Von Michael Brettin

In den Kammern des Echos

Die Wasserspeicher in Prenzlauer Berg und ihre wechselvolle Geschichte.

In den Kammern des Echos von Michael Brettin

Es gluckst und gurgelt, rumpelt und röchelt, plitscht und platscht. Kommen die Geräusche aus der vorderen oder der hinteren Kammer?

Das Licht spielt einem auch Streiche. In jeder Kammer, zweieinhalb mal zweieinhalb Meter flächig, hängt eine dieser kellertypischen Lampen, deren ovale Schirme in Metallkörbchen stecken. Ihre Leuchtkräfte schwanken; sie zeichnen mal scharfe, mal schemenhafte Schattenrisse.

Hallo, -allo, lo, -o ..? Herr Rollmann, -mann, -an, -n ..?

Die Wände, verwaschenes Ziegelmauerwerk, bis zu sechs Meter hoch, werfen sich die Wortfetzen zu, immer und immer wieder.

Und eine der Kammern hat Herrn Rollmann geschluckt.

Der Kammergang, die Rundbögen, das Tonnengewölbe: Das Bauwerk könnte eine frühchristliche Krypta oder eine römische Katakombe oder eine etruskische Grabkammer sein – alles in allem ein Totenreich.

Hallo, -allo, lo, -o ..?

Niemand ist zu sehen, Herr Rollmann ist jetzt aber zu hören. „Es ist ein übererdetes Bauwerk, es gilt daher als unterirdisch.“ Seine Stimme hallt. „Das Wasser stand hier früher bis zur Decke.“ Er taucht wieder auf, in einer Kammer, in der sich ein dickes Rohr von der Decke bis zum Boden krümmt, rostgebräunt, versiegelt. „Ein alter Wasserzulauf.“

Großer Wasserspeicher heißt der Bau; er befindet sich unter einem Hügel, der umschlossen ist von Belforter, Diedenhofer und Kolmarer Straße sowie Knaackstraße in Prenzlauer Berg; der Kleine Wasserspeicher liegt gleich nebenan.

Und Niko Rollmann ist Vorsitzender des Vereins unter-berlin, der in den Speichern Führungen macht.

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Unter Prenzlauer Berg: Niko Rollmann steht im äußeren Ring des Großen Wasserspeichers. Der Vorsitzende des Vereins unter-berlin macht hier Führungen.

FOTO: BERND FRIEDEL

Bis vor gut hundert Jahren speicherte das große Rund, das einen Durchmesser von fast 40 Metern hat, Wasser; heute speichert es Klänge. Das Bauwerk besteht aus fünf gemauerten Ringen: einem äußeren Ring, in dem sich 35 miteinander verbundene Kammern aneinanderreihen, und vier innen gelegenen Ringen (Ringkammern), die dreieinhalb Meter breit sind. Ihr Nebeneinander bewirkt eine einmalige Akustik: Echo-Effekte, die an jeder Stelle anders sind.

„Wir haben hier für Berliner Verhältnisse einen rekordverdächtigen Nachhall“, sagt Niko Rollmann, der seinen Rundgang durch den äußeren Ring beendet hat, „über den Daumen gepeilt um die 18 Sekunden. Deswegen eignet sich dieser Speicher fantastisch für Klangkunstinstallationen.“

Georg Klein von KlangQuadrat nutzt den Speicher zum ersten Mal. An diesem frühen Dienstagabend setzt er mit seinem Team letzte Handgriffe für das dreitägige Klangkunst-Festival „Dystopie“. Die Künstler checken Sound und Videos. In den Ringgängen stehen Kisten und Leitern, liegen Werkzeuge und Kabel, hängen Boxen und Monitore.

„Dystopie hat Konjunktur“, beginnt Klein das Thema des Festivals zu erklären. „Autoritär geführte Staaten, die weltumspannende Macht der Internetkonzerne und ökologische Katastrophen – sie fügen sich zu einer Zukunftsvision des Schreckens.“

Die Boxen glucksen und gurgeln, rumpeln und röcheln, plitschen und platschen.

Es gibt noch ein anderes Echo, beide Bauwerke speichern es in ihren Mauern: das Echo Berliner Geschichte, einer Geschichte, die auch mit Schrecken zu tun hat. Die Wasserspeicher erzählen von der industriellen Revolution, der fortschreitenden Stadttechnik, dem typischen Leben in einem Arbeiterbezirk, dem nationalsozialistischen Terror, den wirtschaftlichen Verhältnissen in der DDR und der heutigen Kunst- und Kulturszene des Prenzlauer Bergs.

Berlin um 1850. Die Zahl der Einwohner wächst stetig, bei 430.000 Menschen liegt sie inzwischen. Die Wohnbedingungen sind elend: Vielköpfige Familien hausen in einem Zimmer, andere in notdürftigen Baracken (Landwehrkanal). Die Wasserversorgung und -entsorgung sind ein Graus: Es gibt weder sauberes Trinkwasser noch ein flächendeckendes Abwassersystem.

Die Berliner pumpen Trinkwasser aus 9000 Haus- und 900 Straßenbrunnen oder eimern es aus der Spree. Hausbrunnen sind verseucht, weil sie, was in engen Hinterhöfen die Regel ist, direkt neben Abortgruben liegen, die undicht oder überfüllt sind – die Gruben sind oft beides.

Straßenbrunnen sind verseucht, weil Körperausscheidungen und Fäulnissäfte der Rinnsteine und Abwässer der Industrie ins Grundwasser sickern. Und die Spree verkommt zur Kloake, weil „Nacht-Emmas“ – sie nennen sich selbst „Frauen der nächtlichen Arbeit“ – Fäkalien in den Fluss kippen.

Berlin um 1850: Die Stadt stinkt zum Himmel. „Berlin hatte ein Hygieneproblem“, sagt Niko Rollmann. „Und dieses Problem förderte Magen-, Darm- und sonstige Krankheiten: Cholera, Thypus, Ruhr.“ Die Lebenserwartung in jener Zeit liegt unter 40 Jahre. Noch um 1880 stirbt jedes dritte Kind vor seinem ersten Geburtstag. Zehn Cholera-Epidemien gibt es im Verlauf des 19. Jahrhunderts in Berlin, sie fordern 20.000 Menschenleben.

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Das erste seiner Art in Berlin: Das Wasserwerk vor dem Stralauer Tor ging 1856 in Betrieb.

REPRO: Die Gartenlaube/Public Domain/Wikipedia

Die Obrigkeit sieht sich zum Handeln gezwungen; und sie handelt. Die Grundlagen der Berliner Wasserversorgung legt der Ingenieur und Direktor der Städtischen Wasserwerke Henry Gill mit dem Bau der Wasserwerke vor dem Stralauer Tor (1856), in Tegel (1877) und am Müggelsee (1893); die (Unter-)Grundlagen der Abwasserentsorgung gräbt Stadtbaurat James Hobrecht mit Inbetriebnahme der Kanalisation im Jahre 1876.

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Henry Gill (1824–1893) legte die Grundlagen der Berliner Wasserversorgung.

FOTO: BERLINER WASSERBETRIEBE

Das Gebiet vor dem Prenzlauer Tor ist für Henry Gill eine besondere Herausforderung. Die dort lebenden 60.000 Menschen haben kein fließendes Wasser, weil der Druck des Wasserwerks vor dem Stralauer Tor zu schwach ist. Gill lässt 1856 auf dem Mühlenberg die erste Wasserversorgungsanlage Berlins in Betrieb gehen: einen kreisförmigen offenen Wasserbehälter, der 3000 Kubikmeter Wasser fasst, und einen Steigrohrturm, der 33,5 Meter misst. Das Wasser kommt aus dem Pumpwerk vor dem Stralauer Tor.

James Hobrecht lässt sechs Jahre darauf um die Anlage den Bezirk Prenzlauer Berg entstehen. Der Bezirk wächst, der Wasserbedarf steigt. Die Stadt baut daher von 1874 bis 1877 auf dem Mühlenberg einen Wasserturm mit Hochreservoir, ihren ersten (bis 1930 folgen 113), dazu Maschinenhäuser und einen zweiten Wasserspeicher, der 7000 Kubikmeter fasst; der kleine Speicher wird überwölbt.

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Wasserturm und Steigrohrturm sind Wahrzeichen des Kiezes an der Knaackstraße in Prenzlauer Berg. Das Türmchen rechts führt in den Großen Wasserspeicher.

FOTO: BERND FRIEDEL

Die Boxen im Großen Wasserspeicher glucksen und gurgeln, rumpeln und röcheln, plitschen und platschen.

Mauerdurchbrüche in den Ringen, die nach Außerbetriebnahme des Speichers erfolgten, führen schnurstracks zum Zentrum des Runds, in dem ein Turm mit etwas mehr als vier Metern Durchmesser steht, dessen Wendeltreppe an die Oberfläche führt. Er war lange der einzige Zugang zum Speicher.

Eine Sandschicht bedeckt den Boden um den Turm. „Wir haben zehn Tonnen Sand ausgelegt, fünf, sechs Zentimeter dick“, sagt Mediakünstler Georg Klein. „Es ist gleich eine ganz andere Akustik: Das Dunkle, Schwere und Hallige wird umgedreht.“

Der ganze Boden des Speichers war früher mit Sand bedeckt. „Der Sand sollte das Wasser filtern“, erklärt Niko Rollmann. „Hatte er an Reinigungskraft verloren, musste er ausgetauscht werden. Man musste das Wasser ablassen, und Arbeiter mussten den alten Sand rausholen und neuen reinbringen. Das war eine richtige Plackerei.“

Die Plackerei endet im Oktober 1914, beide Speicher gehen außer Betrieb.

Das Echo des kleinen Speichers ist nicht so beeindruckend wie das des großen Bruders. Die Nachhallzeiten liegen bei bis zu sechs Sekunden. Der Baustil hingegen ist nicht weniger imposant, auch er hat etwas Sakrales – er ist eine himmlische Bühne für gregorianische Choräle.

Dieser Speicher ist eine runde Halle von ungefähr 30 Metern Durchmesser mit Mauerwerkspfeilern, in zwei Kreisen angeordnet und mit Rundbögen verbunden. Die Decke besteht aus Gewölbesegmenten. Alles ist aus gelb-roten Ziegelsteinen gemauert. Etliche Steine sind mit Kalk und Salzen befleckt. Der Boden aus Zementestrich ist an manchen Stellen rissig und uneben.

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Die Mauerwerkspfeiler, die Rundbögen und das Spiel von Licht und Schatten geben dem Kleinen Wasserspeicher etwas Sakrales.

FOTO: VOLKMAR OTTO

Zwei symmetrisch angelegte Steintreppen an einer Außenwand enden unter einer Wellblechplatte; sie dienten einst als Zugang in das ursprünglich offen gebaute Reservoir. Ein von sechs großen Bögen gerahmtes Podest ist der Mittelpunkt des Baus, darüber, in acht Metern Höhe, befindet sich eine flache Kuppel. Dahinter pulsiert das junge Kiezleben des Prenzlauer Bergs; hier unten herrscht eine andächtige Stille. Ob die da oben wissen, was unter ihren Füßen ruht?

Beide Wasserspeicher dienen ab 1916 als Lagerräume. Der große bekommt eine Einfahrt an der Belforter Straße (der kleine einen seitlichen Zugang und später einen zweiten) und ist ab 1918 ein Fischlager, „sehr zum Verdruss der Anwohner“, wie Niko Rollmann anmerkt. Die klagen gegenüber dem Magistrat über Geruchsbelästigung und über „ein allmähliches Absterben alter großer Bäume“, weil durch die Lagerung auch Salz in den Boden gelangt.

„Wer hier an Führungen teilnimmt, der hat immer eine gute Chance zu stolpern, über Rinnen, über die das Schmutzwasser ablief“, sagt Rollmann. „Der Fisch wurde ja regelmäßig abgespritzt.“ An einigen Stellen ziehen sich unterarmdicke Rinnen durch den Zementestrich.

Maschinenhaus I wird 1918 „Kochküche für die städtische Volksspeisung als provisorische Kriegseinrichtung“, Maschinenhaus II wird Depot für die Straßenreinigung; die Häuser sind in späteren Jahren auch Stätte für Kisten- und Seifenfabriken sowie Dampfwäschereien. Ein Maschinenhaus ist zeitweise KZ.

„Die SA machte im Frühjahr 1933 aus dem zum Wasserturm gehörenden Maschinenhaus I ein ,wildes’ Konzentrationslager“, erzählt Rollmann, „in dem Kommunisten, Sozialisten, Juden und andere den neuen Machthabern unliebsame Personen gefoltert und auch ermordet wurden.“

Im Juni 1933 wird das Gelände zum „SA-Heim Wasserturm“ mit Maschinenhaus I als Speise- und Aufenthaltsraum und Maschinenhaus II als Schlafsaal. Im Zuge der Umgestaltung des Ortes zu einer Grünanlage erfolgt im Herbst 1934 die Auflösung des Heims. Im Juni 1935 wird Haus I gesprengt – heute ist dort ein Spielplatz.

Der Zweite Weltkrieg hat im Kleinen Wasserspeicher Spuren hinterlassen: In einem Teil von ihm suchten Berliner Schutz vor Luftangriffen. Niko Rollmann steht vor dem schmalen, gut vierzig Quadratmeter großen Raum. „Hier fand man nur sehr schlechten Schutz vor Bomben“, sagt er. „Die Decke besteht nur aus Ziegelmauerwerk. Und darüber sind nur zwei, drei Meter Erdreich.“ Der Raum wird bei Veranstaltungen als Garderobe genutzt.

Auch nach dem Krieg dienen die Speicher als Lagerräume: Der VEB Fischhandel nutzt den großen, die Straßenreinigung den kleinen und dazu Maschinenhaus II. Dieses Haus wird später Kindergarten, es ist noch heute einer.

In der Folgezeit gibt die Obrigkeit die Speicher dem Verfall preis. Und die Öffentlichkeit vergisst die Bauwerke. Seit 1990/91 stehen sie unter Denkmalschutz, seit 1994 werden sie für Kulturveranstaltungen genutzt.

Es gluckst und gurgelt, rumpelt und röchelt, plitscht und platscht nicht mehr. Die Boxen schweigen, die Monitore sind schwarz. Niemand ist zu sehen, niemand ist zu hören.

Hallo, -allo, lo, -o ..?

unter-berlin e.V., Tel. (030) 55 57 07 51, www.unter-berlin.de

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Förderband
Kunst und Denkmalschutz: Der Verein „Förderband“ bietet Kulturschaffenden eine Bühne in den Wasserspeichern – hier eine Aufnahme vom Klangkunst-Festival „Dystopie“.

FOTO: BERND FRIEDEL

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Autoren
Michael Brettin


Video
Tom Schildberg


Konzeption
Johannes Studnik