie kommt gerade vom Friedhof zurück; dort hat sie das Grab ihres jüngsten Sohnes besucht.

Als sie die Fremden bemerkt, hält sie inne; sie trägt ein schwarzes Gewand, abgesetzt mit Leopardenprint, dazu ein buntes Kopftuch. Direkt nach dem Anschlag hat sie oft mit Reportern gesprochen; es ging ihr darum, klarzustellen, dass die Familie nichts mit den Radikalen zu tun haben will. Aber nun will sie nicht, dass die Reporter zurückkehren und die Wunden wieder aufreißen.

Sie schreit: „Sie haben ihn getötet, jetzt hat er Frieden gefunden. Was wollt ihr noch?“ Ihre Tochter kommt aus einem der niedrigen Häuschen gerannt, auch sie gerät außer sich, dann kommt ein Sohn dazu, etwas besonnener, nun stehen sie zu dritt an der Ecke, sprechen durcheinander.

„Niemand hat uns geholfen“, die Stimme der Mutter kippt, 12.000 Dinar musste sie für die Überführung der Leiche bezahlen, das sind rund 4000 Euro, ein Vermögen für die Familie. Dann verschwinden die drei in ihrem Haus, im Gehen wendet die Tochter noch einmal den Kopf und sagt kühl: „Verschwindet und lasst euch hier nie wieder sehen.“

Ein schiefergrauer Himmel hängt über Oueslatia, ein leichter Wind streicht um die Häuser. Er riecht nach Abgasen, Nikotin und Rosenwasser. Ein Junge treibt eine kleine Herde Schafe über die Straße, an brüchigen Mauern aus Rohbeton klebt das Rot der Spraydosen, Graffiti. Eine Frau mit schwarzem Niqab verkauft nahe der Moschee Kopftücher und Spitzendessous; daneben eine Metzgerei, wo blutige Schafskadaver vom Vordach baumeln.

Der Alltag wirkt wie heruntergedimmt; die Straßen, die Plätze sind öde Flächen, ein paar Bänke, und Säulen stehen für den erfolglosen Versuch, dem Ortskern Leben einzuhauchen. Ab und an kommen Passanten vorbei, sie hasten schnell weiter.

Jeder hier erinnert sich an Anis Amri, jeder hier weiß, wo sein Grab zu finden ist. Es gibt im Ort durchaus Menschen, die den Attentäter als Helden sehen, so ist es zumindest zu hören, keiner sagt das offen. Die meisten jedoch hat seine Tat entsetzt, und viele fühlen sich nun, wieder einmal, bestätigt, dass sie auf der Verliererseite stehen.

„Die Regierung ist sauer auf uns“, sagt der Inhaber eines Schnellrestaurants, „ich glaube, die ganze Welt ist sauer auf uns.“ Hadi Sifi kauert in einem schmalen, gefliesten Raum und hängt seinen Gedanken nach, „das Geschäft läuft nicht, früher war es besser.“ Bei ihm essen sonst vor allem die Inhaber der Geschäfte ringsum zu Mittag, aber denen fehlt nun das Geld.

Oueslatia ist ein vergessener Ort, sagt Sifi. Auch er weiß, dass die Salafisten in der Region viel Einfluss gewonnen haben, das macht ihm Sorge, sein Sohn ist 13 Jahre alt. „Ich lasse das Kind nicht mehr aus den Augen“, sagt er, „meine wichtigste Aufgabe ist, auf ihn achtzugeben.“

An den gekachelten Wänden um ihn hängen Koransuren, gestanzt in goldenen Kunststoff. Er winkt ab. „Das ist nur Dekoration“, sagt er. „Die Moschee ist für mich eine Quelle der Angst geworden. Mir ist es lieber, zu trinken als zu beten.“

Im Herrenfriseursalon von Walid Burawi hängen keine religiösen Symbole. „Ich brauche keine Bilder, weil der Glaube in meinem Herzen ist“, sagt der Friseur, ein gedrungener Mann, 30 Jahre alt. Er setzt sich auf einen Stuhl in der Ecke und macht ein ernstes Gesicht: „Es verwirrt mich, wie sich der Islam entwickelt, all diese Jungs, die sich Bärte wachsen lassen und in die Berge gehen, um zu töten.“

Ist seine Irritation echt? Schwer zu sagen, wo er doch Teil der salafistischen Gruppe Ansar Al Sharia war, die Anschläge verübt hat und Morde an säkularen Politikern. Der Friseur lächelt milde und sagt mit eine Stimme weich wie Plüsch: „Ihr in Europa macht euch eine falsche Idee vom Islam.“

„Es gibt keine Jobs, nichts. Die Leute wollen vergessen. Deswegen wenden Sie sich Gott zu. Oder dem Alkohol.“ (Walid Burawi, Salafist)

Burawi fand nach dem Tod zweier Freunde zum Glauben: Am Ende einer durchzechten Nacht gerieten sie mit dem Motorrad unter einen Laster. Danach beschloss er, sein Leben zu ändern, ging in die Moschee und fand Kontakt zu der Salafistengruppe, die sich dort traf. Damals, erzählt er, kamen Prediger aus anderen Städten in den Ort, um eine strenge Lesart des Islam zu propagieren.

Sie stellten Zelte auf, verteilten kostenlose Korane, mahnten Passanten zur Einkehr. Der Friseur streitet nicht ab, dass einige aus dem Kreis als Kämpfer ausgereist sind, aber das, sagt er, sei nicht den religiösen Führern vorzuwerfen. „Jeder ist für sich verantwortlich, sie haben sich selbst entschlossen zu gehen“, sagt er. Dann lächelt er wieder sein sanftes Lächeln.

Er schweigt kurz; in den Spiegeln an den Frisiertischen doppelt sich die Straße; draußen knattert ab und an ein Motorrad vorbei. Mit der Region geht es bergab, sagt er. „Es gibt keine Jobs, nichts. Die Leute wollen vergessen. Deswegen wenden sie sich Gott zu. Oder dem Alkohol.“

Wenn Burawi über die Geschichte von Anis Amri spricht, dann geht es um einen Bengel aus der Nachbarschaft, der so war, wie die meisten Jungen hier. Es geht um den Islam, der immer wieder missverstanden werde, aber es geht auch um ihn selbst, weil auch er nach dem Anschlag in den Fokus der Sicherheitsbehörden geriet.

„Die Polizisten kommen ständig zu mir, auf der Arbeit, zu Hause, auch in der Nacht, und belästigen mich“, sagt er, „wir Frommen machen dieses Drama täglich durch.“ Einige seiner Freunde wurden verhaftet und zu langen Gefängnisstrafen verurteilt.

Seit dem Anschlag in Berlin sind in Tunesien wieder andere Zeiten angebrochen. Gleich nach der Revolution nutzten religiöse Eiferer die neuen Spielräume, um sich zu vernetzen und Anhänger zu rekrutieren.

Aber Anis Amri war nach dem Anschlag von Nizza der zweite Tunesier, der im Namen des IS den Terror nach Europa brachte. Inzwischen greift die Polizei rigide durch, um radikale Kräfte einzudämmen – auch mit Methoden, die an den Polizeistaat von Ben Ali erinnern.

Auf einem Platz im Ortskern steht ein junger Mann; den Kopf leicht eingezogen, die Hände in den Hosentaschen. Er will sich nicht in einem der Cafés im Ort zeigen, da kenne ihn ja jeder, sagt Shadi, das ist nicht sein richtiger Name. Seit der IS ihm den Bruder nahm, tuscheln die Leute. „Wir sind nun schlecht angesehen.“ Also geht es in ein etwas abgelegenes Café weiter draußen, aber auch hier starren die Leute, er entkommt den Blicken nicht in dieser menschenarmen Region.

Letztlich ist der Djihad ein Weg, der Leere zu entkommen, und ein Weg, ein Gehalt zu verdienen.“(Bruder eines IS-Anhängers)

Vor anderthalb Jahren ging der Bruder nach Syrien. Zwei Wochen später erhielt die Familie die Nachricht, dass er tot ist. Trotzdem, sagt er, denken viele noch darüber nach, für den IS in den Krieg zu ziehen. „Letztlich ist es ein Weg, der Leere zu entkommen“, sagt er leise. „Es ist ein Weg, ein Gehalt zu verdienen.“ Für ihn selbst komme das aber nicht in Frage. Was er vorhat mit seinem Leben? Er schnaubt und sagt: „Was soll ich über meine Zukunft sagen, wenn ich doch keine habe?“

Ein paar Straßen weiter steht eine junge Frau in einer Drogerie und weint, sie denkt an ihre Brüder, Zwillinge waren sie, Khaled und Walid. „Die Armut treibt viele junge Männer in den Dschihad“, sagt sie, „aber in unserem Fall war das nicht der Grund.“ Die Familie ist gut situiert. Die Brüder seien unter den Einfluss salafistischer Seelenfänger geraten, die hätten sie manipuliert: „Es war wie eine Gehirnwäsche.“

Erst ging der eine, Khaled, den sie schon an der Universität indoktrinierten, dann Walid, der schöne Kleider und Fußball liebte, der Liebling der Schwester. Die Schwester sagt: Er wollte zunächst nur seinen Zwillingsbruder zurückholen, seine „andere Hälfte“, wie er sagte. Letztlich aber tat er es ihm gleich und folgte ihm nach Libyen.

Die Schwester wischt sich die Tränen aus den Augen, in den Regalen um sie herum stapeln sich Shampoos und gefälschte Markenparfüms. Sie sagt, dass die Salafisten in der örtlichen Moschee jahrelang ungehindert agieren konnten; ihre Brüder waren vor ihrer Abreise ständig dort. Bei Walid erkannte die Familie die Anzeichen; der Vater ging zur Polizei, um den Sohn anzuzeigen. „Aber sie haben nichts getan.“ Er überlebte in Libyen gerade zwei Monate.

Am Freitagmittag schließen viele Geschäftsleute ihre Läden und machen sich auf den Weg zur Al-Rahma-Moschee, einem nüchternen Flachbau im Zentrum; die Gläubigen sammeln sich zum mit Gesang angekündigten Gebet.

Gegenüber, auf einer der Bänke, kauern ein paar Männer, unter ihnen Rashid Burawi, groß, sehnig, mit Karohemd und Furchen im Gesicht. Burawi ist der Grossist unter den illegalen Alkoholdealern, der alle anderen Händler der Region beliefert.

Einer, vor dem man sich in Acht nehmen sollte, sagen Anwohner, aber wenn man ihn anspricht, antwortet er offen und freundlich, er hat offenbar nichts zu befürchten. „Anis Amri hat immer viel von mir gekauft“, sagt er, „ich kenne ihn gut, wo er auftauchte, gab es Ärger.“ Zwei Dinar kostet eine Flasche Bier bei ihm. Viele Männer hier trinken regelmäßig, sagt er, jeden Tag wird er einen Lkw voller Bier los in Oueslatia und den Dörfern ringsum.

Wer sein Lieferant ist? Ein Neffe des ehemaligen Machthabers Ben Ali, sagt er, das alte Regime lebt weiter, die Korruption auch. Trotzdem hat der Umsturz einiges verändert. Burawi hat seither viel mehr Zulauf. Ebenso wie die Salafisten. Ob die Radikalen ihn behelligen? Burawi schüttelt den Kopf: „Wir sind eine große Gruppe, die halten sich von uns fern.“

Nach einer Weile endet das Gebet in der Moschee. Imam Shukri Khamari steht noch im Eingang. Er bittet in ein Büro, setzt sich auf eine Couch und streicht sein Gewand glatt. Natürlich kennt auch er die Geschichte von Amri.

Für ihn ist sie ein Gleichnis dafür, was geschehen kann, wenn ein Mensch auf der Suche nach dem Sinn im Leben in die falschen Kreise gerät. „Dieses Attentat steht nicht für Oueslatia und nicht für den Islam“, sagt er.

Aber was ist mit den Salafisten, die in dieser Moschee tätig waren? Hat er davon nichts gemerkt? Doch, sagt er. „Die taten, als gehöre ihnen die Religion, die meisten mochten das nicht.“ Sie hätten gezielt Söhne aus armen Familien angesprochen, ihnen Geld versprochen, ein Haus, eine Frau. „Sie gaben ihnen das Gefühl, bedeutungsvoll zu sein.“

Weshalb er nicht eingeschritten ist? Khamari weicht aus; das sei nur eine kleine Gruppe gewesen, er habe sich gegen die Gewalt positioniert und sei deshalb bedroht worden. Hatte er also Angst? Oder ließ er die Radikalen gewähren? Vieles bleibt vage, und es wird nicht ganz klar, wo der Geistliche steht.

Nach dem Attentat am 19. Dezember habe er an vier Freitagen in Folge gepredigt, dass derartige Gewalttaten den Geboten des Islam widersprechen. Aber er sagt auch: „Ihr in Europa tragt einen Teil der Verantwortung. Die Art, wie ihr pauschalisiert, alle Muslime unter Verdacht stellt und diskriminiert – damit pflanzt ihr Wut in die Herzen der Leute.”

Aber es gibt eine Frage, auf die niemand in Tunesien eine Antwort hat: Was, wenn die Kämpfer des IS nach Hause wollen? Einige Hundert, die es versucht haben, verschwanden in Hochsicherheitsgefängnissen. Andere ziehen lieber in Richtung Europa, weil ihnen in Tunesien lange Haftstrafen drohen.

In Oueslatia hat keine Familie ihre verlorenen Söhne wiedergesehen. Nur einer der IS-Rekruten aus dem Ort ist zurückgekehrt, und zwar als Toter. Er liegt jetzt in einem Grab, das abseits aller anderen aus der steinigen, hellen Erde ragt.

Autoren
Gabriela Keller
Fotograf
Nicolas Fauqué
Video
Gabriela Keller Tom Schildberg Frauke Hinrichsen
Konzeption
Maike Schultz
Schlussredaktion
Maike Schultz Dominik Mai