Von Michael Brettin

Der lange Schatten von Stalingrad

Vor 75 Jahren: Die 6. Armee der Wehrmacht kapituliert an der Wolga, die „Weiße Rose“ ruft auf zum Widerstand gegen das Hitler-Regime, die NS-Führung beschwört den „totalen Krieg“. Die Katastrophe nimmt ihren Lauf.

Der lange Schatten von Stalingrad von Michael Brettin

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Ein wenig Spaß haben, für eine kleine Weile die Sorgen um den Ehemann, den Vater, den Sohn an der Front vergessen: Darum geht es den Menschen, die in der Deutschlandhalle „Menschen, Tiere, Sensationen“ sehen wollen. Die Zirkusshow ist mit weit über 10.000 Zuschauern ausverkauft. Kein Wunder, sie ist beliebt, und es ist Sonnabend.

Plötzlich Fliegeralarm! Eine Erschütterung! Feuer!

Eine Brandbombe hat das Dach der Deutschlandhalle getroffen und in Flammen gesetzt, die Halle brennt aus. Ein Wunder, dass niemand ums Leben kommt, weder Mensch noch Tier.

Andere haben weniger Glück. 88 Stadtbewohner sterben vom 16. auf den 17. Januar 1943. Es ist das erste Mal seit vierzehn Monaten, dass Bomber der Royal Air Force (RAF) die Reichshauptstadt angegriffen haben.

Während Berlin die Trümmer beseitigt und die Toten betrauert, halten US-Präsident Roosevelt und Großbritanniens Premierminister Churchill in Casablanca (Marokko) eine Geheimkonferenz ab. Stalin ist ihr ferngeblieben, weil, wie er mitteilen lässt, die derzeitige militärische Lage seiner Führung mehr denn je bedürfe. Am Ende werden sich die Westalliierten darauf einigen, zum strategischen Bombenkrieg gegen das Deutsche Reich überzugehen. Und als Kriegsziel legen sie fest: bedingungslose Kapitulation.

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Berlin wird ab Mitte Januar 1943, nach vierzehnmonatiger Pause, wieder Ziel von Luftangriffen. Der strategische Bombenkrieg der Alliierten beginnt.

Die Ereignisse in den ersten Wochen und Monaten des Jahres 1943 bilden eine Zäsur in der Geschichte des Zweiten Weltkriegs: Das NS-Regime überschreitet den Zenit seiner Macht. Es wird gleichwohl noch über zwei Jahre dauern, bis es bedingungslos kapituliert.

Anfang 1943: Die Wehrmacht zieht sich aus dem Kaukasus zurück; die Rote Armee bricht den Belagerungsring um Leningrad (heute: St. Petersburg) auf; die deutschen Verbände in Nordafrika ziehen sich nach Tripolis zurück; die 6. Armee ist mit 195.000 Soldaten von sieben sowjetischen Armeen mit einer Million Soldaten in Stalingrad (heute: Wolgograd) eingeschlossen.

Stalingrad (Stalinstadt). Seit August 1942 wütet die Schlacht um die Stadt an der Wolga, die für Hitler und Stalin von großer strategischer Bedeutung ist, die von der symbolischen noch übertroffen wird. Sie zu erobern beziehungsweise zu verteidigen ist von einem unschätzbaren propagandistischen Wert.

Wilfred Redlich sitzt am Küchentisch in seinem Häuschen unweit von Berlin. „Die Russen“ waren vor ein paar Tagen da, eine Woche lang, ein Fernsehteam aus Moskau, zwei Männer, zwei Frauen. Der 91-Jährige fühlt sich geehrt. Sie drehen einen Film über eine ehemalige Rotarmistin in deutscher und einen ehemaligen Wehrmachtssoldaten in sowjetischer Gefangenschaft.

Als die Schlacht um Stalingrad ihrem Ende entgegentobt, ist Wilfred Redlich 16 Jahre alt; später wird auch er Soldat, obwohl er als Siebenjähriger bei einem Unfall mit einer Dreschmaschine Glieder des rechten Zeige- und Mittelfingers verloren hat.

Mit seinen Eltern und seinen vier Geschwistern – zwei Brüdern und zwei Schwestern – lebt der Junge in dem Dorf Ziegelscheune im Posener Land, 200 Kilometer östlich von Berlin. Sein Vater bewirtschaftet 45 Hektar; er beschäftigt zwei Kutscher, zwei Dienstmädchen und Saisonarbeiter.

Auf diesem Hof in einem Dorf im Posener Land (heute wieder Polen) wächst Wilfried Redlich auf. Als die Schlacht um Stalingrad endet, ist er 16 Jahre alt. Zwei Jahre später zieht er selbst in den Krieg, freiwillig.

„Wir waren Musterbauern“, sagt Wilfred Redlich. Das Leben bestand aus Arbeit, Arbeit, Arbeit. „Ich musste mit anpacken, seit ich laufen konnte.“ Der Mann ist für sein Alter beneidenswert rüstig: ein drahtiger Körper, der jeden Morgen fünf Kilometer läuft, eine selbstbewusste Stimme, die gestikulierende Hände unterstützen.

Das Dorf Ziegelscheune (Cegielnickie Oledry) gehörte infolge des Ersten Weltkriegs ab 1920 zu Polen und nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1939 zum Deutschen Reich, erst als „Reichsgau Posen“, dann als „Reichsgau Wartheland“.

Die hauptsächlich deutschstämmigen Bewohner fühlten sich befreit. „Wir waren ja erstmal alle für Hitler“, sagt Redlich. Daran ändert sich auch nichts, als zwei Cousins und ein Onkel von ihm in Stalingrad fallen.

Hitler meidet angesichts der Einkesselung der 6. Armee in Stalingrad, der Rückzugsgefechte im Kaukasus und in Nordafrika Auftritte in der Öffentlichkeit. Der Volksmund witzelt, der Führer habe sich zurückgezogen, um ein Buch zu schreiben: Mein Irrtum.

Stimmen der Vernunft: die Geschwister Hans und Sophie Scholl sowie Christian Probst leisten in der Gruppe „Weiße Rose“ Widerstand gegen das NS-Regime.

Hans und Sophie Scholl ist nicht nach Witzen zumute. Mit Gleichgesinnten richten die Geschwister, die in München studieren, Mitte Januar 1943 einen „Aufruf an alle Deutsche!“. Es ist ihr fünftes Flugblatt und das erste, das sie nicht unter „Flugblätter der Weißen Rose“, sondern „Flugblätter der Widerstandsbewegung in Deutschland“ verteilen, nicht nur hundert-, sondern tausendfach, nicht nur in München, auch in Stuttgart, Freiburg, Köln, Hamburg, Berlin, Chemnitz, Salzburg und Wien.

Der nationalsozialistische Angriffskrieg sei verloren, steht in dem Flugblatt, das Hans Scholl verfasst hat. Hitler führe das deutsche Volk in den Abgrund; er könne den Krieg nicht gewinnen, nur noch verlängern. Am Ende erwarte diejenigen, die sich dem Widerstand nicht anschließen, ein „schreckliches, aber gerechtes Gericht“. Scholl schreibt von einem neuen „Befreiungskrieg“ und skizziert ein föderalistisches Deutschland innerhalb einer europäischen Staatenordnung.

Wenige Volksgenossen bekommen das Flugblatt in die Hände, noch weniger nehmen seine Worte Ernst, aus Angst vor oder Treue zu dem Regime.

Stalingrad, Kampf um jeden Fußbreit: Rotarmisten nehmen Wehrmachtssoldaten unter Beschuss, die sich offensichtlich in einer Ruine verschanzt haben.

Die NS-Propaganda-Maschinerie läuft auch in Sachen Stalingrad wie geölt, sie drischt Erfolgsmeldungen und Durchhalteparolen. Aber die Bevölkerung hat gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen und zu hören. Die Geheime Staatspolizei (Gestapo) berichtet am 21. Januar 1943, dass Stalingrad „von vielen Volksgenossen bereits als verloren angesehen wird“.

Propagandaminister Goebbels diktiert am Abend desselben Tages einem Sekretär für seine täglichen Aufzeichnungen: „Wir müssen uns nun allmählich mit dem Gedanken vertraut machen, das deutsche Volk über die Situation in Stalingrad zu unterrichten.“

Lothar Scholz ist vier Jahre alt, als Hitler die Macht übernimmt, zehn, als der den Krieg entfesselt, vierzehn, als die Schlacht um Stalingrad in ihre letzte Phase tritt. Sein Vater ist Sozialdemokrat, ein Onkel Kommunist, er selbst Feuer und Flamme für den Nationalsozialismus. „Jede Eroberung habe ich in einem Atlas eingezeichnet“, sagt der 89-Jährige, der in Lichtenberg geboren wurde und in den 30er- und 40er-Jahren abwechselnd in Berlin und in Fürstenwalde lebte. „Es ging immer weiter, immer weiter!“

Bis Stalingrad.

Scholz sitzt am Schreibtisch seines Arbeitszimmers. Hier, im Keller seines Hauses im Südwesten Berlins, bewahrt er seine  Geschichte auf: Fotos, die ihn als Hitlerjungen, als Luftwaffenhelfer, als Soldat und als Kriegsgefangenen zeigen, und Bücher, die Titel wie „Hitler-Jugend“, „Kriegsverbrechen“ und „Archipel Gulag“ haben.

Im Regal hinter Scholz stapeln sich Bücher mit rotem Einband. Er steht auf, nimmt ein Exemplar und legt es auf den Tisch. Auf dem Buchdeckel steht weiß auf rot: „Der verratene Idealismus. Ein Junge im Banne des Nationalsozialismus“. Scholz hat es Anfang der 2000er-Jahre geschrieben. Dem Vorwort hat er ein Zitat des römischen Feldherren, Geschichtsschreibers und Staatsmanns Cato (234–149 v. Chr.) vorangestellt: „… es ist immer schwer, sich vor einer Generation zu verantworten, die nicht mit uns gelebt hat.“

Es gibt immer wieder mal kurze Momente, da blickt Lothar Scholz ins Leere. Da scheint es, als sinke sein Geist in die Vergangenheit und sehe etwas, über das er nicht sprechen kann. Er sagt: „Die Nazis haben es verstanden, ein ganzes Volk hinter sich zu bringen.“ Aus seinen Worten sprechen Faszination und Schrecken.

Es dämmert, als am 23. Januar 1943 das letzte Flugzeug aus dem Kessel von Stalingrad startet, eine Heinkel He 111 mit halb weggeschossenem Höhenruder und neun Verwundeten an Bord. Die 6. Armee meldet einen Tag später: „Im engeren Stadtgebiet grauenhafte Zustände.

Etwa 20.000 unversorgte Verwundete suchen in Häuserruinen Obdach; dazwischen etwa ebenso viele Ausgehungerte, Frostkranke und Versprengte, meist ohne Waffen.“ Die Eingeschlossenen werden am 25. Januar in zwei Kessel getrennt.

Im August 1942 erreicht die 280.000 Mann starke 6. Armee der deutschen Wehrmacht Stalingrad. Es gelingt ihr nicht, die Stadt vollständig einzunehmen. Nach einer Offensive der Roten Armee im November werden 200.000 deutsche Soldaten eingekesselt. Der Kessel wird Ende Januar 1943 gespalten. Am 31. Januar kapituliert der Südkessel mit Generalfeldmarschall Friedrich Paulus. Die Soldaten im Nordkessel strecken am 2. Februar die Waffen. Bis in den März hinein liefern sich versprengte Truppenteile mit sowjetischen Soldaten Scharmützel. Von 110.000 deutschen Soldaten, die in Gefangenschaft gehen, kehren nur 6000 zurück.

Zum zehnten Jahrestag von Hitlers Machtantritt, dem 30. Januar, halten die sowjetischen Luftstreitkräfte im strahlend blauen Himmel über Stalingrad eine Luftparade ab. Nicht ein Schuss, nicht eine Bombe fällt. Das letzte Geschwader mit 35 Sturzkampfbombern bildet einen Sowjetstern.

Die Jubiläums-Ansprache an das Volk überlässt Hitler dem zweiten Mann im Reich: Göring. Als Oberbefehlshaber der Luftwaffe hatte er versprochen, die eingekesselte 6. Armee bis zu einem Entsatz aus der Luft versorgen zu können. Alle Rundfunksender übertragen die Rede aus dem Ehrensaal des Reichsluftfahrtministeriums – sie wird als „Thermopylen-Rede“ bekannt.

Allen Zuhörern wird schnell klar: Die 6. Armee steht vor dem Untergang. Göring spricht vom Kampf der Nibelungen: „Auch sie standen in einer Halle voll Feuer und Brand, löschten den Durst mit dem eigenen Blut, aber sie kämpften bis zum Letzten.“

Und er sagt in Anlehnung an ein Zitat von der Stele am Thermopylen-Pass in Griechenland, wo im Jahr 480 v. Chr. 300 Spartaner einer Übermacht Perser tagelang standgehalten haben sollen, bevor sie alle den Tod fanden: „Kommst du nach Deutschland, so berichte, du habest uns in Stalingrad liegen gesehen, wie das Gesetz, das heißt, das Gesetz der Sicherheit unseres Volkes, es befohlen hat.“

Die Propaganda streut währenddessen die tägliche Desinformation. Der „Berliner Lokal-Anzeiger“ titelt am 31. Januar: „Abwehrerfolge an allen Brennpunkten. Sowjets hohe Verluste zugefügt.“

Am selben Tag endet das Schlachten in Stalingrad. Gegen den ausdrücklichen Befehl Hitlers kapituliert der südliche Kessel: Friedrich Paulus, tags zuvor zum Generalfeldmarschall befördert, begibt sich mit seinem Stab in russische Gefangenschaft. Zwei Tage später ergeben sich auch die Soldaten im nördlichen Kessel.

Die Zeitung „Völkischer Beobachter“ schlagzeilt am 4. Februar: „Der Kampf der 6. Armee um Stalingrad zu Ende. Sie starben, damit Deutschland lebe.“ Und schwört: „Vergeltung!“

Hunderttausende starben im Kampf um die Stadt, vermutlich 150.000 deutsche und weitere 150.000 verbündete Soldaten sowie 500.000 sowjetische Soldaten. Zahlen über zivile Opfer gibt es nicht.

Um die 110.000 deutsche Soldaten gingen in sowjetische Gefangenschaft, 5000 bis 6000 kehrten zurück in ihre Heimat, die letzten Mitte der 50er-Jahre.

Familie Redlich im Posener Land betrauert ihre Gefallenen und verdrängt das Geschehene, wie viele Volksgenossen. Offen über den Kriegsverlauf zu sprechen oder sogar Zweifel am Sieg zu äußern, ist im Dorf tabu. „Es hat keiner etwas frei herausgesagt“, sagt Wilfred Redlich. Nur an eine Ausnahme erinnere er sich: „Ein Nachbar sagte mal: Das geht in die Hose!“

Lothar Scholz erinnert sich, dass er „beinahe ein Herzweh“ empfand, als er vom Untergang der 6. Armee erfuhr. „Es kam mir nicht in den Sinn, nun etwa am Endsieg zu zweifeln, im Gegenteil, jetzt erst recht!“

Auch die Luftangriffe auf Berlin, die er erlebte, als er mal wieder dort wohnte, und die Teilzerstörung der Wohnung seiner Eltern an der Schulzendorfer Straße im Wedding, wo seine Mutter und sein Bruder lebten, erschütterten seinen Glauben nicht.

Die Schlacht um Stalingrad gilt im deutschen und sowjetisch-russischen Geschichtsbewusstsein als Wendepunkt des Zweiten Weltkriegs. Dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen war, stand schon im Dezember 1941 fest: Die deutsche Offensive war im russischen Winter vor Moskau zum Erliegen gekommen, unter kaum kompensierbaren Verlusten; die Rote Armee war zur Gegenoffensive angetreten; die USA waren in den Krieg eingetreten.

Hitler ahnt nach der Niederlage von Stalingrad, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen ist; es geht ihm jetzt darum, einen Abnutzungskrieg zu führen, der den Gegner so schwächt, dass der sich gezwungen sieht zu verhandeln. An einem Erfolg dieser Taktik zweifelt er aber selber. Das deutet sich an in seiner Rede vor Gauleitern Anfang Februar: „Würde das deutsche Volk einmal schwach werden, so verdiente es nichts anderes, als von einem stärkeren Volke ausgelöscht zu werden; dann könnte man mit ihm auch kein Mitleid haben.“

Auch Volksgenossen beginnen zu zweifeln. Der Sicherheitsdienst der SS meldet in einem geheimen Bericht am 4. Februar 1943: „Allgemein ist die Überzeugung vorhanden, daß Stalingrad einen Wendepunkt des Krieges bedeute“, den „Anfang vom Ende“. Immer öfter ist auf Hauswänden in Großstädten die Jahreszahl „1918“ zu lesen, von Bürgern unter Lebensgefahr geschrieben, als Mahnung an die Niederlage im Ersten Weltkrieg.

Stalingrad war ein Wendepunkt des Krieges, weniger ein militärischer, vielmehr ein psychologischer. Hitlers Mythos der Unbesiegbarkeit war bereits seit der Luftschlacht um England 1940/41 angeknackst, mit dem Untergang der 6. Armee aber gebrochen. Die Moral der Achsenmächte schwächte das, die Moral der Alliierten, allen voran der Sowjets, stärkte das.

Berlin, 18. Februar 1943, Potsdamer Straße, Sportpalast: Propagandaminister Goebbels wird sein Publikum gleich fragen, ob es den „totalen Krieg” wolle. Und die Gefragten werden von den Sitzen springen, die rechten Arme zum Hitlergruß strecken und „Ja!” brüllen.

Das NS-Regime versucht nach der Stalingrad-Katastrophe, die Volksgenossen auf sich einzuschwören. Propagandaminister Goebbels spricht am 18. Februar 1943 im Sportpalast an der Potsdamer Straße vor fast ausschließlich geladenen Anhängern. Er stellt in seiner zweistündigen Rede zehn Fragen, die Hingabe und Gehorsam verlangen, bedingungslos.

Die Frage „Wollt ihr den totalen Krieg?“ beantworten tausende Kehlen mit einem brüllenden „Ja!“, wobei sich Arme zum Hitlergruß recken und sich Beine aus den Sitzen drücken. Die Rede gipfelt in dem Satz: „Nun, Volk, steh’ auf, und Sturm, brich’ los!“

Lothar Scholz erinnert sich beim Stichwort „totaler Krieg“ sofort an diesen Satz – er stammt ursprünglich von dem Dichter Theodor Körner (1791–1813), der in den Befreiungskriegen gegen Napoleon fiel –, spricht ihn mit verstellter Stimme aus und fügt mit normaler an: „Ich habe das Ganze bewusst miterlebt, in der Wochenschau, im Kino.“ Und er gibt zu: „Ich war begeistert.“

Nicht alle waren das. Scholz erwähnt in seinem Buch ein Gespräch mit seinem Onkel, der „im Herzen Kommunist“ war: Es wäre besser, sagte der, wenn Deutschland den Krieg verlieren würde. „Meine ganze Achtung vor Onkel Alfred war mit einem Schlag wie weggeblasen.“ Und dann sagte der noch: Hitler ist ein Verbrecher!

„Totaler Krieg“ – der Begriff wurde bereits im Ersten Weltkrieg in Frankreich benutzt – bedeutet, die gesamte Wirtschaftskraft für den Krieg zu bündeln, um möglichst schnell den Frieden zu erzwingen. Ein Banner im Sportpalast trug dementsprechend das Motto „Totaler Krieg – kürzester Krieg“.

Goebbels spottet später: „Diese Stunde der Idiotie! Hätte ich gesagt, sie sollen aus dem dritten Stock des Columbia-Hauses springen, sie hätten es getan!“

Die Rede hat weniger Außenwirkung als vom Regime erhofft, die Weichen in die Endkatastrophe sind aber ohnehin schon gestellt. Hitler hat am 13. Januar einen Geheimerlass unterzeichnet, in dem es heißt, der „totale Krieg“ stelle Aufgaben, deren Lösung von kriegsentscheidender Bedeutung sei.

Der Chef des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW), Keitel, der Chef der Reichskanzlei, Lammers, und der Chef der Parteikanzlei, Bormann, haben Sondervollmachten erhalten, um die „totale Mobilisierung“ durchzuführen: 1,2 Millionen Männer sollen einberufen werden, um die Verluste an der Ostfront auszugleichen; Frauen sollen deren Arbeitsplätze einnehmen; alle nichtkriegswichtigen Betriebe sollen schließen.

Damit nicht genug: Am 27. Januar ist die „Verordnung über die Meldung von Männern und Frauen für Aufgaben der Reichsverteidigung“ in Kraft getreten. Nichtberufstätige Männer im Alter von 16 bis 65 Jahren und Frauen von 17 bis 45 Jahren, sofern sie kein schulpflichtiges Kind oder zwei oder mehr Kinder unter 14 Jahren haben, müssen sich beim zuständigen Arbeitsamt melden. Und: Am 15. Februar ist begonnen worden, 42.000 Oberschüler der Jahrgänge 1926/27 zur Heimat-Flak einzuziehen.

Mit der Erweiterung der Wehrpflicht ab August 1943 werden auch Jungen unter 18 Jahren in die Wehrmacht eingezogen. Bereits 15-Jährige müssen die zur Front abkommandierten Flaksoldaten als „Luftwaffenhelfer“ ersetzen.

Die Niederlage von Stalingrad veranlasst die „Weiße Rose“, im Februar ein sechstes Flugblatt in Umlauf zu bringen, das zum Kampf aufruft. „Auch dem dümmsten Deutschen hat das furchtbare Blutbad die Augen geöffnet, das sie im Namen von Freiheit und Ehre der deutschen Nation in ganz Europa angerichtet haben und täglich neu anrichten“, heißt es in dem Papier. Und: „Der deutsche Name bleibt für immer geschändet, wenn nicht die deutsche Jugend endlich aufsteht, rächt und sühnt zugleich, ihre Peiniger zerschmettert und ein neues geistiges Europa aufrichtet.“

Am selben Tag, an dem Goebbels zum „totalen Krieg“ aufruft, fallen Hans und Sophie Scholl sowie Christoph Probst und der Philosophie-Professor Kurt Huber der Gestapo in die Hände. Ein Hausmeister der Münchner Universität hat sie beim Auslegen von Flugblättern überrascht und denunziert. Vier Tage später werden die drei Studenten zum Tod verurteilt und enthauptet, im Juli wird auch Huber hingerichtet.

Der Tod kommt auch über Berlin. Anfang März 1943 fallen erstmals 1800 Kilogramm schwere Sprengbomben (sogenannte Wohnblockknacker) auf die Stadt, in der 4,1 Millionen Menschen leben. Es gibt 600 größere Brände und Schäden an 20.000 Gebäuden; mehrere Hundert Menschen sterben, auch fünf Schüler, die am Krummen Fenn in Zehlendorf als Luftwaffenhelfer Dienst taten. Die nicht nachlassenden Luftangriffe führen ab August zu ersten Evakuierungen; 800.000 Menschen verlassen die Stadt.

Im März passiert auch das: Zwei Mal versuchen Offiziere der Wehrmacht, Hitler zu töten, zwei Mal scheitern sie – am 13. in Smolensk und am 21. in Berlin.

Wilfred Redlich harrt zu dieser Zeit in seinem Dorf im Posener Land aus.

„Alle meine Kumpels waren weg, nur ich war noch da, alle kämpften, nur ich nicht“, empört er sich noch heute. „Ich wollte auch kämpfen.“

Redlich meldet sich freiwillig und wird ins letzte Aufgebot eingegliedert.

„Ich bin mit Freude Soldat geworden“, sagt er. „Ich bin gar nicht auf die Idee gekommen, dass ich fallen könnte.“ Er macht eine kleine Pause und sagt dann, mehr zu sich selbst: „Ob alle so blöd waren?“

Ab April 1944 kämpft Wilfred Redlich in Polen. „Wir sind nur rückwärts gegangen.“ Im August gerät er in Gefangenschaft, bei Lemberg. Es folgen drei Jahre Zwangsarbeit in Sibirien. Seinen Vater sieht er nicht wieder. Er fällt als Mitglied des Volkssturms im April 1945 bei Schwedt. „Im Bunker, Granate rin, da war er weg.“

Lothar Scholz wird Luftwaffenhelfer in Berlin und meldet sich später als Kriegsfreiwilliger. Zu der Zeit ist sein Vater, der zuletzt in Nordafrika kämpfte, in Gefangenschaft. Der 16-Jährige fühlt sich verpflichtet, seine Mutter und seinen Bruder, der halb so alt ist wie er, mit der Waffe in der Hand zu schützen.

Im Zuge der Kesselschlacht von Halbe Ende April 1945 gerät der Junge in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Er wird im August entlassen und darf zurück nach Fürstenwalde. Dort weigert er sich, für die Sowjets Kriegsheimkehrer auszuspitzeln, die in US-Gefangenschaft waren. Er wird bewusstlos geprügelt, flieht nach Hamburg, kehrt 1947 zurück, wird festgenommen und zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, wegen angeblicher Spionage für die Amerikaner.

Workuta: Hier befindet sich in den 1930er- bis 1960er-Jahren das größte und härteste Zwangsarbeitslager des Gulag.

In einen Ort namens Mulda bei Workuta nördlich des Polarkreises verschlägt es Scholz. Erst dort, im Straflager, setzt ein Sinneswandel ein. Von den Verbrechen, allen voran vom Holocaust, habe er „zunächst kein Wort geglaubt“. Acht Jahre später, im Oktober 1955, wird er entlassen, auf Initiative von Bundeskanzler Adenauer. Und mit der Erkenntnis, vom NS-Regime  missbraucht worden zu sein.

Am Ende seines Buches „Der verratene Idealismus“ listet Scholz auf, was Menschen Menschen antun: Massenmorde, Völkermorde – von Karl dem Großen bis in die Gegenwart. Und mahnt, sich für eine bessere Welt einzusetzen.

Wilfred Redlich und Lothar Scholz haben mit ihrer Geschichte und ihren Gegnern von einst Frieden geschlossen. Redlich fährt jedes Jahr nach Polen, in seinen alten Heimatort. Er hat geholfen, zwei Gedenksteine zu setzen, zweisprachig. Scholz hat Russland bereist, dabei Mulda besucht und auch über seine Zeit im Straflager ein Buch geschrieben.

Wie ist es zu erklären, dass selbst nach Stalingrad offener Widerstand gegen das verbrecherische NS-Regime, wie ihn die „Weiße Rose“ und die „Rote Kapelle“ leisteten, die Ausnahme blieb, dass deutsche Soldaten den Krieg, den dieses Regime über die Welt gebracht hatte, noch zwei Jahre und drei Monate verbissen weiter führten?

Da waren: der Glaube an den Nationalsozialismus, der Deutschland wieder groß gemacht hatte, ein Glaube, der, teuflisch geschickt propagiert, insbesondere in den Reihen junger Menschen ausgeprägt und kaum zu erschüttern war; die Angst vor Gefängnis oder Schlimmerem; das Pflichtgefühl von Soldaten, gebunden an den Fahneneid, für Familie und Vaterland zu kämpfen und sie zu verteidigen – nur jeder 50. beging Fahnenflucht.

Aber da war auch der Mangel an Zivilcourage.

Robert Dorsay hatte Courage. Und machte gerne Späßchen. Der Schauspieler, der sich als Charmeur und Herzensbrecher in Ufa-Lustspielfilmen einen Namen gemacht hatte, riss bei jeder sich bietenden Gelegenheit Witze über die ihm verhassten Nazis. Er bekam daher keine Filmrollen mehr, er trat in den Kriegsjahren nur noch in Fronttheatern auf.

Eines Tages im März 1943, schwere Luftangriffe haben Berlin erschüttert, sitzt Dorsay in der Kantine des Deutschen Theaters. Er hat Heimaturlaub. In alkoholseliger Runde gibt er, gewohnt umwerfend komisch, einen Witz zum Besten: „Beim Einzug Hitlers in eine Stadt stehen kleine Mädchen mit Blumen Spalier. Eins davon streckt dem Führer ein Grasbüschel entgegen. ,Was soll denn damit tun?’, fragt Hitler. ,Essen’, antwortet die Kleine. ,Die Leute sagen jeden Tag: Erst wenn der Führer ins Gras beißt, kommen bessere Zeiten.’“

Der Witz brachte Dorsay unter das Fallbeil.

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Tom Schildberg