Von Michael Brettin

Wärme aus der Tiefe

Wie die Netzpumpstation unter dem Mierendorffplatz Berliner Haushalte mit Heißwasser versorgt.

Wärme aus der Tiefe von Michael Brettin

Wie Drachenhälse winden sie sich in die Höhe und stoßen hinein in den Tunnel. Zwei Hälse unten, zwei oben, silberfarben glänzend, einen Meter dick, getrennt durch ein Gitterrost, das so schmal ist, dass zwei Personen nicht nebeneinander gehen können. Stickig ist es, schweißtreibend.

Schritt für Schritt geht es auf dem Rost in Richtung des schwarzen Punktes am Ende des Tunnels, fünfzig, hundert Meter. Geht es wirklich? Es scheint, als trete man auf der Stelle.

Steffen Richter (40) empfindet das auch immer so, wenn er hier unten unterwegs ist. Im Rücken des Ingenieurs für Verfahrenstechnik röhrt eine Lüftungsanlage. Das Geröhre entfernt sich mit jedem Meter, den er in den Tunnel geht.

Hier unten liegt gut zwanzig Meter tief. Und da oben, wo der Zugang für hier unten ist, steht ein unscheinbares Häuschen: eingeschossig, teils rot verklinkert, teils gelb verputzt. Direkt hinter dem Gebäude ist jeden Mittwoch und Sonnabend Wochenmarkt; heute ist Dienstag. Zwei Frauen unterhalten sich auf einer der Parkbänke; ein Mann hockt in der alten, zum öffentlichen Bücherschrank umfunktionierten Telefonzelle mitten auf dem dreieckigen, von Bäumen gerahmten Platz.

Ob sie wissen, was sich unter ihnen befindet?

Die Unscheinbarkeit des Häuschens verstärkt sich dadurch, dass auf seiner Vorderseite zwei Türen sind, die nur an Wochenmarkttagen nicht verschlossen sind: eine für Männer und eine für Frauen – Toilettentüren.

Nebenan ist eine dritte Tür, die niemals öffentlich zugänglich ist, eine schwere graue Brandschutztür. Es ist der Eingang zur Netzpumpstation Mierendorffplatz, einem unterirdischen Technikreich der Vattenfall Wärme Berlin AG zur Fernwärme-Versorgung.

Vattenfall: Energie-Lieferant seit 1909

Die Vattenfall Wärme Berlin AG ist Teil der Vattenfall GmbH (bis 2012 Vattenfall Europe AG) mit Sitz Berlin und eine hundertprozentige Tochtergesellschaft des staatlichen schwedischen Energiekonzerns Vattenfall AB. Der Konzern ist einer der führenden europäischen Energiedienstleister; er versorgt seit seiner Gründung im Jahr 1909 Privathaushalte und Unternehmen mit Energie.

Der Energiekonzern will nach eigenen Angaben „innerhalb einer Generation ein Leben frei von fossilen Brennstoffen ermöglichen“. Daher treibe er „den Übergang zu einem nachhaltigeren Energiesystem durch verstärktes Wachstum bei der Erzeugung erneuerbarer Energien sowie klimafreundlichere Energielösungen für unsere Kunden voran“. Der Konzern beschäftigt weltweit rund 20.000 Mitarbeiter; er ist auch tätig in den Niederlanden, Dänemark, Großbritannien und Finnland. www.vattenfall.de

Die Fernwärme wird in Form von Heißwasser transportiert. Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen in elf Heizkraftwerken, die in verschiedenen Teilen der Stadt stehen und zentral gesteuert werden, heizen Wasser auf und geben es an ein Fernwärmesystem ab, das die Bezirke verbindet. Pumpstationen sorgen dafür, dass das heiße Wasser über ein rund 2000 Kilometer langes, überwiegend unterirdisches Verbundnetz die Kunden erreicht. Jede dritte Berliner Wohnung heizt mit Fernwärme; Schulen und Krankenhäuser sowie Industrieanlagen, Bundesministerien und Botschaften sowie der Berliner Fernsehturm machen es auch.

Eine dieser zwölf Pumpstationen (eine dreizehnte ist an der Invalidenstraße im Bau) liegt unter dem Mierendorffplatz; sie ist die größte ihrer Art mit einer Heiztransportleitung von bis zu 12.000 Kubikmetern pro Stunde und einer effektiven Wärmetransportleistung von 720 Megawatt. Ihr Versorgungsradius liegt bei sieben Kilometern.

Die graue Brandschutztür des Häuschens auf dem Mierendorffplatz öffnet sich. Ein kleiner Flur liegt dahinter, ein tiefes Treppenhaus gähnt rechtsseitig. Ein blaues Geländer und graue Steinstufen führen hinab, bis in ein 3. Untergeschoss.

„1. Untergeschoss -8,65 Meter“ steht schwarz auf weiß an der Wand eines Treppenabsatzes. Auf jeder der drei Ebenen befinden sich zwei Pumpeneinheiten, bestehend aus Pumpe, Getriebe, Motor, dazu jeweils ein Portalkran, um Maschinen zur Generalüberholung an die Oberfläche zu hieven. Das 1. Untergeschoss ist Standort von zwei Heizungs-Vorlaufpumpen mit einer Leistung von je 1550 Kilowatt.

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„Wir geben dem Wasser hier neuen Schwung“, sagt Steffen Richter, der den Bereich Instandhaltungs- und Optimierungsprojekte bei Vattenfall leitet. Das bedeutet: „Die Pumpen erhöhen den Druck des bis zu 110 Grad Celsius heißen Wassers aus den Heizkraftwerken und verteilen es weiter ins Stadtgebiet, Richtung Charlottenburg und Wilmersdorf, auch Moabit.“ Das Wasser wird hauptsächlich zum Heizen genutzt, aber auch zur Trinkwassererwärmung und für Lüftungsanlagen.

Die Netzpumpstation kann noch mehr: Sie pumpt nicht nur warmes Wasser zu den Kunden, sie pumpt das abgekühlte Wasser zurück in die Heizkraftwerke, wo es erneut erwärmt wird. Das Wasser kommt aus den Heizkraftwerken Reuter und Reuter West in Siemensstadt.

Die Geschichte der Fernwärme hat im 19. Jahrhundert begonnen. In den USA wurden ab 1878 „Städteheizungen“ gebaut: Dampf zum Heizen gelangte über lange Rohrleitungssysteme in Hochhäuser. Die ersten größeren Fernwärmenetze in Europa wurden im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts gespannt. Anfang der 1920-Jahre gab es in Deutschland in acht Städten neun Anlagen, zum Beispiel in Hamburg und Kiel sowie Leipzig, aber nicht in Berlin.

Nach Berlin ist die Fernwärme 1926 gekommen, infolge des Um- und Neubaus des Kraftwerks Charlottenburg. Ab 1. Oktober ging die „Städteheizung“ in Betrieb. Über ein 2,5 Kilometer langes Netz versorgte sie zunächst 33 Gebäude mit Dampf, auch das Rathaus Charlottenburg.

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Das Heizkraftwerk Reuter in Spandau liefert das Heißwasser für die Netzpumpstation Mierendorffplatz. Foto: Imago/Krähn

Das Kraftwerk Reuter, das heute einen Teil Berlins versorgt, ging 1931 ans Netz, damals unter dem Namen Kraftwerk West; es versorgte den Berliner Westen mit Elektrizität. Das Werk wurde nach der Teilung Berlins mehrfach ausgebaut, sodass es außer Strom auch Fernwärme erzeugt. Reuter West, das in unmittelbarer Nähe liegt, ist seit 1987 am Netz.

Noch gewinnen die Reuters mittels Steinkohle Energie. Aber: „Wir sind als Vattenfall Wärme dabei, den Standort für die Zukunft fit zu machen“, sagt Steffen Richter, „das heißt, dort wird eine ,Power-to-Heat‘-Anlage errichtet, die größte in Europa, wo wir mittels Strom, ähnlich eines Elektroboilers, Fernwärme erzeugen können.“

Je tiefer es geht, desto stickiger wird es. „2. Untergeschoss -16,15 Meter“ steht an der Wand im Treppenhaus. Auf dieser Ebene arbeitet eine Klima-Lüftung-Brauchwasser-Vorlaufpumpe mit 1050 Kilowatt und eine Ersatzpumpe mit 1700 Kilowatt Leistung. Sollte mal irgendeine Pumpe ausfallen, kann die multifunktionale Ersatzpumpe deren Aufgabe übernehmen.

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Die Fernwärmeleitstelle in Prenzlauer Berg steuert auch die Netzpumpstation Mierendorffplatz. Foto: Andreas Teich

„Die Pumpstation ist voll automatisiert“, sagt Steffen Richter, „sie wird aus der Ferne gesteuert und überwacht.“ Die Fernwärmeleitwarte in Prenzlauer Berg erhält alle Daten und Informationen, die für das Fernwärme-Verbundnetz wichtig sind, wie Drücke, Temperaturen, Pumpendrehzahlen, Klappenstellungen.

Das heißt nicht, dass die Station stets menschenleer ist. Es schaut regelmäßig jemand nach dem Rechten. Heute ist hier sogar richtig was los. Blau behelmte Männer in ebenso blauen Arbeitsanzügen stehen vor kompliziert aussehenden Maschinen, gucken hier und gucken da, messen, gleichen ab, notieren sich etwas.

Ein eindringlicher Dauerton schrillt plötzlich durch das Treppenhaus und bohrt sich in die Gehörgänge, sodass das eigene Wort kaum noch zu verstehen ist. Was bedeutet das?

Das bedeutet, dass die Brandschutzwarnung funktioniert. Die Blauhelme gehören zu einer Firma, welche die entsprechende Vorrichtung in der Netzpumpstation überprüft.

„3. Untergeschoss -22,75 Meter“ steht an der Wand. Die tiefste Ebene ist erreicht. Es geht durch eine Brandschutztür und … hinein in einen Dschungel der Technik aus Pumpen, Getrieben und Motoren, aus Rohren, Rohren, Rohren, dicken und dünnen, geraden und gebogenen, aus Schiebern und Schalttafeln.

Eine zweite Brandschutztür, die sich neben der ersten befindet, öffnet sich und … da, in einem hoch aufragenden Schacht mit einer nach oben führenden Treppe aus Gitterrosten, da sind sie, die vermeintlichen Drachenhälse. Kein Feuer lodert in diesen Hälsen, Heiß- und Warmwasser strömt in ihnen.

Über 16 Stufen geht es hinauf zum Einstieg in den aus Beton gefertigten Tunnel, einen Tunnel, der ins Nichts zu führen scheint. Unter und neben dem Gitterrost verlaufen die aus Stahl geformten Hälse. Die unteren führen bis zu 110 Grad Celsius heißes Wasser, die oberen zwischen 40 und 50 Grad Celsius warmes; die einen transportieren das Heißwasser vom Heizkraftwerk zum Kunden (Vorlauf), die anderen das Warmwasser vom Kunden zum Heizkraftwerk (Rücklauf), um es dort wieder erhitzen zu lassen.

„Wir stehen hier mitten im Grundwasser“, sagt Steffen Richter. Der Ingenieur für Verfahrenstechnik steht auf dem Gitterrost, links und rechts neben ihm befinden sich die beiden Rücklaufrohre, dazu beidseitig dicke Kabelstränge. Das Bauwerk ist, obwohl es so tief liegt, trocken; nur ein paar zarte weiß-braune Stalaktiten wachsen von der Tunneldecke, die sich über die Röhren wölbt.

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Repro: Markus Wächter

Dass sie schon 30 Jahre unter der Erde liegt, ist der Netzpumpstation auch auf den zweiten Laienblick nicht anzusehen. Die Berliner Städtische Elektrizitätswerke AG (Bewag) ließ die Pumpstation 1986/87 in Senkkastenbauweise errichten: Ein vorgefertigter Betonkörper wurde im Erdreich versenkt. Die Station gehört seit 2003 zum Vattenfall-Konzern, der die Bewag in mehreren Schritten kaufte.

„Wenn wir diesen Gang weitergingen, kämen wir am Kraftwerk Reuter raus“, sagt Steffen Richter. Er zeigt auf den kleinen schwarzen Punkt in der Ferne. Viermal im Jahr begehen Mitarbeiter von Vattenfall den Tunnel, prüfen ihn auf Schäden. Bis zum Werk Reuter sind es 3,635 Kilometer.

Ein Blick zurück: Hundert, hundertfünfzig Meter liegen hinter Richter, das entschlossene Röhren der Klimaanlage wandelt sich in ein verhaltenes Rauschen. Ein Blick voraus: Der ferne schwarze Punkt will und will nicht näher rücken.

Warum das so ist, erklärt sich auf dem Rückweg nach oben. Aus einer die Station erklärenden Karte an einer Wand geht hervor: Die erste Biegung auf dem unterirdischen Weg zum Kraftwerk Reuter kommt erst nach 1,1 Kilometern.

Kein Wunder, dass es so ist, als trete man auf der Stelle, da unten, im Tunnel, bei den Drachenhälsen.

Steffen Richter leitet den Bereich Instandhaltungs- und Optimierungsprojekte bei der Vattenfall Wärme Berlin AG. Foto: Markus Wächter
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Autoren
Michael Brettin

Fotograf
Markus Wächter


Video
Frauke Hinrichsen

Konzeption
Olga Bobileva