Von Michael Brettin

Hüter der verborgenen Schätze

Zwei Vereine kümmern sich um Berliner Stadtgeschichte von unten. Ein Interview mit den Vorsitzenden.

Hüter der verborgenen Schätze von Michael Brettin

Bevor wir uns setzen, muss Dietmar Arnold uns etwas zeigen. Über den Hinterhof, vorbei an Zementsäcken, gehen wir zu einer Tür, die in einen Keller führt. Ein paar Stufen tiefer stehen wir in einem Raum, der eine Geschichte aus dem Jahr 1962 erzählt, die des Tunnels 29 – durch ihn flohen 29 DDR-Bürger nach West-Berlin. Eine zweite Treppe, deren Handlauf nässt, weil es so feucht ist, endet in einem Tonnengewölbe, dem sich ein zweites anschließt. Wo einst die Oswald-Berliner-Brauerei ihr Weizenbier lagerte, liegen Stahlbetonpfeiler und -bögen, bereit, verbaut zu werden. In der Stirnwand klafft ein Loch.

„Wir haben einen Fluchttunnel entdeckt“, sagt Arnold und geht hinein. „Wir graben den alten Tunnel an, indem wir einen neuen anlegen, der ihn kreuzt.“ Der neue Tunnel aus Stahlbetonsegmenten, gut einen Meter breit und zwei Meter hoch, krümmt sich durch siebeneinhalb Meter tief liegendes Erdreich. Arnold leuchtet mit einer Taschenlampe nach links und rechts oben. Hohlräume sind zu sehen. „Das sind Reste des Fluchttunnels“, sagt er. „Wir wollen hier ein Fenster einbauen, sodass Besucher in den alten Schacht hineinblicken können.“ Der Tunnel, 1970/71 von der Bernauer Straße in die Brunnenstraße gegraben, war verraten, 17 Fluchtwillige waren in Haft gekommen.

Reich an solchen Schätzen der Geschichte ist der Berliner Untergrund. Dass sie nicht in Vergessenheit geraten, darum kümmern sich die Vereine Berliner Unterwelten und unter-berlin mit ihren Vorsitzenden Dietmar Arnold und Niko Rollmann. Wir nehmen Platz im Hinterhof der Brunnenstraße 142, wo die Unterwelten Seminare geben und Führungen machen.

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Dietmar Arnold im Gespräch mit Niko Rollmann

Foto: Sabine Gudath

Berliner Zeitung: Herr Arnold, Herr Rollmann, was hat Sie in den Untergrund getrieben?

Dietmar Arnold: Ich bin 1988 in Paris gewesen, im Rahmen eines Studienaustauschs, und dort an sogenannte Cataphiles (Katakombenliebhaber, Anm. d Red.) geraten. Die erforschen den Untergrund von Paris, die haben mich zwei Tage mitgenommen, und da habe ich mir den Virus eingefangen. Ich dachte: Ich muss mal gucken, was unter der eigenen Stadt los ist – und musste leider feststellen, dass unglaublich viele unterirdische Bauten verschwunden waren oder abgebrochen worden waren. Besonders schlimm haben die Brauereien gelitten. Wir waren zum Beispiel dreimal vorstellig bei der Unteren Denkmalschutzbehörde Prenzlauer Berg, weil es unter der ehemaligen Schultheiß-Brauerei, wo heute die Kulturbrauerei ist, noch richtig tolle alte Lagertanks gab. Und da kam dann eine ABM-Truppe, die hat alle mit Schneidbrennern zerschnitten. Oberirdisch hat sich die Denkmalpflege um die Farbe der Fugen gestritten, was unten war, hat sie nicht interessiert. Da haben wir gemerkt: Der Untergrund von Berlin braucht eine Lobby; wenn wir uns jetzt nicht darum kümmern, ist das alles weg.

Herr Rollmann, wie haben sie sich „infiziert“, um Herrn Arnolds Bild vom Virus aufzugreifen?

Niko Rollmann: Ich hatte immer ein großes Interesse an Archäologie, aber auch an, ja, wie soll man das sagen, verschütteten sozialen Zusammenhängen, an Untergrundbewegungen, an Subkultur, also an Dingen, die so im Alltag nicht sichtbar sind. Man kann ja die gesamte Geschichte der Menschheit von unten betrachten, also anhand des Untergrunds. So kam ich unter die Erde.

Herr Arnold, Sie haben schon als Steppke mit Kumpels Ausflüge in den Berliner Untergrund gemacht: haben sich in Indiana-Jones-Manier durch Trümmerschutt in die Ruine des Flakturms Humboldthain gebuddelt. Inzwischen machen die Unterwelten dort Führungen.

Arnold: Ja, da war ich 13, 14. Das war unser Abenteuerspielplatz. Da sind wir früh morgens aus Hermsdorf gekommen, mit der ersten S-Bahn, Klappspaten und so was im Gepäck, und haben uns da reingegraben. Das Bezirksamt hat unsere Schlupflöcher immer wieder zugeschüttet, aber wir sind da immer wieder reingekommen, bis eines Tages alles mit Beton zugegossen war, sodass wir keine Chance mehr hatten, uns durchzugraben.

Das ist nicht zur Nachahmung empfohlen!

Arnold: Nein! Das würde ich heute nicht mehr machen, ganz definitiv würde ich das heute nicht mehr machen. Diese Ruine, die hat es ja in sich. Wir haben dort 1999 eine fast zweitägige Expedition gemacht und dann dem Bezirksamt eine Konzeption vorgelegt, wie wir das erschließen können. Wir haben unglaublich viele Sicherungsarbeiten durchgeführt …

Herr Rollmann, haben Sie sich auch mal verbotenerweise unter Berlin gewagt?

Rollmann: Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich an zwei illegalen Einstiegen beteiligt war. Heute muss ich mich explizit davon distanzieren. Jugendsünden.

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Adlon-Bunker
Adlon-Bunker (1995): Dietmar Arnold erlaubt sich im zweiten Untergeschoss des Hotels einen kleinen Scherz – von wegen Rauchen verboten.

Foto: Frieder Salm/Archiv Berliner Unterwelten e.V.

Hat sich jemals einer von Ihnen unter Tage in Gefahr befunden?

Arnold: Das Schlimmste, was ich erlebt habe, war im Winter 1990, nachdem der Adlon-Bunker auf war, am Pariser Platz. Der Tiefbunker des Hotels hat eine dreieinhalb Meter starke Decke, das ist schon ordentlich. Die untere der beiden Etagen war unter Wasser; es stand zehn Zentimeter unter dem Rand meiner Gummihose – und ich hatte keinen Gürtel um! Ich gehe also beim Vermessen den Gang runter, und da war im Fußboden so eine Art Sickerschacht ohne Abdeckung, da ging’s nochmal 40 Zentimeter runter. Und ich hatte auf einmal über 100 Liter Wasser in der Hose.

Herr Rollmann, wie sieht’s bei Ihnen aus?

Rollmann: Einmal habe ich mir beim Durchrobben eines sehr schmalen Zugangstunnels zu einem unterirdischen Bauwerk im Friedrichshain an einem Vorsprung, den ich im Dunkeln nicht sehen konnte, fürchterlich den Kopf gestoßen und habe leicht Panik geschoben. Und die andere Sache: Ich war mal in einem Keller, auch alleine, in einem Brauereigewölbe, ziemlich eng und immer mal so ein bisschen unheimlich, und bemerkte plötzlich, dass ich nicht alleine war – da waren auch noch Fledermäuse.

Was fasziniert Sie am Untergrund?

Arnold: Der Untergrund ist ein Geschichtsspeicher. An authentischen Orten kann man Geschichte viel besser empfinden und vermitteln. Das sieht man ja in den Brauereigewölben von Oswald Berliner hier unten; wir thematisieren hier auch das Thema Fluchttunnel, weil wir hier mitten im Fluchttunnelgebiet sind. Man kann natürlich auch Geschichte in modernen Ausstellungspavillons vermitteln, finde ich aber nicht so spannend.

Und Sie, Herr Rollmann?

Rollmann: Man kann im Untergrund die historischen Zusammenhänge ganz konkret sichtbar machen. Ich denke da an den Keller der Herz-Jesu-Kirche, Prenzlauer Berg, wo Menschen vor den Nazis versteckt wurden, oder an den Keller in der Papestraße, dieses ehemalige „wilde“
Konzentrationslager.

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Geisterbahnhof Dresdener Straße (1996): Der Rohbau des U-Bahnhofs liegt zwischen Oranienplatz und Alfred-Döblin-Platz, der Senat hat ihn 2015 verfüllt.

Foto: Frieder Salm/Archiv Berliner Unterwelten e.V.

Wie steht es um den Berliner Untergrund? Manches ist verschwunden, manches wird nicht gepflegt, manches interessiert offenbar verantwortliche Behörden nicht. Oder ist das zu düster gemalt?

Arnold: Nee. Der U-Bahnhof Dresdener Straße zum Beispiel (ein Rohbau, gelegen im Untergrund zwischen Oranienplatz und Alfred-Döblin-Platz, Anm.d.Red.), dieser tolle Bahnhof aus dem Jahr 1914, mit diesen tollen Säulen aus schwedischem polierten Granit: Da haben wir auch Touren gemacht. Und dann kamen die beim Senat auf die Idee, das ganze Ding zu verfüllen, weil die Statik gefährdet sei. Da habe ich richtig schlechte Laune gekriegt, denn wir hatten an einem Sicherheitskonzept gearbeitet und wir hätten das auch hingekriegt, wenn die Straße als Einbahnstraße umgebaut worden wäre, mit einer Belastung von 30 Tonnen. Und dann hieß es: Nee, wir brauchen 30 Tonnen in beide Fahrtrichtungen. Da habe ich einen Statiker von uns gefragt: Was heißt denn das? Ja, Herr Arnold, sagte der, das heißt 59 bis 60 Tonnen Baustahl mehr! Das konnte sich unser Verein nicht leisten.

Herr Rollmann, sind Ihre Erfahrungen ähnlich?

Rollmann: Wir leben in einem neoliberalen Zeitalter, da nimmt man auf solche Sachen oft keine Rücksicht, da werden Sachen abgerissen, wo man sich im Grunde nur an den Kopf fasst. Für mich ist eine Katastrophe, was bei der East-Side-Gallery geschehen ist: Da kam irgendein Investor dahergelaufen, und dann hat man da Löcher reingehauen. Also ich sehe das mit Fassungslosigkeit. Und da gibt es dann eben auch, wie von Herrn Arnold erwähnt, die entsprechenden Gegenstücke im Untergrund. Man denkt sich: Das kann doch nicht wahr sein!

Berliner Unterwelten und unter-berlin bieten Führungen an. Welche Touren gehen am besten?

Arnold: Zum echten Knaller hat sich die Tour M entwickelt. Da geht’s um die Fluchttunnel, inzwischen bieten wir die Tour in fünf Sprachen an. Ich mache ja auch Führungen, und das ist nach wie vor eine meiner Lieblingstouren, ich könnte die Tour sechs Stunden machen, aber zwei Stunden müssen irgendwie reichen. Bei dieser Tour ist alles enthalten: Da geht’s um Fluchthelfer, die in einen Hinterhalt der Staatssicherheit geraten sind, um Grenzsoldaten, die unter tragischen Umständen ums Leben gekommen sind.

Herr Rollmann, was geht bei unter-berlin am besten?

Rollmann: Der Klassiker bei uns ist die Führung Prenzlauer Berg, also Gewölbe der Königsstadtbrauerei, Wasserspeicher, als Extra der erwähnte Herz-Jesu-Keller. Das wird sehr häufig gebucht. Und dann eben auch, wie bei den Berliner Unterwelten, die Thematik Fluchttunnel.

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Niko Rollmann im Gespräch mit Dietmar Arnold

Foto: Sabine Gudath

Wer nimmt an den Führungen Teil? Vom Geschlecht her, vom Alter her?

Rollmann: Bei uns überwiegen technik-affine Männer mittleren und gehobenen Alters. Wir haben natürlich mal den einen oder anderen Prenzlberg-Hipster dabei, aber eigentlich ist Untergrund eher so ein Herren-Thema, oder?

Arnold: Also bei uns gar nicht.

Rollmann: Nee?

Arnold: Nee.

Rollmann: Ihr seid da gemischter?

Arnold: Erstmal muss ich sagen, der Anteil an deutschsprachigen Führungen geht zurück. Wir hatten früher mal 80 Prozent, inzwischen sind wir bei unter 70. Vor allem der Zulauf von Spaniern ist unglaublich. Und es ist sehr viel ganz junges Publikum dabei, auch englischsprachiges, und viele Pärchen. Gut die Hälfte unserer Gäste ist weiblich. Kinder unter sieben Jahren nehmen wir nicht mit auf unsere Touren.

Weil?

Arnold: Weil das manchmal echt daneben ist, was manche Eltern ihren Kindern zumuten. Da gibt es eine Erwachsenengruppe, und mittendrin stehen drei Vierjährige – die laufen dann eineinhalb Stunden mit, ohne was zu verstehen. Ich sag mal so: Ab sieben Jahre ist, je nachdem, okay. Wir haben sehr viele Schülerklassen, und ich muss sagen: Gruppen aus Süddeutschland haben oft mehr drauf als aus Berlin. Da fragte mal ein Berliner Schüler: „Warum hat der Hitler den Reichstag so dicht an die Berliner Mauer gebaut?“ Ich kann aus meiner jahrelangen Erfahrung mit Schulklassen sagen: Das Niveau nimmt ab, Geschichte scheint in der Schule nicht mehr so eine Rolle zu spielen wie früher.

Herr Rollmann, wie sind Ihre Erfahrungen?

Rollmann: Man merkt, dass Tourteilnehmer oft unrealistische Vorstellungen haben. Das hängt auch mit dem Fernsehen zusammen. Es gibt da bestimmte Sender, die machen Dokus wie „Der Untergrund Berlins“. Das kann auch Hamburg oder Frankfurt sein, weil die sowieso immer dasselbe zeigen. Man sieht eine Gestalt, ganz in schwarz, die durch einen langen Tunnel geht, mit einer riesigen Taschenlampe, die Kamera schwankt hinterher, man hört düstere Musik, und dann kommen immer dieselben Floskeln: Labyrinth, Bernsteinzimmer, Führerbunker, Nazigold und Geheimwaffen und auch noch die Stasi. Folge: Manche Leute erwarten, dass wir stundenlang durch endlose Gänge gehen, am liebsten mit einer Fackel. Diesen Zahn müssen wir den Leuten dann ziehen und sagen: Sorry, da unten gibt’s keine endlosen Gänge, und nein, wir gehen nicht ins Bernsteinzimmer und schon gar nicht in den Führerbunker. Und dann machen wir ihnen klar, dass der Berliner Untergrund trotzdem sehr spannend ist, eben „Geschichte von unten“ erzählt.

Was ist Ihr persönliches unterirdisches Highlight?

Arnold: Der Flakturm Humboldthain, nach wie vor. Man kann eigentlich von einer Höhlenführung sprechen, so wie es da aussieht, mit Tropfsteinen und Fledermäusen. Was ich auch sehr, sehr schön finde, das ist der AEG-Versuchstunnel, der erste U-Bahntunnel Deutschlands. Wir haben fast 300 Meter historisches Gleis freigelegt und den Tunnel in seinen Urzustand zurückversetzt. Es gibt natürlich auch andere Anlagen, wo man denkt: Das ist völlig verrückt! Die Stahlplattengänge in einer alten Stahlfirma am Teltow-Kanal zum Beispiel, zwei Luftschutzgänge, über 100 Meter lang, die miteinander verbunden sind. Kennst du die?

Rollmann: Hab ich noch nicht gesehen, nein.

Arnold: Irre, alles komplett verrostet. Die ersten Schichten pellen von den Stahlträgern ab, es ist aber noch alles stabil.

Herr Rollmann, welcher Ort unter Berlin fasziniert Sie am meisten?

Rollmann: Ein Ort, der in seiner ursprünglichen Form nicht mehr vorhanden ist: die Gewölbe der ehemaligen Bötzow-Brauerei in Prenzlauer Berg, einst die größte Berliner Privatbrauerei. Als wir dort früher Führungen machten, überlagerten sich da so verschiedene historische Zeitschichten in einer wirklich ganz markanten Weise. Eine andere Anlage ist der Eisacktunnel, wo wir manchmal auch mit unseren Seminargruppen sind, ein stillgelegter U-Bahntunnel.

Arnold: Ich muss nochmal kurz zu den Kollegen runter. (Geht in den Keller.)

Herr Rollmann, was hoffen Sie noch zu entdecken?

Rollmann: Wir fragen uns immer wieder, wo die Beute der Brüder Sass ist. (Franz und Erich Sass erbeuteten bei ihrem Einbruch in die Diskontobank am Wittenbergplatz 1929 bis zu zweieinhalb Millionen Reichsmark, Anm. d. Red.) Da gibt es ja immer wieder diese Geschichte, dass sie ihre Beute auf einem Berliner Friedhof vergraben haben. Das größte Highlight für mich war der Fund sogenannter entarteter Kunst bei Bauarbeiten an der U5. (Im Jahr 2010 wurden aus Trümmerschutt im Keller eines Hauses an der Rathausstraße 16 Skulpturen geborgen, die die Nazis beschlagnahmt hatten, Anm. d. Red.) So einen Fund würde ich nochmals erhoffen.

(Dietmar Arnold kommt zurück und setzt sich wieder.)

Herr Arnold, was erhoffen Sie noch zu entdecken?

Arnold: Na, wir haben hier gerade einen Fluchttunnel entdeckt!

Unabhängig davon, ohne den Fund schmälern zu wollen.

Arnold: Unter dem Teufelsberg liegen die Reste der Wehrtechnischen Fakultät. Die hatte Luftschutzräume für 3000 Personen. Nach dem Krieg hat man die Ruine größtenteils abgerissen und darauf den Trümmerberg gesetzt. Ich glaube nicht, dass alle Kelleranlagen komplett aufgefüllt wurden. Vermutlich sind nur die Zugänge verfüllt, sodass es noch größere Hohlräume gibt. Man müsste sich durch 70 Meter Trümmerschutt graben. Die Arbeit möchte ich mir aber nicht mehr machen.

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