Von Michael Brettin

Energie aus dem Untergrund

Wie die Reduzier- und Verteilerstation Charlottenburg Berlin mit Gas versorgt.

Energie aus dem Untergrund von Michael Brettin

Es piept. Kurz, hoch, eindringlich, alle fünf Sekunden. Das Piepen kommt aus einem orangefarbenen Kasten, der mit seiner schwarzen Antenne an ein altes Mobiltelefon oder ein noch älteres Walkie-Talkie denken lässt.

Daniel Richter ist verpflichtet, so ein Gerät mit sich zu führen, wenn er im Außeneinsatz ist. „Das ist ein Ex-Warngerät“, erklärt der Diplom-Ingenieur mit Blick auf das Gerät in seiner rechten Hand, „es misst die Gaskonzentration in der Luft.“

Das Gerät, auch Explosimeter genannt, misst die Konzentration eines zündfähigen Gases in Prozent der unteren Explosionsgrenze (UEG). Ab 100 Prozent UEG ist eine Zündung des Gas-Luft-Gemisches möglich. Die Warnschwellen bei diesen Geräten liegen zur Sicherheit deutlich darunter, meist im Bereich von 10 bis 40 Prozent. Je höher die Gaskonzentration in der Luft, desto kürzer die Alarmsignale – bis zum Dauerpiepton.

Das Display des Ex-Warngeräts zeigt schwarz auf grau 0.00 Prozent.

Daniel Richter steht vor einem Gebäude, das einem überdimensionalen Karton aus Beton gleicht. Das Gelände, auf dem sich der fensterlose Klotz befindet, ist umzäunt. Glänzende Edelstahlrohre schlängeln sich am Gebäude, ein verwittertes Rohr aus Gusseisen krümmt sich wie ein Lindwurm aus dem Boden. „Das ist eine Molchschleuse“, erklärt der 34-Jährige, „die wir zur Reinigung der Leitungen nutzen.“

„Wir“ ist die NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg, die den Betrieb des Gasnetzes in den Teilnetzen Berlin, Brandenburg sowie im Netzgebiet Spree-Niederlausitz gewährleistet; Daniel Richter ist dort Teamleiter Gas-Druckregel- & Messanlagen.

Es piept.

Ein Wasserturm reckt sich hinter dem Gebäude, das Richter gleich betreten wird, in die Höhe. Das Gelände an der Gaußstraße war einst Standort des Gaswerks Charlottenburg. Ein Teil trägt heute eine von zwei Gas-Druckregel- und Messanlagen, auch genannt Reduzier- und Verteilerstation (RV), in Berlin, die Privathaushalte, Gewerbekunden und Kraftwerke mit Energie versorgen. Die RV Charlottenburg unterscheidet sich von der in Mariendorf dadurch, dass ein Teil von ihr unter der Erde liegt, fünf Meter tief.

Die Geschichte der Gasversorgung in Berlin reicht zurück bis Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Gaswerk Charlottenburg entstand in den Jahren 1889 bis 1891. Es waren zeitweise 33 Gaswerke und 119 Gasspeicher (Gasometer) in Betrieb.

Rekordhöhen erreichte die Gasproduktion nach Beginn des Zweiten Weltkriegs: 93 Prozent der Haushalte kochten mit Gas, 86.000 Laternen leuchteten mit Gas, 2500 Nutzfahrzeuge fuhren mit Gas, wie Doppeldeckerbusse der Berliner Verkehrsbetriebe.

Das Gaswerk Charlottenburg ging nach 1945 als eines von vier Gaswerken in West-Berlin wieder in Betrieb. Mit der Umstellung von Stadt- auf Erdgas folgte 1991 die Stilllegung des Werks.

Von den Gaswerken gibt es kein einziges mehr, von den Gasometern sind zwei Kugel-Hochdruckbehälter in Mariendorf sowie zwei Niederdruckbehälter in Schöneberg und Mariendorf als Baudenkmale erhalten.

Auch der fünfgeschossige Wasserturm des ehemaligen Gaswerks Charlottenburg ist denkmalgeschützt, ein mit gelben Ziersteinen versehener roter Backsteinbau im neoromanischen Stil mit flachem Kuppeldach und zwei kleinen Nebentürmen.

Daniel Richter telefoniert; er informiert die Leitwarte, dass er jetzt den Steuerraum der RV-Anlage betreten wird. Die Kollegen, die in Mitte sitzen, registrieren alles, was hier vor sich geht, auch wenn sich unerwartet eine Tür öffnet, was ein Einbruch sein könnte.

Der Schlüssel im Schloss dreht sich, die Tür öffnet sich. Der Raum ist schmal und kurz, vollgestopft mit Gerätschaften, die monoton summen. „Die Anlage ist voll automatisiert“, sagt Richter. „Sie wird von der Leitwarte ferngesteuert, sie kann aber auch vor Ort gesteuert werden.“

Es piept.

Vergrößern

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Tradition und Moderne: Der alte Wasserturm des ehemaligen Gaswerks Charlottenburg steht neben der Reduzier- und Verteilerstation, die seit 1996 in Betrieb ist.

FOTO: GERD ENGELSMANN

Berlin produzierte über ein Jahrhundert lang Stadtgas, aus Kohle und später auch durch Spaltung von Leichtbenzin. Ost-Berlin beschloss 1977, die Stadt auf Erdgas aus der Sowjetunion umzustellen, West-Berlin musste aufgrund seiner „Insellage“ vorerst bei Stadtgas bleiben.

Das erste Erdgas strömte 1985 in den Westteil der Stadt, von der Sowjetunion über die Tschechoslowakei durch die Berliner Mauer. Um die Rohre weiterzuführen, musste die Grenzbefestigung auf einer Länge von 20 Metern für einen Tag geöffnet werden.

Im Ostteil der Stadt gibt es seit 1990 nur noch Erdgas; im Westteil seit 1996, dem Baujahr der Reduzier- und Verteilerstation Charlottenburg. Und zwischendurch, 1993, fusionierten Gasag AG und (Ost-) Berliner Erdgas AG zur Gasag.

Erdgas ist im Vergleich zu Stadtgas umweltfreundlicher und ergiebiger – von der Energie her betrachtet um 2,4-mal mehr.

Die „Gasvereinigung“ war problematisch. Die Rohre im Westteil, durch die bislang Stadtgas strömte, hatten Hanfdichtungen. Die wurden, weil Erdgas trockener ist, undicht; die Dichtungen mussten ersetzt werden.

Auch die Regler in den Kellern mussten umgestellt werden, in einen anderen Druckbereich. Und nicht alle Haushaltsgeräte vertrugen ohne weiteres Erdgas, die Düsen an den Geräten mussten ausgewechselt werden.

Berlin hat ein Erdgasnetz von 6700 Kilometern, das 700.000 Kunden versorgt. Das Gasnetz besteht aus Hoch-, Mittel- und Niederdruckleitungen. Das Gas wird über sechs verschiedene Übernahmestationen in die Stadt geliefert.

Um den Ferntransport von der Förderung bis zum Abnehmer wirtschaftlich zu gestalten, wird Erdgas auf bis zu 100 bar verdichtet. Auf dem Weg vom Abnehmer bis zum Endkunden wird der Druck dann wieder auf einige Millibar Überdruck reduziert. Dafür sind die Reduzier- und Verteilerstationen Charlottenburg und Mariendorf zuständig.

Es piept.

Daniel Richter schließt die Brandschutztür zur RV-Anlage auf. Über eine Konstruktion aus Gitterrosten geht es hinein in das Gebäude, dessen Länge und Breite den Maßen einer Einfachturnhalle ähneln, 15 mal 25 Meter. Ein Stahlskelett trägt die Halle, von der hohen Decke und bis zum untererdig liegenden Boden.

Auf zwei Etagen winden sich rapsgelbe Rohre, oben sechs, unten fünf, dazu blitzblanke Edelstahlrohre und -behälter, hier und da sind schwarze Hebel und Rädchen montiert, dort sind Messgeräte installiert, deren Ziffernblätter Druck und Temperatur anzeigen.

Es rauscht in den Rohren, als schieße Wasser hindurch. „Das ist das Gas“, sagt Richter. „Die Leitwarte kann Menge und Druck verändern.“ Auch auf Störmeldungen reagieren die Kollegen der Leitwarte. „Da meldet zum Beispiel ein Kontakt, dass eine Tür offen steht; da steht aber nichts offen“, sagt der Ingenieur. „Es sind meist Fehlalarme.“

Jede Störmeldung müsse dennoch vor Ort geprüft werden. Unabhängig davon erfolge alle drei Monate eine Inspektion, alle sechs eine Funktionsprüfung, alle zwei Jahre eine Wartung.

Das Erdgas, das die RV Charlottenburg und Mariendorf verarbeiten, kommt aus Russland und aus der Nordsee. Das Gas aus Sibirien besteht zu über 98 Prozent aus Methan und hat einen Brennwert von 11,1 kWh/m3. Die Konzentration der natürlichen Schwefelverbindungen ist mit 0,7 mg/m3 gering. Das Nordseeverbundgas besteht zu über 80 Prozent aus Methan und hat einen etwas höheren Brennwert von 11,4 kWh/m3. Die Konzentration der natürlichen Schwefelverbindungen ist mit 14 mg/m3 zwanzigmal so hoch.

Es piept.

Daniel Richter steigt über eine der fünf eisernen Leitern ins Untergeschoss mit seinen Filtern, Vorwärmern, Sicherheits-Absperr- und Sicherheits-Abblase-Ventilen, Reglern und Messgeräten sowie Odoriereinrichtungen.

Im Unterschied zu den früher verwendeten Stadtgasen mit starkem Eigengeruch ist das heute übliche Erdgas nahezu geruchlos. Wird ein Leck in einer Gasleitung nicht rechtzeitig bemerkt, können sich binnen kurzem explosionsfähige Gas-Luft-Gemische mit hohem Gefahrenpotenzial aufbauen. Daher werden dem Erdgas spezifische Duftstoffe hinzugefügt.

Das in Berlin verwendete Odoriermittelgemisch Spotleak 1005 wird in den Wintermonaten mit 6 mg/m3 und in den Sommermonaten mit 7 mg/m3 eingesetzt. Das Gemisch hat eine hohe Warnwirkung: Es riecht intensiv nach faulen Eiern. Die Odoriermittelüberwachung erfolgt an 56 Regleranlagen und 41 Straßenkappen.

Die Odoriereinrichtung in der RV Charlottenburg ist vor zwei Jahren auf den neuesten Stand gebracht worden. „Die alte Odorier-Anlage hat nicht mehr funktioniert“, sagt Daniel Richter. „Es roch, als träte Gas aus.“ Die Feuerwehr habe öfter anrücken müssen, einen Gasaustritt aber logischerweise nie bestätigen können.

„Das Gas kommt heute warm an“, sagt Richter, während er auf das Ziffernblatt eines Messgeräts blickt, „20 Grad Celsius.“

Macht das was?

„Nein.“

Es piept.

Das Display des Ex-Warngeräts zeigt nach wie vor die Ziffern 0.00.

NBB Netzgesellschaft
Verantwortung für fast 14.000 Kilometer Rohr

Die NBB Netzgesellschaft Berlin-Brandenburg mbH & Co. KG ist nach eigenen Angaben eine der größten örtlichen Gasverteilnetzbetreiberinnen bundesweit. Das Unternehmen betreut Stadtwerke, Netzbetreiber und Energiehändler; es trägt die technische und kaufmännische Verantwortung für ein 13.869,3 Kilometer Rohrnetz in mehr als 160 Städten und Gemeinden in Berlin, Brandenburg, Sachsen und Sachsen-
Anhalt.

Kernaufgaben der NBB, die sich 2006 gründete und heute 417 Mitarbeiter hat, sind die Durchführung des sicheren, störungsfreien und effizienten Netzbetriebes,
die Instandhaltung und der Ausbau der Leitungsnetzinfrastruktur und die Sicherstellung und Abwicklung des Netzzugangs und der Netzdurchleitung für eine Vielzahl von Gasvertrieben.

Die Gesellschaft versorgte im vergangenen Jahr 336.488 Hausanschlüsse mit 42.783 Gigawattstunden Gas. nbb-netzgesellschaft.de

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Herr der Rohre: Diplom-Ingenieur Daniel Richter steht im Untergeschoss der Reduzier- und Verteilerstation Charlottenburg. Foto: Michael Brettin
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Autoren
Michael Brettin

Video
Tom Schildberg

Konzeption
Johannes Studnik