Von Michael Brettin

Der unsichtbare Organismus

Die Gebäudetechnik unter dem Museum für Naturkunde ist hochkomplex. Sie wirkt wie ein Herz-Kreislauf-System.

Der unsichtbare Organismus von Michael Brettin

Hinter den Glasscheiben, da ist ein Schwimmen, ein Schlängeln, ein Stehen. Alles umgibt und durchdringt ein scheinbar überirdisches Licht. Hier ist, auch ohne Beschriftung für Laien erkennbar, ein Hammerhai, und dort … ja, was?

Dr. Peter Bartsch mustert das einen halben Meter lange Objekt und sagt: „Das ist eine Clupea finta, auch genannt Alosa fallax oder kurz Finte, sehr schmackhaft.“ Menschlich betrachtet wirkt die Finte mit ihrem leicht geöffneten Maul verdutzt, als frage sie sich, wie, in Neptuns Namen, sie hier landen konnte, über beide Kiemen hinaus eingetaucht in Alkohol.

Ein Grad Celsius mehr hinter der Glasscheibe wäre bedenklich.

Die Finte, deren Art früher zahlreich war, auch in der Oder, ist Teil der „Nass-Sammlung“ im Ostflügel des Berliner Naturkundemuseums. Und Dr. Bartsch, der das Schuppentier aus der Familie der Heringe in dem vasenähnlichen Behältnis bestimmte, ist Kustos der Fischsammlung und nebenbei Beauftragter für Bauprojekte des Museums.

Über drei Etagen verteilt sich diese weltweit einzigartige Sammlung: eine Million Objekte aus allen Tiergruppen, aufbewahrt in 276.000 Gläsern auf 12,6 Kilometern Regalfläche, eingelegt in 80 Tonnen Ethanol. Darunter befinden sich Tausende Typusexemplare, Erstbeschreibungen ihrer Art. Es ist ein Archiv der Natur, ein Gedächtnis für die Menschheit.

Zwei Grad Celsius mehr hinter der Scheibe wären furchterregend.

Öffentlich zugänglich ist nur das Erdgeschoss des Ostflügels, wo auch die Finte in einem Gemisch aus 70 Prozent Alkohol und 30 Prozent Wasser eine besondere letzte Ruhe gefunden hat. Im Saal steht ein nur für Museumsmitarbeiter oder Gastwissenschaftler zugängliches Glashaus, dreißig Meter lang, fünfzehn Meter breit, sechs Meter hoch. Drumherum führt ein Gang, von dem aus Museumsbesucher die konservierten Objekte bestaunen können. Hinter der Scheibe beträgt die Temperatur exakt 15 Grad Celsius.

Drei Grad Celsius mehr wären katastrophal.

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Peter
Im Keller des Ostflügels des Naturkundemuseums, direkt unter der Nass-Sammlung, befindet sich modernste Technik, die wie ein Herz-Kreislauf-System wirkt. Die Anlage erleichtert die Arbeit von Dr. Peter Bartsch, Kustos der Fischsammlung; sie leistet aber noch viel mehr.

Foto: Gerd Engelsmann

„Der Flammpunkt von Ethanol liegt bei 18 Grad Celsius“, sagt Peter Bartsch. Aber es gebe keinen Anlass zur Sorge: Modernste Technik halte die Temperatur konstant. Und selbst wenn sich wider aller Wahrscheinlichkeit etwas entflammen sollte, würde der Raum in Bruchteilen von Sekunden mit Stickstoff geflutet, sodass das Feuer erstickt.

Dass sich Museumsbesucher in Sicherheit wiegen können, darüber wacht, unsichtbar für die Öffentlichkeit, direkt unter dem Saal ein besonderer Organismus.

Ein Fahrstuhl, so geräumig, dass sechs Personen bequem neben- und hintereinander stehen können, sinkt vom Erdgeschoss der Nass-Sammlung in den Keller. Die Schiebetüren öffnen sich und geben den Blick auf einen Vorraum frei, in dem der Kentrosaurus, der oben im Sauriersaal steht, Platz fände. Es geht durch eine Brandschutztür, die nur widerwillig Eintritt gewährt, so schwerfällig ist sie. Dahinter zeigt sich ein verblüffend schmaler und langer Raum.

Für Peter Bartsch gleicht er dem Maschinenraum eines U-Boots. Eine siebenstufige Leichtmetalltreppe führt hinein: Links und rechts recken sich hellgraue, mit Technik vollgestopfte Blechschränke gen Decke. Im ebenfalls grauen Betonboden sind Gitterroste eingelassen; dorthin strecken sich graue Plastikrohre, die Kondenswasser abführen. Über Kopf schlängeln sich dicke und dünne Rohre, blitzblanke und silberfarbene, mit Alufolie ummantelt. In einer Ecke stehen schwarze Rohre: Rückschlagklappe, Schmutzfänger, Rücklauf Kaltwasser und Vorlauf Kaltwasser. Hier und da zeigen sich unterarmdicke Kabelstränge und dort eine Schalttafel mit Hunderten Lämpchen, die beruhigend grün leuchten.

„Diese Anlage ist nur für den Ostflügel gebaut worden“, sagt Peter Bartsch, „sie versorgt 3000 Quadratmeter Nutzungsfläche und sichert die gleichmäßige Klimatisierung der wertvollen Exponate, auch dadurch, dass sie in den Betonwänden Flüssigkeitsströme zirkulieren lässt, und erfüllt alle modernen Brandschutzbestimmungen.“

Vor Inbetriebnahme der Anlage mussten Bartsch und Kollegen einmal im Jahr das Ethanol in den Gläsern auffüllen, weil durch die Temperaturschwankungen so viel verdunstete. Das habe stets Witzeleien hervorgerufen, von wegen, haha, der Alkohol sei verdunstet.

Der Ostflügel trug einst die Anatomische Sammlung der großen Säugetiere. Dann suchte der Krieg auch Berlin heim. Das Museum beschloss 1942, die Saurierskelette, deren Rekonstruktion erst fünf Jahre zuvor abgeschlossen worden war, im Keller zu verstauen. Im April 1943 kamen weitere Objekte dazu.

Die ersten Bomben trafen das Museum in der Nacht vom 22. zum 23. November 1943. Ein Luftangriff am 3. Februar 1945 forderte Tote und Verletzte. Eine Zehnzentnerbombe durchschlug den Ostflügel, der daraufhin bis in das Kellergeschoss zusammenfiel.

Es tat sich über Jahrzehnte wenig, um das Museum zukunftsfähig zu machen. Inzwischen befindet es sich in einer Metamorphose: Die erste Bauphase (2004–2007) führte zur Sanierung des Sauriersaals und angrenzender Räume sowie zur Einbindung des westlichen Freitreppenhauses in den Ausstellungsbereich, die zweite Phase (2005–2010) zum Wiederaufbau des Ostflügels samt Keller, die dritte (2012–2018) zur Erweiterung der Ausstellungsfläche durch Öffnung von Sälen in den Obergeschossen für Besucher, womit 38 Prozent des Hauses saniert sind; eine vierte beginnt 2019.

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Der neue Ostflügel des Museums: Im Erdgeschoss ist der öffentlich zugängliche Teil der Nass-Sammlung zu sehen, im ersten und zweiten Obergeschoss lagert der Rest.

Foto: Robert Schlesinger/dpa

Modernste Gebäudetechnik ästelt sich vom Keller durch das Museum, als wäre es ein Herz-Kreislauf-System, mit Pumpen als Herzen, mit Rohren als Arterien und Kabeln als Kapillaren.

„Früher war das Naturkundemuseum wie ein Termitenhügel konstruiert, mit Schächten, die das Haus kaminartig durchzogen und die über eine Dampfheizung Wärme verteilten“, sagt Peter Bartsch. „In den Sälen gab es keine konstanten Temperaturen und keine aktive Belüftung.“ Heute sei das nicht mehr zeitgemäß, weder aus Sicht des Objekt- und Brandschutzes noch der Ökonomie und Ökologie.

Die Wände der Säle wurden mit feuchtigkeitsregulierendem Lehm verputzt, dahinter wurde ein geothermisch betriebenes Heiz- und Kühlschleifensystem installiert. „Um Erdwärme zu nutzen, haben wir 16 geothermische Bohrungen vorgenommen“, erzählt Bartsch. Im Hof zwischen Ostflügel und Mittelbau sei man 98 Meter tief gedrungen. „Dabei sind wir auf ein Braunkohleflöz gestoßen. Es hätte sich nicht gelohnt, es abzubauen.“ Er schmunzelt in seinen Bart hinein.

Da leuchtet auf einer Schalttafel eines der über hundert Lämpchen nicht beruhigend grün, sondern bedenklich rot: „Nummer 42. Taupunktwächter Nord.“ Was bedeutet das? „Das ist ein Hinweis auf Kondenswasser“, sagt Peter Bartsch. „Sollte man mal checken.“ Er ist nicht beunruhigt.

Das mehrflügelige Museumsgebäude ist voll unterkellert, mit Ausnahme des Sauriersaals, unter ihm liegt nur ein Gang: 8600 Quadratmeter Raumfläche netto nimmt der Keller ein, eineinhalb bis zweieinhalb Meter geht er tief. „Dass wir keinen Tiefkeller haben, hängt mit dem Grundwasser zusammen“, erklärt Bartsch.

Nur jedes hundertste aller seiner 30 Millionen Objekte aus Zoologie, Paläontologie, Geologie und Mineralogie präsentiert das Museum in seinen Sälen, alles andere ist untergebracht in angemieteten Lagern, im ersten und zweiten Stock des Hauses und auch im Keller.

Drei Kellerräume sind vollgestopft mit Gebäudetechnik, die 46.000 Quadratmeter Nettoraumfläche des Museums versorgen. In anderen Räumen befinden sich das Präparationslabor und die Sammlung der Großpräparate, eingelegt in Alkohol, Sammlungen der Paläontologie, Mineralogie und Geologie – alles, was zu schwer ist, um es in den oberen Etagen zu lagern.

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Museum
Das Naturkundemuseum Berlin zählt zu den weltweit bedeutendsten Einrichtungen seiner Art.

Foto: Schöning/Imago

Tradition und Moderne

Das „Museum für Naturkunde – Leibniz-Institut für Evolutions- und Biodiversitätsforschung“ in Berlin zählt weltweit zu den bedeutendsten Forschungseinrichtungen auf dem Gebiet der biologischen und erdwissenschaftlichen Evolution und Biodiversität. Es hat so viele Besucher wie kein zweites seiner Art in Deutschland: 2017 waren es 632454.

Das Museum entstand im Zuge der Gründung der Berliner Universität, die 1810 ihren Lehr- und Forschungsbetrieb aufnahm (ab 1828 Friedrich-Wilhelms-Universität, ab 1949 Humboldt-Universität). Die Sammlungen, aus dem Anatomisch-Zootomischen Museum, dem Mineralogischen Museum und dem Zoologischen Museum füllten um 1880 zwei Drittel des Hauptgebäudes der Universität Unter den Linden; ein neues Haus entstand daher an der Invalidenstraße. Es eröffnete 1889.

Das Museum steht dort noch heute, es wird seit 2004 in Etappen modernisiert.

Museum für Naturkunde Berlin, Invalidenstraße 43, 10115 Berlin, Tel. (030) 889140-8591, www.museumfuernaturkunde.berlin

Bei so vielen Objekten kann man schon mal den Überblick verlieren. So stießen im Jahr 2006 Museumsmitarbeiter auf einen Überseekoffer, der Tausende Schmetterlinge beinhaltete und dazu die Geschichte eines Naturforschers aus den 1930er-Jahren.

Drei Jahre später fanden sich in einer der Transporttrommeln der Tendaguru-Expedition, die kurz vor dem ersten Weltkrieg die 250 Tonnen an Saurierknochen aus Deutsch-Ostafrika herbeigeschafft hatte, Fruchthülsen des Affenbrotbaumes, darin unzählige kleine Saurierknochen und dazu eine Konservendose, in der statt „Ochsenfilet mit Trüffeln“, wie das Etikett verhieß, weitere Saurierknochen waren.

Ob der Keller weitere Überraschungen birgt? So sehr es reizt, ihn bis in seine letzte Ecke, Staubschicht und Spinnwebe zu erkunden, auf etwas Sagenhaftes hoffend, das in Vergessenheit geraten ist, so strikt sind die Sicherheitsregeln. Den Raum mit der Sammlung der Großpräparate zum Beispiel darf nur betreten, wer vorher eine Kurzschulung bekommen hat. „Da ist Explosionsschutzzone 1“, mahnt Peter Bartsch. „Schon ein Fotoapparat, elektrostatisch aufgeladen, könnte eine Katastrophe auslösen.“

Neben dem Keller unter dem Ostflügel liegt der Keller unter dem Mittelbau Ost. Der Weg hinein geht über einen kleinen Flur in einem schmalen Treppenhaus voller Baustaub. Auf dem Boden liegen zwei Holzbretter. Die Wände sind unverputzt. An einer Wand glänzt das halbkugelige  Auge einer Überwachungskamera. Eine Steintreppe, die im rechten Winkel abknickt, führt durch eine Brandschutztür in einen Gewölberaum mit weiß verputzen Wänden und aus rotem Backstein gemauerter Decke.

Ein Dickicht an Maschinen und Apparaten, Hohlkörpern und Behältern, Rohren und Kabeln, Messgeräten und Schalttafeln (über)fordert das Auge des Laien. Ein Röhren und Rauschen, ein Brummen und Sirren füllt den Raum. Die Wärme, welche die Maschinen abstrahlt, ist schweißtreibend, fast schon tropisch.

In diesem Keller, der sich in einen Vor- und einen Hinterraum teilt, lagerten früher Kohlen für die Kessel der Dampfheizung. Später diente er als Café. „Die Akustik war schlecht“, erinnert sich Peter Bartsch. „Man verstand am eigenen Tisch kein Wort, am benachbarten jedes.“ Er schmunzelt wieder in sich hinein.

Im ersten Kellerraum  befinden sich zwei Kältemaschinen für den Ostflügel, im zweiten fällt ein allein stehendes, sehr kompaktes  Gerät auf, vielleicht zwei Meter breit, einen Meter tief und um die 1,70 Meter hoch. „Das ist die Wärmepumpe“, erklärt Bartsch, „sie versorgt unsere Sammlungssäle oben mit einer Wärmeleitung von 118 Kilowatt und einer Kühlleistung von 100 Kilowatt.“

Ein Haustechniker hegt und pflegt den komplexen Organismus im  Keller des Museums. Und Mitarbeiter der Gebäudeleittechnik der Humboldt-Universität überwachen seine Werte, auch die der Nass-Sammlung.

Es geht inzwischen auf den Nachmittag zu. Besucher schlendern durch die Nass-Sammlung, gucken hier, fotografieren dort. Die Finte wirkt nach wie vor verdutzt, bei konstant 15 Grad Celsius.

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Autoren
Michael Brettin

Video
Frauke Hinrichsen

Konzeption
Felix Firme