Von Gabriela Keller

Kein Boden unter ihren Füßen

Die Konkurrenz um bezahlbaren Wohnraum verschärft sich auch am Stadtrand. Jugendliche in prekären Lebenslagen riskieren, hinten herüber zu fallen.

Kein Boden unter ihren Füßen von Gabriela Keller

Von draußen sprüht Nieselregen gegen die Fenster, als Liam-Antonio Imre noch einmal ein Stück Hoffnung zu fassen kriegt. Er sitzt im Neonlicht eines Zweckraums, ein feingliedriger Junge, 18 Jahre alt, mit spitzem Kinn und Tunneln im Ohrläppchen, im Kopf geht er die Pläne durch, die er sich für sein Leben zurechtgelegt hat, ein Beruf gehört dazu, die Suche nach seiner Identität und eine eigene Wohnung. „Dieses Jahr noch eine zu finden – das wäre mein Traum“, sagt er leise, „damit man ins neue Jahr mit Boden unter den Füßen starten kann.“

Es ist ein Donnerstagnachmittag Ende Oktober, der vierte Tag eines Kurses, der Jugendliche auf ihre erste eigene Wohnung vorbereiten soll. Das Jugendberatungshaus liegt an einer Ausfallstraße am Ostrand von Marzahn, an den Tischen im Foyer kauern etwa ein Dutzend Teenager, die meisten 18 oder 19 Jahre alt, Liam-Antonio, Virginia und all die anderen. Sie alle sind auf der Suche nach einer Wohnung, und gerade dämmert ihnen, wie ungünstig ihre Aussichten sind.

Liam-Antonio ist vor zwei Jahren zu Hause ausgezogen, da war er 16. Er erzählt das ganz sachlich, so als wäre das keine große Sache. Er und seine Mutter kamen nicht miteinander zurecht, sagt er, sie stritten sich ständig. „Da dachten wir, naja, vielleicht ist es an der Zeit, getrennte Wege zu gehen.“ Er schläft mal hier, mal da, bei seiner Ex-Freundin, bei Bekannten. Im Moment kann er bei einem guten Freund bleiben, der noch bei seinen Eltern lebt. Die beiden verstehen sich gut. Aber es ist keine Dauerlösung, Liam-Antonio weiß das.

„Mir war klar, dass es schlecht aussieht, aber nicht, dass es so schlecht aussieht.“ Virginia Cebula, 18 Jahre

Seit vier Monaten ist er auf der Suche. Gerade waren ein Mitarbeiter von der Degewo und einer von der Genossenschaft Marzahner Tor da; dort ist gerade gar keine Wohnung frei, die für die Jugendlichen in Frage käme, der Mann von der Degewo hatte eine an der Allee der Kosmonauten anzubieten. In drei Tagen ist ein Besichtigungstermin, Liam-Antonio hat sich angemeldet, es ist ein Anfang, immerhin. Neben ihm sitzt Virginia Cebula, ein schmales, stilles Mädchen, ebenfalls 18, mit hellgrau gefärbten Haaren, sie sagt: „Mir war klar, dass es schlecht aussieht, aber nicht, dass es so schlecht aussieht.“

Die Geschichten der Jugendlichen in dieser Stadt stehen für den Druck, den die steigenden Mieten in Berlin vor allem für die ärmeren und schutzlosen Teile der Gesellschaft bedeuten. Die soziale Verdrängung hat den Stadtrand erreicht, auch in den Plattenbausiedlungen von Marzahn-Hellersdorf wächst die Nachfrage. Zunächst trieb die Gentrifizierung vor allem Menschen mit wenig Geld her, Arbeitslose, Alleinerziehende, Schufa-Schuldner. Inzwischen kommen auch Studenten, Startup-Gründer und Mittelschicht-Familien. die Konkurrenz um bezahlbaren Wohnraum verschärft sich. Für Jugendliche wie Liam-Antonio und Virginia sind das schlechte Nachrichten.

Deswegen gibt es diesen Kurs speziell für junge Leute, die es alleine kaum schaffen würden, es handelt sich um ein Projekt des  Jugendamts Marzahn-Hellersdorf, der Streetworker des Trägers Gangway, des Jugendhilfeträgers Metrum und der Wohnungsunternehmen Degewo und Genossenschaft Marzahner Tor, das es seit sieben Jahren gibt. Am Ende erhalten die Teilnehmer einen „Wohnführerschein“, mit dem sie sich bei Vermietern bewerben können. „Viele hier sind noch zuversichtlich, weil sie die Realität noch nicht kennen. Sie stellen es sich einfacher vor, als es ist“, sagt Andrea Ulrich, die im regionalen Sozialdienst des Jugendamts 18- bis 21-Jährige berät. Sie sitzt am Rand des Saals mit einer Tasse Filterkaffee, gerade ist Mittagspause.

Bei den Jugendlichen, die sie berät, dreht sich in den meisten Fällen alles um die Themen Ablösung und Selbstständigkeit. „Viele wollen aus ihrem Elternhaus raus, weil es zu Hause nicht mehr funktioniert“, sagt sie. „Es geht immer wieder um die Frage: Wie finden wir bezahlbaren Wohnraum?“, sagt sie, zuckt die Schultern, es ist ja nicht nur, dass die Mieten steigen. Es ist auch, dass es für diese Jugendlichen fast überhaupt keine Gegenden mehr gibt, in denen sie etwas bekommen können. „Es trifft an der Stelle diejenigen, die ohnehin mit vielen Problemen kämpfen, fehlenden Schulabschlüssen, kaputten Elternhäusern, die ganze Palette“, sagt sie,  „es ist die Verdrängung der Verdrängung.“

Wann immer Virginia Cebula kann, läuft sie los, von Straße zu Straße, Siedlung zu Siedlung, Bezirk zu Bezirk, nach Friedrichshain oder Kreuzberg, so weit es geht, ihr Rekord liegt bei 30 Kilometern. Und wenn es regnet oder zu kalt wird, geht sie in die Shoppingmall gegenüber der S-Bahnhaltestelle Marzahn. „Ich meide mein Zuhause“, sagt sie. „Ich versuche, so wenig wie möglich da zu sein.“

Seit dem Wohn-Kurs ist etwa ein Monat vergangen, Virginias Haare sind jetzt himmelblau. Sie hat sie zum Dutt hochgebunden, ihre schmale Silhouette ist in einen dicken Parka gepackt. Vieles, was in dem Kurs Thema war, beschäftigt sie noch. Sie hat dort ihr Haushaltsbudget kalkuliert, Wohnungsbesichtigungen geprobt und erfahren, welche Versicherungen sie bräuchte, gelernt hat sie aber vor allem eins: „Ich weiß jetzt, wie wenige Wohnungen es gibt.“

Sie ist an diesem Nachmittag mit ihrer Freundin unterwegs, die Sonne senkt sich bereits hinter den Wohnkasernen, ein kalter Wind hechelt um die Ecken. Sie schlüpfen in die Mall und steuern auf eine Fotobox zu, die im Untergeschoss aufgebaut ist. Dann hält sie ihr Handy vor sich, sie singt, aber man hört keinen Ton, nur die Lippen bewegen sich zu dem Song, den sie im Kopf hat.

Auf Tiktok, einer App, mit der man Filmclips von sich aufnehmen kann, wird es später aussehen, als sei sie Popsängerin in einem Video. Virginia ist in den Sozialen Medien fast ein kleiner Star, Tausende User folgen ihr auf Tiktok. Sie öffnet die Liste der Videos auf ihrem Profil, auf manchen posiert sie, auf manchen albert sie herum, auf manchen erzählt sie von ihren Erkrankungen, Virginia scrollt hoch und runter, sie lächelt, denn so lange sie im Internet gut ankommt, hat sie das Gefühl, dass ihre Geschichte eine Bedeutung hat, weil sie sie mit anderen teilen kann.

Sie steckt ihr Smartphone weg und zieht weiter, an der Seite ihrer Freundin läuft sie durch die hell erleuchteten Gänge in Richtung S-Bahn, die beiden lachen und reden durcheinander, und wenn man sie so sieht, könnte man denken, Virginia ist ein fröhliches Mädchen.

Wie oft sie schon in der Klinik war, weiß sie nicht mehr. „Ich blick da nicht mehr durch“, sagt sie, „bestimmt 30 Mal.“ Sie hat viele Krankheiten. Schwere Depressionen, eine Sozialphobie, eine Posttraumatische Belastungsstörung, Verdacht auf Borderline. Im vergangenen Jahr ging plötzlich nichts mehr. Es ging ihr schlecht, so schlecht, dass sie wegen Selbstmordgefahr stationär behandelt werden musste. Die Krise hat sie hinter sich, jetzt, sagt sie, geht es wieder bergauf.

Sie würde ihr Leben gerne in die Hand nehmen, aber es gibt vieles, was sie zurückhält. In der Wohnung, in der sie mit ihrer Mutter lebt, hält sie es kaum aus. Sie müsste dringend ausziehen, das sieht auch das Jugendamt so.

„Da sind Dinge passiert, die bei mir ein Trauma verursacht haben“, sagt sie, ihr Stiefvater starb in der Wohnung an Krebs, als sie 13 war, die Bilder ist sie nicht wieder losgeworden. Sie verfolgen sie in ihren Träumen und bedrängen sie auch, wenn sie wach ist. Zum Vater hatte sie ein enges Verhältnis, mit der Mutter ist es schwierig. „Wir reden nicht. Wir essen nicht zusammen“, sagt sie. „Es ist wie in einer WG.“

Sindy Seeber hat inzwischen oft mit jungen Leuten zu tun, die auf dem Mietmarkt keine Chance mehr haben und deswegen in die Wohnungslosigkeit geraten. Die Streetworkerin hockt auf einer durchgesessenen Couch im ersten Stock eines Wohnturms, der am Parkplatz an der Marzahner Promenade aufschießt; hier ist das Büro von Gangway, einem Träger für Straßensozialarbeit. Das Thema Wohnen ist in den vergangenen Jahren aus der Not heraus zu ihrem Spezialgebiet geworden. „Ich weiß gar nicht, ob Wohnen ein Menschenrecht ist“, sagt sie, „aber es müsste es sein.“

Sie erinnert sich noch daran, wie es vor zehn, zwölf Jahren war, da standen in Marzahn viele Wohnungen leer, und selbst Menschen, die Suchtprobleme hatten oder einen Negativwert bei der Schufa, hatten keine Probleme, etwas zu finden. Die Zeiten sind vorbei. Früher hat sie die Kids, die sie betreut, oft zu Wohnungsbesichtigungen begleitet. Das macht sie nicht mehr. „Weil es bei den Vermietern einen schlechten Eindruck macht, wenn ein Sozialarbeiter mitkommt.“

Wie viele Jugendliche auf der Straße leben, weiß niemand. Aber es gibt keinen Zweifel daran, dass es mehr werden. „Es greift um sich“, sagt die Streetworkerin. In Berlin soll es insgesamt rund 50.000 wohnungslose Menschen geben, genau kann man es nicht sagen.

Wie soll man seine Zukunft gestalten, ohne einen Ort, an dem man Ruhe und Sicherheit findet? Es ist eine Problem, das viele hier umtreibt, und manche sind vor allem mit der Frage beschäftigt, wie sie von einem Tag zum nächsten kommen.

Schon die Frage, an welchem Punkt Wohnungslosigkeit anfängt, ist schwer zu beantworten. Die wenigsten Jugendlichen, mit denen Sindy Seeber arbeitet, schlafen im Freien, weit mehr sind sogenannte Sofa-Hopper, sie schlüpfen irgendwo unter, bei Bekannten, bei älteren Geschwistern, auch in Notunterkünften, sie kehren ab und an zu ihren Eltern zurück; aber nirgendwo können sie bleiben, irgendwann müssen sie immer wieder weg.

Liam-Antonio Imre hätte nicht gedacht, dass er in dem Workshop so viel lernen würde, er sagt: „Die bringen einen zum Nachdenken hier: Bin ich wirklich bereit für eine eigene Wohnung?“ In einer Pause hat er sich mit Virginia Cebula etwas abseits gesetzt, um in Ruhe reden zu können. Er wirkt selbstbewusst, die Sätze sprudeln nur so aus ihm heraus; Virginia ist scheuer, sie antwortet, schweigt, wartet auf die nächste Frage. Sie kannten sich vorher nicht, aber sie haben viel gemeinsam.

Beide haben viel durchgemacht, psychische Krisen, Klinikaufenthalte, beide machen jetzt Maßnahmen zur Berufsorientierung, die ihnen helfen sollen, wieder Tritt zu fassen. Und beide wollen erwachsen werden, selbstständig leben, aber ihnen steht so Manches entgegen, das beginnen sie jetzt zu ahnen.

Gerade haben sie einen Haushaltsplan aufgestellt und ausgerechnet, wie viel Geld vom Hartz-IV-Satz bleibt, wenn alle Kosten abgezogen sind. „Da habe ich geschluckt“, sagt Liam-Antonio. Er lebt vom Unterhalt seines Vater, der mal zahlt und mal nicht, und vom Kindergeld. Derzeit muss er nur für sein Handy und sein Monatsticket selbst zahlen, wie er davon einen Haushalt führen würde, ist ihm nicht ganz klar.

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Er jongliert im Moment mit mehreren Themen. Vor Kurzem hat er sein erstes Praktikum gemacht, zwei Wochen in einer Tischlerwerkstatt, die Arbeit hat ihm gefallen, er würde dort gern eine Ausbildung machen.

Der Beruf ist das eine, sein Geschlecht das andere: Liam-Antonio ist transsexuell, sein körperlicher Wandel ist fast abgeschlossen. Ihm fehlt nur noch eine große Operation, auch damit hat er es eilig, aber er muss einen Schritt nach dem anderen tun, und zu aller erst müsste er wohl eine Wohnung finden. „Ich hoffe nur, dass es nicht zu lange dauert“, sagt er, „ich habe keine Lust, im nächsten Sommer immer noch auf der Suche zu sein.“ Dann dreht den Kopf zur Seite, draußen donnert der Verkehr an dem Flachbau vorbei, die Autos reißen Pfützwasser vom Asphalt hoch.

Wie soll man seine Zukunft gestalten, ohne einen Ort, an dem man Ruhe und Sicherheit findet? Es ist eine Problem, das viele an diesem Ort umtreibt, und manche sind vor allem mit der Frage beschäftigt, wie sie von einem Tag zum nächsten kommen.

Es ist ein kalter, trüber Tag im November, knapp zwei Wochen nach dem Ende des Wohn-Workshops. Liam-Antonio Imre und Virginia Cebula haben sich wiedergesehen. Sie laufen nun von der S-Bahn her in Richtung einer halbleeren Fußgängerzone, vorbei an Blumenhandlungen und Gemüseläden, sie haben kein Ziel, nur den Weg. Liam-Antonio Imre kennt sich hier aus, die Straßen in diesem Teil von Marzahn sind ihm vertraut, er spricht über sein Viertel mit Stolz, er sagt: „Das hier ist voll mein Kiez.“

Deswegen würde er gern hier bleiben. Bei Virginia ist das anders. Sie will weg aus Marzahn, möglichst weit. „Ich bin eher Oldschool“, sagt sie, „ich stricke, ich häkle, ich koche mit natürlichen Zutaten.“ Sie interessiert sich für veganes Essen, gern würde sie in einem dieser Stadtteile geben, wo es Bioläden gibt, in Friedrichshain oder Lichtenberg, sagt sie, „das wäre voll meins.“

Aber ihr ist klar, dass ihre Chancen auf eine Wohnung dort noch viel geringer sind als hier am äußersten Stadtrand. Je stärker der Druck auf dem Wohnungsmarkt steigt, umso mehr Menschen werden hinten herüberfallen, und es sind diejenigen, die ohnehin am Rand stehen, die die Wucht der Verdrängung am härtesten zu spüren kriegen. Liam-Antonio und Virginia sind praktisch schon verdeckt wohnungslos, auch wenn sie selbst das vielleicht nicht so sagen würden, in dem Sinne, dass es keinen Ort gibt, an dem sie sich zu Hause fühlen.

Zum Abschluss des Wohnführerscheinkurses haben sie einen Test gemacht. Virginia hat als Beste abgeschlossen. Sie strahlt, und man merkt, dass ihr das fehlt: Etwas leisten, sich unter Beweis stellen. „Es war ein Träumchen“, sagt sie. Die Maßnahme, die sie macht, richtet sich an Jugendliche mit schweren psychischen Problemen. Da gibt es keinen Druck. Meistens spielen sie, Brettspiele, Tischtennis. Virginia weiß, dass sie sich nicht zu viel zumuten soll. Aber die Langeweile nagt an ihr.

Ansonsten hat sie der Workshop eher ernüchtert. Liam-Antonio versucht, es positiv zu sehen, immerhin gibt es Hilfsangebote und  Unterstützung. „Mir hat es Hoffnung gegeben“, sagt er. Zu der Besichtigung in der Degewo-Wohnung ist er nicht hingegangen, er war krank, sagt er. Noch ist ohnehin unklar, ob die Ämter die Mietkosten übernehmen würden. Er hat beim Jobcenter einen Antrag auf eigenes Wohnen gestellt. Für unter 25-Jährige müssen eigentlich die Eltern sorgen, außer, es sprechen gravierende Gründe dagegen.

Liam-Antonio wohnt nun wieder bei seiner Mutter, aber es ist keine Dauerlösung. Sie schläft nun auf der Couch, er will ihr nicht zur Last fallen.

Nun liegt Liam-Antonios Fall bei der Prüfstelle des Sozialamts, auch das Jugendamt hat mitzureden. Das alles dauert seine Zeit. Er wohnt nun wieder bei seiner Mutter, vorübergehend. Inzwischen verstehen sie sich gut. „Es ist perfekt geworden, meine Mutter ist meine beste Freundin“, sagt er, trotzdem ist es eine Notlösung.

Seine Mutter überlässt ihm ihr Schlafzimmer, sie schläft auf der Couch, einem Zweisitzer. Liam-Antonio fühlt sich schlecht deshalb, die Mutter jongliert zwei Arbeitsstellen, sie arbeitet an fünf Tagen als Servicekraft im Hotel und an zweien als Verkäuferin. Liam-Antonio will ihr nicht noch zur Last fallen. „Ich will selbstständig sein“, sagt er.

Die beiden spazieren weiter in Richtung einer kleinen Siedlung, rechts und links liegen Plattenbauten wie gestrandete Containerschiffe. Sie lassen sich auf einer Parkbank nieder. Liam-Antonio lebt seit vier Jahren als Junge, sagt er; schweigt kurz, setzt seine Kapuze auf und wieder ab, zündet sich eine Zigarette an. „Früher, sagt er in den Rauch seiner Zigarette, „habe ich mich nichts getraut. Ich musste mich verstecken, meine Brüste verstecken.“ Lange wusste er nicht, was mit ihm los war, nur, dass er anders war. Die anderen Kinder mobbten ihn, jahrelang; das hat bei ihm Spuren hinterlassen.

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Auch er ist viel in den Sozialen Medien unterwegs, dort hat er sogar noch mehr Follower als Virginia. Weshalb er so beliebt ist? „Ich mach einfach mein Ding“, sagt er. Auf Instagram und Tiktok und Instagram zeigt er, wer er ist, oder wer er sein will, hautnah und intim. In den Posts geht es um Liebe, um Sehnsucht, ums Transsein. „Ich will nicht normal sein“, sagt er, „ich will, dass man mich sieht.“

Ringsum sind nicht viele Menschen unterwegs. Eine Gruppe Kinder nähert sich aus der Siedlung, sie zünden Feuerwerkskörper an, das Knallen hallt von den Fassaden zurück, dann ist wieder alles still. Liam-Antonio und Virginia sind am liebsten für sich. Wenn sie rausgehen, dann dahin hin, wo möglichst keine Menschen sind, in einen Park oder auf einen Spielplatz. „Da ist es am coolsten“, sagt Virginia. „Man hat seine Ruhe. Und es gibt so kleine Häuschen, wo man drin sitzen kann.“

Beide haben in der kommenden Woche einen Termin im Jugendamt, am Dienstag, im Abstand von einer halben Stunde. Bei Virginia ist noch offen, ob sie sie künftig in einer betreuten Einrichtung leben soll, oder in einer eigenen Wohnung mit Einzelfallhelfer. Sie selbst will letzteres, aber das Jugendamt muss zustimmen. „Ich bin seit vier Jahren dran an dem Thema“, sagt sie und klingt plötzlich sehr müde. Sie hat seit Jahren viele Emails ans Jugendamt geschrieben und um Hilfe gebeten und meist keine Antwort erhalten, sagt sie. Aber seit sie 18 ist, wurde ihr eine neue Betreuerin zugeteilt, und zum ersten Mal hat sie das Gefühl, dass sich jemand für sie einsetzt.

Die zähen Prozesse bei den Behörden sind ein Grund, weshalb Jugendliche aus dem System herausfallen. Die Jugendlichen, die ich ans Jugendamt wenden, bräuchten sofort Hilfe, aber es dauert  Monate, bis Anträge bearbeitet und bewilligt werden. Nur wer den  Kontakt zu den Behörden abbricht oder an der Bürokratie scheitert, steht ganz alleine da, und dann gibt es für sie praktisch gar keine Chance auf eine Wohnung, und damit auch nicht auf eine Zukunft.

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Ein Nachmittag im Dezember geht in den Abend über, als Virginia Cebula noch einmal auf der Fußgängerbrücke nahe der Shoppingmall steht; sie schaut ins Blau der Ferne, es dämmert, in den Wohntürmen ringsum sind da und dort Fenster erleuchtet.

Der Termin beim Jugendamt hat nicht viel Neues gebracht, sagt sie: „Wir sind nochmal ein paar Dinge durchgegangen.“ Es sieht so aus, als wird sie ihre eigene Wohnung bekommen, aber sie muss weiter abwarten, vielleicht bis Februar. Trotzdem ist sie guter Dinge. Immerhin hat sie nun das Gefühl, dass es für sie vorwärts geht.

Virginia lächelt, sie wirkt gelöst. Noch im Dezember wird sie ein Praktikum in einer vegetarischen Küche eines Jugendprojekts machen, eigentlich ist das in ihrer Maßnahme erst nach sechs Monaten vorgesehen, bei ihr soll es aber nun schon nach zweien losgehen, sagt sie: „Das habe ich mir erkämpft.“

Liam-Antonio ist jetzt schwer zu erreichen, er hat eine neue Freundin, mit der er viel Zeit verbringt. Der Termin beim Jugendamt war entspannt, sagt er, sie haben noch einmal über seine Ziele gesprochen; er wird sich nun doch als erstes um einen OP-Termin kümmern. „Dann kommt die Ausbildung“, sagt er, „oder die Wohnung.“ Inzwischen ist ihm klar geworden, dass er in seiner Preisklasse in Berlin nichts finden wird, sagt er. Aber das entmutigt ihn nicht. Er und seine Freundin überlegen nun zusammenzuziehen, sagt er. In Brandenburg.

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Autoren
Gabriela Keller

Fotograf
Markus Wächter

Video
Tom Schildberg

Konzeption
Olga Bobileva (Mitarbeit)

Datenjournalist
Felix Firme