Von Anne-Kattrin Palmer

Als der Boss Weißensee rockte

Vor 30 Jahren gab Bruce Springsteen in Ostberlin das größte Konzert seiner Karriere. Zeitzeugen erinnern sich. Beschleunigte das Musikspektakel das Ende der DDR?

Als der Boss Weißensee rockte von Anne-Kattrin Palmer

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Gerald Ponesky zieht eine DVD aus dem Regal. Er holt sie behutsam aus der Hülle, legt sie auf. Sie ist eines seiner Heiligtümer. Wenn er die Bässe und diese Stimme hört, schließt er die Augen. Und dann sieht er wieder alles vor sich: den singenden Boss, der über die Bühne hüpft und springt, glückselige Menschen, die selbstgebastelte USA-Fahnen schwenken.

Es ist wie ein Rausch. Heute noch. Es scheint, als sei es gestern gewesen, dass Bruce „The Boss“ Springsteen kam und Weißensee rockte. Dabei ist es 30 Jahre her.

Wir treffen Gerald Ponesky in seinem Büro nahe dem Alexanderplatz. Dem 65-Jährigen gehört der moderne Bau. Er ist Chef der Event-Agentur Compact Team – und spezialisiert auf Großereignisse.

Er organisierte 2006 die Fanmeile am Brandenburger Tor, 2014 das WM-Wohnzimmer in der Alten Försterei. Während ein Hund uns um die Beine wuselt, tischt Ponesky Ananas, Weintrauben und viele Erinnerungen auf. Aus jenen Tagen, die ihn und viele andere prägten. Als es plötzlich schien, dass ein neuer Wind durch die DDR weht. Der Wind der Freiheit.

Gerald Ponesky organisierte mit vielen anderen das Konzert in Weißensee. Es gab Momente, in denen er zitterte. Foto: Volkmar Otto

In jenen Tagen hat Ponesky ein Philosophiestudium in Leipzig absolviert. Er managt die Rockband „Wir“. Im Jahr 1987 schafft er mit seinem Team eine Ton-Anlage nach Wroclaw (Polen), da Honecker dort eine Rede für die FDJ halten will. In der Stadt sieht Ponesky ein Bild von Springsteen.

„Ich dachte nur noch, der muss bei uns in der DDR spielen!“ Der Traum wird wahr. Die FDJ ist der Veranstalter. Man befindet, dass der US-Sänger, der angeblich die Sandinisten in Nicaragua mit einer Druckerei unterstützt hat, ein ehrlicher Vertreter des kleinen Mannes sei.

Und so kann Ponesky mit seinen Leuten loslegen. Noch gibt es keine Montags-Demos mit „Wir sind das Volk!“-Rufen, aber eine bis dahin nicht gekannte Lockerheit. Die DDR-Führung präsentiert eine neue Freizügigkeit, um vor allem die Jugend zu besänftigen. Dem provozierenden Westen will sie die Stirn bieten.

„Drüben“, am Brandenburger Tor, treten Musikstars wie David Bowie und Pink Floyd auf. Ihre Songs hallen rüber. Pink Floyd positioniert die Boxen Richtung Osten. Und dann kommt auch noch der King of Pop – Michael Jackson. Die Sorge wächst, dass die DDR-Jugend rebelliert.

Dieter Dietze ist damals mit 39 Jahren der jüngste Vize der Volkspolizei Berlin. Auch er ist ein Rockfan, spielt selbst Gitarre. Er und sein Kollege Manfred Schmischke (heute pensionierter Feuerwehrmann) sind damals für die Sicherheit bei Festivals zuständig. „Wir hätten den Kopf hinhalten müssen, wenn etwas schiefgeht“, sagt Dietze.

Dieter Dietze war Vizepräsident bei der Volkspolizei Berlin. Und Rockfan. Beim Konzert vom „Boss“ war er für die Sicherheit zuständig. Foto: Volkmar Otto

Zu den Aufgaben von Dietze und Schmischke gehört es, für Großereignisse einen geeigneten Ort zu finden. Im Jahr 1987 treten Barclay James Harvest und Bob Dylan im Treptower Park auf. Dort finden 40.000 Menschen Platz. Zu wenig für einen Auftritt wie den von Bruce Springsteen. Schließlich werden sie fündig: die Rennbahn in Weißensee. Die örtliche Parteiführung nickt den Ort ab.

Das seien eben keine ängstliche Typen gewesen, sagt Dietze und grinst. So wird Weißensee zum Woodstock in Zeiten der Perestroika. Für Gerald Ponesky und viele andere ist diese Zeit geprägt „von permanenten Adrenalinschüben und von einer herzergreifenden Blauäugigkeit“. Es kommen Joe Cocker, die Rainbirds, James Brown, Bryan Adams und am 19. Juli Bruce Springsteen. Vorher sind noch Depeche Mode da. Ein Mega-Event toppt das andere!

Hannelore Lehmann (75) von der Bühnen- und Zeltverleih-Firma „Lehmann-Crew“ hat heute noch vergilbte Zeitungsartikel aus dieser Sturm-und- Drang-Zeit an der Wand hängen. „Wir sind damals als Rock’n’Roller durch die DDR gezogen“, sagt sie. Damals ist sie freiberuflich in der DDR-Künstleragentur beschäftigt – und auch dabei, als der „Boss“ kommt.

Die signierte Schallplatte hat bei Hannelore Lehmann einen Ehrenplatz.

„Ich saß in einer Baracke auf der Rennbahn und habe die Abläufe mitorganisiert“, sagt sie. Heute wisse sie gar nicht mehr, wie das Team das alles gestemmt habe. „Wir hatten nicht mal ein Fax. Aber es war eine aufregende Zeit.

Es wurde plötzlich viel mehr genehmigt, wovon man vorher nur geträumt hatte.“ Ponesky sieht das auch so: „Wir schafften das Unmöglichste, um den „Boss“ zu empfangen.“ Plötzlich gab es Kabel, Bretter und Betonstücke und sogar grüne Farbe: „Wir haben einfach losgelegt“, sagt er. Und irgendwie hätten alle mitgespielt.

„Wir waren eben die Jungen in der DDR“, erinnert sich Dieter Dietze, der damalige Volkspolizist, voller Tatendrang. Nur die Ängstlichen mussten eben besänftigt, Klassenkampfgedanken weggewischt werden.

Und die gibt es natürlich auch. Über das Lied „Born in the U.S.A.“ beispielsweise. Dietze: „Wir konterten damals, es sei doch ein Freiheitslied. Gegen den Vietnamkrieg.“

Am 19. Juli 1988 reist Springsteen an. Er wohnt im Grand Hotel an der Friedrichstraße. Interviews gibt er vor dem Konzert nicht. Journalisten passen ihn aber in der Lobby ab. Der „Boss“ redet mit ihnen, sie strahlen.

Bei dem Organisationsteam liegen derweil die Nerven blank, mal wieder. Ponesky lächelt, wenn er sich daran erinnert. Er sagt: „Eins hatten wir noch zu überstehen. Springsteen hatten wir verheimlicht, dass es ein Konzert für Nicaragua war.“

Das Management sei stinksauer gewesen, habe geschimpft, der Boss werde das Konzert absagen, wenn er das sehe. Als der Star mit seiner Limousine auf das Konzertgelände fährt, lässt Ponesky einfach die Halterungen für das „Ein Herz für Nicaragua“-Plakat durchschneiden. Er grinst, sagt: „Es hat geklappt.“

Die Volkspolizei sieht derweil zu, dass keine Massenpanik ausbricht. Seit Mittag ist in der Republik eine Volkswanderung ausgebrochen. Ihr Ziel: die Rennbahn in Weißensee.

Mehr als 160.000 Karten sind verkauft worden. Es kommen weitaus mehr. Ganz Weißensee ist zugeparkt. „Wir haben ganz schön geschwitzt“, sagt der Diplomingenieur für Brandschutz, Manfred Schmischke, „dass etwas passiert oder schiefläuft.“ Dann wäre es das gewesen mit den Großereignissen.

Die Polizei öffnet später die Zäune, lässt die Menschenmassen rein. Alles verläuft friedlich. Als Dietze am Abend des 19. Juli den Boss auf der Bühne sieht, atmet er auf. „Es war ein Traum“, sagt er.

Für Gerald Ponesky wird es noch einmal brenzlig. Springsteen will eine Rede halten. Sein Chauffeur Georg Kerwinksi fragt überall hinter der Bühne nach, wie er das Wort „Wall“ übersetzen solle. Ponesky erinnert sich: „Wir dachten nur, wenn der jetzt irgendetwas über die Mauer sagt, haben wir morgen alle keine Arbeit mehr.“

Springsteen aber sagt Barrieren statt Mauer und ruft den Menschen zu: „Ich bin nicht für oder gegen eine Regierung. Ich bin gekommen, um Rock’n’Roll für euch zu spielen, in der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren abgerissen werden.“ SED-Funktionär Egon Krenz ist hinter der Bühne und sagt: „Gegen Barrieren sind wir auch.“

Musiker Dirk Zöllner („Die Zöllner“) ist damals, in jenem heißen Festival-Sommer, frisch verliebt. Er führt seine Freundin und spätere Ehefrau Abini stolz zu Joe Cocker aus. Außerdem spielen er und seine neu gegründete Band als Vorgruppe von James Brown. Als ihn der Star berührt, er seinen Schweiß riecht, fühlt er sich geadelt. „Ich dachte, jetzt steht mir die Welt offen.“ Sagt es und lacht. Die Welt der Musik, die Grenzen überwindet.

Und natürlich pilgert Zöllner auch zu  Springsteen. Er läuft in den Massen mit, die die Rennbahnstraße hochgehen. Er drängelt sich auf das  Festival-Feld und steht ganz weit hinten, aber Hauptsache er ist dabei. „Der Sommer 1988 war für mich wie die Fußball-WM 2006. Es gab eine gesellschaftliche Euphorie. Wie eine Art Droge. Ich denke, es war der Anfang vom Ende der DDR.“

Auch Heike Bernhardt wird den Auftritt nie vergessen: Ihr Idol hebt sie auf die Bühne, tanzt mit ihr. Sie ist wie in Trance.  „Er griff sich das schönste Mädchen“, lächelt Ponesky.

Tags darauf rennt sie mutig zum Grand Hotel – und der Boss signiert ihr T-Shirt. Sie habe es bis heute nicht gewaschen.

Ponesky dagegen ärgert sich bis heute, dass er sein Idol nicht ansprach. „Ich habe mich nicht getraut.“ Ganz nah stand er bei ihm, aber seine Stimme versagte.

Dann gerät er wie so oft ins Schwärmen: „Für mich ist es unerklärbar, wie solch ein Ereignis auch nach 30 Jahren weder an Kraft noch an Faszination verloren hat. Es ist ein großes Glück, ein Teil dieser Geschichte gewesen zu sein.“

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Autoren
Anne-Kattrin Palmer

Video
Anne-Kattrin Palmer
Volkmar Otto

Konzeption
Maike Schultz