Von Pola Kapuste

Zwischen Nazis, Kartoffeln und dem Islam

Bernhard Kerber ist Bildungsreferent bei „7x jung“, einer Ausstellung, in der sich Schulklassen interaktiv mit dem Nationalsozialismus und Diskriminierung heute auseinandersetzen. Doch der Zugang zu den Jugendlichen ist alles andere als einfach.

Zwischen Nazis, Kartoffeln und dem Islam von Pola Kapuste

„Also wir zählen bis drei und ihr müsst mit allem kommunizieren, außer mit dem Mund. Jungs, geht das da vorne?“ fragt Bernhard Kerber. Die zehnte Klasse der Herbert-Hoover-Sekundarschule aus dem Wedding steht sich in zwei Reihen gegenüber. Die Fingerspitzen berühren die vom Gegenüber. Sie sollen einen Stock, der auf ihren Händen liegt, auf den Boden bringen. Dazu müssten alle Schüler gleichmäßig in die Knie gehen – schwierig.Die Schüler sind so laut, dass man in dem Gewölbe, in dem sich die Ausstellung „7x jung“ befindet, kaum noch die darüber hinweg donnernde S-Bahn hört. Irgendwann schreit Monica Segura-Marquez: „Jetzt haltet mal die Schnauze!“ Zwei Jungs fliegen raus, dann ist der Stock endlich am Boden.

Segura-Marquez und Kerber sind Bildungsreferenten. „7x jung“ ist eine künstlerische Ausstellung, ein Trainingsplatz für Zusammenhalt und Respekt, ein Projekt des Antidiskriminierungsvereins „Gesicht zeigen!“. Das Team um den Leiter Jan Krebs wollte einen Ort gegen Antisemitismus, Rassismus und Ausgrenzung schaffen und hat die S-Bahnbögen 416 bis 422 am S-Bahnhof Bellevue gefunden.

Mit Hilfe der Kuratorin Petra Schlie sind hier unter sieben Bögen, sieben Möglichkeiten für Jugendliche entstanden, sich mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen. Vor allem Schulklassen besuchen die Ausstellung. Durch Spiele, Diskussionsrunden und Infomaterial werden die Schüler für das Thema sensibilisiert. Besonderer Fokus: Die Verbindung der Probleme von Damals mit der Gegenwart.

Die Klasse wird jetzt in zwei Gruppen aufgeteilt. Kerber geht mit seiner Hälfte, der Geschichtslehrerin Nalan Yagci und dem Sozialarbeiter Kai Schöpein in den Bogen zu ihrer Rechten.

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„Mann,  ich kann nicht zeichnen, wallah!“ Sie setzen sich im Kreis auf den Boden. Jeder bekommt ein Klemmbrett und die Aufgabe, sein Gegenüber zu zeichnen, einzuschätzen, wie alt derjenige ist, was er in seiner Freizeit macht und was sein Lieblingsessen und die liebste Sportart sind.

Kerber: „Lasst die Stifte in der Mitte liegen!“ – Der erste Stift fliegt durch den Kreis. Kerber schwitzt.

Bei den meisten Schülern wird beim Lieblingsessen auf Döner getippt, Freizeit: Zocken und Serien gucken, Sport: Fußball.

Die Schülerin Nessi hat Kerber gemalt. Sie schätzt ihn auf 52, glaubt, dass sein Lieblingsessen Nudeln sind und er gerne joggen geht.

Kerber ist eigentlich 54, Nudeln mag er, Joggen nicht.

Seit sechs Jahren arbeitet er inzwischen bei „Gesicht zeigen!“. Eine Ausbildung als Sozialarbeiter hat er nicht. „Ich bin durch meinen Zivildienst in einem Jugendhaus in diesen Bereich gerutscht.“ Eigentlich ist er ausgebildeter Designer, in der Ausstellung arbeitet er nur zwei bis drei Mal im Monat. „Ich glaube gerade weil ich aus der Gestaltung komme, macht es mir Spaß, mit den Kindern an einem Ort zu arbeiten, wo sie nicht in der Schule sind und sich auch anders verhalten.“

Die Schüler sind ausgelassen. Ein energiegeladener Haufen, in dem sich Sprüche wie „Dein Bild sieht aus wie eine Pennerin“ mit „Ich kann dein hübsches Gesicht nicht malen“ durchmischen.

Der Ton macht die MusikKerber wird ein pädagogisches Talent nachgesagt, ihm werden die besonders schwierigen Gruppen zugewiesen, er ist aber auch schon etwas älter, gibt er zu bedenken. Er werde von den Schülern deshalb schnell als Lehrer wahrgenommen. Im Vergleich mit der Geschichtslehrerin Yagci und dem Sozialarbeiter Schöpe merkt man allerdings, wie sich Kerber an Dingen stört, an die sich die beiden jungen Kollegen längst gewöhnt haben.

Kerber: „Ich halte es für wichtig zu sagen: „Nenne Sie nicht „Mädchen“, du weißt doch wie sie heißt. Da muss man drauf hinweisen, das hat mit Respekt zu tun.“„Das ist Liebe unter Jugendlichen!“, wird ihm geantwortet.

Nach dem Sitzkreis verteilen sich die Schüler auf Hockern. Diese sind mit Worten beschriftet, die die Schüler mit ihrer Familie in Verbindung bringen sollen.

Die Erste sitzt auf dem Wort „Angst“: „Meinem Vater geht es nicht gut, ich habe Angst ihn zu verlieren.“ Der Nächste auf „Hingabe“: „Keine Ahnung was das bedeutet.“ Eine weitere Schülerin sitzt auf dem Wort „Mutter“: „Mutter ist Beste was man haben kann, wallah!“

Kerber beobachtet immer wieder, dass besonders bildungsferne Jugendliche nicht von ihren Eltern ernst genommen werden. „Wenn man ihnen das Gefühl gibt, dass wichtig ist, was sie denken, kommt man weiter. Ich glaube das fehlt zu Hause oft, da müssen die einfach parieren. Bei Jugendlichen mit Migrationshintergrund kommt noch hinzu, dass sie öfter von der Polizei kontrolliert und beim Bewerben schneller aussortiert werden. Die brauchen einen viel längeren Atem.“

Einmal hatte er hier in der Ausstellung auch eine Gruppe von Berufsschülern aus Bayern. „Die saßen alle still vor mir und haben mitgeschrieben. Das war das extreme Gegenbeispiel zu den aktiven Gruppen mit hohem Migrationsanteil. Ganz subjektiv fand ich die aber viel langweiliger.“

Vertrauen und RespektHinter den Hockern kann man durch ein Fenster in die Kulisse eines verwüsteten Kinderzimmers gucken.Links und rechts von dem Fenster steht die Geschichte von Mucki Koch an der Wand. Sie erzählt, wie die Wohnung ihrer kommunistischen Familie 1933 von SA-Männern durchsucht und verwüstet wurde. Mawa liest vor, alle hören zu. Als sie mit ihrem Abschnitt fertig ist, streitet sich der Rest darum, wer weiter lesen darf.

An der Herbert-Hoover-Sekundarschule, die die Schüler besuchen, gilt Deutsch-Pflicht. Auch auf dem Schulhof dürfen die Kinder sich nur auf Deutsch unterhalten. Das müssen sie schon beim Schuleintritt unterschreiben. Für 90 Prozent der Schüler der Sekundarschule in Wedding ist Deutsch nicht die Muttersprache. Um den damit zusammenhängenden Problemen entgegenzuwirken, hat die Schule Deutsch zum Schwerpunkt erklärt. Neben der Deutsch-Pflicht gibt es Autorenlesungen, die Schüler spielen im Unterricht Theater und lesen mindestens zwei Bücher pro Schuljahr. Sie sind es gewohnt, laut vorzulesen, das merkt man.

Kerber will wissen, was die Schüler machen würden, wenn sie nach Hause kämen und ihr Zimmer so vorfinden würden. Alle rufen durcheinander. Schöpe, der Sozialarbeiter, steht auf und macht eine Ansage, plötzlich sind alle ruhig: „Selbstachtung – das ist genau das, was wir in der Schule besprochen haben. Jeder achtet jetzt mal wieder ein bisschen mehr auf sich selbst.“ Keiner sagt was.

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Mehr Tempo und kurze KonzentrationsphasenIn der Pause spricht Schöpe mit Kerber: „Also der Ansatz ist großartig, aber Sie merken, die haben große Schwierigkeiten, sich in Dinge hineinzuversetzen. Da muss man noch deutlicher werden und fragen, was hier das eigentliche Problem ist.“Schöpe und Yagci kennen ihre Kids, das spürt man. Wenn einer von ihnen etwas sagt, sind alle Schüler ruhig. Als fremder Sozialarbeiter hat man es da schwerer. Doch Kerber schlägt sich weiterhin wacker.

Das Schwierige an Kerbers Job ist, in der kurzen Zeit das Vertrauen und den Respekt der Kinder zu gewinnen. „Ich möchte eine Atmosphäre schaffen,  in der sie ehrlich sind und locker werden.“ Die Spielchen, die die Schüler oft mit ihm spielen, deutet Kerber als Unsicherheit: „Die Jungs haben in der Pause die Namensschilder vertauscht. Das sollte lustig sein, aber ich denke, das zeigt, dass sie nicht wissen, wie sie mit der Situation umgehen sollen.“

Im nächsten S-Bahnbogen hört sich die Gruppe über Kopfhörer Geschichten an. Sie erzählen Alltagssituationen, die jugendliche Juden zu Beginn der NS-Zeit durchlebten: Ausgrenzung aus dem Schwimmverein, zerbrochene Freundschaften, Schikane auf offener Straße.

Danach berichten die Schüler, was sie gehört haben. Kerber will von Linda wissen, was sie tun würde, wenn ihr Vater ihr den Umgang mit einer Freundin verbieten würde, weil sie beispielsweise Christin ist.

Linda: „Ich würde mich trotzdem treffen! Ganz ehrlich, ist doch voll gemein. Mensch ist Mensch, ob Jude, Moslem oder Christ.“

Ein Bild zeigt hunderte junge Männer und Frauen, die in Reih und Glied einen Liegestütz machen. Kerber will wissen, was passiert wäre, wenn einer schlapp gemacht hätte.

„Schelle!“

„Der hätte das Bild verkackt.“

Der Leiter der Ausstellung, Krebs, erzählt, dass die meisten Gruppen einen hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund haben. Insgesamt sei das Spektrum jedoch breit gefächert. „Wir haben circa 200 Gruppen pro Jahr, darunter viele Sekundarschulen, aber auch fünfte und sechste Klassen, Gymnasien, Berufsschulen,  Förderzentren und spezielle Angebote für Schulschwänzer.“

Für jede Klasse, die kommt, wird das Programm angepasst. Sie haben auch oft Anfragen für Workshops bezüglich des Nahostkonflikts. Ein spezielles Programm haben sie für dieses Thema jedoch nicht, erzählt Kerbers Kollegin Segura-Marquez. Wenn das Thema aufkommt, gehen sie aber darauf ein. „Hinter dem Thema stecken oft tiefe Emotionen, teilweise persönliche Erfahrungen. Manche Kinder haben beispielweise ein Familienmitglied in diesem Zusammenhang verloren. Da muss man jedes Mal neu sehen: Können wir an das Thema rangehen, oder flippen die total aus?“, sagt Segura-Marquez.

Kerber: „Man kann schwer einschätzen, ob das, was man behandelt, ankommt. Ich bilde mir aber ein, dass etwas hängen bleibt und ein Mitgefühl entsteht.“

Segura-Marquez ist der Ansicht, dass es für sie generell leichter sei, einen Zugang zu den Kindern zu bekommen, da sie selbst einen Migrationshintergrund habe.

Kerber: „Ja klar, da bin ich der Bio-Deutsche, die Kartoffel.“

Manchmal spielt er auch mit diesem Stigma: „Am Montag habe ich mir ein T-Shirt angezogen, auf dem eine Kartoffel war. Irgendwie kommt man immer an sie ran.“

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Schlussredaktion
Maike Schultz